H.J. Krysmanski

Notizen zu
POWER ELITES USA

Die USA eine Plutokratie im Griff eines Klüngels von Milliardären, repräsentiert von korrupten Politikern, geschützt von einer Generals-Junta und drogenhandelnden Geheimdienstlern, übergossen vom schönen Schein aus Hollywood? Das wäre zu viel gesagt. Doch eine imperiale Macht römischen Zuschnitts sind die USA schon. Und eine aktive, eng verflochtene Oberschicht gibt es auch. Sie legt inzwischen ganz privat - unter der Ideologie der Privatisierung - ein Netz aus greed and cunning, aus Habgier und Verschlagenheit (Benjamin Barber) über den Globus.

Die Geld- und Machteliten der USA verfügen inzwischen in einem beängstigenden Ausmaß über die Bedingungen der Verteilung der Reichtümer dieser Welt. Die Erde ist ihr Schachbrett, auf dem es um Ressourcen und Territorien geht. Die Erde ist ihr Cyberspace, wo alle kulturellen Erfahrungen der Menschheit unter Kontrolle gebracht werden können. Sie schicken sich an, auf diesem Planeten nicht nur Menschenrecht, sondern auch Eigentumsrecht zu setzen - oder, wenn es in ihrem Interesse ist, zu zerstören. Fragt man sie: Geht es euch um die Schätze der Erde oder um die Köpfe der Menschen oder um beides oder um nichts?, so bleiben sie stumm oder weichen aus. Denn eine kulturvolle Elite, eine Elite des Diskurses und der Vernunft im guten alten bürgerlichen Sinne sind sie nicht. Im Gegenteil: "The system is set up so that the mediocre and ruthless rise to the top." (Michael Moore, Stupid White Men and Other Sorry Excuses for the State of the Nation, z. Zt. Nr. 1 auf der Bestseller-Liste der New York Times)

Gegliedert ist diese Oberschicht wie folgt:

· PRIVATE WEALTH

Den innersten Kern bilden die Superreichen: Sie unterscheiden sich von den Reichen dadurch, daß sie in keinerlei Gefahr schweben, ihre Vermögen durch irgendwelche Umstände plötzlich zu verlieren. Im Gegensatz zu den Reichen können die Superreichen absolut ruhig schlafen. Ihre Vermögen sind so riesig, so weit verzweigt, so gut plaziert, auch so gut versteckt, daß dieser Planet schon zerplatzen müßte, damit auch sie nur noch im Hemd dastünden (Ferdinand Lundberg, Die Reichen und die Superreichen). Läßt man einmal die Frage beiseite, wo sie ihren Hauptwohnsitz haben, verfügt das reichste halbe Prozent der U.S. Bevölkerung über einen größeren Anteil am nationalen Reichtum als die unteren 90 Prozent, und die reichsten 10 Prozent verfügen über dreiviertel des gesamten Reichtums. Und mit diesem Reichtum geht außerordentliche soziale Macht einher - die Macht, Politiker, Publizisten und Professoren einzukaufen, die Macht, die Politik des Gemeinwesens ebenso wie die Politik der Konzerne zu diktieren.

"Seine beeindruckendste Eigenschaft," schreibt Robert Scheer 1976 im Playboy nach einem Interview mit Nelson Rockefeller, "ist sein Vertrauen in die Fähigkeit, jedermann kooptieren zu können. Ich verstand bald, daß Rockefeller implizit an die marxistische Klassenkampfanalyse glaubt - er steht nur eben auf der anderen Seite. Die Rockefellers sind nicht mächtig wegen ihres ungeheuren Reichtums, sondern weil sie sich durch geschickten Gebrauch ihres Reichtums zum Schiedsrichter unseres politischen Grundkonsens machen konnten. Wir neigen dazu, die großen multinationalen Konzerne als unabhängige und miteinander rivalisierende Einheiten zu betrachten. Das Gegenteil ist der Fall. Die Spitzen der Industrie und Finanz verständigen sich kontinuierlich sowohl in harten Diskussionen als auch bei freundschaftlichen Treffen."

· CEOs

Den ersten Ring um den Kern der Superreichen nennen wir den CEO-Komplex: Die Chief Executive Officers aus Industrie und Finanz sind vorrangig mit der Mehrung und Verwaltung des Vermögens der Superreichen beschäftigt und wissen ihrerseits viele Multimillionäre unter sich. Als Spitzenmanager großer Unternehmen, Versicherungen, Investmentfonds usw. bilden sie zusammen mit den Superreichen den magischen Zirkel der oberen Zehntausend. Diese Zahl ist seit Jahrzehnten konstant geblieben, auch wenn andere diese Gruppe betreffende Zahlen unablässig steigen. 419mal mehr als seine Arbeiter verdient im Durchschnitt der CEO eines großen amerikanischen Konzerns: 10.7 Millionen Dollar jährlich. Sein Gehalt stieg beispielsweise 1998 um 36 Prozent, der Lohn eines Facharbeiters um 2.7 Prozent (Geneva Overholser, International Herald Tribune). Solche Operationen gehen auf die größte Umverteilungsmaschinerie der Welt zurück, das Finanzsystem der USA. Seine vorgebliche Aufgabe, die Ersparnisse der Gesellschaft in Richtung der besten Investitionen zu lenken, erfüllt es nur kümmerlich. Aber für die Mehrung des Vermögens der Wenigen ist es bestens eingerichtet. "Statt die Reichen zu besteuern, borgt die Regierung von ihnen, und bezahlt für dieses Privileg auch noch Zinsen. Auch jeder Konsumentenkredit macht die Reichen reicher. Wer bei stagnierenden Löhnen und Gehältern seine VISA-Karte benutzt, um über die Runden zu kommen, füllt mit jeder Monatsrate die Brieftaschen der großen Kreditgeber im Hintergrund. Kein Wunder also, daß Reichtum auf spektakuläre Weise ganz oben zusammenfließt." (Doug Henwood, Wall Street)

Auch die Chief Executive Officers der größten Militärorganisation aller Zeiten, die US-Generäle, gehören zum CEO-Komplex. Schon 1960 hatte Dwight D. Eisenhower vor ihrer Kollaboration mit den anderen CEOs gewarnt: "Die Verbindung eines riesigen Militärestablishments mit einer gewaltigen Rüstungsindustrie ist eine neue Erscheinung in der Geschichte Amerikas. Der Einfluß - ökonomisch, politisch, sogar geistig - ist spürbar in jeder Stadt, jedem Bundesstaat, jedem Regierungsbüro. Vor allem unsere Regierungsgremien müssen wir vor der bewußten oder unbewußten Übernahme unberechtigter Machtbefugnisse durch den Militär-Industrie-Komplex schützen. Denn das Potential für ein unheilvolles Anwachsen von Macht am falschen Ort besteht und stabilisiert sich. Nur eine wache und informierte Öffentlichkeit kann dafür sorgen, daß diese mächtige industrielle und militärische Verteidigungsmaschinerie an unsere friedlichen Methoden und Zielen gebunden bleibt, damit Sicherheit und Freiheit gemeinsam gedeihen können." In den Sechzigern wurde gegen den Militär-Industrie-Komplex protestiert. In den Siebzigern, nach der Vietnam-Niederlage, wurde er perfektioniert und in den Neunzigern elektronisch aufgerüstet. Jetzt, nach dem 11.9.01, scheint es kein Halten mehr zu geben.

· POLITICAL CLASS

Den zweiten Ring um das Zentrum des Private Wealth bevölkert die politische Klasse im weitesten Sinne. Dazu gehören nicht nur die Spitzen der Regierung, der Parteien usw., sondern auch andere Gruppen, die mit politics befaßt sind: Verbandsfunktionäre, Rechtsanwälte, politische Beamte und die maßgeblichen Medienleute. Sie vermitteln auf die eine oder andere Weise zwischen den oberen Zehntausend und der restlichen Gesellschaft, den Massen. Sie halten das ganze System einigermaßen stabil und mehren nicht nur den Wohlstand der Superreichen, sondern kümmern sich, trotz ständiger Umverteilung von unten nach oben, auch um ein Minimum an Verteilungsgerechtigkeit. Denn dieses ist die ureigenste Aufgabe der politischen Klasse.

Der Enron-Skandal hat hier großen Schaden angerichtet. Er ist ein zentrales Ereignis in der US-Elitengeschichte und spielt zwischen CEOs und besagter politischer Klasse. Ken Lay, der entehrte Chef von Enron, hatte Bush-Sohn während des Wahlkampfs nicht nur seinen corporate jet, sondern auch viel soft money zur Verfügung gestellt. Ken Lay wählte die Spitzenleute des Energieministeriums aus und gründete mit Dick Cheney (bis 2000 Topmanager der Ölfirma Halliburton) jene energy task force, die eine neue Energiepolitik entwickeln sollte. Lawrence Lindsay, Bushs Chefberater in Wirtschaftsfragen, kam aus dem Dunstkreis der Enron-Connection, auch Finanzminister Paul O'Neill, desgleichen Robert Zoellick, Bushs Federal Trade Representative, und der Bürochef des Weißen Hauses, Karl Rove. Verfassungspolitisch ist der Enron-Skandal gravierender als Watergate.

· SUPPORTING CLASSES

Den Außenring um die oberen Zehntausend und die politische Klasse schließlich bildet die Schicht der Technokraten und Dienstleister: Dieses Heer von Beratern, Experten, Helfern aus allen Bereichen der Gesellschaft (Wissenschaft, Medien, Kultur, Technik usw.) geht in die Millionen. Hier finden sich auch viele Angehörige der Mittelschichten - Facharbeiter und Angestellte - als dienstbare Geister, als Chauffeure, Physiotherapeuten, Köche, Sicherheitspersonal. Robert Reich, Clintons erster Arbeits- und Sozialminister, hat diesen Trend zu einer 'Dienstbotengesellschaft' am Hofe der Superreichen unter dem Titel The Care and Feeding of the Rich anschaulich beschrieben. Übrigens: Diese ganze Gruppe ist durch den Enron-Skandal so sehr verärgert worden, daß das System Risse bekommt.

· MEETING PLACES

  • Treffpunkt der Machteliten ist beispielsweise The Bohemian Grove, ein nur auf Einladung zugängliches Sommerrefugium für die reichsten und mächtigsten Männer Amerikas im Norden San Franciscos, wo man unter sich bleibt und wo auch Präsidentschaften ausgehandelt wurden.
  • Das Council on Foreign Relations, die mächtigste, seit 1921 bestehende private Denkfabrik der amerikanischen Außenpolitik stellt mit seinen rund 3000 Mitgliedern so etwas wie eine geistige Ressource für den Machterhalt des Establishments dar. Das CFR gibt das Journal Foreign Affairs heraus. "Rufen Sie nicht an, wenn sie Mitglied werden wollen, man wird Sie anrufen. Und warten Sie nicht auf den Anruf, wenn sie nicht wirklich reich sind, Erfahrung in nationalen Sicherheitsfragen oder mit der CIA haben, wichtige politische Interessen vertreten oder in den Medien mitreden." (Laurence Shoup / William Minter, Imperial Brain Trust: The Council on Foreign Relations and Foreign Policy)
  • Die Bilderberg Group, 1954 in Holland gegründet, gehört zu den Vereinigungen, an denen sich die Phantasie der Verschwörungstheoretiker besonders entzündet. Die Liste der bekannten Mitglieder (die Amerikaner unter ihnen gehören meist auch dem CFR an) ist lang und schließt z.B. George Bush Sr., Bill Clinton und Tony Blair ein. "By now Bilderberg is a symbol of world management by Atlanticist elites." (Anthony Sampson)
  • Die Trilateral Commission ist z.T. aus der Bilderberg Group hervorgegangen. Nach einer Befragung von 100 der 325 'Trilateralisten' befand Professor Stephen Gill, York University in Toronto, schon 1991: 1) der Einfluß Amerikas ist durch seine internationalistische, Europa und Japan einbindende Politik und die größere Mobilität des Kapitals enorm gewachsen; 2) 'transnationale Kapitalisten' können die vorherrschenden politischen und ökonomischen Trends und die enormen Fortschritte in der globalen Kommunikationstechnologie viel besser nutzen; 3) Gruppen wie das CFR, die Trilateral Commission und Bilderberg machen große Anstrengungen, Spitzenintellektuelle zu kooptieren, um so die Ideen des Internationalismus, des Freihandels und einer Neue Weltordnung in der öffentlichen Meinung durchzusetzen.
  • Über die großen amerikanischen Stiftungen - allen voran die Carnegie, Ford und Rockefeller Foundations - wird an verschiedenen Stellen zu berichten sein. Bereits 1958 schrieb René A. Wormser: "In den Händen dieser vernetzten und sich selbst verewigenden Gruppe ist unvergleichliche Macht konzentriert. Anders als Unternehmensmacht, wird sie nicht durch Aktionäre, anders als Regierungsmacht, wird sie nicht durch Parlamente, anders als Kirchenmacht, wird sie nicht durch einen festen Wertekanon kontrolliert."