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Thomas Blanke

Krieg in den zivilen Nervenzentren

Der 11. September als Zeitenwende? - Blick in sozialwissenschaftliche Zeitschriften

Nicht die Jahrtausendwende war das Symbol, sondern erst der 11. September. Er hat das Zeichen für die Zeitenwende gesetzt. Die sozialwissenschaftlichen Zeitschriften, sonst eher betulich, haben das neue Thema begierig aufgegriffen.

Die Terroranschläge auf die Zentren der militärischen und ökonomischen Macht der USA sind, so Wolfgang Kraushaar im Dezemberheft der Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung (Mittelweg 36, 6/2001), nicht die Fortsetzung der Anti-Globalisierungsbewegung von Seattle bis Genua mit anderen Mitteln. Diese Feststellung ist nicht so trivial, wie sie scheint. Zur grassierenden Schwindsucht des politischen Unterscheidungsvermögens tragen Kraushaars Analyse zufolge auch die Grenzen bei, an die die Anti-Globalisierungsbewegung gestoßen sei: Sie habe sich in ihrem "gespensterartigen", adressatenlosen Kampf gegen das Abstraktum der Globalisierung zunehmend einer antikapitalistischen Rhetorik ohne politisch perspektivreicher Alternative bedient und sich um der Aufmerksamkeit der Massenmedien willen in die Falle der Militanz begeben. Dadurch sei die Anti-Globalisierungsbewegung in Gefahr, zu einem Entwicklungsprogramm jener Teile der Linken zu werden, die über Jahre in der Bedeutungslosigkeit verschwunden waren und historisch längst "abgestraft" seien.

Ein Teil der sozialwissenschaftlichen Literatur sieht das anders. Darin wird die Reaktion der USA auf die Anschläge vom 11. September in New York und Washington in der Kontinuität der Kapitalismuskritik der siebziger Jahre gedeutet, wenn nicht gar die Angriffe selbst in der Tradition des antikapitalistischen Widerstands gegen ökonomische Ausbeutung und imperialistische Unterdrückung interpretiert werden. Dem Editorial von Heft 41 der Zeitschrift Widerspruch gilt es als ausgemacht, dass die seit dem zweiten Golfkrieg vom Pentagon verfolgten Strategien der ,Exterritorialisierung des Krieges' ohne Rücksicht auf menschliches Leid und Elend darauf zielen, im ,nationalen Interesse' die Kontrolle über Öl- und Gasvorkommen in Zentralasien zu gewinnen. Die US-Regierung und andere Regierungen auf der Welt werden, so sekundiert im gleichen Heft der Einleitungstext der Inderin Arundhati Roy, die Kriegsatmosphäre als Vorwand nutzen, um Bürgerrechte einzuschränken, die Meinungsfreiheit zu beschneiden, Arbeiter zu entlassen, ethnische und religiöse Minderheiten zu schikanieren, Haushaltseinsparungen vorzunehmen und das Geld in die Militärindustrie zu stecken. Das gleiche Interpretationsmuster prägt auch die Analysen des 11. September und seiner Folgen von Wolf Dieter Narr und Joachim Hirsch (Prokla, 125).

Die Devise "Im Westen nichts Neues" teilen indes nicht alle. Christopher Daase (Mittelweg 36, 6/2001) untersucht den sich schon seit den frühen neunziger Jahren abzeichnenden Wandel in der amerikanischen Terrorismusbekämpfung, der durch den demonstrativen Übergang von "Verbrechensbekämpfung" zum "Krieg" gekennzeichnet sei. Ihm zufolge zielte die Etikettierung von Terroristen als "Verbrecher" darauf, innerstaatliche (politische und rechtliche) Grenzen der Terrorismusbekämpfung außer Kraft zu setzen. Durch ihre Bezeichnung als "Kriegspartei" werde das parallele außenpolitische Ziel verfolgt, die Regeln der internationalen Politik und die Normen des internationalen Rechts zu unterlaufen. Mittels der Verbindung der Begriffe "Terrorismus" und "Krieg" sei es den USA binnen weniger Tage nach den Anschlägen gelungen, das gesamte institutionelle Instrumentarium zu mobilisieren, das für den Fall eines konventionellen Angriffs durch einen feindlichen Staat entwickelt worden sei: die Legitimierung des Einsatzes militärischer Gewalt durch den UNO-Sicherheitsrat und den amerikanischen Kongress, das Beistandsversprechen der NATO-Verbündeten und die Mobilisierung der Gesellschaft durch die Einberufung von Reservisten. Rein militärisch sei ein Krieg gegen Terroristen allerdings nicht zu gewinnen, zumal sie schon durch die Bezeichnung als Kriegsgegner eine politische Aufwertung erführen.

Herfried Münkler zufolge befinden wir und nicht nur rhetorisch, sondern wirklich im Krieg (Politische Vierteljahresschrift, 4/2001). Der Trend zur Entstaatlichung, zur Privatisierung und Kommerzialisierung des Krieges halte schon länger an. Nur etwa zehn Prozent aller weltweit geführten Kriege seien heute noch Staatenkriege im klassischen Sinne. Die Wahl terroristischer Mittel auf Seiten der Angreifer ist Münkler zufolge Ausdruck einer Re-Barbarisierung der Kampfweise. Aus dem Verborgenen angreifend, heimtückisch und grausam und unter Verletzung sämtlicher kriegs- und völkerrechtlicher Regeln verlagere der Terrorismus den Kampf ohne Ankündigung und Kriegserklärung vom Schlachtfeld in die zivilen Nervenzentren des zum Feind Erklärten. Wie jeder Krieg ziele auch der Terrorismus auf das gewaltsame Brechen des Willens, der Moral des Feindes. Entscheidend für den Ausgang des Krieges sei die Austrocknung und Verstopfung der Quellen, aus denen der Terrorismus sich logistisch speise: Effektiver als Luftangriffe auf Gebiete, in denen es kaum noch Ziele gebe, sei die Herstellung eines Mindestmaßes an Staatlichkeit im globalen Rahmen - um sicherzustellen, dass die Staaten und nur sie die Herren des Krieges sind.

Ein Schlüssel zum Verständnis der in ihrer monströsen Qualität einzigartigen Angriffe vom 11. September und zur Analyse der Angemessenheit der Reaktionen auf sie ist nach Claus Offe die Motivation der Täter (Blätter für deutsche und internationale Politik, 12/2001). Ihr emotionaler Antrieb sei nicht Wut oder Empörung über bestimmte Handlungen der politischen und wirtschaftlichen Eliten der USA, sondern Hass auf das "So-Sein" des erwählten Feindes - eine Emotion, die auf die Vernichtung der Existenz ziele, keiner Relativierung durch Abwägung zugänglich sei und weder zweckrational gesteuert noch durch Gegenstrategien beeinflusst werden könne. Die Gleichzeitigkeit von Massenmord und kollektiver instrumenteller Selbstvernichtung im Dienste eines vorgefertigten Plans bezeichne eine Gefährdungslage, der mit den Mustern traditioneller polizeilicher und militärischer Sicherheitspolitik nicht beizukommen sei. Die Reaktion der amerikanischen Politik, einen "metaphorischen Krieg" gegen den Terrorismus auszurufen, ist deshalb Offe zufolge eine trübe Mischung aus innenpolitisch unvermeidlicher Symbolik und praktischer Hilflosigkeit mit der Tendenz zur Eskalation und moralischen Selbstdestruktion. Statt die Illusion zu nähren, man könne Hass dadurch bekämpfen, dass man seine Protagonisten das Fürchten lehrt, käme es darauf an, durch zivile und zivilisierende Strategien und Maßnahmen seine Entstehungskontexte aufzuheben.

Bis zur Schaffung einer zivilen Weltgesellschaft ist es noch ein weiter Weg. Welche Schritte im Rahmen von Nationalstaaten zur Zivilisierung der Gesellschaft zurückgelegt werden müssen, hat unlängst Helmut Dubiel dargelegt (Soziale Welt, 2/2001). Deren erste Etappe ist ihm zufolge die - notwendig gewaltsame - Eindämmung und Kontrolle der physischen Gewaltausübung und des Tötens sowie die Errichtung eines legitimen Gewaltmonopols. Auf internationaler Ebene ist noch nicht einmal diese Stufe erreicht. Ob der 11. September den Eintritt in die erste Phase der Zivilisierung der Weltgesellschaft oder den Beginn des Rückfalls halbwegs ziviler Gesellschaften in die Barbarei markiert, ist ungewiss. In den Sozialwissenschaften überwiegt die skeptische Lesart.

Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 12/2001 (Blätter Verlag, PF 2831, 53018 Bonn).

Mittelweg 36, Heft 6/2001 (Hamburger Edition HIS Verlagsges., PF 360520, 10975 Berlin).

Politische Vierteljahresschrift, Heft 4/2001 (Westdeutscher Verlag, PF 1546, 65173 Wiesbaden).

Prokla, 125, 2001 (Verlag Westfälisches Dampfboot, Dorotheenstr. 261, 48145 Münster).

Soziale Welt, Heft 2/2001 (Nomos Verlag, PF 100 310, 76484 Baden-Baden).

Widerspruch, 41, 2001 (Quellenstr. 25, PF, CH-8026 Zürich).

 

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Copyright © Frankfurter Rundschau 2002
Dokument erstellt am 28.01.2002 um 21:14:38 Uhr
Erscheinungsdatum 29.01.2002

 

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