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Wir werden lügen

Der Informationskrieg der Vereinigten Staaten gegen Afghanistan ist in der Phase der Mobilmachung

Von Holger Ehling und Gerti Schön

Informationskrieg lautet das Wort der Stunde, und die Bush-Regierung rüstet sich dafür. Ein erster Hinweis darauf ist die Zensur eines geplanten Taliban-Interviews im Radiosender "Voice of America". Der von der US-Regierung finanzierte Sender hatte eine Stellungnahme des Taliban-Führers Mullah Mohammed Omar ausstrahlen wollen. Das Gespräch sollte Teil eines vierminütigen Beitrags zu den Reaktionen auf die Kongress-Rede des US-Präsidenten sein. Nach Intervention des stellvertretenden US-Außenministers Richard Armitage wurde das Interview nicht gesendet. Ein Sprecher des State Department sagte, Mullah Omars Worte gehörten nicht in "unser Radio".

Den Gegner eines möglichen Krieges zu Wort kommen zu lassen, passt offensichtlich nicht zur Informations-Strategie der Bush-Administration. Dabei war es nichts Neues, was Mullah Omar sagte. Er bekräftigte lediglich die Haltung der Taliban, den mutmaßlich Verantwortlichen für die Terroranschläge in New York und Washington, Osama bin Laden, nicht auszuliefern, solange keine Beweise für seine Schuld vorliegen. Er hatte hinzugefügt, die USA hätten den Terror durch ihre Außenpolitik selbst provoziert. Er forderte die US-Regierung auf, von ihrem "Kreuzzug" gegen den Islam abzulassen, ihre Außenpolitik zu überdenken und nicht zu versuchen, ihre Sicht der Welt allen anderen aufzudrängen.

Militärschläge im Fernsehen

Der Informationskrieg ist längst in der Phase der Mobilmachung. Spätestens seitdem Präsident George W. Bush in der vergangenen Woche in seiner Rede an die Nation sagte, es werde "dramatische Militärschläge geben, die man im Fernsehen sehen wird, und verdeckte Aktionen, die selbst im Erfolgsfall geheim bleiben werden", hat bei den Medienwächter der Nation Alarmstufe Rot eingesetzt. Der Medienkommentator der Washington Post Howard Kurtz berichtete, ein ungenannter Vertreter der Militärs habe angekündigt, wie wichtig "die Intensität an Informationen" für die USA sei. "Wir werden über bestimmte Dinge lügen. Wenn dies ein Informationskrieg ist, dann werden die bösen Jungs mit Sicherheit lügen."

Viele US-Reporter äußern für die Vorsicht der Regierung auch vor laufenden Kameras Verständnis. Schließlich gehe es um Fragen der nationalen Sicherheit. Für den CBS-Nachrichtenmoderator Dan Rather zählt Patriotismus mehr als alles andere. In der David-Letterman-Show bekannte der Altstar offen, er würde alles tun, worum ihn sein Präsident bitte.

Das erste Opfer eines Krieges ist immer die Wahrheit, sagt eine alte journalistische Weisheit. Zuletzt während des Golfkrieges gegen Saddam Hussein 1991 häufig gebraucht, gehört dieser Satz in diesen Tagen wieder zum Standardrepertoire amerikanischen Medienkritiker. Die Administration von George W. Bush scheint keine Skrupel zu haben, im Zuge ihres Kampfs gegen den internationalen Terror kritische Meinungen zum Schweigen zu bringen.

Bei Michael Getler, der als Ombudsmann bei der Washington Post die Qualität der Zeitung im Auftrag der Leser im Auge behält, klingeln die Alarmglocken. Getler war schon vor zehn Jahren ein Kritiker der Zensur während des Golfkrieges gewesen und ahnt nichts Gutes: "Während sich die Nation auf den Krieg vorbereitet, steht die Presse vor dem wahrscheinlich ernstesten und grundsätzlichsten Testlauf, was ihre Mission in einer freien Gesellschaft angeht", orakelt er dunkel in seiner montäglichen Kolumne.

Noch ist nicht einmal klar, wie weit die Regierung Journalisten vorlassen wird. Hieß es anfänglich noch, dass überhaupt keine Reporter die Kampfhandlungen begleiten dürften, erklärte das Pentagon jetzt, es gebe Pläne für eine Regelung wie im Golfkrieg. Damals wurde von den so genannten Poolreportern, eine Gruppe von Journalisten der wichtigsten US-Medien, jeweils einer zu den militärischen Aktionen zugelassen, der die Informationen dann an die anderen weitergeben musste. Alle Berichte wurden vor der Veröffentlichung zensiert.

Organisationen wie das Center for Public Integrity (http://www.public-i.org/) in Washington weisen darauf hin, dass die USA über die vergangenen zehn Jahre "verstörende Muster" in der Informationspolitik während kriegerischer Auseinandersetzungen praktiziert haben. Dabei wurde dies bis zum Einmarsch amerikanischer Truppen in Grenada 1983 anders gehandhabt. Im Zweiten Weltkrieg, wie auch während des Kriegs in Korea und Vietnam, konnten Reporter weitgehend ungehindert recherchieren. Das führte in der Folge dazu, dass die Presse beschuldigt wurde, sie habe durch ihre demotivierenden Berichte zum Verfall der Truppenmoral und schließlich zur Niederlage in Vietnam beigetragen.

Doch die Nachrichtenorganisationen sorgen bereits für den Fall vor, dass sie völlig auf sich selbst angewiesen sind. CNN hat, nach der Ausweisung seines letzten Reporters in Taliban-kontrolliertem Gebiet in der vergangenen Woche, einen satellitengesteuerten Übertragungsstandort im Norden Afghanistans aufgebaut, der im Territorium der oppositionellen Nord-Allianz liegt. Doch die dort stationierten drei Teams können nur hoffen, dass es auch etwas von dort zu berichten gibt, weiß doch keine Zeitung und keine Fernsehstation, wo genau die Militäraktionen stattfinden werden.

CNN hat weitere 75 Reporter in 17 verschiedenen Ländern von Jemen bis Tadschikistan auf die Story angesetzt. Die Nachrichtenagentur Associated Press kann auf Dutzende von Mitarbeitern innerhalb und außerhalb Afghanistans zurückgreifen, sogar NBC hat auf die Kritik, in den vergangenen Jahren kaum Auslandsberichte gebracht zu haben, reagiert und rund 50 Reporter in die Umgebung geschickt.

Tom Wolzien, Analyst bei dem Forschungsinstitut Sanford Bernstein, prophezeit gar, dass das Networks künftig wieder mehr Geld in ihre Auslandsberichterstattung stecken müssten, das in den vergangenen 15 Jahren rigide gekürzt worden ist. Seiner Ansicht nach müssten sie ihre Nachrichtenbudgets, die pro Network bei rund 400 Millionen Dollar jährlich liegen, um ein Drittel erhöhen. Marcy McGinnis, Vizepräsidentin der CBS-Nachrichten, sagt gegenüber dem Fachmagazin Broadcasting & Cable: "Wir werden nie genug Geld für eine Geschichte mit derartigen Dimensionen haben. Man muss es einfach machen. Niemand wird hinterher sagen, es war falsch."

Ob Geld allein jedoch ausreichen wird, um verlorenes Terrain wieder gutzumachen, ist fraglich. Danny Schechter, Gründer der medienkritischen Internetseite mediachannel.org weist darauf hin, dass die Networks ihre Nachwuchstalente früher kaum auf Auslandsberichterstattung angesetzt haben und ihnen daher komplexes Hintergrundwissen fehle. "Die Journalisten sind selbst nicht besonders gut informiert", sagt er. "Sie sehen dies als patriotische Mission. Das Land wurde angegriffen, Menschen wurden getötet und sie sind sehr verstört darüber. Die Objektivität kann da sehr darunter leiden."

Obwohl über jede Art der Manipulation unter anderem auf Hochschul-Webseiten wie poynter.org/medianews auch sofort diskutiert wird, erregt es dennoch Unbehagen, wie häufig solche Versuche schon jetzt vorkommen. In der ABC-Talkshow Politically Incorrect hatte beispielsweise der Moderator Bill Maher darauf hingewiesen, dass man die Attentäter selbst nicht unbedingt als Feiglinge bezeichnen könne. Feige wäre es vielmehr, wenn die USA "aus 2000 Meilen Entfernung" nun Zivilisten in Afghanistan bombardieren würden. Dieser Bemerkung folgte nicht nur ein Sturm der Entrüstung. Zwei der Werbetreibenden, der Kurierdienst FedEx und die Automarke Sears, zogen daraufhin ihre Werbespots zurück. Der Moderator entschuldigte sich umgehend.

Nur noch Platz für Mainstream

"Es besteht eine Menge Druck auf die Journalisten, bestimmte Positionen zu vertreten, und Ansichten, die nicht zum Mainstream passen, bekommen nicht viel Platz in den Medien", sagt Schechter, der auf seine eigenen Kolumnen vorwurfsvolle E-Mails erhält. Eine Friedensdemonstration auf dem New Yorker Union Square mit rund 3000 Teilnehmern wurde zum Beispiel von den Medien kaum beachtet. "Dies ist eine kleine, feine Minderheit, aber ihre Stimmen werden nicht gehört", resümiert Schechter. "Leute, die eine andere Meinung haben, werden behandelt wie Verräter."

Der Informationskrieg hat begonnen: "Wir waren nicht der Überzeugung, dass der amerikanische Steuerzahler, Voice of America, die Stimme der Taliban ausstrahlen sollte", sagte der Sprecher des US-Außenministeriums zur Zensur des "Voice of America"-Interviews. Auf die Frage, ob der Sender denn ein Gespräch mit dem gesuchten mutmaßlichen Terroristen Osama bin Laden ausstrahlen würde, sagte er: "Wenn er etwas von Neuigkeitswert sagen will, wo er sich stellen möchte, wäre das in Ordnung."

Siehe auch das FR-Spezial Terror in den USA

 

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Copyright © Frankfurter Rundschau 2001
Dokument erstellt am 25.09.2001 um 21:31:44 Uhr
Erscheinungsdatum 26.09.2001

 

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