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Doppelmoral, Heuchelei

Pakistanische Islamwissenschaftler reden über die USA

Von Rolf Paasch

Es sollte ein Gespräch über die Glaubensgrundsätze des Islam werden. Aber der Dialog geriet zur einseitigen Klage über die "double standards" des Westens, besonders die heuchlerische Moral Amerikas. Wir Journalisten wollten über das religiöse Konzept des Dschihad reden . Doch die vier Islamwissenschaftler von der Universität Peschawar sprachen lieber von den politischen Erniedrigungen, denen Pakistan und andere islamische Länder ausgesetzt seien. Der Dekan und zwei der drei Dozenten erwarben ihren akademischen Grad an westlichen Universitäten . Doch die am Fachbereich für "Islamic Studies" auf Englisch geführte Unterhaltung konnte nicht darüber hinweg täuschen, dass die Perspektiven der Gesprächsteilnehmer nicht hätten unterschiedlicher sein können. Ob die Terrorattacken auf das World Trade Center oder Amerikas Krieg gegen den Terrorismus: es schien als würden diese Ereignisse nicht von zwei gegenüberliegenden Ledersofas im Büro des Fakultätsvorstehers Qazi Saidullah, sondern aus unterschiedlichen Welten betrachtet. Hier drei Reporter aus Deutschland und Österreich; dort je ein Dozent der Islamwissenschaft, des Arabischen und der Lehre vom Leben des Propheten; dazu Kekse und grüner Tee.

Clique von Weltbeherrschern

Gelegentlich sind die raunenden Himmelsgeräusche US-amerikanischer Kampfbomber auf dem Weg nach Afghanistan zu hören . Saeedullah Qibla Ayaz kann dennoch keinen Krieg der Religionen erkennen. Auch keinen grundsätzlichen Konflikt zwischen dem Westen und dem Islam. Der Professor der "Propheten-Studien" vermutet hinter Amerikas Anti-Terrorkrieg allein eine "kleine Gruppe von Politik-Machern, die versucht, die Welt zu beherrschen." Ausgebeutet würden nicht nur islamische, sondern auch afrikanische Länder. Von der Geschichte der Kreuzzüge bis zur Suche nach Öl und Gas in Zentralasien - alles kommt bei Saeedullah Qibla Ayaz zusammen: "Historische, ökonomische, religiöse und soziale Aspekte haben den gegenwärtigen Konflikt geprägt." Osama bin Laden bleibt für ihn nur eine Randfigur. Wenn eines die Haltung dieser westlichen Elite ausmache, dann "deren Unkenntnis der Weltläufte".

Der "common man" in Amerika sei "unschuldig", glaubt Qibla Ayaz, auch wenn dieser in Interviews auf der Straße fordere, "ganz Afghanistan auszulöschen." Unwissenheit und Hass, das gehe immer zusammen. Auch in Pakistan, fragen wir zurück, wo nach jedem Freitagsgebet Puppen von George W. Bush verbrannt werden und in den Medressen nur der Koran, aber kaum moderne Wissenschaften gelehrt werden? Nun, auch Logik, Rhetorik und arabische Grammatik würden dort unterrichtet, erklärt der in Edinburgh promovierte Qibla Ayaz, aber es stimme schon: "Die Koranschüler arbeiten in einem bestimmten Geisteszustand unter bestimmten Parametern." Diese Koranschulen hätten in Pakistan einen zwar "großen Einfluss", aber für die gesamte muslimische Gemeinschaft seien diese Institutionen nicht repräsentativ. "Die Medressen sind dem modernen Geist nicht ausgesetzt", sagt er kritisch, "und deswegen gegen den Westen eingestellt." Doch würden nicht alle, sondern nur eine kleine Zahl der Koranschüler für den bewaffneten Kampf ausgebildet. Hass aus Ignoranz gebe es also auch in pakistanischen Straßen, räumt Fakultätsleiter Qazi Saidullah ein. Aber warum? "Doch nur als Reaktion auf den widersprüchlichen Moralkodex des Westens, als Antwort auf die heuchlerische US-Politik gegenüber den ärmsten Ländern." Damit sind die entscheidenden Stichworte jedes pakistanischen Diskurses zum Verhältnis mit dem Westen gefallen: "double standards" und "hypocrisy".

Es folgt eine Litanei aller Widersprüche westlicher und besonders US-amerikanischer Politik: Wenn die USA jetzt alle arabisch-afghanischen Kämpfer töten wollten, warum haben sie damals nicht Saddam Hussein erledigt, eine der Wurzeln des Übels? Und die Intervention gegen das muslimische Indonesien in Ost-Timor. Warum geht der Westen nicht gegen die indischen Besatzer in Kaschmir vor? Oder nehmen wir Pakistan. "Nach 1957 (der ersten Militärregierung unter General Ayub Khan) haben uns die USA nie zur Demokratie gedrängt", sagt Anwar ul Haq. Schulden wurden Pakistan nur erlassen, um damit amerikanische F-16-Kampfbomber zu kaufen, deren Benutzung dann wiederum sanktioniert wurde. Immer wieder wurde Pakistan verraten. Nie wurde der Einsatz für die Demokratie belohnt. Nach dem Putsch von General Musharraf vor drei Jahren verhängten die USA drastische Sanktionen. Jetzt, im Krieg gegen den Terror, darf der Militärherrscher als selbsternannter Präsident auf die Unterstützung Amerikas zählen. Doch wie lange? Pakistans Verhältnis zum Westen ist ein ständiges Hin und Her - wie es Amerika gefällt. "Das ist der Grund", glaubt Anwar ul Haq, "warum die islamische Welt es niemals zur Demokratie bringt."

Erst auf Nachfrage gibt er zu, dass es so einfach nicht sein kann; dass auch "interne Gründe" für die Malaise der islamischen Gesellschaften existieren. Dass nach westlicher Auffassung Religion "Aufklärung" verhindere, davon weiß er. Aber er ist anderer Meinung. Schließlich laute eine der ersten Maximen des Islam: "Iqra! Lies!" Bildung sei die erste Pflicht der Muslime. Gewiss, viele islamische Staaten befänden sich in einem "Stadium des Niedergangs". Nicht aber der Islam selbst, "diese im Gegensatz zum Christentum hochflexible und immer stärkende Religion."

Das Gespräch mäandert zwischen einer differenzierten Kritik westlichen Denkens und platten Verschwörungstheorien über die Attentäter von New York: von Fukuyamas Ende der Geschichte geht es über Huntingtons Kampf der Kulturen bis zur jüdischen Weltverschwörung: "Es ist der Westen, der uns dazu zwingt, in diesen Kategorien zu denken, schimpft Dost Mohammed - man denke nur an Berlusconis Rede von der Überlegenheit westlicher Zivilisation.

Die Islamwissenschaftler der Universität Peschawar sind mit der politischen Literatur des Westens und den Meinungsseiten der New York Times weitaus besser vertraut, als die politischen Berater in Washington mit dem Islam oder der arabischen Welt. Die Definition des Dschihad als "Heiliger Krieg", sagt Dost Mohammed, stamme aus europäischen Wörterbüchern, nicht jedoch aus den arabischen. "Erst seit Afghanistan bombardiert wird, glauben auch die Leute hier an die heilige Pflicht zum bewaffneten Dschihad." Seit langem hätten sich die Muslime über die ungerechte Politik und die falsche Moral des Westens beschwert, argumentiert Qibla Ayaz. "Wenn diese Beschwerden nicht gehört werden, entsteht daraus Hass." So ist das auch mit dem Konzept des Dschihad. Ein Heiliger Krieg werde daraus nur abgeleitet, wenn - wie im Nahen Osten - "demokratische Mittel scheitern", führt der Professor aus. "Dann folgt auf Arafat eben die Hamas."

Distanzierung vom Westen sei ihre Absicht nie gewesen. Schließlich debattieren wir hier alle zusammen hinter einem Türschild mit der Aufschrift "The Dean's Office". Kein Problem. Die Hegemonialpolitik der einstigen Kolonialmacht Großbritannien sei zivilisierter und konsistenter gewesen als die der Vereinigten Staaten, findet Dost Mohammed. Und haben sie sich für ihre Gäste nicht mitten im Lehrbetrieb zwei Stunden Zeit genommen. Wäre das umgekehrt auch im schnelllebigen New York möglich? Jede Gesellschaft, das hat Anwar ul Haq bei seinem Studienaufenthalt in den USA erfahren, hat ihre guten Seiten. In den islamischen Ländern sind es die Gastfreundschaft und die Bedeutung der "sozialen Einheit". In den USA sind es "die Qualität der Krankenhäuser und Bibliotheken." Der Westen dürfe seine Attraktion aber nicht falsch verstehen, warnt Anwar ul Haq: "Ihr seid uns weit voraus. Unsere Leute kommen zu euch wegen des Geldes." Aber Besucher wie er können in New York mit all seinem Verbrechen aber auch in Bloomington mit seiner großzügigen Universitätsbibliothek nicht vergessen, "dass das Paradies unter den Füßen unserer Mütter liegt."

Allein deswegen sollten wir bei all unseren kritischen Fragen zur Schuld von Osama bin Laden nicht erwarten, "dass sich die Leute in Kandahar und Peschawar verhalten wie jemand in Oklahoma oder Ohio." Wieso sollen die Taliban ihren Gast Osama an die USA übergeben, wenn der Westen nach der Fatwa Ajatollah Khomeinis auch Salman Rushdie nicht herausgerückt habe, fragt Dost Mohammed. Wieso?

Nach dem 11. September scheint es zwei völlig separate Diskurse zu geben: einen über die Zukunft Afghanistans und einen über die Schuld Osama bin Ladens. Verbunden werden diese beiden Stränge durch die Heiligen Krieger der Taliban und die Krieger gegen den Terrorismus in den Hauptstädten des Westens. In Pakistan möchte man diese Dinge auseinanderhalten; sei es, um im Nachbarland Schlimmeres zu verhindern, oder weil man nur eine Seite verstehen kann und will. So hat sich der Dekan in der Vergangenheit mehrfach von den Taliban distanziert. Zuletzt nach dem Bildersturm gegen die Buddha-Statuen von Bamian in der BBC. Osama bin Laden ist für ihn eine ganz andere Geschichte. "Der war zu einer solchen Attacke logistisch gar nicht in der Lage," glaubt Qazi Saidullah. Die Dozenten stimmen ihm zu.

Eine Aktion des Mossad

Alle Indizien, sagen sie, deuteten auf eine Aktion des israelischen Geheimdienstes Mossad hin. Wurde nicht das erste Video vom Einschlag der Flugzeuge in die Türme des World Trade Center von einem Juden aufgenommen? Und warum fehlten die 4 000 dort gewöhnlich arbeitenden Juden ausgerechnet an diesem Tag an ihrem Arbeitsplatz? Nahezu ungefiltert geben die pakistanischen Akademiker die wilden Gerüchte der in Urdu erscheinenden Boulevardpresse wieder, die in Pakistan längst zum klassenübergreifenden Konsens herangereift sind. Die Beweisführung der Islamwissenschaftler ist induktiv: Wer profitiert am meisten von den Anschlägen? "Israel." Wem schaden sie am meisten? "Pakistan." Also muss es so gewesen sein. Oder?

Eben noch hatte Dost Mohammed im Verlauf der Unterhaltung bemerkt, dass "Juden, Christen und Muslime Brüder sind." Jetzt aber ist die gesamte islamische Welt Opfer einer jüdischen Verschwörung. Zuvor hatte einer der Dozenten behauptet, die Berater von George W. Bush seien von der Gestalt Osama bin Ladens wie besessen. Jetzt fragen wir Journalisten zurück, warum sie denn jegliche Schuld den Juden zuschrieben ? Erst sind sollen die Juden am Holocaust selbst Schuld sein, wie Anwar ul Haq angedeutet hatte. Und obendrein sollen sie auch noch den Massenmord am 11. September begangen haben. "Sie haben recht", gibt am Ende Qibla Ayaz zu. "Es gibt Obsessionen auf beiden Seiten." Es mag (noch) kein Kampf der Kulturen sein. Wohl aber liegen Welten zwischen den Kriegen.

 

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Copyright © Frankfurter Rundschau 2001
Dokument erstellt am 01.11.2001 um 22:07:12 Uhr
Erscheinungsdatum 02.11.2001

 

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