Marx-Jubiläen wurden in der Arbeiterbewegung und
im Staatssozialismus traditionell begangen. Vor 100 Jahren würdigte Max
Adler Marx als Denker. 1913 – zum 30. Todestag – referierte Clara
Zetkin über Marx’ Lebenswerk, und Wladimir Iljitsch Lenin
veröffentlichte seinen berühmten Aufsatz »Drei Quellen und drei
Bestandteile des Marxismus«. 1918 erschien von Franz Mehring die wohl
bedeutendste und weit verbreitete Marx-Biographie. Das erste
Nachkriegsjubiläum wurde in der DDR mit einem Karl-Marx-Jahr 1953
begangen. Die eigentlich große Marx-Rezeption in Ost und West ist mit
seinem 150. Geburtstag 1968 verbunden. 1983 – zum 100. Todestag – hieß
es in der DDR: »Revolutionär und Theoretiker der Arbeiterklasse«. Nun
sind schon wieder 25 Jahre vergangen. In diesen Zeitraum fiel der
Zusammenbruch des Staatssozialismus, der gleichsam mit dem Abgang von
Marx von der Weltbühne verbunden wurde: »Marx ist tot – es lebe Jesus!«
Weit
gefehlt! – muß man ausrufen. Gedankenriesen vom Typ eines Marx können
nicht durch gesellschaftliche Veränderungen, unabhängig davon, wie man
sie beurteilen mag, aus dem Gedächtnis gelöscht werden. Wie hat sich in
den letzten 15 Jahren unser Marx-Bild verändert?
2003 wurde Marx
in der großen ZDF-Umfrage unter den »Großen Deutschen« auf Platz drei
gewählt. Seitdem ist Marx offenbar wieder »gesellschaftsfähig«
geworden. Selbst Banker in den USA sollen erstmals das »Kapital«
gelesen haben. Sogar der Papst meldete sich zu Wort. In einer Enzyklika
heißt es: »Marx hat mit eingehender Genauigkeit, wenn auch parteilich
einseitig, die Situation seiner Zeit beschrieben und mit großem
analytischen Vermögen die Wege zur Revolution dargestellt.« Benedikt
XVI. entfernt sich mit dieser Marx-Würdigung von einer Verketzerung
seiner Ideen durch die katholische Kirche – ein höchst beachtlicher
Vorgang.
Anläßlich der diesjährigen Jubiläen hat die
Literaturfülle wieder zugenommen, die von einer neuen Marx-Renaissance
zeugt. Marx ist zudem aktuell, weil viele Begriffe – wenn auch nicht
immer von ihm geprägt, aber doch mit neuem analytischen Inhalt gefüllt
– unser Alltagsleben beherrschen. Marx’ Analyse und Kritik des
Kapitalismus ist so lebendig, daß selbst eine Verfilmung des »Kapitals«
angekündigt ist.
Im Unterschied zur Marx-Würdigung am Anfang des
20. Jahrhunderts befinden wir uns heute in einer vorteilhafteren Lage:
Wir gewinnen immer mehr Einblick in das Gesamtwerk von Marx, und es
erschienen Tausende Bücher, Broschüren und Artikel über ihn. Unser
Marx-Bild hat sich seit der politischen Wende wesentlich verändert: in
der Wertung und historischen Einordnung seiner theoretischen
Vorstellungen sowie in ihrem Vergleich zu denen seiner Vorgänger und
Zeitgenossen. Dazu beigetragen hat vor allem die Herausgabe der
Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) und die in ihrem Umfeld
veröffentlichten Forschungsergebnisse.1 Die MEGA, die seit 1975
erscheint und seit 1990 von der politisch unabhängigen Internationalen
Marx-Engels-Stiftung Amsterdam (IMES) herausgegeben wird, hat dank
einer internationalen Rettungsaktion und einer positiven Evaluierung
durch den deutschen Wissenschaftsrat den Zusammenbruch der DDR
überlebt. Seitdem sind 16 neue Bände erschienen.
Marx als kritischer Ökonom
In wenigen Wochen wird die Edition
des Marx’schen »Kapitals« und der ökonomischen Manuskripte in der II.
Abteilung der MEGA mit dem Band II/13 weitgehend abgeschlossen sein (es
fehlt dann noch der Teilband II/4.3). Das ist ein Ereignis von großer
wissenschaftlicher und politischer Bedeutung, auch weil einige Bände in
deutsch-russisch-japanischer Kooperation erarbeitet worden sind. Da
sind vor allem die Manuskripte zum zweiten und dritten Band des
»Kapitals«, die es nun erlauben, tiefgründig in das »Laboratorium« von
Marx einzudringen und festzustellen, was Engels als Herausgeber aus den
Texten gemacht hat. In den Einführungen zu den neuen Bänden II/11 bis
II/15 wird nachgewiesen, wie Marx die Erkenntnisse über die
gesellschaftliche Reproduktion und den Gesamtprozeß der
kapitalistischen Produktion gewann, auch Irrtümer und Widersprüche
werden aufgedeckt.
Offenbar
braucht jede Generation ihre Auseinandersetzung mit dem »Anfang« des
»Kapitals«. Der Streit dreht sich um das elementare Verständnis des
ersten Abschnitts. Dabei sollte es nicht nur darum gehen, ob die
historische oder logische bzw. logisch-systematische oder die
logisch-historische Darstellung von Ware und Geld vorherrscht; ob und
wann Marx die Darstellungsebenen wechselt; ob die Ware am Anfang als
preisbestimmt oder abstrahiert von Geld analysiert wird; ob einfache
Warenproduktion oder Warenzirkulation untersucht wird. Es wurde auch
darüber diskutiert, ob mit der Darstellung der Wertform in der zweiten
Auflage eine Popularisierung erfolgte und Marx seine dialektische
Methode »versteckt« habe. Es sollte bei allen Diskussionen nicht aus
den Augen verloren werden, daß Marx mit dem »Kapital« ein theoretisches
Fundament – das »furchtbarste Missile« – für den expropriatorischen
Kampf des Proletariats schaffen wollte: »Ich hoffe unsrer Partei einen
wissenschaftlichen Sieg zu erringen.«
Auch der zweite und dritte
Band des Hauptwerkes haben seit Ende des 19. Jahrhunderts viele
Debatten ausgelöst. Dabei ging es vor allem um die Erklärung der
Marx’schen Reproduktionsschemata und die Verwandlung der Werte in
Produktionspreise und die Bildung einer Durchschnittsprofitrate. Weit
schwieriger als in den von Engels präsentierten Druckfassungen dieser
Bände stellt sich nun dar, wie Marx ein Gesamtmodell des
volkswirtschaftlichen Austausches ausarbeitete, wie er die
gesellschaftliche Produktion und Reproduktion des Kapitals analysierte.
Marx’ Ansätze, die Mehrwertrate mathematisch zu behandeln, deuten
darauf hin, daß er an Modellen arbeitete, die erst im 20. Jahrhundert
in Angriff genommen werden konnten. Angesichts dieser Materiallage und
eingedenk der Diskussion über das Verhältnis von Marx als Autor und
Engels als Herausgeber, ist es heute unstrittig, von einem
»unvollendeten« »Kapital« zu sprechen.
Marx als Philosoph
In jüngster Zeit nehmen auch die Debatten
über den Philosophen Marx zu. Dabei geht es nicht nur um den Autor des
»Kapitals«, sondern auch um Marx’ Verständnis der Entwicklung der
modernen Naturwissenschaften. Ebenso wird die Entwicklung seiner
materialistischen Geschichtsauffassung in seinen Frühschriften erneut
diskutiert. Es ist bezeichnend, daß in den letzten Jahren Neuauflagen
ausgewählter Frühschriften herausgegeben wurden.2
In
seinem Geleitwort beschreibt Oskar Negt die brennende Aktualität der
Frühschriften von Marx wie folgt: »Charakteristisch für diese
Frühschriften ist die Verbindung von ökonomischen Kategorien und
philosophisch-anthropologischer Reflexion. Die Naturalisierung des
Menschen ist von Humanisierung der Natur nicht trennbar. So kommt zu
der Wirklichkeitsdimension, wie sie Marx versteht, ein zweites
entscheidendes Element hinzu: die Geschichte. Es gibt keine Natur ohne
Geschichte, aber auch keine Geschichte ohne äußere und innere Natur des
Menschen. Wie in den späteren Schriften von Marx kaum noch erkennbar,
entwickelt Marx hier den konkreten Prozeß der Selbstwerdung des
Menschen durch die Produktion des eigenen Lebenszusammenhangs.« Diese
neuen Ausgaben werden vor allem jungen Leuten empfohlen, damit sie die
geistige Entwicklung von Marx und Engels nachvollziehen und verstehen
können, wie es zu Marx’ politischem Engagement und wissenschaftlichem
Erkenntnisfortschritt kam.
Die Neuedition eines Teils der
Frühschriften steht noch aus, nämlich die der »Deutschen Ideologie« im
MEGA-Band I/5. Seit 1990 sind drei Bücher mit Kommentaren und
Probestücken dieses Werkes zur Diskussion erschienen.3 Hier ist nicht
der Platz, um ausführlich auf die spannende Editionsgeschichte dieses
Manuskripts eingehen zu können. Das Entscheidende, was den Leser
erwarten wird, ist folgendes: Bisher gab es sechs unterschiedliche
Versuche einer logisch-systematischen Konstitution eines Kapitels »I.
Feuerbach. Gegensatz von materialistischer und idealistischer
Anschauung«. Jetzt werden die Manuskripte »als sieben selbständige
Textzeugen aufgenommen und chronologisch angeordnet«. Im Editorial zum
Marx-Engels-Jahrbuch heben die Herausgeber daher hervor, daß »die
philologische Analyse Fragmentarisches ermittelt, wo einst Fertigeres
suggeriert wurde«.
Es sei daran erinnert, daß der provisorische
Charakter der Manuskripte der »Deutschen Ideologie« durch Marx und
Engels selber belegt ist. Im Rückblick diente das unveröffentlichte
Manuskript den Autoren hauptsächlich einer gegenseitigen
»Selbstverständigung«, um den »Gegensatz unserer Ansicht gegen die
ideologische der deutschen Philosophie gemeinschaftlich auszuarbeiten,
in der Tat mit unserm ehemaligen philosophischen Gewissen abzurechnen«.
Viel später (1888) meinte Engels, daß der Abschnitt über Feuerbach
unvollendet blieb: »Der fertige Teil besteht in einer Darlegung der
materialistischen Geschichtsauffassung, die nur beweist, wie
unvollständig unsre damaligen Kenntnisse der ökonomischen Geschichte
noch waren.« Den Ausdruck »historischer Materialismus« hat Marx
bekanntlich nie gebraucht. »Materialistische Geschichtsauffassung« wird
erst von Engels im Vorwort zum »Ursprung der Familie, des
Privateigentums und des Staats« (1884) und wie eben zitiert verwandt.
Marx als Historiker
Die Forschungen über Marx als Historiker
erhielten Ende vergangenen Jahres durch den MEGA-Band IV/12
entscheidende neue Impulse. Der Band zeigt, daß die Veröffentlichung
der Exzerpte von Marx, die zum Teil im Kontext zu seinen
journalistischen Arbeiten standen, uns viele neue Einsichten über Marx’
Verständnis von Geschichte und ihrer Darstellung vermitteln. Dieser
Band enthält aus dem Zeitraum von September 1853 bis Januar 1855 neun
bisher unveröffentlichte Hefte von Marx, die seine Lektüre am Vorabend
und während des Krimkrieges dokumentieren; Exzerpte zur Geschichte der
Diplomatie und zur Geschichte Spaniens. In der Einführung zu diesem
Band gelingt es dem Historiker Manfred Neuhaus zu zeigen, daß aus den
Exzerpten deutlich wird, wie Marx Zusammenhänge herstellte z. B.
zwischen Klassenbildung und Verfassungsentwicklung; zwischen Trennung
von Kirche und Staat und der Einführung eines neuen Zivilkodexes;
zwischen Herausbildung einer modernen Militärwissenschaft und
veränderter Kriegsführung; zwischen verändertem politischen
Kräfteverhältnis und Außenpolitik.
Marx als Journalist
Dieses Kapitel der Marx’schen Tätigkeit
wurde mit dem MEGA-Band I/14 neu aufgeschlagen. In ihm ist die
Publizistik von Marx aus dem Jahr 1855 enthalten. Offensichtlich wurde
sie früher nicht als gleichwertig mit seinen Werken betrachtet. Aber
nun ergibt sich folgendes Bild: von dem Korrespondenten Marx wurden
allein in der New York Tribune von 1851 bis 1862 465 Artikel,
davon 206 Leitartikel, veröffentlicht. Man sollte bedenken, daß diese
Zeitung schon 1854 mit einer Gesamtauflage von rund 145000 Exemplaren
selbst die Londoner Times übertroffen hatte. Und daß Marx hohe
Wertschätzung bei der Redaktion genoß, ist daran erkennbar, daß eben
fast die Hälfte seiner Artikel als Leitartikel erschien.
Marx’
Journalistik kommt in seinem Gesamtwerk eine eigenständige Rolle zu,
wie der Historiker Jürgen Herres hervorhob: »Er war ein Kritiker seiner
Zeit, der bei allen politischen Überzeugungen neugierig genug blieb,
sich von Natur und Gesellschaft überraschen zu lassen. Es kann deshalb
nicht nur darum gehen zu fragen: Was hatte Marx der Welt mitzuteilen?
Wie versuchte er, auf seine Umgebung und vor allem auf die öffentliche
Meinung einzuwirken? Sondern gerade auch die umgekehrte Frage ist von
Bedeutung: Wie beeinflußte die journalistische und redaktionelle Arbeit
Marx, sein Denken, seine Analyse wirtschaftlicher, sozialer und
politischer Vorgänge?«
Marx hatte ja bekanntlich im Vorwort zu
»Zur Kritik der politischen Ökonomie« selbst darauf aufmerksam gemacht,
daß die »Artikel über auffallende ökonomische Ereignisse in England und
auf dem Kontinent einen so bedeutenden Theil« seiner Beiträge
ausgemacht hätten, daß er sich genötigt sah, sich »mit praktischen
Details vertraut zu machen, die außerhalb des Bereichs der eigentlichen
Wissenschaft der politischen Oekonomie liegen«. Aber gerade das war von
Vorteil und gehörte zu der Wechselwirkung von Forschung und
Publizistik. Weitere neue MEGA-Bände der I. Abteilung werden Marx’
publizistisches Wirken in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen,
als es bisher in der Biographik über ihn erfaßt worden war.
Als
ein Beispiel möchte ich hier an den Zeitraum vom Oktober 1857 bis zum
Frühjahr 1858 erinnern, also die Zeit der ersten großen
Weltwirtschaftskrise. Mit ihrem Ausbruch erwartete Marx eine
revolutionäre Bewegung, die jedoch ausblieb. In der Folge erkannte er,
daß es zwischen Krise und Revolution keinen unmittelbaren Zusammenhang
geben muß. Veröffentlicht ist bisher aus diesem Zeitraum der Band II/1
mit den »Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie« und die Bände
III/8 und 9 mit dem Briefwechsel. In den nächsten Jahren werden die
Bände I/16 und IV/14 vorbereitet, in denen die Zeitungsartikel und
erstmals jene drei »Books of Crisis« veröffentlicht werden, in denen
Marx die Konjunkturdaten erfaßte und ordnete.
Marx als Politiker
Seit 1990 steht erneut Marx’ Tätigkeit im
Bund der Kommunisten und während der Revolution von 1848/494 sowie
seine Mitwirkung in der Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA,
siehe MEGA I/20) auf dem Prüfstand. Marx hat die entscheidenden
Dokumente dieser Organisationen verfaßt: das »Manifest der
Kommunistischen Partei« (1848) und die »Address of the Working Men’s
International Association« (1864). Aber auch später hat sich Marx
intensiv in die Parteipolitik der entstehenden deutschen
Sozialdemokratie eingemischt, etwa mit den »Randglossen zur Programm
der deutschen Arbeiterpartei« (1875). Der bekanntere Titel »Kritik des
Gothaer Programms« wurde übrigens erst 1933 geprägt.
Marx’
politischer und weltanschaulicher Einfluß auf die genannten
Organisationen war in der Forschung immer umstritten. War man sich in
der »Regiekunst« von Marx zwar einig, so war man sich über den
politischen und ideologischen Einfluß von Marx auf die sich bildenden
Arbeiterbewegungen äußerst uneinig. Die westliche Forschung stellte die
organisatorische und ideologische Vielfalt der sich organisierenden
Arbeiterschaften heraus. Die marxistisch-leninistische Forschung
behauptete demgegenüber einen herausragenden und einzigartigen Anteil
von Marx und seiner Theorien an der Bildung und der Politik dieser
Organisationen.
So wurde zum Beispiel die IAA als Beweis für die
»historische Notwendigkeit des Sieges des Marxismus über die
verschiedenen Formen des kleinbürgerlichen Sozialismus« herausgestellt.
Und auch die damit zusammenhängende Begrifflichkeit wurde häufig
mißbraucht, wie der Begriff »historische Mission der Arbeiterklasse«.
Marx selbst bezeichnete den Einfluß des Proletariats auf die
Menschheitsgeschichte als »weltgeschichtliche Rolle«, »geschichtliche
Aktion«, »weltbefreiende Tat«, »geschichtliche Aufgabe« oder
»geschichtlichen Beruf«. Die künftigen MEGA-Bände der I. Abteilung
werden zur historischen Klärung der treibenden Kräfte in der
organisierten Arbeiterbewegung beitragen, die enge Zentrierung auf Marx
auflösen und den Akteuren Gerechtigkeit widerfahren lassen.
Darüber
hinaus dokumentieren Marx’ politische Analysen in seinen Schriften
(»Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte«, 1852),
Zeitungskorrespondenzen, offenen Briefen (z. B. an Abraham Lincoln und
Andrew Johnson, Präsidenten der USA, 1864/65) und anderen Dokumenten
der IAA, wie im ureigensten Klasseninteresse entschieden für Demokratie
und sozialen Fortschritt zu kämpfen ist.
Marx und die Naturwissenschaften
In einer Gedenkschrift
»Marxismus und Naturwissenschaften« aus dem Jahre 1925 – zum 30.
Todestag von Engels – heißt es: »Friedrich Engels verkörperte in seiner
Person noch weit mehr diese wissenschaftliche Großtat [die
Zusammenfassung von Natur- und Gesellschaftswissenschaft] des Marxismus
wie sein genialer Freund. Engels fand Zeit zu umfassenden
naturwissenschaftlichen Spezialstudien, und er konnte eine
Naturdialektik abfassen.« Gerade in jenem Jahr wurden erstmals die
»Dialektik der Natur« von Engels veröffentlicht und Marx’ mathematische
Manuskripte entziffert. Über Marx’ naturwissenschaftliche Studien war
also zu jener Zeit kaum etwas bekannt.
Unter
Leitung der Philosophin Anneliese Griese wurden nicht nur Engels’
»Dialektik der Natur« im MEGA-Band I/26 neu veröffentlicht, sondern
auch die Exzerpte von Marx zur organischen und anorganischen Chemie und
von Engels naturwissenschaftliche Studien aus den Jahren 1877 bis 1883
im Band IV/31. Fast die Hälfte der aus den Jahren 1874 bis 1883 zu
veröffentlichenden Exzerpte enthalten naturwissenschaftliche und
mathematische Studien von Marx, d. h. 210 von insgesamt 435
MEGA-Druckbogen. In naher Zukunft wird ein Band mit Exzerpten von Marx
aus Schriften zur Geologie erscheinen. Aber wer, außer Spezialisten,
hat davon schon mal etwas gehört? Diese Manuskripte harren noch der
Erschließung und werden die zitierte Einschätzung von 1925 weitgehend
modifizieren.
Griese umriß die mit diesen Bänden verbundene
Forschungsaufgabe mit folgenden Worten: »Die Analyse der
naturwissenschaftlichen Studien von Marx eröffnet einen Zugang zum
tieferen Verständnis seines Schaffens insgesamt und seiner Stellung in
der Wissenschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts. Von besonderem
Interesse waren und sind die umfangreichen Exzerpte zur Physiologie,
Geologie, Mineralogie und Chemie aus der Zeit nach 1870. (…) Namentlich
anhand dieser Texte gilt es zu klären, ob und inwiefern dieser auf der
Höhe des naturwissenschaftlichen Denkens seiner Zeit gestanden hat,
worin das Anliegen seiner naturwissenschaftlichen Studien bestand und
wie sie mit seinen gesellschaftstheoretischen Forschungen
zusammenhängen.«
Es wurden erste Antworten formuliert, sei es zu
den Fragen des Verhältnisses von Marx zur Idee der nachhaltigen
Entwicklung, zur Geschichtlichkeit der Natur und zur Einheit von Natur-
und Gesellschaftswissenschaften. Allerdings wurden auch die
Schwierigkeiten hervorgehoben, mit dem Marxismus Wissensgeschichte
schreiben zu wollen. Über die Gründe, warum sich Marx in den 1870er
Jahren in diesem Maße den Naturwissenschaften zuwandte – und nicht das
»Kapital« vollendete – besteht weiterhin großer Diskussionsbedarf.
Bemerkungen zu Marx’ Biographie
Abschließend soll auf einige
neue Aspekte zur Marx-Biographie hingewiesen werden. Vor allem muß mit
einem Irrglauben bezüglich der überlieferten Fotografien aus der
Familie Marx aufgeräumt werden. Immer wieder werden Fotos reproduziert,
die Frau Marx mit Tochter Jenny abbilden sollen. Die Aufnahmen wurden
in Hannover aufgenommen, wo beide niemals waren. Es sind vielmehr
Gertrude Kugelmann und ihre Tochter Franziska. Die Originalabzüge
befanden sich seit 1963 in Moskau, und niemand bemerkte, daß der
Fotograf Friedrich Wunder in Hannover saß. 1990 wurde der Fehler fast
unbemerkt korrigiert. Erst als alle Fotos aus einem Fotoalbum
digitalisiert wurden, fiel auf, daß ein Foto von Helena Demuth nicht
sie, sondern Mary Ellen Roscher abbildet. Marx’ Haushälterin war
niemals in Heidelberg, wo das Foto aufgenommen wurde. Zumal es
überhaupt kein Foto der Familie Marx aus den 1850er Jahren gibt.5
Ebenso
wurden zum ersten Mal alle Fragebogen und Autographen aus dem Album von
Marx’ Tochter Jenny veröffentlicht, die neue Einblicke in die
Beziehungen der Familie Marx zu den Freundinnen und Freunden ihrer
Töchter geben. Daneben sind seit 1990 eine Reihe weiterer wichtiger
Details aus dem Leben von Marx bekannt geworden. Vor allem das
»Frederick-Demuth-Dossier« aus dem Stalin-Fonds, das 1992 in Moskau
auftauchte, muß hervorgehoben werden. Damit konnte die Indizienkette
für Marx’ Vaterschaft am unehelichen Sohn mit Helena Demuth geschlossen
werden. Zu erwähnen sind weiterhin Forschungen zu Marx’
Familienbeziehungen,6 seiner Bonner Studienzeit oder die seine
Hinwendung zu Berlin in den Jahren 1858–1860/61 betreffen.
Und
auch Entdeckungen sind immer noch möglich – soeben wurde durch ein
Berliner Antiquariat ein bisher nur zu einem Viertel bekannter Brief
von Marx an Sophie von Hatzfeldt vom 16. Oktober 1864 (MEGA² III/13, S.
16) für 52 000 Euro versteigert. Marx würdigt darin den nach einem
Duell verstorbenen Ferdinand Lassalle. Der Briefwechsel von Marx und
Engels umfaßt rund 5000 Briefe aus ihrer Feder und rund 10000 Briefe,
die sie erhielten. Bisher ist die Briefabteilung der MEGA bis ins Jahr
1865 vorgestoßen (Bände 1–11, 13); über 20 Bände müssen noch ediert
werden. Aus diesem Fundus werden mit Sicherheit neue Impulse für
biographische Forschungen ausgehen.
Wissen wir nun schon alles
über Marx? Angesichts der 54 veröffentlichten MEGA-Bände und der noch
ausstehenden 60 von insgesamt also 114 würde die Antwort lauten: 47,4
Prozent. Also: Ja und Nein. Wie bereits gesagt: Es gibt eine Vielzahl
neuer Bewertungen, es gibt viele Debatten. Die MEGA-Herausgeber sehen
es so: »Die Marx-Engels-Gesamtausgabe stürzt Marx vom Sockel des
Parteiheiligen und hebt ihn in die Reihe der klassischen Denker.« Die
suggerierte Finalität des Werkes gibt es nicht mehr, sie wird durch die
neue Edition – wie an einigen Beispielen gezeigt – aufgebrochen. Das
sollte jedoch nicht heißen, daß Marx ein »Ehrengrab« erhält und damit
in die Gesellschaft des Kapitals als »Philosoph und Nationalökonom«
eingebürgert wird. Marx wird und soll als Kritiker des Kapitalismus,
der sich für die Emanzipation der unterdrückten Klassen eingesetzt hat,
als Begründer eines wissenschaftlichen Sozialismus gewürdigt werden.
Zugleich begründet gerade dies die Aktualität seiner Analyse und
Theorie. Sicher wird sich jede Generation auf ihre Weise Marx nähern
und neue Fragen aufwerfen und dabei auch neue Entdeckungen machen
können.
1 Siehe Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. Neue
Folge und Marx-Engels-Jahrbuch; sowie die MEGA-Studien und Schriften
aus dem Karl-Marx-Haus Trier, deren Erscheinen mittlerweile eingestellt
wurde. Weitere Informationen zur MEGA und zur Marx-Engels-Forschung
unter:
bbaw.de/bbaw/Forschung/Forschungsprojekte/mega/de; marxforschung.de2
Karl Marx: Frühschriften. Mit einem Geleitwort von O.Negt, Stuttgart
2004. Weiterhin erschien der Band 1 der Marx-Engels-Werke (MEW) in 16.
Auflage mit einem neuen Vorwort von R. Hecker u. R. Sperl. In Kürze
folgt Band 41, vormals Ergänzungsband, Teil 2, der MEW, der völlig neu
bearbeitet wurde. Die MEW werden nunmehr von der
Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin herausgegeben.
3 Schriften aus dem Karl-Marx-Haus, Nr. 43, Trier 1990; MEGA-Studien 1997/2; Marx-Engels-Jahrbuch 2003
4
M. Hundt: Geschichte des Bundes der Kommunisten 1836–1852, Frankfurt/M.
1993; Das Kommunistische Manifest. Von der Erstausgabe zur Leseausgabe.
Mit einem Editionsbericht von T. Kuczynski, Trier 1995 (Schriften aus
dem Karl-Marx-Haus Trier, Nr. 49). Akteure eines Umbruchs. Männer und
Frauen der Revolution von 1848/49, Hrsg. H. Bleiber, W. Schmidt, S.
Schötz, Bd. 2, Berlin 2007
5 Familie Marx privat. Familie Marx
privat. Die Foto- und Fragebogen-Alben von Marx’ Töchtern Laura und
Jenny. Hrsg. von I. Omura, V. Fomicev, R. Hecker, S. Kubo. Mit einem
einf. Essay von I. Fetscher, Berlin 2005
6 M. Schöncke: Karl und Heinrich Marx und ihre Geschwister. Lebenszeugnisse – Briefe – Dokumente, Bonn 1993
Prof. Dr. Rolf Hecker ist Vorsitzender des Berliner Vereins zur Förderung der MEGA-Edition e.V.