05.05.2008 / Thema / Seite 10

Marx mit der MEGA neu lesen

Zum 190. Geburtstag des Klassikers

Rolf Hecker
Marx-Jubiläen wurden in der Arbeiterbewegung und im Staatssozialismus traditionell begangen. Vor 100 Jahren würdigte Max Adler Marx als Denker. 1913 – zum 30. Todestag – referierte Clara Zetkin über Marx’ Lebenswerk, und Wladimir Iljitsch Lenin veröffentlichte seinen berühmten Aufsatz »Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus«. 1918 erschien von Franz Mehring die wohl bedeutendste und weit verbreitete Marx-Biographie. Das erste Nachkriegsjubiläum wurde in der DDR mit einem Karl-Marx-Jahr 1953 begangen. Die eigentlich große Marx-Rezeption in Ost und West ist mit seinem 150. Geburtstag 1968 verbunden. 1983 – zum 100. Todestag – hieß es in der DDR: »Revolutionär und Theoretiker der Arbeiterklasse«. Nun sind schon wieder 25 Jahre vergangen. In diesen Zeitraum fiel der Zusammenbruch des Staatssozialismus, der gleichsam mit dem Abgang von Marx von der Weltbühne verbunden wurde: »Marx ist tot – es lebe Jesus!«

Weit gefehlt! – muß man ausrufen. Gedankenriesen vom Typ eines Marx können nicht durch gesellschaftliche Veränderungen, unabhängig davon, wie man sie beurteilen mag, aus dem Gedächtnis gelöscht werden. Wie hat sich in den letzten 15 Jahren unser Marx-Bild verändert?

2003 wurde Marx in der großen ZDF-Umfrage unter den »Großen Deutschen« auf Platz drei gewählt. Seitdem ist Marx offenbar wieder »gesellschaftsfähig« geworden. Selbst Banker in den USA sollen erstmals das »Kapital« gelesen haben. Sogar der Papst meldete sich zu Wort. In einer Enzyklika heißt es: »Marx hat mit eingehender Genauigkeit, wenn auch parteilich einseitig, die Situation seiner Zeit beschrieben und mit großem analytischen Vermögen die Wege zur Revolution dargestellt.« Benedikt XVI. entfernt sich mit dieser Marx-Würdigung von einer Verketzerung seiner Ideen durch die katholische Kirche – ein höchst beachtlicher Vorgang.

Anläßlich der diesjährigen Jubiläen hat die Literaturfülle wieder zugenommen, die von einer neuen Marx-Renaissance zeugt. Marx ist zudem aktuell, weil viele Begriffe – wenn auch nicht immer von ihm geprägt, aber doch mit neuem analytischen Inhalt gefüllt – unser Alltagsleben beherrschen. Marx’ Analyse und Kritik des Kapitalismus ist so lebendig, daß selbst eine Verfilmung des »Kapitals« angekündigt ist.

Im Unterschied zur Marx-Würdigung am Anfang des 20. Jahrhunderts befinden wir uns heute in einer vorteilhafteren Lage: Wir gewinnen immer mehr Einblick in das Gesamtwerk von Marx, und es erschienen Tausende Bücher, Broschüren und Artikel über ihn. Unser Marx-Bild hat sich seit der politischen Wende wesentlich verändert: in der Wertung und historischen Einordnung seiner theoretischen Vorstellungen sowie in ihrem Vergleich zu denen seiner Vorgänger und Zeitgenossen. Dazu beigetragen hat vor allem die Herausgabe der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) und die in ihrem Umfeld veröffentlichten Forschungsergebnisse.1 Die MEGA, die seit 1975 erscheint und seit 1990 von der politisch unabhängigen Internationalen Marx-Engels-Stiftung Amsterdam (IMES) herausgegeben wird, hat dank einer internationalen Rettungsaktion und einer positiven Evaluierung durch den deutschen Wissenschaftsrat den Zusammenbruch der DDR überlebt. Seitdem sind 16 neue Bände erschienen.

Marx als kritischer Ökonom

In wenigen Wochen wird die Edition des Marx’schen »Kapitals« und der ökonomischen Manuskripte in der II. Abteilung der MEGA mit dem Band II/13 weitgehend abgeschlossen sein (es fehlt dann noch der Teilband II/4.3). Das ist ein Ereignis von großer wissenschaftlicher und politischer Bedeutung, auch weil einige Bände in deutsch-russisch-japanischer Kooperation erarbeitet worden sind. Da sind vor allem die Manuskripte zum zweiten und dritten Band des »Kapitals«, die es nun erlauben, tiefgründig in das »Laboratorium« von Marx einzudringen und festzustellen, was Engels als Herausgeber aus den Texten gemacht hat. In den Einführungen zu den neuen Bänden II/11 bis II/15 wird nachgewiesen, wie Marx die Erkenntnisse über die gesellschaftliche Reproduktion und den Gesamtprozeß der kapitalistischen Produktion gewann, auch Irrtümer und Widersprüche werden aufgedeckt.

Offenbar braucht jede Generation ihre Auseinandersetzung mit dem »Anfang« des »Kapitals«. Der Streit dreht sich um das elementare Verständnis des ersten Abschnitts. Dabei sollte es nicht nur darum gehen, ob die historische oder logische bzw. logisch-systematische oder die logisch-historische Darstellung von Ware und Geld vorherrscht; ob und wann Marx die Darstellungsebenen wechselt; ob die Ware am Anfang als preisbestimmt oder abstrahiert von Geld analysiert wird; ob einfache Warenproduktion oder Warenzirkulation untersucht wird. Es wurde auch darüber diskutiert, ob mit der Darstellung der Wertform in der zweiten Auflage eine Popularisierung erfolgte und Marx seine dialektische Methode »versteckt« habe. Es sollte bei allen Diskussionen nicht aus den Augen verloren werden, daß Marx mit dem »Kapital« ein theoretisches Fundament – das »furchtbarste Missile« – für den expropriatorischen Kampf des Proletariats schaffen wollte: »Ich hoffe unsrer Partei einen wissenschaftlichen Sieg zu erringen.«

Auch der zweite und dritte Band des Hauptwerkes haben seit Ende des 19. Jahrhunderts viele Debatten ausgelöst. Dabei ging es vor allem um die Erklärung der Marx’schen Reproduk­tionsschemata und die Verwandlung der Werte in Produktionspreise und die Bildung einer Durchschnittsprofitrate. Weit schwieriger als in den von Engels präsentierten Druckfassungen dieser Bände stellt sich nun dar, wie Marx ein Gesamtmodell des volkswirtschaftlichen Austausches ausarbeitete, wie er die gesellschaftliche Produktion und Reproduktion des Kapitals analysierte. Marx’ Ansätze, die Mehrwertrate mathematisch zu behandeln, deuten darauf hin, daß er an Modellen arbeitete, die erst im 20. Jahrhundert in Angriff genommen werden konnten. Angesichts dieser Materiallage und eingedenk der Diskus­sion über das Verhältnis von Marx als Autor und Engels als Herausgeber, ist es heute unstrittig, von einem »unvollendeten« »Kapital« zu sprechen.

Marx als Philosoph

In jüngster Zeit nehmen auch die Debatten über den Philosophen Marx zu. Dabei geht es nicht nur um den Autor des »Kapitals«, sondern auch um Marx’ Verständnis der Entwicklung der modernen Naturwissenschaften. Ebenso wird die Entwicklung seiner materialistischen Geschichtsauffassung in seinen Frühschriften erneut diskutiert. Es ist bezeichnend, daß in den letzten Jahren Neuauflagen ausgewählter Frühschriften herausgegeben wurden.2

In seinem Geleitwort beschreibt Oskar Negt die brennende Aktualität der Frühschriften von Marx wie folgt: »Charakteristisch für diese Frühschriften ist die Verbindung von ökonomischen Kategorien und philosophisch-anthropologischer Reflexion. Die Naturalisierung des Menschen ist von Humanisierung der Natur nicht trennbar. So kommt zu der Wirklichkeitsdimension, wie sie Marx versteht, ein zweites entscheidendes Element hinzu: die Geschichte. Es gibt keine Natur ohne Geschichte, aber auch keine Geschichte ohne äußere und innere Natur des Menschen. Wie in den späteren Schriften von Marx kaum noch erkennbar, entwickelt Marx hier den konkreten Prozeß der Selbstwerdung des Menschen durch die Produktion des eigenen Lebenszusammenhangs.« Diese neuen Ausgaben werden vor allem jungen Leuten empfohlen, damit sie die geistige Entwicklung von Marx und Engels nachvollziehen und verstehen können, wie es zu Marx’ politischem Engagement und wissenschaftlichem Erkenntnisfortschritt kam.

Die Neuedition eines Teils der Frühschriften steht noch aus, nämlich die der »Deutschen Ideologie« im MEGA-Band I/5. Seit 1990 sind drei Bücher mit Kommentaren und Probestücken dieses Werkes zur Diskussion erschienen.3 Hier ist nicht der Platz, um ausführlich auf die spannende Editionsgeschichte dieses Manuskripts eingehen zu können. Das Entscheidende, was den Leser erwarten wird, ist folgendes: Bisher gab es sechs unterschiedliche Versuche einer logisch-systematischen Konstitution eines Kapitels »I. Feuerbach. Gegensatz von materialistischer und idealistischer Anschauung«. Jetzt werden die Manuskripte »als sieben selbständige Textzeugen aufgenommen und chronologisch angeordnet«. Im Editorial zum Marx-Engels-Jahrbuch heben die Herausgeber daher hervor, daß »die philologische Analyse Fragmentarisches ermittelt, wo einst Fertigeres suggeriert wurde«.

Es sei daran erinnert, daß der provisorische Charakter der Manuskripte der »Deutschen Ideologie« durch Marx und Engels selber belegt ist. Im Rückblick diente das unveröffentlichte Manuskript den Autoren hauptsächlich einer gegenseitigen »Selbstverständigung«, um den »Gegensatz unserer Ansicht gegen die ideologische der deutschen Philosophie gemeinschaftlich auszuarbeiten, in der Tat mit unserm ehemaligen philosophischen Gewissen abzurechnen«. Viel später (1888) meinte Engels, daß der Abschnitt über Feuerbach unvollendet blieb: »Der fertige Teil besteht in einer Darlegung der materialistischen Geschichtsauffassung, die nur beweist, wie unvollständig unsre damaligen Kenntnisse der ökonomischen Geschichte noch waren.« Den Ausdruck »historischer Materialismus« hat Marx bekanntlich nie gebraucht. »Materialistische Geschichtsauffassung« wird erst von Engels im Vorwort zum »Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats« (1884) und wie eben zitiert verwandt.

Marx als Historiker

Die Forschungen über Marx als Historiker erhielten Ende vergangenen Jahres durch den MEGA-Band IV/12 entscheidende neue Impulse. Der Band zeigt, daß die Veröffentlichung der Exzerpte von Marx, die zum Teil im Kontext zu seinen journalistischen Arbeiten standen, uns viele neue Einsichten über Marx’ Verständnis von Geschichte und ihrer Darstellung vermitteln. Dieser Band enthält aus dem Zeitraum von September 1853 bis Januar 1855 neun bisher unveröffentlichte Hefte von Marx, die seine Lektüre am Vorabend und während des Krimkrieges dokumentieren; Exzerpte zur Geschichte der Diplomatie und zur Geschichte Spaniens. In der Einführung zu diesem Band gelingt es dem Historiker Manfred Neuhaus zu zeigen, daß aus den Exzerpten deutlich wird, wie Marx Zusammenhänge herstellte z. B. zwischen Klassenbildung und Verfassungsentwicklung; zwischen Trennung von Kirche und Staat und der Einführung eines neuen Zivilkodexes; zwischen Herausbildung einer modernen Militärwissenschaft und veränderter Kriegsführung; zwischen verändertem politischen Kräfteverhältnis und Außenpolitik.

Marx als Journalist

Dieses Kapitel der Marx’schen Tätigkeit wurde mit dem MEGA-Band I/14 neu aufgeschlagen. In ihm ist die Publizistik von Marx aus dem Jahr 1855 enthalten. Offensichtlich wurde sie früher nicht als gleichwertig mit seinen Werken betrachtet. Aber nun ergibt sich folgendes Bild: von dem Korrespondenten Marx wurden allein in der New York Tribune von 1851 bis 1862 465 Artikel, davon 206 Leitartikel, veröffentlicht. Man sollte bedenken, daß diese Zeitung schon 1854 mit einer Gesamtauflage von rund 145000 Exemplaren selbst die Londoner Times übertroffen hatte. Und daß Marx hohe Wertschätzung bei der Redaktion genoß, ist daran erkennbar, daß eben fast die Hälfte seiner Artikel als Leitartikel erschien.

Marx’ Journalistik kommt in seinem Gesamtwerk eine eigenständige Rolle zu, wie der Historiker Jürgen Herres hervorhob: »Er war ein Kritiker seiner Zeit, der bei allen politischen Überzeugungen neugierig genug blieb, sich von Natur und Gesellschaft überraschen zu lassen. Es kann deshalb nicht nur darum gehen zu fragen: Was hatte Marx der Welt mitzuteilen? Wie versuchte er, auf seine Umgebung und vor allem auf die öffentliche Meinung einzuwirken? Sondern gerade auch die umgekehrte Frage ist von Bedeutung: Wie beeinflußte die journalistische und redaktionelle Arbeit Marx, sein Denken, seine Analyse wirtschaftlicher, sozialer und politischer Vorgänge?«

Marx hatte ja bekanntlich im Vorwort zu »Zur Kritik der politischen Ökonomie« selbst darauf aufmerksam gemacht, daß die »Artikel über auffallende ökonomische Ereignisse in England und auf dem Kontinent einen so bedeutenden Theil« seiner Beiträge ausgemacht hätten, daß er sich genötigt sah, sich »mit praktischen Details vertraut zu machen, die außerhalb des Bereichs der eigentlichen Wissenschaft der politischen Oekonomie liegen«. Aber gerade das war von Vorteil und gehörte zu der Wechselwirkung von Forschung und Publizistik. Weitere neue ­MEGA-Bände der I. Abteilung werden Marx’ publizistisches Wirken in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen, als es bisher in der Biographik über ihn erfaßt worden war.

Als ein Beispiel möchte ich hier an den Zeitraum vom Oktober 1857 bis zum Frühjahr 1858 erinnern, also die Zeit der ersten großen Weltwirtschaftskrise. Mit ihrem Ausbruch erwartete Marx eine revolutionäre Bewegung, die jedoch ausblieb. In der Folge erkannte er, daß es zwischen Krise und Revolution keinen unmittelbaren Zusammenhang geben muß. Veröffentlicht ist bisher aus diesem Zeitraum der Band II/1 mit den »Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie« und die Bände III/8 und 9 mit dem Briefwechsel. In den nächsten Jahren werden die Bände I/16 und IV/14 vorbereitet, in denen die Zeitungsartikel und erstmals jene drei »Books of Crisis« veröffentlicht werden, in denen Marx die Konjunkturdaten erfaßte und ordnete.

Marx als Politiker

Seit 1990 steht erneut Marx’ Tätigkeit im Bund der Kommunisten und während der Revolution von 1848/494 sowie seine Mitwirkung in der Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA, siehe MEGA I/20) auf dem Prüfstand. Marx hat die entscheidenden Dokumente dieser Organisationen verfaßt: das »Manifest der Kommunistischen Partei« (1848) und die »Address of the Working Men’s International Association« (1864). Aber auch später hat sich Marx intensiv in die Parteipolitik der entstehenden deutschen Sozialdemokratie eingemischt, etwa mit den »Randglossen zur Programm der deutschen Arbeiterpartei« (1875). Der bekanntere Titel »Kritik des Gothaer Programms« wurde übrigens erst 1933 geprägt.

Marx’ politischer und weltanschaulicher Einfluß auf die genannten Organisationen war in der Forschung immer umstritten. War man sich in der »Regiekunst« von Marx zwar einig, so war man sich über den politischen und ideologischen Einfluß von Marx auf die sich bildenden Arbeiterbewegungen äußerst uneinig. Die westliche Forschung stellte die organisatorische und ideologische Vielfalt der sich organisierenden Arbeiterschaften heraus. Die marxistisch-leninistische Forschung behauptete demgegenüber einen herausragenden und einzigartigen Anteil von Marx und seiner Theorien an der Bildung und der Politik dieser Organisationen.

So wurde zum Beispiel die IAA als Beweis für die »historische Notwendigkeit des Sieges des Marxismus über die verschiedenen Formen des kleinbürgerlichen Sozialismus« herausgestellt. Und auch die damit zusammenhängende Begrifflichkeit wurde häufig mißbraucht, wie der Begriff »historische Mission der Arbeiterklasse«. Marx selbst bezeichnete den Einfluß des Proletariats auf die Menschheitsgeschichte als »weltgeschichtliche Rolle«, »geschichtliche Aktion«, »weltbefreiende Tat«, »geschichtliche Aufgabe« oder »geschichtlichen Beruf«. Die künftigen MEGA-Bände der I. Abteilung werden zur historischen Klärung der treibenden Kräfte in der organisierten Arbeiterbewegung beitragen, die enge Zentrierung auf Marx auflösen und den Akteuren Gerechtigkeit widerfahren lassen.

Darüber hinaus dokumentieren Marx’ politische Analysen in seinen Schriften (»Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte«, 1852), Zeitungskorrespondenzen, offenen Briefen (z. B. an Abraham Lincoln und Andrew Johnson, Präsidenten der USA, 1864/65) und anderen Dokumenten der IAA, wie im ureigensten Klasseninteresse entschieden für Demokratie und sozialen Fortschritt zu kämpfen ist.

Marx und die Naturwissenschaften

In einer Gedenkschrift »Marxismus und Naturwissenschaften« aus dem Jahre 1925 – zum 30. Todestag von Engels – heißt es: »Friedrich Engels verkörperte in seiner Person noch weit mehr diese wissenschaftliche Großtat [die Zusammenfassung von Natur- und Gesellschaftswissenschaft] des Marxismus wie sein genialer Freund. Engels fand Zeit zu umfassenden naturwissenschaftlichen Spezialstudien, und er konnte eine Naturdialektik abfassen.« Gerade in jenem Jahr wurden erstmals die »Dialektik der Natur« von Engels veröffentlicht und Marx’ mathematische Manuskripte entziffert. Über Marx’ naturwissenschaftliche Studien war also zu jener Zeit kaum etwas bekannt.

Unter Leitung der Philosophin Anneliese Griese wurden nicht nur Engels’ »Dialektik der Natur« im MEGA-Band I/26 neu veröffentlicht, sondern auch die Exzerpte von Marx zur organischen und anorganischen Chemie und von Engels naturwissenschaftliche Studien aus den Jahren 1877 bis 1883 im Band IV/31. Fast die Hälfte der aus den Jahren 1874 bis 1883 zu veröffentlichenden Exzerpte enthalten naturwissenschaftliche und mathematische Studien von Marx, d. h. 210 von insgesamt 435 MEGA-Druckbogen. In naher Zukunft wird ein Band mit Exzerpten von Marx aus Schriften zur Geologie erscheinen. Aber wer, außer Spezialisten, hat davon schon mal etwas gehört? Diese Manuskripte harren noch der Erschließung und werden die zitierte Einschätzung von 1925 weitgehend modifizieren.

Griese umriß die mit diesen Bänden verbundene Forschungsaufgabe mit folgenden Worten: »Die Analyse der naturwissenschaftlichen Studien von Marx eröffnet einen Zugang zum tieferen Verständnis seines Schaffens insgesamt und seiner Stellung in der Wissenschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts. Von besonderem Interesse waren und sind die umfangreichen Exzerpte zur Physiologie, Geologie, Mineralogie und Chemie aus der Zeit nach 1870. (…) Namentlich anhand dieser Texte gilt es zu klären, ob und inwiefern dieser auf der Höhe des naturwissenschaftlichen Denkens seiner Zeit gestanden hat, worin das Anliegen seiner naturwissenschaftlichen Studien bestand und wie sie mit seinen gesellschaftstheoretischen Forschungen zusammenhängen.«

Es wurden erste Antworten formuliert, sei es zu den Fragen des Verhältnisses von Marx zur Idee der nachhaltigen Entwicklung, zur Geschichtlichkeit der Natur und zur Einheit von Natur- und Gesellschaftswissenschaften. Allerdings wurden auch die Schwierigkeiten hervorgehoben, mit dem Marxismus Wissensgeschichte schreiben zu wollen. Über die Gründe, warum sich Marx in den 1870er Jahren in diesem Maße den Naturwissenschaften zuwandte – und nicht das »Kapital« vollendete – besteht weiterhin großer Diskus­sionsbedarf.

Bemerkungen zu Marx’ Biographie

Abschließend soll auf einige neue Aspekte zur Marx-Biographie hingewiesen werden. Vor allem muß mit einem Irrglauben bezüglich der überlieferten Fotografien aus der Familie Marx aufgeräumt werden. Immer wieder werden Fotos reproduziert, die Frau Marx mit Tochter Jenny abbilden sollen. Die Aufnahmen wurden in Hannover aufgenommen, wo beide niemals waren. Es sind vielmehr Gertrude Kugelmann und ihre Tochter Franziska. Die Originalabzüge befanden sich seit 1963 in Moskau, und niemand bemerkte, daß der Fotograf Friedrich Wunder in Hannover saß. 1990 wurde der Fehler fast unbemerkt korrigiert. Erst als alle Fotos aus einem Fotoalbum digitalisiert wurden, fiel auf, daß ein Foto von Helena Demuth nicht sie, sondern Mary Ellen Roscher abbildet. Marx’ Haushälterin war niemals in Heidelberg, wo das Foto aufgenommen wurde. Zumal es überhaupt kein Foto der Familie Marx aus den 1850er Jahren gibt.5

Ebenso wurden zum ersten Mal alle Fragebogen und Autographen aus dem Album von Marx’ Tochter Jenny veröffentlicht, die neue Einblicke in die Beziehungen der Familie Marx zu den Freundinnen und Freunden ihrer Töchter geben. Daneben sind seit 1990 eine Reihe weiterer wichtiger Details aus dem Leben von Marx bekannt geworden. Vor allem das »Frederick-Demuth-Dossier« aus dem Stalin-Fonds, das 1992 in Moskau auftauchte, muß hervorgehoben werden. Damit konnte die Indizienkette für Marx’ Vaterschaft am unehelichen Sohn mit Helena Demuth geschlossen werden. Zu erwähnen sind weiterhin Forschungen zu Marx’ Familienbeziehungen,6 seiner Bonner Studienzeit oder die seine Hinwendung zu Berlin in den Jahren 1858–1860/61 betreffen.

Und auch Entdeckungen sind immer noch möglich – soeben wurde durch ein Berliner Antiquariat ein bisher nur zu einem Viertel bekannter Brief von Marx an Sophie von Hatzfeldt vom 16. Oktober 1864 (MEGA² III/13, S. 16) für 52 000 Euro versteigert. Marx würdigt darin den nach einem Duell verstorbenen Ferdinand Lassalle. Der Briefwechsel von Marx und Engels umfaßt rund 5000 Briefe aus ihrer Feder und rund 10000 Briefe, die sie erhielten. Bisher ist die Briefabteilung der MEGA bis ins Jahr 1865 vorgestoßen (Bände 1–11, 13); über 20 Bände müssen noch ediert werden. Aus diesem Fundus werden mit Sicherheit neue Impulse für biographische Forschungen ausgehen.

Wissen wir nun schon alles über Marx? Angesichts der 54 veröffentlichten MEGA-Bände und der noch ausstehenden 60 von insgesamt also 114 würde die Antwort lauten: 47,4 Prozent. Also: Ja und Nein. Wie bereits gesagt: Es gibt eine Vielzahl neuer Bewertungen, es gibt viele Debatten. Die MEGA-Herausgeber sehen es so: »Die Marx-Engels-Gesamtausgabe stürzt Marx vom Sockel des Parteiheiligen und hebt ihn in die Reihe der klassischen Denker.« Die suggerierte Finalität des Werkes gibt es nicht mehr, sie wird durch die neue Edition – wie an einigen Beispielen gezeigt – aufgebrochen. Das sollte jedoch nicht heißen, daß Marx ein »Ehrengrab« erhält und damit in die Gesellschaft des Kapitals als »Philosoph und Nationalökonom« eingebürgert wird. Marx wird und soll als Kritiker des Kapitalismus, der sich für die Emanzipation der unterdrückten Klassen eingesetzt hat, als Begründer eines wissenschaftlichen Sozialismus gewürdigt werden. Zugleich begründet gerade dies die Aktualität seiner Analyse und Theorie. Sicher wird sich jede Generation auf ihre Weise Marx nähern und neue Fragen aufwerfen und dabei auch neue Entdeckungen machen können.


1 Siehe Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge und Marx-Engels-Jahrbuch; sowie die MEGA-Studien und Schriften aus dem Karl-Marx-Haus Trier, deren Erscheinen mittlerweile eingestellt wurde. Weitere Informationen zur MEGA und zur Marx-Engels-Forschung unter: bbaw.de/bbaw/Forschung/Forschungsprojekte/mega/de; marxforschung.de

2 Karl Marx: Frühschriften. Mit einem Geleitwort von O.Negt, Stuttgart 2004. Weiterhin erschien der Band 1 der Marx-Engels-Werke (MEW) in 16. Auflage mit einem neuen Vorwort von R. Hecker u. R. Sperl. In Kürze folgt Band 41, vormals Ergänzungsband, Teil 2, der MEW, der völlig neu bearbeitet wurde. Die MEW werden nunmehr von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin herausgegeben.

3 Schriften aus dem Karl-Marx-Haus, Nr. 43, Trier 1990; ­MEGA-Studien 1997/2; Marx-Engels-Jahrbuch 2003

4 M. Hundt: Geschichte des Bundes der Kommunisten 1836–1852, Frankfurt/M. 1993; Das Kommunistische Manifest. Von der Erstausgabe zur Leseausgabe. Mit einem Editionsbericht von T. Kuczynski, Trier 1995 (Schriften aus dem Karl-Marx-Haus Trier, Nr. 49). Akteure eines Umbruchs. Männer und Frauen der Revolution von 1848/49, Hrsg. H. Bleiber, W. Schmidt, S. Schötz, Bd. 2, Berlin 2007

5 Familie Marx privat. Familie Marx privat. Die Foto- und Fragebogen-Alben von Marx’ Töchtern Laura und Jenny. Hrsg. von I. Omura, V. Fomicev, R. Hecker, S. Kubo. Mit einem einf. Essay von I. Fetscher, Berlin 2005

6 M. Schöncke: Karl und Heinrich Marx und ihre Geschwister. Lebenszeugnisse – Briefe – Dokumente, Bonn 1993

Prof. Dr. Rolf Hecker ist Vorsitzender des Berliner Vereins zur Förderung der MEGA-Edition e.V.