Freitag 12
21. März 2008

Elmar Altvater
Nicht tot zu kriegen
BÖRSENSPIEL DER BANKOKRATEN ■ Karl Marx’ Analyse des so genannten »fiktiven Kapitals« aus dem 19. Jahrhundert wird durch die Finanzkrisen des 21. Jahrhunderts bestätigt

Der finanzgetriebene Kapitalismus steckt in einer tiefen Krise, der US-Immobilienmarkt kollabiert in Raten, Milliarden werden abgeschrieben, die Zentralbanken versuchen verzweifelt, gegenzusteuern – und der Klimawandel schreitet unaufhaltsam voran. Kann uns dazu einer was sagen, der vor 125 Jahren gestorben ist?

Allein schon sein Umfang gibt dem Werk von Karl Marx etwas Respekt Heischendes. Zu Recht, denn das Studium der »blauen Bände« bringt immer wieder unerwartete Einsichten in die Marxsche Methode und die langwierige Arbeit, die Marx und Friedrich Engels auf sich nahmen – nicht nur, um die kapitalistischen Verhältnisse theoretisch zu durchdringen, sondern auch praktisch zu verändern.

Marx war zeit seines Lebens engagierter Wissenschaftler. Er griff – manchmal sehr polemisch – in die Kontroversen seiner Zeit ein und geriet daher in Konflikt mit der Obrigkeit. Er musste Preußen verlassen und fand nach Umwegen über Brüssel und Paris eine Bleibe in London. Dort arbeitete er an der Kritik der ökonomischen Theorie. Das wichtigste Ergebnis war Das Kapital mit dem Untertitel Kritik der politischen Ökonomie. Marx verstand sein Hauptwerk durchaus als Instrument in der Klassenauseinandersetzung, als eine »politische Ökonomie des Proletariats «. Er bezeichnete Das Kapital als das »fürchterlichste Wurfgeschoss«, das dem Bürgertum an den Kopf geschleudert worden sei.

Heute halten manche das Wurfgeschoss für so harmlos, dass das Bürgertum noch nicht einmal den Kopf einzieht. So behauptet der Journalist Willi Winkler in der Süddeutschen Zeitung, dass man »den jungen Menschen nicht mehr mit der langwierigen Unterscheidung von Gebrauchs- und Tauschwert, mit der Verwandlung von Geld in Kapital oder der ›Expropriierung der Expropriateure‹« wird kitzeln können: »Der seltsame Kultus, den Marx um die ›Ware‹ aufführte, als wär’s ein handschmeichlerischer Stein der Weisen, hat seine glasklare Weltsicht nur verdunkelt.«

Die »Weltmarktungewitter«

Vielleicht täuscht sich Winkler, und junge Menschen fangen wieder an, sich für Marx’ Theorien zu interessieren, weil die Theorieangebote aus liberaler und neoliberaler Provenienz offensichtlich schief liegen. Die Versuche der ökonomischen Theorie, die gegenwärtige globale Finanzkrise zu verstehen oder dem Publikum begreiflich zu machen, wie es zu der die menschliche Existenz bedrohenden Klimakrise hat kommen können, sind nicht gerade überzeugend. Da hat Marx schon einiges zu bieten, auch 125 Jahre nach seinem Tod.

Die Bedeutung der globalen Finanzmärkte hat mittlerweile so enorm zugenommen, dass heute vom »finanzgetriebenen Kapitalismus« die Rede ist. Marx ging in seiner Analyse davon aus, dass sich Lohnarbeit und Kapital im nationalstaatlichen Raum gegenüberstehen. Der Staat gibt der Regelung der Arbeitszeit einen einigermaßen verbindlichen Rahmen und bestimmt so die Ausbeutungsrate der Arbeiterklasse durch das Kapital. Folglich unterstellt Marx eine einheitliche Mehrwertrate im Nationalstaat.

Darüber hinaus gleichen sich in der Konkurrenz der Kapitale (der Unternehmen) tendenziell die Profitraten an. Alle streben nach möglichst hoher Rendite, können dieses Ziel aber nur erreichen, indem sie die Produktivität steigern. Dazu aber ist viel Kapitalaufwand notwendig, der letztlich dazu beiträgt, dass die Profite (gemessen am eingesetzten Kapital) tendenziell sinken – zumal auch die Massenkaufkraft im Vergleich zur steigenden Produktionskraft zurückbleibt. Dies hat letztlich zur Folge, dass auch die Akkumulation erschlafft, dass Produktion und Absatz und mithin Beschäftigung zurückgehen, dass also die zyklische Krise ausbricht. Die dann einsetzende Kapitalvernichtung, die wachsende Arbeitslosigkeit und der Druck auf die Löhne haben nach und nach zur Folge, dass die Profitrate wieder steigt und ein neuer zyklischer Aufschwung einsetzen kann.

Der »Kladderadatsch«, von dem Friedrich Engels redete – der Zusammenbruch des Kapitalismus als Folge der Krise –, findet so jedenfalls nicht statt. Aber die »Weltmarktungewitter « sind extrem zerstörerisch, wie die jüngsten Finanzkrisen von Argentinien bis zur Subprime-Krise in den USA gezeigt haben. Und sie haben eine reinigende Wirkung.

Die Krise ist also Überproduktion (zurückbleibende Massennachfrage) und Überakkumulation (sinkende Profitraten) geschuldet. Das ist eine der großen Entdeckungen von Marx – und auch heute kein Schnee von gestern. Die Krise findet ihren Ausdruck genau darin, dass es von allem zu viel auf der Welt gibt: zu viel chinesische Elektronik, zu viel Kamelhaarmäntel aus Nordafrika und Kaschmirpullover aus Indien, zu viele deutsche und US-amerikanische Autos, zu viel Rindfleisch aus Brasilien, zu viel Textilien aus Bangladesh und viel zu viel monetäre Liquidität der reichen Geldvermögensbesitzer auf den Konten in Frankfurt, London, Zürich und New York, die nach hochrentabler Anlage sucht.

Die »Weltmarktungewitter« haben ihren Ursprung in der Produktionssphäre, ihre zerstörerische Kraft entwickelt sich heute aber vorrangig in der Finanzsphäre. Dabei scheinen die globalen Finanzmärkte von der Produktion entkoppelt. Die ökonomischen Gesetze gelten, so glauben viele, nur in der Produktion. Globale Finanzmarktrenditen von mehr als 20 Prozent lassen die einstelligenProfitraten der realen Ökonomie weit hinter sich. Sie übersteigen auch die realwirtschaftlichen Wachstumsraten um ein Vielfaches.

Doch die oft angenommene Entkoppelung der monetären von der realen Ökonomie ist eine große Illusion, dem Fetischismus von Geld und Kredit geschuldet, dem blendenden Schein – als ob die hohen Renditen aus den Finanzbeziehungen selbst stammten, aus den Banktresoren geholt werden könnten und nicht in der realen Wirtschaft produziert werden müssten.

Blinde Geldmanager

Marx hat das verselbstständigte Leben der Finanzen im dritten Band des Kapitals analysiert und dabei auch auf die Verblendung der Akteure auf den Finanzmärkten hingewiesen, die ihr eigenes Tun nicht begreifen und immer erst zu spät und völlig überrascht auf die von ihnen selbst hervorgerufenen Krisen reagieren. Der »Geldmarktsmensch«, schrieb Engels, »sieht die Bewegung der Industrie und des Weltmarkts eben nur in der umkehrenden Widerspiegelung des Geld- und Effektenmarktes, und da wird für ihn die Wirkung zur Ursache«.

Der heutige Finanzcrash ist ein von den Akteuren nicht vorausgesehenes und nicht gewolltes Ergebnis des »Börsenspiels der Bankokraten«; die Hypothekenkrise hat sich längst als eine schwere Bankenkrise entpuppt. Marx’ Analysen des so genannten »fiktiven Kapitals« aus dem 19. Jahrhundert werden auch durch die Finanzkrisen des 21. Jahrhunderts bestätigt: Jede Forderung, ob sie solide oder windig ist, wird zur Grundlage eines neuen Wertpapiers, das als Aktivum eine neue Verbriefung von Forderungen auslöst, bis diese Pyramide fiktiven Kapitals ihren fiktiven Charakter zeigt – wenn sie zusammenbricht.

Die heutigen Krisen hätten Marx und Engels, die immer neugierig waren, auch dazu veranlasst, tiefer in die Analyse der modernen Geldgeschäfte einzusteigen. In einer Korrespondenz ermunterte Engels beispielsweise 1890 Conrad Schmidt, nach Zürich zu gehen, um das »Getriebe am Geld- und Spekulationsmarkt praktisch« kennen zu lernen. Er wollte mehr von der »relativen Selbstständigkeit « des Geldhandels wissen und sich mit der Frage beschäftigen, wie sich »die ökonomische Bewegung im ganzen und grossen« gegenüber der Fetischwelt der Finanzen durchsetzt.

Dass Marx’ Überlegungen auch im 21. Jahrhundert helfen, die moderne Finanzkrise zu analysieren, hat mit seinem theoretischen Ansatz zu tun. Eine kapitalistische Gesellschaft basiert auf Arbeit; sie ist eine Arbeitsgesellschaft. Da aber gesellschaftliche Zusammenhänge erst durch das Geld vermittelt werden, das sich als Fetisch verselbstständigt, tritt es den handelnden Subjekten gegenüber als Sachzwang auf.

Heute wird der Geldfetisch von einer speziellen Klasse von Finanzakrobaten zum Tanzen gebracht – mit desaströsen Folgen, die nicht mehr auf die Dritte Welt (wie mit der Schuldenkrise in den achtziger Jahren) oder die Schwellenländer beschränkt sind (wie bei den Finanzkrisen Mexikos, Indonesiens, Thailands, Brasiliens oder Argentiniens). Die Folgen erfassen nun auch die industriellen Kernländer.

Der Fetisch ist – findet man bei Marx ausgeführt – keine falsche Vorstellung, sondern eine Realität von finanziellen »Sachzwängen «, denen sich ganze Gesellschaften zu unterwerfen haben.

Kritik der politischen Ökologie

Darin steckt eine Gefahr, der man mit Marx begegnen kann. Denn im Alltagsbewusstsein bekommt der Finanzfetisch sehr oft eine Gestalt, zum Beispiel als »Heuschrecken«, die im Schwarm über einen »Standort« herfallen und ganze Unternehmen samt Arbeitsplätzen auffressen. Mit diesem Bild wird nichts erklärt; es verdunkelt vielmehr grundlegende Zusammenhänge und erschwert eine Antwort auf die Frage, wie die globalen Finanzmärkte zu regulieren wären.

Richtig gefährlich wird der Fetisch der Finanzmärkte dann, wenn ihm ein Gesicht gegeben, wenn auf einmal zwischen »raffendem« und »schaffendem« Kapital unterschieden wird. Nur eine gründliche Kapitalismusanalyse ist in der Lage, die Beziehungen der scheinbar verselbstständigten Finanzmärkte zur realen Ökonomie von Arbeit und Produktion aufzuzeigen und den fetischhaften Schein ihrer Verselbstständigung kritisch zu hinterfragen.

Bei alldem überfordert der Zwang zu zweistelligen Renditen nicht nur die reale Wirtschaft von Arbeit und Produktion, sondern auch die Natur. Wären die Renditen nur Teil einer immateriellen, virtuellen Ökonomie, könnten sie uns so egal sein wie dem Finanzmarkt-Zocker die Frage, wo seine Gewinne eigentlich herstammen. Denn seine Vorstellung ist: Das Finanzsystem ist selbstreferenziell, die Geldrendite stammt aus dem Geld, Geld erzeugt mehr Geld. »G – G’« nannte Marx die »begriffslose« Zirkulationsfigur des Geldkapitals. Aristoteles, der schlicht und richtig meinte, dass Geld keine Jungen bekommen könne und Zinsen daher zu verdammen seien, haben die Finanzjongleure ohnehin nie zur Kenntnis genommen. Daher geht es gerade darum, die Begriffe wieder zu gewinnen. Marx hatte ja den »Doppelcharakter« der Ware und der Arbeit entdeckt – den »Springpunkt« der Kritik der politischen Ökonomie. Jeder ökonomische Prozess hat demnach zwei Seiten: den Tauschwert, der sich in Geld verwandelt und auf globalen Finanzmärkten verselbständigen kann. Und den Gebrauchswert, der durch intelligente Stoff- und Energietransformation zustande kommt.

Anders als alle anderen Theorieansätze in der politischen Ökonomie vor und nach ihm berücksichtigt Marx von Anbeginn an die Naturgebundenheit allen Handelns, ja der menschlichen Existenz. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie ist daher auch eine Kritik der politischen Ökologie.

Dieser Aspekt seines Werks wurde lange Zeit ausgeblendet. Dass die Naturfrage bei Marx eine zentrale Bedeutung hat, ist erst seit den sechziger Jahren und nur dank einer kritischen Rekonstruktion der Marxschen Theorie wieder entdeckt worden. Und es dauerte nochmals eine Weile, bis stofflichenergetische Transformationen, also der Umgang der Menschen mit der Natur, erstmals mit der Marxschen Werttheorie in Zusammenhang gebracht wurden – also die Kritik der Ökonomie mit einer Kritik des Ressourcengebrauchs und der Umweltzerstörung verknüpft wurde.

Die Marxsche Theorie steht durchaus im Einklang mit den modernen Ansätzen der »thermodynamischen« Ökonomie – einer ökonomischen Theorie, die ausdrücklich den Zusammenhang zwischen den Naturbedingungen von Produktion und Konsumtion und den gesellschaftlichen Verhältnissen berücksichtigt, die darin angelegten Konflikte inklusive. Der Reichtum der Marxschen Theorie ist noch lange nicht ausgeschöpft – und das 125 Jahre nach dem Tod ihres Begründers.

Elmar Altvater ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Er schreibt regelmäßig für den Freitag und ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats von Attac Deutschland. Zuletzt erschien von ihm und Birgit Mahnkopf: Konkurrenz für das Empire. Die Zukunft der Europäischen Union in der globalisierten Welt. Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2007