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IM BLICKPUNKT

Spuren eines Mikrobiologe n

Anthrax-Attentate in den USA

Von Steffen Hebestreit (Frankfurt a. M.)

Der Absender der Milzbrand-Briefe in den Vereinigten Staaten ist nach Ansicht einer US-Wissenschaftlerin ein Mikrobiologe, der früher in einem US-Regierungslabor arbeitete und dort Zugang zu Anthrax-Sporen hatte. Die Professorin Barbara Hatch Rosenberg, selbst Mikrobiologin, hält es für möglich, dass der Täter die Aufmerksamkeit auf das US-Biowaffenprogramm lenken wolle. Washington sei nicht an einer raschen Aufklärung des Falles interessiert.

Die US-Behörden wissen vermutlich sehr viel mehr über die Hintergründe der Milzbrand-Anschläge, als sie bisher zugeben. Hochrangigen Biowaffen-Experten der US-Streitkräfte sei ein Maulkorb verpasst worden, berichtet Barbara Hatch Rosenberg, Vorsitzende der Arbeitsgruppe Biowaffen der Federation of American Scientists (FAS). Die einstige Beraterin von Präsident Bill Clinton vermutet in einem Beitrag für das Hamburger Sunshine Project, dass die biowaffenfähigen Anthrax-Sporen aus dem Brief an den Mehrheitsführer des Senats, Tom Daschle, aus US-Produktion stammen.

Die sehr feinen Partikel in dem Kuvert seien, damit sie nicht verklumpten, mit der Chemikalie Silika versetzt worden, erläutert Rosenberg. Diese Chemikalie sei beim geheimen Biowaffenprogramm der USA in Kombination mit anderen Chemikalien verwendet worden. Andere Länder wie Irak hingegen verwendeten das Bindemittel Betonite, wie UN-Inspektionen ergeben hätten. Laut Rosenberg sollte es Regierungsstellen möglich sein zu prüfen, ob die Sporen im Brief durch das US-Verfahren waffenfähig gemacht worden sind.

Zudem sollten US-Labors in der Lage sein, die genaue Produktionsmethode und die Herkunft des verwendeten Milzbrand-Stranges zu ermitteln. Über entsprechende Ergebnisse sei bisher aber nichts verlautet. Die Biowaffen-Expertin sieht Anhaltspunkte dafür, dass der Strang in den USA isoliert wurde, bevor Ex-Präsident Richard Nixon die Produktion 1969 stoppte. Sollte er später hergestellt worden seien, so Rosenberg, hätten die USA gegen die Biowaffen-Konvention verstoßen.

Die Mikrobiologin hält es für möglich, dass der Attentäter niemanden töten wollte. Er habe die "raue Behandlung" der Briefumschläge in Sortiermaschinen der Post wohl nicht bedacht, bei der die Erreger durch die Poren des Kuverts gedrückt worden seien, an die Luft gelangten und Post-Bedienstete infiziert hätten. Die mit Klebestreifen versiegelten Umschläge hätten vielmehr klare Warnungen sowie die Anweisung enthalten, sofort nach Erhalt Antibiotikum einzunehmen.

Ziel der Anschläge sei wohl eher, in der Öffentlichkeit Ängste zu schüren und so das Thema Biowaffen auf die Tagesordnung zu bringen. Rosenberg spekuliert, dem Urheber könne es entweder darum gegangen sein, die Finanzierung der Forschung an Bio-Kampfstoffen zu verbessern. Oder er wollte die USA zu Militäraktionen gegen Verdächtige (Irak, Osama bin Laden) bewegen.

Diese "politisch peinlichen" Erkenntnisse könnten ein Grund dafür sein, dass die USA einer schnellen Aufklärung des Falles im Wege stünden. Nach anfangs widersprüchlichen Meldungen gehe das FBI inzwischen zwar auch von einem einheimischen Einzeltäter aus. Ermittlungsergebnisse ließen aber auf sich warten.

In Trenton (New Jersey) sollten die Absender der Briefe laut Rosenberg übrigens nicht gesucht werden. "Wer geschickt genug ist, so mit Anthrax-Sporen umzugehen, der ist schlau genug, die Briefe nicht aus seiner Heimatstadt abzuschicken."

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Copyright © Frankfurter Rundschau 2001
Dokument erstellt am 19.11.2001 um 21:04:59 Uhr
Erscheinungsdatum 20.11.2001

 

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