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11. SEPTEMBER 2001 Rache als Raison d´être
Wir haben Günter Gaus um einen
Kommentar zu den Reaktionen auf die Terroranschläge in den USA gebeten.
Gaus, der derzeit in einem Arbeitsurlaub an einem Buch über seine
Erinnerungen schreibt, hat uns eine Tagebuch-Eintragung zur Verfügung
gestellt. Es folgt der Text.
Aus meinem Tagebuch vom 15.
September 2001: Im österreichischen Ferienquartier sehen wir den
amerikanischen Präsidenten im Fernsehen, als er »das Böse« aus der Welt zu
schaffen ankündigt und verspricht. Wäre es doch allein der prahlerische
Jargon eines Demagogen gewesen. Aber George W. Bush sprach spürbar als der
allerchristlichste Staatenlenker, der an der Spitze einer herkömmlich
frömmelnden Nation gottgefällig sein will. Der so gläubig wie routiniert
vorgetragene Anspruch, das Böse, das die imperiale Macht selbstherrlich
nicht als einen Feind, sondern als das Böse schlechthin ausgemacht hat, in
der Welt zu tilgen - diese Anspruch ist hybrider noch als jeder Turmbau zu
Babel. Religiöse Aufwallungen als Ausdruck politischen Selbstbewusstseins
gibt es in den USA öfter; mit öffentlichen Gebeten sind die Politiker
schnell bei der Hand. Aber diesmal triumphiert das Alte Testament
vorbehaltlos über das Neue.
Man muss nicht gläubig sein, um tief
zu erschrecken vor der Sinnentleerung, vor dem selbstgerechten
Niedertreten der christlichen Botschaft in Christis Namen. Auch der
Atheist, der bei Sinnen geblieben ist nach dem Fall der Türme in New York,
muss sich ängstigen bei dem zu Tage tretenden Abfall von der christlichen
Gesittung: So dünn also ist die Glasur der Zivilisation. Selbst in den
weithin laizistischen Staaten des Westens, und die USA verstehen sich
nicht als einen solchen, gilt die christliche Moral als ein wesentlicher
Bestandteil des westlichen Wertekanons. Sie diente zur Begründung der
sittlichen Überlegenheit über den gottlosen Sozialismus; auch aus ihr
wurde die Behauptung einer höheren Freiheit des Westens abgeleitet.
Nicht, dass ich den herrschenden und tonangebenden Kräften in
meiner Welt darin gefolgt wäre. Aber das Unverhüllte an Präsident Bushs
Preisgabe wesentlicher Gebote und Glaubenssätze der abendländischen
Zivilisation ans Barbarische raubt auch einem Skeptiker den Atem. Nicht
wirklich überrascht zu sein, ist kein Trost, nun es ernst wird und die
Zeit der europäischen Witzeleien über den Texas-Ranger im Weißen Haus
vorüber ist. Selbst wenn es überwiegend Gerede bleiben sollte, was Bush so
sagt - kennzeichnend ist, auf welchem Niveau gegebenenfalls der nationale
Einklang der westlichen Führungsmacht, der Hüterin unserer höchsten Werte,
hergestellt wird. Wir sind nicht besser: Aber wir sind schwächer. Das Böse
werden Bush und seine ihn anscheinend treibenden Ratgeber nicht aus der
Welt verbannen können, aber die Vernunft und ihre Maßstäbe haben sie
vorerst in den Untergrund getrieben.
Der Terror ist nicht mit den
Arabern in die Welt gekommen und auch nicht mit den Amerikanern, die ihn
freilich auch schon ausgeübt haben: Mag sich über die Notwendigkeit, im
August 1945 eine Atombombe auf Hiroshima zu werfen, diskutieren lassen, so
war die zweite Atombombe, die auf Nagasaki, der blanke Terror. Im Blick
auf den Nahen Osten wird man in Anlehnung an Clausewitz sagen können, dass
der Krieg, zu dem Amerika sich jetzt rüstet - ohne schon zu wissen, wo es
ihn führen soll -, die Fortsetzung der Nicht-Politik mit anderen Mitteln
ist. Rache wird für lange Zeit die Raison d¢être der einzig verbliebenen
Weltmacht sein. Es ist zu verstehen; es ist das Nächstliegende; es ist am
Ende das Selbstmörderische.
Und wie lieben wir Land und Leute in
den USA, wo wir, rechnet man alle Aufenthalte in Jahrzehnten zusammen,
weit über ein Jahr kreuz und quer gereist sind.
So, wie ich uns
Deutsche kenne, werden wir hinter den USA nicht zurückstehen wollen. Wehe
den Ausländern in Deutschland, die von südländischer Erscheinung sind oder
gar eine hell- bis mittelbraune Hautfarbe haben - nicht nur, wenn sie,
häufiger nun als bisher schon, unter die Stiefel deutscher Jünglinge
geraten, sondern auch wenn sie der Polizei in die Hände fallen oder
Behörden ausgeliefert sind. Die Annäherung der Berliner Republik an einen
Polizeistaat wird alsbald in der Sprache der Politiker Züge des quasi
Gottgewollten annehmen.
Meine Zukunftsängste rühren aus
Erinnerungen her. Ende des Zitats aus meinem Tagebuch. |