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URSACHENFORSCHUNG Der amerikanische Linguist und Gesellschaftskritiker Noam
Chomsky mit dem Belgrader Sender "B 92" über Osama bin Ladens Lobby im
Nahen Osten und Pakistans Dilemma nach dem US-Ultimatum
FRAGE: Warum glauben Sie, ist es zum Angriff auf New
York gekommen?
NOAM CHOMSKY: Um das zu beantworten, müssen
zuerst die Täter identifiziert sein. Die werden - schlimm genug - im Nahen
Osten vermutet. Wahrscheinlich gehen die Angriffe auf das Netzwerk von
Osama bin Laden zurück, auch wenn sie nicht notwendigerweise von ihm
befohlen wurden. Nehmen wir an, das stimmt. Dann müssen wir uns die
Überzeugungen bin Ladens, die Stimmungslage seiner Unterstützer in der
Region ansehen. Und darüber wissen wir eine ganze Menge ...
Was?
Das Wall Street Journal
veröffentlichte am 14. September eine Meinungsumfrage unter reichen,
privilegierten Muslimen der Golfregion mit guten Verbindungen in die USA.
Die Banker, Angestellten und Geschäftsleute gaben Ansichten wieder, die
denen bin Ladens und seiner Unterstützer sehr ähnlich sind: Ärger über
eine Politik der USA, die israelische Verbrechen unterstützen und seit
Jahren einen internationalen Konsens zur diplomatischen Lösung der
Nahostkrise blockieren, gleichzeitig aber die irakische Zivilgesellschaft
zerstören; Ärger über eine US-Politik, die unterdrückerische,
antidemokratische Regimes in der Region protegiert und damit auch
Barrieren für wirtschaftliche Entwicklung errichtet. Unter der großen
Mehrheit der Bevölkerung, die direkt von Armut und Unterdrückung betroffen
ist, wiegen solche Gefühle viel stärker. Sie sind eine Quelle von Wut und
Verzweiflung, die in der Vergangenheit immer wieder zu
Selbstmordanschlägen geführt hat.
Das sehen viele
Kommentatoren im Westen anders.
Ja, in den USA und im Westen
überhaupt, bevorzugt man vielfach komfortablere Erklärungen. Sie sehen in
den Tätern Menschen, die vom Hass auf die im Westen verbreiteten Werte wie
Freiheit, Toleranz, Wohlstand, religiösen Pluralismus und allgemeines
Wahlrecht getrieben werden. Die Handlungen der USA scheinen da irrelevant
und keiner weiteren Erwähnung zu bedürfen. Ein bequemes Weltbild - eine
Haltung, die in der Geistesgeschichte nicht unbekannt ist.
Nach dem Schock kam die Angst davor, wie die USA reagieren
werden. Haben Sie auch Angst?
Wir alle müssen Angst haben vor
der Reaktion, die bereits angekündigt ist und ganz offensichtlich alle
Gebete Osama bin Ladens erhört. Höchstwahrscheinlich wird diese Reaktion
die Spirale der Gewalt in bekannter Manier nach oben drehen - nur diesmal
in einem ungleich größeren Ausmaß.
Was meinen Sie
konkret?
Die USA haben von Pakistan verlangt, jene
Verbindungslinien zu kappen, über die bisher wenigstens Teile der
hungernden und leidenden Zivilbevölkerung Afghanistans mit Nahrungsmitteln
und anderem versorgt werden. Wenn dieser Forderung entsprochen wird,
müssen Menschen, die nicht das Geringste mit Terrorismus zu tun haben
sterben, vielleicht sogar Millionen Menschen. Lassen Sie mich das
wiederholen: Die USA verlangen von Pakistan, möglicherweise Millionen
Menschen zu töten, die ihrerseits Opfer der Taleban sind. Das hat nicht
einmal etwas mit Rache zu tun. Das geschieht auf einem noch niedrigeren
moralischen Niveau.
Und wenn Pakistan sich weigert?
Wenn Pakistan dieser US-Forderung nicht nachkommt, könnte es
selbst zum Angriffsziel werden - mit völlig unvorhersehbaren Konsequenzen.
Wenn es sich jedoch beugt, könnte es passieren, dass die Regierung von
Kräften gestürzt wird, die den Taleban nicht unähnlich sind - dann aber
auch über Atomwaffen verfügen. Das würde Auswirkungen auf die ganze Region
haben, bis hin zu den Golfstaaten. Und an dieser Stelle müssen wir auch
mit der Möglichkeit eines Krieges rechnen, der große Teile der
menschlichen Gesellschaft zerstören könnte.
(Gekürzte,
bearbeitete Fassung) |