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Schneeglöckchen heimlich in Lugano

Ein zynisches Szenario, entworfen von der Globalisierungskritikerin Susan George

Von Ruth Jung

Eigentlich müsste man die Leser vor der Lektüre dieses Buches auf mögliche Unverträglichkeiten und Risiken hinweisen. Denn was Susan George ihrem Publikum hier verordnet, ist mehr als bittere Medizin: eine Rosskur. In nüchtern-technischer Sprache, die stellenweise an den Stil pharmazeutischer Beipackzettel denken lässt, entwirft die Autorin mit diesem fiktiven Report eine Utopie ex negativo, die ihre Leser das Gruseln lehren soll. Der Lugano-Report oder Ist der Kapitalismus noch zu retten?, heißt das kürzlich auf deutsch erschienene Buch. Darin treten einige auserwählte und hoch bezahlte wissenschaftliche Experten unter blumigem Pseudonym - sie nennen sich Narzisse, Schneeglöckchen oder Fingerkraut - in geheimen Treffen in Lugano auf den Plan, um im Auftrag der Herren der Welt, mächtiger Konzernlenker und Politiker, Vorschläge zur Rettung des Kapitalismus im 21. Jahrhundert zu erarbeiten. Denn trotz aller Siegesmeldungen: der Kapitalismus ist bedroht. "Bedeutet der Erfolg dieser globalen Erfindung, dass in der Zukunft der globale Unglücksfall lauert, von dem sich das System und die Weltwirtschaft möglicherweise nicht wieder erholen werden?", lautet die besorgte Ausgangsfrage der fiktiven Expertenrunde.

Dass kapitalistische Ökonomie keinem anderen Gesetz als dem der Profitmaximierung, eingekleidet in das Konkurrenzprinzip, gehorcht, das führt Susan George vergesslichen Lesern des 21. Jahrhunderts mit dieser Fiktion - die doch keine ist - vor Augen. Expertengruppe und Report sind Fiktion, die entwickelten Szenerien jedoch folgen der Gesetzlichkeit einer neoliberal globalisierten Weltordnung, in der der Manchester-Kapitalismus seine Auferstehung feiert. Der Lugano-Report, so die Autorin, basiere auf umfangreichem Faktenmaterial, er stelle eine akkurate, nüchterne und sachliche Einschätzung dar: "Unser gegenwärtiges System ist eine universelle Maschinerie zur Umweltzerstörung und Produktion von Verlierern, mit denen niemand etwas anzufangen weiß." Aus welchen Quellen die Zahlenangaben und Informationen stammen, erfährt man im schmalen Anmerkungsapparat gerade soweit, dass klar wird: Hier wurde solide recherchiert.

Häufig wird die Autorin als Finanzexpertin bezeichnet, das ist die 65jährige Amerikanerin mit französischem Pass aber nicht. Sie ist promovierte Philosophin und war als kritische Beobachterin im Bereich Entwicklungshilfe und Ökologiebewegung tätig. Susan George ist eine bekannte Globalisierungskritikerin, gewissermaßen die Grande Dame von Attac, dem 1998 in Frankreich gegründeten Bündnis von Globalisierungskritikern, deren Vizepräsidentin sie ist. Ihre Abschlussrede beim ersten deutschen Attac-Kongress Ende Oktober in Berlin fand begeisterte Zustimmung. Sie versteht es, die Zuhörer zu überzeugen und aufzurütteln mit ihrem entschiedenen Nein gegen den "Konsens ohne Zustimmung", wie Noam Chomsky das verordnete neoliberale Einheitsdenken in seiner Streitschrift Profit Over People nannte. Ob sie die Leser mit dieser Fiktion aufrütteln wird, bleibt fraglich.

George denkt sich in die Perspektive der Mächtigen und beschreibt, wohin die Ablösung des Gesellschaftsvertrages durch das Gesetz des Marktes geführt hat und in letzter Konsequenz führen wird: Nur wenige können gewinnen, aber viele werden verlieren. Sie bilanziert in der Beschreibung der Phänomene und der Gesetzlichkeit des Kapitalismus aus der Sicht derjenigen, die von den bestehenden Regelungen am meisten profitieren. Und dieses Verfahren, aus der Sicht der Mächtigen zu argumentieren und deren subtilen Zynismus bloßzulegen, ist das Raffinierte und Irritierende an diesem Buch.

Sie habe keine Satire verfassen wollen, sagt George, doch vielleicht fasst sie Satire zu eng? Ist doch "Satire nicht negativ, sondern die Darstellung des Negativen, und zwar so, dass es selbst seine Negation postuliert. Satire ist Utopie ex negativo", bringt es ein Aphorismus auf den Punkt. Und will sie nicht genau das: den Lesern sachkundig das Negative vor Augen führen und sie zur Negation dieser begriffenen Negativität herausfordern?

Im immer wahrscheinlicher werdenden ökologischen Zusammenbruch sehen Georges fiktive Experten die höchste Gefahr: "Öko-Konflikte" werden die Welt überziehen. Und Schuld daran trage auch die Ignoranz der Konzernherren, ihre Weigerung, die gegebene Biosphäre als begrenzt zu akzeptieren. Das untergrabe den Erfolg des ökonomischen Liberalismus: "Die Wirtschaft ist Bestandteil der endlichen physikalischen Welt, nicht umgekehrt."

Ökonomisch kurzsichtig handelt, wer dies nicht einkalkuliert. Der Wald zum Beispiel werde immer nur auf der Habenseite der Bilanz verbucht: als Holzlieferant. Doch als "Dienstleister" werde er nicht gepflegt, dabei erbringe er enorme "Dienstleistungen", wie die Fähigkeit, CO 2 zu absorbieren und den Boden zu stabilisieren. "Zu sagen, Wachstum bedrohe die freie Marktwirtschaft, klingt verrückt oder ketzerisch. Jeder weiß, dass Wachstum der Motor unserer Wirtschaft ist. (. . .) Doch statt Wachstum um seiner selbst willen zu begrüßen, sollten wir seine Gesamtkosten berechnen, und zwar inklusive der ökologischen und sozialen Kosten, die derzeit von jenen externalisiert werden, die finanziell von schädlichem Wirtschaftswachstum profitieren", lässt George ihre Experten sagen.

Die zweitschlimmste drohende Gefahr, soziale Konflikte und in der Folge Extremismus und Terrorismus, werde in einen Dauerkonflikt zwischen "Insidern" und "Outsidern" münden; diese Annahme schließlich führt die Experten zur "dringlichsten Grundfrage": Wie sind die vielen "überflüssigen Outsider", die "kostenlos" die "Dienstleistungen" der begrenzten Natur in Anspruch nehmen, zurückzudrängen? Die im zweiten Teil des Buches detailliert entworfenen "Lösungsstrategien" schließlich steigern sich in einer schwer erträglichen Mischung aus kühl kalkulierendem Geschäftssinn und zynischem Sozialdarwinismus in eine Biopolitik des Stärkeren. Die Wirklichkeit hat Georges Schreckensvision längst einholt: Fast eine Milliarde Menschen dieser Welt sind unterernährt.

An der Technik fehlt es heute nicht mehr im Kampf gegen die Unterernährung. Auch das dramatische Zurückschrauben westlicher Entwicklungshilfe könnte man demnach als gewollte, wenn auch verschleierte Form der Ausgrenzung jener sehen, die kein Recht haben, am Reichtum zu partizipieren. "Bevölkerungsstrategien", argumentativ abgefedert durch Verweise auf historische Bevölkerungspolitiken von Platon bis Malthus, sind das zentrale Anliegen von Georges Experten, eine rigorose präventive Drosselung der Geburtenrate und kurative Maßnahmen wie die drastische "Erhöhung der Sterberate" durch subtile "Hunger- und Seuchenpolitik" ihre "Lösungsstrategien".

Als Voraussetzung eines langfristigen Sieges des Neoliberalismus mahnen die Experten ein konsequentes Zusammenarbeiten der Mächtigen an, die mit der Welthandelsorganisation bereits eine starke Institution für eine Weltregierung ganz neuen Typs geschaffen hätten. Doch was eine Stärke des Buches hätte sein können, gerät an zu vielen Stellen wegen der ausgeprägten Lust der Verfasserin, sich akribisch ins Detail der vorgestellten, einer menschenverachtenden Logik folgenden Maßnahmen, zu verlieren, und dies durchweg im Stil unterkühlt formalisierender Betrachtung, für den Leser zur Tortur.

Doch Susan George zielt nicht auf moralische Entrüstung. Auch im Schlusskapitel, wo sie ihre pädagogische Absicht begründet und "Heilmittel" gegen das Einheitsdenken im Dienste eines inhumanen Neoliberalismus vorschlägt, ist ein pragmatischer Ton vorherrschend: "Wie an die Gegenmacht herankommen? Wie eine internationale Demokratie herstellen?" - auf diese zentrale Frage allerdings bleibt sie die Antwort vorerst schuldig.

Susan George: Der Lugano-Report, oder Ist der Kapitalismus noch zu retten? Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff. Rowohlt Verlag, Reinbek 2001, 283 Seiten, 39,90 DM.

Alle Rezensionen zu Sachbüchern und politischen Büchern finden Sie in unserem FR-Spezial Das politische Buch

 

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Copyright © Frankfurter Rundschau 2001
Dokument erstellt am 02.12.2001 um 21:08:34 Uhr
Erscheinungsdatum 03.12.2001

 

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