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Auf den Spuren der Terroristen

Aufseher fahnden nach verdächtigen Aktiengeschäften / Geldwäschern Kampf angesagt

Von Mario Müller

Die Terrorattacken auf das World Trade Center und das Pentagon haben die bis dato geltenden Grenzen der Vorstellungskraft gesprengt. Seitdem scheint alles möglich, schreckt die Phantasie nicht mehr vor horribelsten Perversitäten zurück, wie sie folgendes Szenario beschreibt: Die Täter und ihre Helfer schlugen aus der verheerenden Zerstörung im wahrsten Sinne des Wortes Kapital, indem sie - wohl wissend, dass der von ihnen geplante Anschlag die Aktienkurse auf Talfahrt schicken würde, und damit sozusagen als Insider agierend - auf Baisse spekulierten.

Wenn es denn diese teuflische Wette gegeben haben sollte, wäre sie aufgegangen. Zwar wurde die New Yorker Börse an der Wall Street erst gar nicht geöffnet und blieb dann vier Tage geschlossen, doch an anderen Handelsplätzen rauschten die Notierungen von Unternehmensanteilen abwärts, in Frankfurt beispielsweise, gemessen am Deutschen Aktienindex Dax, um mehr als acht Prozent. Mit anderen Worten: Bei einem Einsatz von einer Million Mark wäre binnen 24 Stunden ein Profit von 80 000 Mark herausgesprungen.

Ob die Terroristen, ihre Finanziers und Mitwisser tatsächlich derartige Geschäfte abwickelten, weiß derzeit niemand. Aber unter dem Eindruck der minutiösen Planung, die sie bei den Anschlägen an den Tag legten, scheinen ihnen die Ermittlungsbehörden auch solch perfide pekuniäre Kalkulationen zuzutrauen. Offenbar auf Initiative britischer und US-Geheimdienste fahnden jedenfalls inzwischen allenthalben Börsenaufsichtsbehörden, von der SEC in New York bis zu ihrem japanischen Pendant in Tokio, nach verdächtigen Transaktionen - darunter das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel (BAWe). Noch sind die Kontrolleure nicht fündig geworden. Auch in Frankfurt blieb die Suche bislang ohne Ergebnis. Es gebe keine "konkreten Hinweise", berichtet Behörden-Sprecherin Sabine Reimer der FR.

Im Übrigen ist eine Spekulation auf fallende Kurse ein Kinderspiel. Der Baissier, wie er im Börsenjargon genannt wird, verfügt im Wesentlichen über zwei Instrumente, um erwartete Verluste an den Aktienmärkten zu Geld zu machen: Leerverkäufe oder spezielle Termingeschäfte. Im ersten Fall verkauft er Wertpapiere, die er nicht besitzt, und deckt sich später damit ein. Fällt der Kurs von 100 auf 90 Mark, hat er damit zehn Mark verdient. Den gleichen Effekt erzielt er mit dem Erwerb einer Put-Option, die ihm das Recht gibt, den unterliegenden Basiswert, also beispielsweise eine Aktie, später zu einem vorher festgelegten Preis zu verkaufen.

Falls die Täter tatsächlich zu diesen Mitteln griffen und die Raffinesse besitzen, die ihnen die Ermittler unterstellen, dürfte die Suchaktion allerdings im Sande verlaufen. Zwar können die Aufseher mit ihren Computerprogrammen ungewöhnliche Kursausschläge an den Börsen und Terminmärkten registrieren und gegebenenfalls bei den involvierten Banken nach den Auftraggebern der Geschäfte recherchieren. Doch da sich deren Hintermänner hinter einer Kette verschiedener Tarnadressen verstecken würden, ist zu befürchten, dass sich die Spuren bald verlieren. Und selbst wenn es gelänge, sie bis zu ihren Urhebern zu verfolgen, stellte sich die Frage, ob sie zu fassen wären.

Diese Taktik kennen die Verfolgungsbehörden zur Genüge, wenn es um die Geldwäsche geht. Auch dort nutzen die wohl organisierten Verbrecher heutzutage alle Möglichkeiten, die ihnen die globalisierte Wirtschaft bietet, um die Herkunft ihrer Beute aus Drogengeschäften oder Menschenhandel zu verschleiern und den Vermögen einen seriösen Anstrich zu geben: Die Gelder werden elektronisch über verschiedene Banken rund um den Erdball transferiert und schließlich in normale Unternehmen investiert. Für die Waschgänge sollen die Täter inzwischen sogar über eigene Finanzinstitute verfügen. Derartige verschlungene Wege dürften auch die Terroristen gewählt haben, um die für die Finanzierung ihrer Attacken notwendigen Mittel bereitzustellen.

Diesem Treiben stehen die Jäger trotz verschärfter Gesetze weitgehend machtlos gegenüber. Das soll sich nun ändern. Die Bundesregierung plant eine Umkehr der Beweislast. Künftig sollen diejenigen, die größere Vermögen bewegen, nachweisen, dass das Geld aus sauberen Quellen stammt. Dies mag zwar die Arbeit der Ermittler erleichtern, wäre aber verfassungsrechtlich äußerst bedenklich.

 

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Copyright © Frankfurter Rundschau 2001
Dokument erstellt am 17.09.2001 um 21:27:24 Uhr
Erscheinungsdatum 18.09.2001

 

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