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Die Globalisierung schlägt zurück

Die Terrorakte in den USA zeigen: Außenwirtschafts- und Entwicklungspolitik müssen einem Paradigmenwechsel unterzogen werden / Von Ernst-Otto Czempiel

Die Welt ist ein Wirkungszusammenhang geworden, betont Ernst-Otto Czempiel. Deshalb sei es unzulässig, die Globalisierung weiterhin lediglich als Einbahnstraße zu betreiben. Dort herrsche nämlich lebhafter Gegenverkehr. Dass der auch unsere Sicherheit berühre, zeigten die Attentate in den USA vom 11. September. Wir dokumentieren Ernst-Otto Czempiels Analyse in gekürzter Fassung. Der Frankfurter Friedens- und Konfliktforscher hat den Vortrag am Samstag, 3. November 2001, bei den Römerberggesprächen in Frankfurt am Main gehalten.

1.

Jeder Versuch einer Deutung des Massenmords vom 11. September 2001 in Washington und New York muss mit einer Vergewisserung über den Umfang der Tat beginnen. Sie hat mehrere Tausend völlig unbeteiligten Menschen das Leben gekostet - eine unvorstellbar große Zahl. Diesen Opfern und ihren Angehörigen gilt das menschliche Mitgefühl, galten die Kerzen, die in der atlantischen Welt zum Zeichen der Solidarität entzündet worden sind. Hier ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt worden, und die Menschen, nicht nur in der atlantischen Welt, haben es so empfunden und darauf reagiert.

Mitten im Frieden ist eine Gewalttat verübt worden, die allein schon wegen der Zahl der Opfer in die Dimension des Krieges gehört. Sie sprengt den herkömmlichen Begriff des Terrors, dessen Opfer bisher meist zweistellig, höchstens dreistellig zu zählen waren. Die Untaten des 11. September sind mit einer arbeitsteiligen Präzision und der Beherrschung hoch komplexer Technologie ausgeführt worden, die auf eine generalstabsmäßig arbeitende Organisation hindeuten, also auf eine paramilitärische Einheit. Auch deswegen muss dieser Angriff aus der Luft als kriegerischer Akt gelten, auch wenn er eben nicht von einem Staat, sondern einem gesellschaftlichen Akteur ausgeführt worden ist. Es steht zu befürchten, dass am 11. September ein regelrechter Feldzug eröffnet worden ist, in dem weitere Akte der Gewalt eingesetzt werden könnten.

Die militärische Intervention in Afghanistan, ausgeführt vornehmlich von den USA und Großbritannien, rechtfertigt sich weniger durch eindeutige Beweise dafür, dass der gesellschaftliche Akteur in der Organisation Osama bin Ladens zu finden ist, als vielmehr aus dem Anspruch auf Vergeltung. Das ist auf den ersten Blick verständlich, hält aber dem zweiten nicht stand. Natürlich müssen die Schuldigen gefunden und bestraft werden; sie sitzen aber nicht nur am Hindukusch, sind schon gar nicht identisch mit den Taliban. Sie müssen dort gesucht und gefunden werden, wo sie hergekommen sind, in den USA und in Europa.

Damit wäre auch einer weiteren, noch sehr viel wichtigeren Forderung gedient. Es muss vor allem verhindert werden, dass dieser Akteur einen weiteren Anschlag verübt. Auch das kann nicht in Afghanistan, sondern nur in den USA und in Europa geschehen. Es wird hier viel unternommen, bei weitem aber nicht mit dem Nachdruck, dessen sich die militärische Intervention in Afghanistan erfreut.

Drittens muss schließlich darüber nachgedacht werden, warum diese Gewalttat begangen worden ist. Dazu muss man den Begriff des Terrorismus fallen lassen, weil er die Antwort schon vorgibt. Terroristische Gewalt wird nur um des Effektes halber angewendet. Sie ist politisch blind und hat nur ein klar erkennbares Interesse: das der Gewaltanwendung. "Es ist schwer, die Motive der neuen Terroristen zu analysieren", schrieb Walter Laqueur 1998, "denn wie lässt sich Fanatismus quantifizieren?" Diese Resignation sollte unter allen Umständen aufgegeben werden. Die undifferenzierte Anwendung des Terrorismusbegriffs auf alle Arten der Gewaltanwendung durch nicht-staatliche Gruppen erschwert deren differenzierte Beurteilung und damit deren gezielte Bekämpfung. Umso leichter kann der pauschalierte Terrorismusbegriff den totalitär-autokratischen Regierungen als Allzweckargument dienen, jeden Widerstand zu disqualifizieren und damit jeden Kompromiss zu verweigern.

2.

Stattdessen sollte der Terrorismusbegriff für den Fall reserviert bleiben, auf den er wirklich zutrifft und in den beiden anderen, wichtigeren Fällen von der Anwendung physischer Gewalt durch gesellschaftliche Akteure gesprochen werden, die damit bestimmte, benennbare Zwecke verfolgen. Zum Terrorismus würden dann nur diejenigen Gewaltakte zählen, die politisch gewissermaßen gesichtslos sind und einem blinden Drang zur Zerstörung und Vernichtung von Menschenleben folgen.

In diese Kategorie fallen die Zerstörung des Bürohochhauses in Oklahoma City, für die der Urheber McVeigh im Frühjahr 2001 hingerichtet worden ist, und der Giftgasangriff der japanischen Aum-Sekte in der Tokioter U-Bahn, für den ebenfalls viele Todesstrafen verhängt worden sind. Diese Gewaltakte sind Terrorismus pur.

In diese Kategorie fallen wahrscheinlich auch die Milzbrandanschläge in den USA. Sie verbreiten Terror und erzeugen Angst, aber sie tragen keinerlei politische Signatur, denn: Sie haben kein Publikum.

Ganz anders verhält es sich mit der physischen Gewalt, die gesellschaftliche Akteure zu Gunsten konkreter politischer Ziele dann einsetzen, wenn alle anderen, nicht gewaltsamen Mittel versagt haben. In der Regel findet diese Gewaltanwendung innerhalb eines Staates statt. Revolutionäre versuchen, eine für sie untragbar gewordene Regierung zu stürzen; unterdrückte Minderheiten, eine ihnen aufgezwungene Herrschaft abzuschütteln. Im nationalen oder ethischen Befreiungskampf wird dann die Sezession angestrebt. Der bewaffnete Widerstand gegen eine als Besatzung empfundene Fremdherrschaft dient der Herstellung oder der Wiederherstellung eigenstaatlicher Autonomie. In diese Kategorie der physischen Gewaltanwendung fallen die Auseinandersetzungen in Nordirland, im Baskenland, in Korsika, in Kosovo und in den von Israel besetzten Gebieten Palästinas.

Die die Gewalt proklamierenden und ausübenden Gruppen sind bekannt, ebenso ihre Führer; sie verfolgen ein klar formuliertes politisches Programm, das sie mit gewaltsamem Widerstand zu verteidigen und mit der autonomen Anwendung von Gewalt durchzusetzen versuchen.

Sie werden von der Regierung, gegen die sie sich richten, schnell als Terroristen bezeichnet, der Begriff dient hier als politische Waffe. Er unterfordert aber die exakte Situationsanalyse und überbetont die Kompromissverweigerung der Regierung. Die Widerstandskämpfer der Albaner in Kosovo wurden von Belgrad ebenso als Terroristen bezeichnet wie die im Westen Mazedoniens operierende UCK von Skopje. In beiden Fällen verhalfen Eingriffe der Nato diesen "Terroristen" zur politischen Gleichberechtigung. Der Freiheitskämpfer Nelson Mandela wurde von Pretoria jahrzehntelang als Terrorist gefangen gehalten, bis er dann zum Staatspräsidenten aufstieg. Der Präsident der palästinensischen Autonomiebehörde, Arafat, wurde jahrzehntelang von Jerusalem als Terrorist disqualifiziert.

Diese große Gruppe von Gewalttätern sollte nicht pauschal als Terroristen diskriminiert, sondern als gesellschaftliche Akteure bezeichnet werden, die zu Gunsten konkret benannter politischer Ziele Gewalt einsetzen. Die Gewaltanwendung ist selbstverständlich stets illegal. Sie kann aber sehr wohl legitim sein und in dieser Perspektive auch den Anspruch auf künftige Legalität bereits besitzen. Wie beide verteilt sind, kann und muss durch eine sorgfältige Analyse erhoben werden.

Wie lässt sich der Massenmord vom 11. September 2001 einordnen?

Mit dem Schrecken, den sie in den USA und in der industrialisierten Welt verbreitet und mit der Anonymität, hinter der sich ihre Urheber versteckt haben, scheint diese Gewaltanwendung den Begriff des Terrorismus zu rechtfertigen. Dennoch wäre es falsch, diesen Gewaltakt in die oben erwähnte Kategorie des blinden, gesichtslosen Terrors einzuordnen. Gerade weil so viele unschuldige Menschen ums Leben gekommen sind, muss der Gewaltakt gedeutet und nicht durch die Verwendung des Terrorismusbegriffs gegen jegliche Analyse immunisiert werden.

Mit der Auswahl des World Trade Centers und des Pentagon haben die Gewalttäter Symbole der USA und der westlichen Welt zerstört, deren Repräsentativität genauso groß ist wie weiland die der Monarchen, die Attentätern zum Opfer fielen. Mit Recht muss daher ein politischer Hintergrund vermutet werden. Er muss unbedingt erhellt werden, damit er politisch bearbeitet werden kann. Dies ist nach der Verhinderung weiterer Anschläge und der Bestrafung der Täter die dritte Aufgabe, die der Gewaltakt des 11. September hinterlässt. Es ist bei weitem die wichtigste und gleichzeitig auch die schwierigste Aufgabe.

Wer diese Gewalttat ausgeführt hat, wissen wir, wer sie angeordnet und organisiert hat, wissen wir nicht. Dass es bin Laden war, ist nur eine Vermutung. Selbst wenn sie zutrifft, war er es nicht allein, sondern als Teil eines Netzwerks, das sich über viele Staaten erstreckt. Präsident George W. Bush hat eine Woche nach dem Anschlag Usbekistan und Ägypten als Staaten genannt, in denen sich solche Netze befinden. Vermutlich sind sie in mehr als 60 Staaten anzufinden.

Ob die Mitglieder dieser Netze, wenn ihnen die Selbstmordattentäter von New York und Washington zuzurechnen sind, aus politischen Motiven handelten, lässt sich nicht feststellen. Individuell können die unterschiedlichsten Ursachen zusammengeflossen sein, aus denen die Gewaltanwendung erwuchs. Religiöser oder politischer Fanatismus, individuelle Frustration, Rachegefühle und reine Mordlust können eine Rolle gespielt haben. Da die Täter ums Leben gekommen sind, kann nicht mehr geklärt werden, welche Ursachen die einzelnen von ihnen zu dieser Untat getrieben haben.

Deutlich sichtbar aber sind die Adressaten der Aktion, es sind alle diejenigen, die sie als richtig und angemessen betrachtet, sie sogar begrüßt haben. Sie sind vor allem in der arabischen Welt, aber nicht nur dort zu finden. Diese Öffentlichkeiten bilden die Quelle, die die Bereitschaft zur Gewaltanwendung speist. Sie sind nicht deren Ursache; sie bleibt, wie erwähnt, unerforschlich. Aber auch der aus diesen unentwirrbaren Einzelmotiven handelnde Gewalttäter ist darauf erpicht, für seine Gewalttat Anerkennung bei einer erkennbaren politischen Gruppe zu finden. Sie bildet sozusagen den Kontext, auf dessen Zustimmung die Gewalttat gesetzt hat. Von der Größe dieser Zustimmung hängt der politische Erfolg des Gewalteinsatzes ab. Ist der Konsens marginal, oder fehlt er gar, war die Tat vergebens und wird auf Dauer nicht wiederholt werden.

In dieser Situation fand sich die RAF in der Bundesrepublik. Ihre mörderischen Attentate fanden in der deutschen Bevölkerung keinerlei Resonanz; auch ihre Fortsetzung über eine gewisse Zeit vermochte nicht, diese Zustimmung zu erzeugen. Daran ist die RAF zusammengebrochen - wozu selbstverständlich die erfolgreiche Verfolgung der Haupttäter einen unentbehrlichen Beitrag geleistet hat.

Mao Tse Tung hat diese allgemeine Abhängigkeit des politischen Gewalttäters von der Zustimmung seiner Adressaten in dem Bild der Fische festgehalten, die auf das Wasser angewiesen sind, um schwimmen zu können. Das Wasser hat die Fische nicht erzeugt, es hat mit ihnen direkt nichts zu tun, aber es trägt sie. Läuft es aus oder gibt es kein Wasser, gibt es keine Fische.

An der Reaktion der Umwelt lässt sich ablesen, ob es sich um blinden Terrorismus oder eine politisch gerichtete Gewalt handelt. Reagieren Öffentlichkeiten einer kritischen Größe auf die Gewaltanwendung, dann hat sie eine politische Quelle. Über diesen Kontext seiner Adressaten lässt sich der politische Gewalttäter nicht nur erkennen, sondern auch beeinflussen. Er ist in seinem Erfolg abhängig von der Zustimmung jenes Teils der Gesellschaft, an den er sich wendet. Diese Zustimmung muss nicht von Anfang an vorhanden sein; der politische Gewalttäter kann versuchen, sie gerade mit seinem Gewaltakt zu erzeugen bzw. zu vergrößern. Wenn er sie in keiner Weise findet, verkümmert seine Bereitschaft zur Gewalttat.

3.

Der grausame Gewaltakt vom 11. September wirft damit die Frage auf, ob und in welcher Weise die mit dem Sammelbegriff der "Globalisierung" bezeichneten Handlungen der Industriestaaten zu der Entstehung jenes Kontextes beigetragen haben, den die Gewalttäter im Auge hatten. Über der Beschäftigung mit den Binnenfolgen der Globalisierung für die Industriegesellschaften wurde nie ganz übersehen, dass sie in der von ihr betroffenen Umwelt auch negative Folgen auslöste. Die Zerstörung des World Trade Centers macht darauf aufmerksam, dass die externalisierten Folgen der Globalisierung viel mehr Schaden angerichtet haben müssen, als bislang wahrgenommen. (. . .)

Was wir nicht erkannt haben, ist, dass die Kritik an der Politik der Industriestaaten nicht mehr nur von den Regierungen der nicht-industrialisierten Welt stammte, sondern von gesellschaftlichen Akteuren aufgenommen und zugespitzt worden ist zur wachsenden Bereitschaft zum Widerstand. Die Demonstrationen in Seattle und Genua, die Auseinandersetzungen auf der Anti-Rassismuskonferenz in Durban waren ein Menetekel, aber wir haben nicht hingeschaut.

So ist uns entgangen, dass die Globalisierung, die Expansion unserer Wirtschaftsinteressen sowohl wie die unserer Macht- und Herrschaftsansprüche bei den davon Betroffenen weniger auf Zustimmung als auf Ablehnung und Kritik stößt. Es haben sich eben nicht nur die Politiken der Industriestaaten globalisiert. Auch die Reaktion derjenigen gesellschaftlichen Gruppen, die mit dieser Globalisierung nicht einverstanden sind und sie ablehnen, hat sich globalisiert. In den von der Globalisierung negativ betroffenen Teilen der Welt haben sich gesellschaftliche Akteure aus der Kontrolle ihrer politischen Systeme emanzipiert und ein Aktionspotenzial an den Tag gelegt, das bis zum 11. September niemand für möglich gehalten hatte.

Ob und wie dieses Aktionspotenzial durch den Massenmord in New York und Washington gestärkt oder geschwächt worden ist, wird sich erst zeigen. Wenn der Konsens zugenommen hat - was vom Verhalten der Industriestaaten abhängen wird -, können die politischen Folgen unübersehbar werden. Es ist deshalb schon richtig, einem Akteur wie Osama bin Laden und seinem Netzwerk Al Qaeda große Aufmerksamkeit zu widmen. Ob der Feldzug gegen Afghanistan die richtige Abhilfe darstellt, steht dahin. (. . .)

4.

Diese Netzwerke gewaltsamer Opposition sind nicht identisch mit den Gesellschaften, in denen sie sich befinden; die Gesellschaften sind insofern auch nicht für diese Netzwerke verantwortlich. Sie haben sie auf gar keinen Fall beauftragt, die Globalisierungspolitik der Industriestaaten mit Gewalt zu bekämpfen. Insofern kann diese Globalisierungspolitik auch nicht als Ursache der Gewaltakte angesehen werden. Sie muss aber in ihrem eigenen Interesse sehr viel sensibler registrieren, wie ihre Politik bei den von ihr Betroffenen aufgenommen wird. Trifft sie nicht auf deren mehrheitliche Zustimmung, muss die Politik geändert werden. Andernfalls fördert sie eine politische Haltung, die zur Nährlösung künftiger Gewalttäter werden könnte.

Es ist deshalb aus sicherheitspolitischen Gründen geradezu geboten, sämtliche Außenwirkungen der Politik der Industriestaaten so auszurichten, dass sie mit den wirtschaftlichen und politischen Entfaltungsinteressen der von ihr Betroffenen kompatibel wird.

5.

Hört man die Stimmen der negativ von der Globalisierung Betroffenen ab, so sind die wichtigsten Korrekturen an zwei Politikfeldern vorzunehmen: den ungelösten Konflikten in Nahen und Mittleren Osten und der Ungleichverteilung der Entfaltungschancen zwischen den Industriestaaten und den Entwicklungsländern. Nicht nur für die meisten arabischen Zeitschriften, sondern auch für den saudi-arabischen Verteidigungsminister Prinz Sultan würde eine Lösung des Jerusalem- und des Palästina-Problems allen Gewalttätern ihren wichtigsten Vorwand nehmen.

Denn diese Konflikte, die eine Quelle der Spannung im Mittleren Osten schon seit mehr als 50 Jahren darstellen, betreffen alle Muslime, nicht nur die arabischen. Zu Recht versuchen der amerikanische und der deutsche Außenminister den nahöstlichen Friedensprozess wieder in Gang zu setzen, leider nur mit der üblichen Pendel-Diplomatie. Den immer tiefer in Kommunikationsverweigerung und Gewalt versinkenden Konfliktparteien wäre mit einer Internationalisierung der Konfliktbearbeitung, wie sie Präsident George Bush 1991 mit der Madrider Konferenz eingeleitet hatte, sehr viel besser gedient.

Eine ähnliche Quelle des politischen Terrorismus haben die Industriestaaten durch die seit zehn Jahren anhaltende Strangulierung der irakischen Bevölkerung mit den Sanktionen angezapft. Ihr Zufluss wird seit drei Jahren mit den Bombardierungen Iraks durch anglo-amerikanische Flugzeuge noch verstärkt. Dieser Politik der Industriestaaten sind in Irak mehr als 500 000 Kinder zum Opfer gefallen, als zwar nicht beabsichtigte, aber eingetretene Folge. Seit langem war zu bezweifeln, dass diese Sanktionspolitik politisch Sinn machte. Jetzt ist unübersehbar, dass sie einen großen Beitrag leistet zu dem sich ausbreitenden Gefühl bei der arabischen Gesellschaft, von den Industriestaaten nicht nur unterdrückt, sondern buchstäblich bekämpft zu werden.

Deswegen muss Irak so schnell wie möglich in die mittelöstliche Staatenwelt reintegriert, die Sanktionspolitik im Tausch gegen die anhaltende Kontrolle des Verzichts auf Massenvernichtungswaffen umgehend aufgehoben werden.

Dass die Bombardierung Iraks nicht nur der amerikanischen Absicht entspringt, sozusagen eigenmächtig die Wiederaufrüstung dieses Landes zu verhindern, sondern Teil eines globalen Machtanspruches ist, hat der amerikanische UN-Botschafter Negroponte dem UN-Sicherheitsrat offen geschrieben. Washington behält sich vor, nach dem Sieg in Afghanistan auch andere Staaten der Region anzugreifen. Was sich ausnimmt wie ein Extrem, bildet die Spitze einer seit langem erkennbaren Tendenz der Vereinigten Staaten, die Weltführung unilateral an sich zu ziehen und dabei die Mitsprache anderer Staaten bestenfalls in Form von Konsultationen zu tolerieren. (. . .)

Die Staaten und Gesellschaften der Welt wissen natürlich, dass sie für die Weltführung nicht so wichtig sind wie die USA. Sie sind aber deswegen doch nicht weniger wert. Der frühere Außenminister Genscher hat die Respektierung der Ebenbürtigkeit aller Staaten, auch der kleinsten und der ärmsten, als Grundlage erfolgreicher Führungspolitik bezeichnet. Wird sie vernachlässigt, erscheint der Anspruch auf Weltführung rasch als klassisches Hegemoniestreben, als Versuch, ausschließlich die eigenen Interessen weltweit durchzusetzen und das Aufkommen rivalisierender Machtpositionen zu verhindern.

Unter westlichen Geopolitikern ist es evident, dass in solchen Interessen der Schlüssel nicht nur zur amerikanischen Asien-Politik zu finden ist. Das galt nicht durchweg für alle amerikanischen Präsidenten nach 1990. Wie vor ihnen Jimmy Carter, haben George Bush und vor allem Bill Clinton sich bemüht, die politischen Konflikte dieser Welt zu lösen. Bill Clinton hat sogar versucht, den Totschlagsbegriff der "Schurkenstaaten" aus der Welt zu schaffen und durch den der "Problemstaaten" zu ersetzen. Insgesamt aber ist die Globalisierungspolitik der Weltführungsmacht in der vergangenen Dekade vornehmlich ihren eigenen Interessen zugute gekommen.

Die Westeuropäer haben sich kaum anders verhalten. Sie haben der Globalisierung des Nato-Einsatzes im neuen Konzept des Bündnisses vom April 1999 nicht widersprochen, haben nicht verhindert, dass der Luftkrieg gegen Serbien in aller Welt als Probelauf dieses neuen Konzeptes aufgefasst wurde. Der Aufbau eines eigenen europäischen Krisenreaktionskurses gibt diesen Deutungen weitere Nahrung. Hat sich nicht die Nato den Mazedoniern geradezu aufgezwängt, ohne jedes UN-Mandat, sondern in eigener Mandatierung? Die AKP-Politik der Europäischen Union hat keinen Konflikt in Afrika verhindert, keinen gelöst. Den mit der EU eng verbundenen Staaten Afrikas südlich der Sahara geht es nach 48 Jahren der Assoziation mit Westeuropa wirtschaftlich schlechter als je zuvor.

6.

Die Kritik an einer Globalisierung, die vornehmlich den Interessen der westlichen Industriestaaten dient, hat auf den Demonstrationen von Seattle und Genua größere Wirkung gezeigt. Die Welthandelskonferenz will sich den Entwicklungsländern stärker öffnen, sozusagen eine "Entwicklungsrunde" einläuten. Das ist mehr als überfällig. Die Entwicklungspolitik hat angesichts ständig steigender Bevölkerungszahlen viel erreicht, aber eben nicht genug. Noch immer leben 1,3 Milliarden Menschen in absoluter Armut.

Fast ein Viertel der Menschheit gibt als Folge des Hungers und der Armut den "Nährboden für Terrorismus" ab, wie die Vorsitzende der Welthungerhilfe, Ingeborg Schäuble, Anfang Oktober in Berlin gesagt hat. Der Krieg gegen den Terrorismus muss daher ein Krieg gegen die Armut sein, fordert die philippinische Präsidentin Arroyo.

Und dennoch haben sich auf ihrem Millenniumsgipfel die Vereinten Nationen im September 2000 nur zu dem Versuch entschlossen, die Zahl der Armen und der Hungernden bis zum Jahr 2015 zu halbieren. Auch die Bundesregierung setzt mit ihrem "Aktionsprogramm 2015" keine kürzeren Fristen. (. . .)

Wer die Quellen des internationalen Terrorismus verstopfen will, muss die Außenwirtschafts- und gerade auch die Entwicklungspolitik einem Paradigmenwandel unterziehen. Die Verteilungsgerechtigkeit auf diesen Feldern zu erhöhen, ist nicht mehr nur eine Forderung der Moral und der Humanität, sie ist am 11. September eine Forderung der Sicherheitspolitik geworden.

Man kann in einer sich globalisierenden Welt, in der die Staaten aneinander und teilweise schon ineinander geschoben und gesellschaftliche Gruppen zu eigenständigen Akteuren im zwischenstaatlichen Raum geworden sind, Weltpolitik nicht mehr von Verteidigungsfähigkeit trennen.

Zwar haben wir noch nicht die "Weltinnenpolitik", von der die beiden früheren Bundespräsidenten von Weizsäcker und Herzog gesprochen haben, aber die Strukturen der sich globalisierenden Welt sind denen der Innenpolitik schon analog. Die Welt ist ein Wirkungszusammenhang geworden, so dass die globale Verfolgung macht- und wirtschaftspolitischer Interessen Reaktionen der davon Betroffenen weltweit hervorrufen. Sie fallen unterschiedlich aus, reichen im Extremfall bis zur Gewaltanwendung. Passives Erleiden, stumme oder laute Kritik an den Industriestaaten, politische Opposition gegen sie und das Anwachsen entsprechender Feindbilder sind die Vorstufen.

Vor 20 Jahren noch wurden die USA von den Gesellschaften des Nahen und Mittleren Ostens als Freund angesehen, jetzt muss das Außenministerium in Washington allen Amerikanern vom Besuch dieser Länder abraten. Ähnlich ergeht es den Westeuropäern in Afrika.

Es ist unzulässig, die Globalisierung weiterhin als Einbahnstraße anzusehen; hier herrscht inzwischen lebhafter Gegenverkehr. Er tangiert sogar unsere Sicherheit. Deren Begriff muss also nicht nur erweitert, er muss gänzlich neu formuliert werden. Verteidigung gehört natürlich dazu; ihr vorgelagert aber muss eine Außenpolitik werden, die sich selbst als Sicherheitspolitik in einer globalen Welt begreift und sich so verhält, dass sie auch die Zustimmung der von ihr Betroffenen findet. Entwicklungshilfe ist moderne Sicherheitspolitik, Außenwirtschaftspolitik auch. Beide müssen mit dieser Elle gemessen und bewertet werden.

Wer in der globalisierten Gesellschaftswelt das Außenpolitikverständnis der alten Staatenwelt weiter praktiziert, die Sicherheit den Streitkräften und das Wohlergehen der Wirtschaft anvertraut, lebt gefährlich. Diese Art der Globalisierung schlägt zurück.

 

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Copyright © Frankfurter Rundschau 2001
Dokument erstellt am 04.11.2001 um 21:34:08 Uhr
Erscheinungsdatum 05.11.2001

 

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