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Die Ruhe vor dem Sturm

Marx mit Foucault: Ein linkes Globalisierungsmanifest

Von Martin Hartmann

Stellen wir uns einen Lektor im Jahre 1990 vor, das Hämmern der Mauerspechte ist gerade verhallt. Ein umfangreiches englisches Manuskript landet auf seinem Tisch, und er hat zu entscheiden, ob es übersetzt werden soll. Da er aus einer eingefleischten, nicht immer ganz nachvollziehbaren Laune heraus glaubt, dass die wichtigsten Dinge am Ende eines Manuskriptes stehen, fängt er an, von hinten zu lesen. Den Titel des Manuskripts - Empire - hatte er bereits (etwas vorschnell, wie sich zeigen wird) mit "Imperium" übersetzt. So liest er den letzten Satz: "Das ist die nicht zu unterdrückende Leichtigkeit und Freude, ein Kommunist zu sein."

Hätte er weitergelesen? Die Frage ist hypothetisch, das Manuskript ist es nicht. Es ist im Jahre 2000 in Buchform erschienen (bei Harvard UP), stammt von Michael Hardt und Antonio Negri und ist schon jetzt einer der großen Theoriebestseller der letzten Jahre, obwohl die Autoren ganz offen an Marx und Lenin anknüpfen und in überschwänglicher Weise eine Geschichtsphilosophie nach dem Ende der Geschichte verkünden. Der Philosoph Slavoj Zizek spricht von einem "Kommunistischen Manifest für unsere Zeit", die Soziologin Saskia Sassen nennt das Buch "außergewöhnlich", in Deutschland veröffentlichte die linke Wochenzeitung Jungle World einen kurzen Vorabdruck.

Selbst der Verlag war von der großen Resonanz, die das Buch nicht nur in linken Theoriezirkeln gefunden hat, überrascht. Nachdem die Hardcover-Ausgabe vergriffen war, entschied man sich, eine vollständige PDF-Version ins Internet zu stellen, "wegen der großen Nachfrage" (http://www.hup.harvard.edu/pdf/HAREMI.pdf). Auch die Paperback-Ausgabe musste bereits mehrmals nachgedruckt werden.

Der Erfolg des Buches - dessen deutsche Übersetzung vorbereitet wird - ist in mehrerer Hinsicht aufschlussreich. Empire ist so etwas wie die theoretische Stimme der Anti-Globalisierungsbewegung; womit sich der beliebte Einwand, diese Bewegung wandere theorielos von einem Gipfeltermin zum nächsten, erübrigt. Hardt und Negri zielen mit dem Begriff des "Empire" auf eine ökonomisch, kommunikativ und politisch vernetzte globale Ordnung, die kein Außen mehr kennt und dabei ist, zu einem großen, biopolitisch kontrollierten Machtgebilde ohne Zentrum zu werden. Die Globalisierungsgegner hätten erkannt, so die Autoren in einem Artikel in der New York Times, dass die Steuerungsfunktion der Nationalstaaten dramatisch gesunken sei, so dass sich wirksamer Protest nur noch gegen jene supranationalen Institutionen richten lasse, die als maßgebliche Akteure die weltweit spürbaren Veränderungen vorantreiben.

Naiv wäre es dementsprechend, die Globalisierungsgegner auf einen wiedererwachten Antiamerikanismus festlegen zu wollen. Obgleich sich die Autoren in ihrem Vokabular an den alten Imperien Roms, Chinas und Südamerikas orientieren, halten sie es für verfehlt, nach modernen Äquivalenten dieser Reiche zu suchen. Auch die Vereinigten Staaten sind nicht das neue Rom, da kein noch so mächtiger Nationalstaat die Parameter der Weltpolitik unabhängig festlegen könne.

Gesetze der Biopolitik

Mit den Ereignissen des 11. September dürften diese Einsichten noch an Relevanz gewonnen haben. Empire steht nicht für die imperialistische McDonaldisierung der Welt, der Begriff steht für eine "neue, globale Form der Herrschaft", deren Logik nicht nationalstaatlichem Größenwahn folgt, sondern allein den Gesetzen der Biopolitik gehorcht, die Hardt und Negri in Anlehnung an Foucault als Eindringen einer lebensproduzierenden Macht in die Gehirne und Körper bestimmen: "Macht wird jetzt mit Hilfe von Maschinen ausgeübt, die die Gehirne (in Kommunikationssystemen, Informationsnetzwerken etc.) und Körper (in Wohlfahrtssystemen, überwachten Aktivitäten etc.) direkt organisieren."

Weil sich das Empire in diesem Sinne überall ausbreitet, wäre es verfehlt, in der Anti-Globalisierungsbewegung, wie manche Kommentatoren behauptet haben, nur eine handybegeisterte Jugendbewegung zu sehen. Hardt und Negri fassen die Subjekte, die sich gegen die Mechanismen der Globalisierung zur Wehr setzen, unter dem Terminus der multitude zusammen, was man wohl mit "Vielheit" oder "Vielzahl" wiedergeben kann. Schon gibt es in Frankreich eine Zeitschrift gleichnamigen Titels, die Hardt und Negri, aber auch Peter Sloterdijk zu ihrem erweiterten Herausgeberkreis zählt. Multitudes - damit sind in bewusster Vagheit all diejenigen gemeint, die gegen die negativen Kräfte der Globalisierung ankämpfen, ob am Arbeitsplatz, in "Grenzcamps" oder auf den millionenfach betretenen Pfaden der Migration, ob mit Forderungen nach einem Mindesteinkommen, nach global citizenship oder nach einer Devisenumsatzsteuer.

Die eigentliche Pointe des Buches ist damit freilich immer noch nicht benannt. Denn was sich auf den ersten Blick wie eine Litanei der Antiglobalisierung liest, ist in Wirklichkeit eine Litanei der Globalisierung. So wehren sich die Flüchtlinge, die hilflos auf den Weltmeeren umhertreiben, nicht gegen die Globalisierung an sich, sie wehren sich vor allem gegen Nationalstaaten, die ihre Grenzen für Devisenströme öffnen, nicht aber für die Wanderungsbewegungen der Armen. Es gehört zum Kern der neomarxistischen Geschichtsphilosophie der Autoren, in der ökonomischen Globalisierung lediglich die Vorhut einer politisch-demokratischen Globalisierung zu sehen. Der diesbezügliche Optimismus der Autoren ist erstaunlich; er speist sich vor allem aus der Annahme, dass die nationalstaatlichen Widerstände gegen die "mobile Vielzahl" in paradoxer Umkehrung die Stärke der Bewegung verraten. Anders gesagt: Die Höhe der Grenzzäune verweist auf den Druck, der von außen kommt und mit dem sich die Hoffnung auf Revolte verbindet.

Paradoxien der Globalisierung

Dass sich die Kategorien der Autoren tatsächlich dazu eignen, zahlreiche der Paradoxien der globalisierten Gesellschaft zu entschlüsseln, zeigt sich nicht nur an der großen Resonanz des Buches, es lässt sich auch an der gegenwärtig in Deutschland geführten Debatte über das Einwanderungsgesetzes veranschaulichen, die sich nach dem 11. September noch einmal verschärft hat. Nur gegen starke Widerstände, die ja fortbestehen, hat sich hierzulande die Einsicht durchgesetzt, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Doch diese Öffnung des Selbstverständnisses geht einher mit Bemühungen, den Zuzug von außen zu kontrollieren und zu kanalisieren. So folgt der Forderung nach Einstellung ausländischer Fachkräfte stets die Forderung nach einer Begrenzung dieses Zuzugs; manche sprechen unverhohlen von einer "Ausrichtung an der Nachfrage" und machen aus Menschen Waren. Die damit verbundene Illusion, dass sich Menschen auch wie Waren verhalten werden und bei gesunkener Nachfrage zu Hause bleiben, zeigt jenseits aller moralischen Blindheit die fatale Naivität dieser Position.

Die Vagheit der zentralen Begriffe von Hardt und Negri erweist sich freilich als entscheidende Schwäche des Buches und womöglich auch der Bewegung, der es als theoretisches Sprachrohr dient. Die Rede von der "Vielheit" etwa bietet sich zwar als Passepartout an, so dass die Autoren allerorten die Widerstände gegen eine einseitig ökonomische Globalisierungspraxis orten können, aber sie droht doch, die Spezifik einzelner Proteste allzu schnell zu übergehen. Nicht ohne Grund polemisiert das Buch heftig gegen Formen "lokaler" Politik. Das mag berechtigt sein, wenn das Lokale als Eigenes oder Natürliches einer vermeintlichen "Überfremdung" von außen entgegengesetzt wird und damit in seiner eigenen labilen Konstruiertheit undurchschaut bleibt. Es ist aber problematisch, wenn damit die demokratische Rechenschaftspflicht, die auch gegenüber dem Lokalen gilt, ignoriert wird.

Dies war ja eine der Fragen, mit denen sich die Globalisierungsgegner von Genua konfrontiert sahen: Wen repräsentiert ihr eigentlich? Hardt und Negri haben auf diese Frage eine klare Antwort: Niemanden! Politischer Protest müsse heute von einer "repräsentativen zu einer konstituierenden Aktivität" werden. Anders gesagt: Wenn der Protest überhaupt etwas repräsentiert, dann sich selbst. Die Kreativität der Protestierenden besteht so gesehen einfach darin, dass sie protestieren und damit, womöglich ohne ihr Bewusstsein, die Logik der Globalisierung an ihr verheißungsvolles Ende bringen. Diese Selbstbezüglichkeit ist vermutlich auch dafür verantwortlich, dass man ihn häufig mit leerem Aktionismus oder gar Spaßtourismus verwechselt hat - eine Verwechslung, der möglicherweise die Protestierenden selbst gelegentlich zum Opfer gefallen sind.

Man wird den Globalisierungsgegnern zumuten müssen, sich über die möglichen und realen Folgen ihres Tuns Rechenschaft abzulegen, und zwar vor den Augen der Öffentlichkeit. Zu sehr verlassen sich die Autoren darauf, dass die geballte Macht des Empire schon die richtigen Gegner aus sich freisetzen wird. Wer aber wollte behaupten, dass Umweltschützer, Gewerkschaftler, Sozialisten und Flüchtlingsorganisationen die gleichen Interessen verfolgen? Wenn schon die bloße Aktion ausreicht, um aus diesen Gruppen eine Bewegung zu machen, mag man die Zuversicht der Autoren verstehen. Doch die Wirklichkeit scheint komplizierter. Die Bewegung ist in sich vielstimmig, und es muss ihr nicht schaden, sich dieser Vielstimmigkeit eingedenk zu sein. Die Rücksichtnahme auf alle Stimmen ist schließlich ein Grundelement des demokratischen Gedankens, dem wohl alle diese Gruppen auf die eine oder andere Weise anhängen.

 

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Copyright © Frankfurter Rundschau 2001
Dokument erstellt am 17.10.2001 um 21:29:44 Uhr
Erscheinungsdatum 18.10.2001

 

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