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Die anti-soziale Politik der sozialdemokratischen Regierungen

Plädoyer für eine europäische soziale Bewegung / Der Soziologe Pierre Bourdieu über Auswege aus der Globalisierungssackgasse und die Rückkehr zu Politik

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu gehörte zu den großen Globalisierungskritikern. Einer seiner letzten Texte entstand auf der Basis eines Treffens von Gewerkschaften und sozialen Bewegungen im Mai 2001 in Athen. In dieser Schrift plädiert der am 23. Januar 2002 gestorbene Wissenschaftler für den Aufbau einer geeinten europäischen sozialen Bewegung. Wir dokumentieren den Text aus Heft 1/2002 des Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, Lucius & Lucius Verlagsgesellschaft, Stuttgart, in einer gekürzten Fassung.

Die Entwicklungen, die ich 1995 vorausgesagt habe - die Machtergreifung der multinationalen Unternehmen und Institutionen und die damit verbundene Entmachtung der nationalen Regierungen, der Machtverlust der Gewerkschaften und die Herrschaft der Aktionäre - nehmen heute Gestalt an. Deshalb ist es höchste Zeit, die ersten Zeichen der Krise zu deuten, und die Medien und die Opfer aus dem Schlaf, in den sie diese Krise anfangs versetzt hat, aufzuwecken.

Die verschiedenen betroffenen Gruppen müssen sich sammeln, um die soziale Bewegung in Kraft zu setzen und Widerstand zu leisten. Dies ist keine verrückte Utopie, sondern ein realistisches Projekt, für das man sich einsetzen kann, ja muss.

Um den Problemen dieser Zeit adäquat begegnen zu können, müssen verschiedene Formen der Selbst-Organisation progressiver, kritischer Kräfte entwickelt werden. Deshalb müssen wir uns auch internationalisieren. Raisons d'agir versucht, Formen des Austauschs zwischen Wissenschaftlern, sozialen Bewegungen und Gewerkschaftern auf internationaler Ebene herzustellen.

Eine europäische soziale Bewegung hat meiner Meinung nur eine Chance effektiv zu sein, wenn sie drei Bestandteile vereint: die Gewerkschaften, die sozialen Bewegungen und die Wissenschaft. Diese drei Bestandteile muss sie wirklich integrieren und nicht einfach nur einander gegenüberstellen.

Die organisatorische Logik vieler Konferenzen und Gespräche hat uns gezwungen, sukzessive Sitzungen abzuhalten mit Gewerkschaften, sozialen Bewegungen und mit Intellektuellen. Dies impliziert, dass die Spaltung als Faktizität hingenommen wird. Es ist aber wichtig, dass die Menschen zusammenarbeiten und diskutieren. (. . .)

Die sozialen Bewegungen haben die politischen Ziele aufgegriffen, die die Gewerkschaften und Parteien verlassen, vergessen oder verdrängt haben. Gleichzeitig arbeiten soziale Bewegungen mit Mitteln, die die Gewerkschaften schrittweise verlassen, vergessen oder verdrängt haben, insbesondere mit Mitteln individueller Aktionsformen. Vielleicht wird es nicht bemerkt, aber die Aktionen der sozialen Bewegungen erobern die verloren geglaubte symbolische Wirksamkeit der früheren gewerkschaftlichen Bewegung zurück, und diese Wirksamkeit hängt - nicht nur, aber auch - vom Engagement derer ab, die demonstrieren und individuelles Engagement zeigen, das gleichzeitig kollektives Engagement ist. Hierfür muss man Risiken eingehen.

Es geht nicht darum, eingehakt zu marschieren, wie es die traditionellen Gewerkschafter am 1. Mai getan haben. Man muss Aktionen starten, die gleichermaßen Fantasie und Mut erfordern, und hierbei spielen die sozialen Bewegungen eine zentrale Rolle, denn sie haben es geschafft, originelle, wendige und schlagkräftige Organisations- und Aktionsformen wieder auf den Plan zu bringen.

Eine Zusammenarbeit mit Gewerkschaften - aber auch mit anderen gesellschaftlichen Gruppen - kann nur unter der Bedingung effektiv sein, dass sich die verschiedenen Perspektiven gegenseitig wahrnehmen, und dass sie gleichzeitig willens und in der Lage sind, sich selbst, ihre eigenen Strukturen, Ziele und Handlungen einer kritischen Reflexion zu unterziehen. So kann man die Grenzen überwinden, die die effektive Kooperation zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren so schwer machen. Die Hindernisse bestehen auf mehreren Ebenen: Es gibt sprachliche Hindernisse, die bei der Kommunikation eine große Rolle spielen. Hinzu kommen soziale Hindernisse, die mit Gewohnheiten, Denkweisen und auch mit sozialen und gewerkschaftlichen Strukturen verbunden sind.

Die tatsächlichen inhaltlichen Diskrepanzen sind aber im Grunde minimal. Wenn man berücksichtigt, dass die globale Widerstandsbewegung gegen die neoliberale Politik ohnehin sehr schwach ist und durch diese internen Fragmentierungen noch weiter geschwächt wird, gleicht sie einem Motor, der 80 Prozent seiner Energie in Wärme verwandelt - durch Spannungen, Spaltungen, Konflikte, Debatten - und der eigentlich sehr viel weiter laufen könnte.

1.

Handlungsmöglichkeiten für

Gewerkschaften

Wir brauchen eine europaweite und vereinte soziale Bewegung, und diese Bewegung muss autonom sein. Allerdings ist es hierbei wichtig, zu differenzieren. Meiner Ansicht nach sind die verschiedenen Ebenen der Abhängigkeit momentan keineswegs gleichrangig. Die nationalen Regierungen, insbesondere die Sozialdemokraten, stellen eine größere Bedrohung dar als die europäischen Institutionen. Deshalb hat die Autonomie gegenüber diesen Regierungen für mich vorrangigen Stellenwert.

Eine vereinte soziale Bewegung muss in der Lage sein, die Gewerkschaften und die zahlreichen sozialen Bewegungen zu sammeln. Dies ist in Gewerkschaftskreisen noch lange nicht selbstverständlich. Auch haben sich die sozialen Bewegungen infolge der zahlreichen Schläge durch neoliberale Politikprogramme stark ausdifferenziert und multipliziert. Es ist also ein Imperativ, diese verschiedenen sozialen Bewegungen zu verbinden, nicht nur, weil man gemeinsam stärker ist, sondern weil dies als der einzige Weg erscheint, die gewerkschaftliche Bewegung von innen heraus zu erneuern.

Die sozialen Bewegungen verdanken ihren "Aufschwung" einem politischen Vakuum, das die gewerkschaftliche Bewegung hinterlassen hat, als sie sich von der politischen Bühne verabschiedete. Und deshalb gehen Kritik an der gewerkschaftlichen Bewegung und Erneuerung gesellschaftlicher Allianzen Hand in Hand.

Eine Möglichkeit der Erneuerung besteht darin, die Routine der Mitbestimmung zu verändern, mit der Routine des Tripartismus zwischen Arbeitgebern, Regierung und Gewerkschaften zu brechen und neue Partner der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen wie z. B. die Arbeitslosenbewegung mit einzubeziehen. Denn diese Gruppen bringen nicht nur neue Ziele und Visionen mit ein sowie verborgene, vergessene oder verdrängte Ziele, sondern auch neue, originelle Aktionsformen, die die altbekannten Handlungsstrategien reformieren und verbessern können.

Eine weitere Handlungsmöglichkeit für die Gewerkschaften ist die Rückkehr zur Politik. Wenn die gewerkschaftliche Bewegung ein bisschen mehr Politik machen würde - wenn sie sich sowohl auf ideologischer als auch auf praktischer Ebene daran beteiligen würde, Lösungen und Alternativen zu akuten, mit der Politik der Globalisierung verbundenen, gesellschaftlichen Problemen zu finden, wäre ihnen eine stärkere gesellschaftliche Position gesichert. Ich sage bewusst nicht "Globalisierung" - denn meiner Meinung nach sollte man diese Entwicklung "Politik der Globalisierung" nennen, um daran zu erinnern, dass diese Globalisierung, die auf gesellschaftsimmanenten Stimmungen aufbaut, gleichermaßen das Produkt einer Politik ist, die diese Stimmungen verstärkt und ausnutzt, weil sie bestimmten Interessen entgegenkommen.

Aktionen und Überlegungen dieser Art sind gerade jetzt besonders wichtig, denn wir sind mit Regierungen konfrontiert, die sich selbst "sozialistisch" nennen, deren Politik aber tatsächlich anti-sozial ist. (. . .)

Es geht um die Rückkehr zu einer Politik, die noch vollkommen im Aufbau ist. Meiner Ansicht nach betreiben die Sozialdemokraten momentan eine Politik, die die Menschen und insbesondere Jugendliche dazu bringt, sich von der Sphäre der Politik abzuwenden. Man könnte zum Beispiel hier ansetzen und versuchen, Jugendliche dazu zu bringen, sich der Politik wieder zuzuwenden. Wenn man dieses Ziel wirklich ernst nimmt, bedeutet dies, dass man die Sprechweise der Politik verändern und mit der Phrasendrescherei aufhören muss. Es geht nicht nur darum, den Inhalt und das Ziel der Forderungen zu verändern. Auch die Art, darüber zu sprechen, muss sich den neuen gesellschaftlichen Entwicklungen anpassen.

Eine sehr wichtige gesellschaftliche Entwicklung wird oft unterschätzt: die allgemeine Erhöhung des Ausbildungsniveaus in Europa. Während es einst vielleicht ausreichte, inhaltsleere Schlagworte wie "Gemeinschaft" in den Raum zu werfen und ein Netz aus rhetorischen Floskeln als politisches Programm zu verkaufen, muss man heute Gründe liefern, Erklärungen, Argumente. Es genügt nicht mehr, den Gegner einfach zu beleidigen oder ähnlich simpel gestrickte Verhaltensmuster anzuwenden, sondern man muss wirkliche Alternativen bieten.

Die Sprechweise ist sehr wichtig, denn die gesellschaftlichen und insbesondere arbeitsweltlichen Veränderungen werden bisher nicht von der Alltagssprache reflektiert. Wir sind nicht mehr in der Lage, die Realität in adäquate Worte zu fassen, und diese Diskrepanz schlägt sich in der individuellen Lebenserfahrung nieder. (. . .)

Diese Rhetorik und der damit verbundene Wertekatalog sind schrittweise auch in die untersten Schichten vorgedrungen, nicht jedoch die hierfür erforderlichen kulturellen Ressourcen. Resultat ist doppeltes Leiden: Das Leiden an der materiellen Situation wird verstärkt durch das Gefühl, diese selbst verschuldet zu haben. Anders gesagt: Diese Rhetorik transportiert Formen symbolischer Gewalt und Herrschaft. All dies trifft vor allem die Menschen, die nicht nur vom ökonomischen, sondern auch vom kulturellen Kapital weitgehend ausgeschlossen sind. Und auch hier müssen die Gewerkschaften tätig werden. (. . .)

Bleibt noch das Problem der Internationalisierung. Dieses Unterfangen bringt zahlreiche Probleme mit sich und ich denke, man muss vorsichtig sein, wenn man sich der Dynamik einer solchen Internationalisierung ausliefert. Ich fürchte, eine zu schnelle Verbindung auf globaler Ebene wird zwangsläufig nur sehr geringe Veränderungen in den nationalen Kontexten zur Folge haben. Schon auf inner-europäischer Ebene trifft man auf unzählige Probleme: keine gemeinsame Sprache, keine gemeinsame Plattform etc.

Laut Pressemeldungen soll Tony Blair, angesichts des Vorhabens der sozialistischen Regierungen, eine Europäische Charta gesetzlich zu verankern, sehr beunruhigt sein. Er hat vor, sich ihr entgegenzustellen, da seiner Ansicht nach die hier verankerten Verpflichtungen zu weit gehen. Ich hingegen bin beunruhigt, weil die in der europäischen Charta formulierten Verpflichtungen noch nicht weit genug gehen. Bevor diese kümmerliche Charta in Gesetze gefasst wird, die eine Rückbildung der sozialen Errungenschaften der meisten europäischen Länder bedeuten würden, muss man sie verbessern. Man muss Formen grenzüberschreitender Solidarisierung der europäischen Arbeitnehmer zu Stande bringen, um dieser sozialen Charta einen Inhalt zu geben. Da die nationalen Traditionen stark divergieren, ist es nicht leicht, gemeinsame Plattformen zu finden, die realistisch sind. Wenn man sich auf europäischer Ebene nicht mit Worten begnügen möchte, sondern wirkliche Dinge bewegen will, ist dies viel Arbeit, schwere Arbeit.

Natürlich gibt es auch Aktionen, bei denen es sinnvoll ist, sofort im internationalen Rahmen zu agieren - wie sich bei den Demonstrationen in Seattle gezeigt hat. Aber für wirklich effektive gesellschaftliche Veränderungen muss man in Etappen vorgehen. (. . .)

Es gibt bereits den Europäischen Gewerkschaftsbund (EGB), von dem manche behaupten, dass er doch eigentlich schon eine europäische soziale Bewegung darstelle. Aber ich denke, dass der EGB, trotz einiger positiver Merkmale, hauptsächlich als Lobby fungiert, die im Sinne Brüssels arbeitet. Ich will nicht sagen, dass er überhaupt keinen Zweck erfüllt. Hier werden Dinge bewegt. Aber er nimmt meiner Ansicht nach nicht den Platz einer autonomen, integrierten, sozialen Bewegung ein, die Gewerkschaften, Wissenschaftler und soziale Bewegungen umfasst.

Mir scheint, es gibt einen Konsens - zumindest auf verbaler Ebene - über die Notwendigkeit einer europäischen sozialen Bewegung. Aber offensichtlich bestehen Divergenzen, wenn man versucht, diesem gemeinsamen Programm einen Inhalt zu geben. Solche Unterschiede und Differenzen treten bei jedem Konsens auf - und fast immer basiert ein Großteil auf Missverständnissen zwischen Menschen, die verschiedene Interessen, unterschiedliche Ausbildungen etc. haben.

Die Diskussion über die Bedeutung des EGB ist für die gesamte Diskussion sehr wichtig, weil sie eine Art Vorbedingung für unser Projekt ist.

Denn, wenn die soziale Bewegung schon in der Form des EGB existiert, warum soll man sich damit abmühen, eine neue zu schaffen? Dies würde Gräben hervorrufen. Aber ich bin der Ansicht, dass die europäische soziale Bewegung nicht wirklich existiert - sie muss noch geschaffen werden.

Mir scheint, ein weiterer Konsens besteht hinsichtlich der Notwendigkeit, die Gewerkschaften und ihre Praxis einer Kritik zu unterziehen, einer Kritik, die noch fruchtbarer wäre, käme sie aus den Gewerkschaften selbst. (. . .) Unsere Idee besteht darin, Situationen zu erfinden, in denen Gewerkschafter mit denen zusammentreffen, die gegen allen Widerstand Kritik ausüben, eine Kritik für die Gewerkschaften, nicht gegen sie.

Werden sich die Differenzen auf europäischer Ebene vervielfachen oder werden sie abnehmen? Meine Hypothese ist, dass nur ein Teil der Differenzen sich aus der Existenz korporativer Interessen innerhalb der nationalen Gewerkschaften ergibt. Jeder soziale Akteur, und dies ist wieder ein soziales Gesetz, schuldet einen Teil seiner Handlungen - seiner Disposition - den Prägungen durch Familie und durch soziale Erfahrungen, und einen zweiten Teil der Position, die er innerhalb der Gesellschaft auf Grund seiner Funktion innerhalb einer Institution einnimmt. Man kann nicht einer großen Gewerkschaft angehören, man kann nicht ihr Präsident, Generalsekretär etc. sein, ohne dass dies einen Einfluss auf persönliche Gedanken, Werte und Interessen hat.

Werden sich diese Beschränkungen, dieser Druck, der aus nationalen und korporativen Interessen resultiert, werden die Denk- und Handlungsbarrieren, die sich aus dem ergeben, was ich gewerkschaftlichen Zentralismus nenne, auf europäischer Ebene verstärken oder abnehmen?

Meine Hypothese ist optimistisch. Wenn es weitere öffentliche Diskussionen dieser Art gäbe, könnte man, denke ich, vorankommen und die soziale, gesellschaftliche Struktur vieler der scheinbar inhaltlichen Oppositionen würde erkennbar werden. Würde aber der sofortige Übergang auf die internationale Ebene nicht alles zerstören, was wir mit dem nationalen, sozialen Kompromiss erkämpft haben?

Meiner Ansicht nach ist sowohl ein Sinneswandel in Bezug auf unsere Auffassung von Autonomie notwendig, als auch ein Wandel der Institutionen. Eigentlich besteht die wahre Autonomie der Gewerkschaften in der Verstärkung ihrer theoretischen Autarkie. Autonomie heißt, sich seine eigenen Gesetz zu schaffen. Autarkie bedeutet, sich selbst zu versorgen, selbst seine Denkinstrumente und Ausdrucksmittel zu produzieren. Ich denke, man muss zu einer symbolischen Autarkie gelangen, die Gewerkschaften müssen ihren eigenen Diskurs produzieren.

2.

Der kollektive Intellektuelle

(. . .) Dabei ist es meiner Ansicht nach wichtig, zu erkennen, dass die Politik der Globalisierung zu einem großen Teil im Verborgenen entwickelt und auch ausgeführt wird. (. . .) Diese Politik wird schon jetzt von Wissenschaftlern unterstützt - ja, sie ist zu einem Teil das ureigene Werk von Wissenschaftlern. Und angesichts dieser Entwicklungen stellt sich mir eine Frage: Wenn es wahr ist, dass dieser Planet - wir sprechen schließlich von Globalisierung - von großem Unheil bedroht ist, dürfen die, die dieses Unheil kommen sehen, ihr Wissen zurückhalten? Haben sie nicht die Pflicht, aus ihrem Elfenbeinturm herauszukommen und ihr Wissen und ihre Kompetenz nach außen zu tragen? (. . .)

Wenn ich die Einmischung von Wissenschaftlern in gesellschaftliche Auseinandersetzungen - in das Projekt der sozialen Bewegung - fordere, dann möchte ich einen Punkt hervorheben: Eine wichtige Eigenschaft des Intellektuellen ist historisch an die Rolle Emile Zolas in der DreyfusAffaire geknüpft: Man muss unabhängig sein, um sich engagieren zu können. Anders gesagt: Nur ein autonomer Gelehrter, der nach den Regeln des "scholarship" arbeitet, kann wirkliches "commitment" betreiben und engagiertes Wissen produzieren: "Scholarship with commitment."

Allerdings deuten verschiedene Entwicklungen darauf hin, dass die wissenschaftliche Welt im Moment dabei ist, ihre Autonomie zu verlieren. Es gibt Wissenschaftler, die ihr Wissen zunehmend den Interessen der multinationalen Großunternehmen unterordnen. Die Biogenetik zum Beispiel wird mehr und mehr den Weisungen der großen pharmazeutischen Konzernen unterstellt. (. . .)

Hier zeigt sich, dass die neoliberale Logik die Forschungseinrichtungen schon durchdrungen hat. Und gleichzeitig beruhigt die parallel fortbestehende Dichotomie zwischen "scholarship" und "commitment" das Gewissen derer, die sich vollständig in ihren Elfenbeinturm zurückziehen. Sie haben dabei noch den Segen der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Eine Folge dieser Dichotomie in den Köpfen besteht also in der zunehmenden Diskrepanz zwischen Engagement und wissenschaftlicher Basis: Die Menschen, die über die notwendigen wissenschaftlichen Kompetenzen verfügen, verwenden ihr Wissen nicht legitim, sondern verkaufen es an die wirtschaftlichen Mächte oder behalten es ausschließlich der wissenschaftlichen Welt vor.

Während die, die sich engagieren, nicht über die notwendigen wissenschaftlichen Instrumente verfügen, um dieses Engagement so effektiv und rational wie möglich zu gestalten.

Diese Dichotomie muss folglich unbedingt aufgelöst werden. Der Rückzug vieler Wissenschaftler auf ihre akademischen Inseln, ihre Flucht in die reine Wissenschaft hat ernste, gesellschaftliche Konsequenzen: Indem sie der neoliberalen Politik keinen Widerstand entgegenbringen und auch die Öffentlichkeit nicht vor den Konsequenzen warnen, ebnen sie den Weg für die Auflösung sämtlicher gesellschaftlicher kollektiver Lebenszusammenhänge und damit auch für neue Herrschafts- und Machtstrukturen, die ausschließlich den Gesetzen der Gewinnmaximierung unterliegen. (. . .)

Die Aufgabe des Wissenschaftlers besteht nicht darin, Lektionen zu erteilen, wie dies manche so genannte "organische Intellektuelle" gemacht haben, die nicht in der Lage waren, sich auf dem wissenschaftlichen Markt zu behaupten. Diese haben den Intellektuellen inmitten von Nicht-Intellektuellen gespielt und gleichzeitig dessen Existenz verneint.

Der Wissenschaftler ist weder Prophet noch Denkmeister. Seine neue Rolle besteht darin, zuzuhören, zu forschen, zu erfinden, und er muss das machen, was ich hier mache: Er muss sich als Modell zur Verfügung stellen. Er muss versuchen, den Organisationen zu helfen, welche sich zur Aufgabe gesetzt haben, der neoliberalen Politik Widerstand zu leisten. Er muss sich zum Ziel setzen, ihnen zu assistieren, als technische Hilfe, indem er ihnen Instrumente bereitstellt, und auch den symbolischen Effekt ausnutzen, den engagierte Forscher gegenüber multinationalen Unternehmen ausüben.

Das Bildungsministerium macht nichts anderes als Programme, die von Juristen, Soziologen, Volkswirtschaftlern entwickelt werden, aufzugreifen und legislative Maßnahmen zu initiieren, die dann zirkulieren. Wissenschaftler können es schaffen, Informationen über diese Programme zu bekommen, bevor sie umgesetzt werden. Eine ihrer Aufgaben innerhalb der sozialen Bewegung kann darin bestehen, solche Dokumente zu studieren, verborgene Gefahren zu identifizieren, ihre Entstehungsmechanismen zu enthüllen und dieses Wissen nach außen zu tragen.

Wissenschaftler können auch versuchen, die Organisationsstrukturen der gemeinsamen Produktion von Erfindungen zu verbessern. Es geht darum, ein politisches Projekt zu entwickeln, eine Alternative zum herrschenden Kurs, und parallel dazu die Organisationsstrukturen zu schaffen, die den Erfolg dieses Projekts begünstigen. Dieses Projekt - die gemeinsame Schaffung einer neuen Politik - scheint zunächst hoch gegriffen, doch auch die Constitutional Convention 1789 in Philadelphia bestand schließlich aus Menschen, wie uns. Einige waren mit juristischen Kenntnissen ausgestattet, hatten Montesquieu gelesen und gemeinsam haben sie die demokratischen Strukturen "erfunden". Man muss also Bedingungen schaffen, die "Erfindungen" dieser Art begünstigen, helfen, Hindernisse zu beseitigen. Allerdings darf dabei auch nicht vergessen werden, dass viele der Hindernisse innerhalb der sozialen Bewegungen selbst existieren.

In Europa ist jetzt der "Kairos" - der richtige Moment: weder zu früh, noch zu spät. Denn heute werden die "Kassandren", die vor einiger Zeit katastrophale Entwicklungen angekündigt haben, die sich aus den gesetzten politischen Parametern ergeben würden, ernst genommen. Vor einigen Jahren wurden sie noch von Journalisten angegriffen, beleidigt und mit Vorwürfen überhäuft. Doch all dies geschieht jetzt weniger - und warum? Einerseits natürlich, weil gearbeitet wurde: Es gab Seattle und die ganze Serie von Demonstrationen um den 1. Mai. Andererseits, weil die Folgen der neoliberalen Politik, die wir angekündigt haben, langsam aber sicher Gestalt annehmen. Jetzt zeigt sich, dass die scheinbar pessimistischen Vorhersagen einfach nur die Informiertesten waren. Jetzt ist es nicht mehr zu früh, aber es ist auch noch nicht zu spät, um zu handeln.

Unser Handlungsspielraum besteht darin, öffentliche Räume des Austauschs, sogar des internationalen Austauschs, zu eröffnen, um den Leuten, die sich für Alternativen und für Lösungen interessieren, ein Forum zu bieten.

Es ist sehr wichtig für die Intellektuellen, die ja traditionellerweise zu den wichtigsten Architekten nationalistischer Gesinnungen gehörten, d. h. an den Grenzen zwischen verschiedenen nationalen Kontexten mitgearbeitet haben, die uns jetzt das Leben schwer machen, dass sie sich in Bewegung setzen. Denn jetzt geht es darum, in einen grenzenlosen Austausch zu treten und den Import und Export intellektueller Güter von den bisher auf ihnen lastenden Zollschranken zu befreien.

An diesem Ziel arbeiten wir auch mit Hilfe unserer Buchreihe "raisons d'agir", in der wir verschiedene kritische Texte publizieren, die es uns erlauben, einen gemeinsamen Diskurszusammenhang herzustellen und darüber zu wirklichen Zeitgenossen zu werden. So besteht vielleicht auch die Möglichkeit, andere Formen intellektueller Praktiken kennen zu lernen, die Möglichkeit des reziproken Lernens zu schaffen und wirklichen Austausch zu etablieren. Dies scheint mir der einzig greifbare Weg, um aus der Sackgasse der nationalen Kontexte herauszukommen.

Es bleibt noch Zeit, die sozialdemokratischen Regierungen wachzurütteln, gegenüber denen viele Intellektuelle immer noch beide Augen zudrücken, nicht zuletzt auf Grund ihrer eigenen Privilegien. Noch bin ich optimistisch. (. . .)

 

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Copyright © Frankfurter Rundschau 2002
Dokument erstellt am 11.02.2002 um 21:07:28 Uhr
Erscheinungsdatum 11.02.2002

 

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