Die USA sind zu unilateralistisch, zu religiös, zu kriegerisch,
zu wirtschaftsfreundlich, zu verliebt in Waffen und die Todesstrafe
und zu süchtig nach einfachen Lösungen für komplizierte Probleme. So
lautet die Anklage der Europäer gegen die amerikanische
Gesellschaft, und ein großer Teil der außenpolitischen Elite der USA
ist bereit, dies für bare Münze zu nehmen. Populistische
Nationalisten – die man nach Andrew Jackson, dem 7. US-Präsidenten,
auch Jacksonianer nennen könnte – sehen das anders. ]
Aus dem 20. Jahrhundert haben Europäer und Amerikaner
unterschiedliche Lehren gezogen. Europa lernte, dass Nationalismus
zur Zerstörung führen könne; die Amerikaner lernten, dass
Nationalismus Sicherheit und Wohlstand bescheren kann. Europa
lernte, dass bürokratische Wohlfahrtsstaaten und mächtige
Gewerkschaften die einzige Alternative zum erbitterten Klassenkampf
seien; die Amerikaner lernten, dass Regierung und Gewerkschaften
bestenfalls notwendige Übel sind. Europa lernte, dass das
Christentum eine ausgelaugte Religion sei, die in der
zeitgenössischen Welt keine ernsthafte Rolle mehr spielen könne; die
Amerikaner lernten, dass der persönliche Glaube notwendiger war denn
je.
Infolgedessen sind die USA heute eine viel traditionellere
Gesellschaft als Europa. Besonders in den „roten“ Staaten glauben
die meisten von uns noch immer an Gott, die Familie, die Flagge und
die Todesstrafe. Jacksonianer misstrauen jedem und nehmen niemanden
ernst, der an diese Dinge nicht glaubt. Die Europäer meinen, dass
jeder, der diesen Schrott glaubt, zu dumm ist, um gute
Entscheidungen treffen zu können.
Frankreich? Gibt’s da Palmen?
Jacksonianer verschwenden nicht viele Gedanken an Europa, außer
als Urlaubsziel. Unsere Universitäten sind mehr und mehr davon
abgekommen, junge Amerikaner über europäische Kultur und besonders
über europäische Geschichte zu unterrichten; Amerikaner können
Monate und sogar Jahre ihres Lebens zubringen, ohne den Eindruck zu
haben, dass die europäische Kultur, die europäische Militärmacht
oder europäische Wirtschaftsentwicklungen irgendwelche Auswirkungen
auf ihre Existenz haben. Europäer denken die ganze Zeit an Amerika.
Die amerikanische Kultur und die amerikanische Militärmacht sind
konstante Fakten in ihrem Leben.
Wenn das jacksonianische Amerika doch einmal an Europa denkt,
sieht es das, was in der Fernsehserie „Die Andy Griffith Show“ der
Sheriff Andy Taylor aus Mayberry in Barney Fife sieht – einen
spindeldürren, neurotischen Hilfssheriff, dessen Herzensgüte nur von
seiner Inkompetenz und Eitelkeit übertroffen wird. Der wortkarge,
solide Andy toleriert Barney, aber er weiß, dass Barney mit seiner
Überheblichkeit von einer demütigenden Bredouille in die nächste
geraten wird.
Europa hofft auf eine Rolle in der Welt, die mehr oder weniger
der amerikanischen entsprechen soll. Jacksonianer können da nur
verzweifelt die Augen verdrehen. Jacksonianer glauben, dass Europa
voraussichtlich weiter an Einfluss verlieren wird, weil seine
Bevölkerung nicht nur zurückgeht, sondern auch immer älter wird und
seine Wirtschaft sich langsamer entwickelt als die Volkswirtschaften
in den Entwicklungsländern, von der amerikanischen ganz zu
schweigen.
Besonders unrealistisch wirkt die europäische Militärdoktrin.
Belastet mit riesigen Wohlfahrtsausgaben und Rentenproblemen, die
alles übertreffen, was die USA zu gewärtigen haben, können und
wollen die europäischen Länder nicht die Investitionen tätigen, die
notwendig wären, um in absehbarer Zukunft eine bedeutende
militärische Präsenz auf die Beine zu stellen. Und selbst wenn sie
das Geld aufbrächten, sind die großen europäischen Länder –
vielleicht mit Ausnahme Großbritanniens – nicht besonders
kriegerisch. Die Europäer selbst finden sich reif und erwachsen. Für
Jacksonianer sind sie Weicheier.
Barney Fife sucht sich ständig neue Aufgaben rund um seine
Polizeiwache – „neue Rollen“, wie die europäischen Politiker sagen
würden. Irgendwie hoffen die Europäer, die Rolle der globalen Mutti
an der Seite von Amerikas globalem Vati zu spielen – die gemäßigte,
freundliche Hälfte des globalen Machtpaares. Wenn Vati den Iran ohne
Essen auf sein Zimmer schickt, möchte Mutti mit Milch und Keksen die
Treppe raufschleichen. Dafür sollen ihr dann Vati und der Iran auch
noch dankbar sein.
Jacksonianer glauben, dass Europa mit dieser Haltung nicht weit
kommen wird. Amerika und die Dritte Welt brauchen keinen Vermittler.
Die Entwicklungsländer wollen mit den Leuten reden, die die
Entscheidungen treffen.
Und wenn die Europäer glauben, dass ihre Kenntnis der Dritten
Welt subtiler ist als die amerikanische, finden Jacksonianer (und
nicht nur sie) das genauso blöd wie Barneys Überzeugung, dass er ein
besserer Sheriff ist als Andy. Europas vielgepriesene „Erfahrung“
mit der Dritten Welt wurzelt im allgemeinen in den alten
Kolonialreichen. Als sich die Europäer daraus zurückzogen,
hinterließen sie überall einen Riesenschlamassel und abgrundtiefen
Hass – Indien und Pakistan, Israel und Palästina, Tutsi und Hutu. In
wirtschaftlichen, universitären, politischen und militärischen
Dingen können sich die Verbindungen der USA zur Dritten Welt in der
Regel mit allem messen, was Europa hier zu bieten hat.
Amerikaner misstrauen dem politischen Urteil Europas ganz
einfach. Beschwichtigung, „Appeasement“, ist den Europäern zur
zweiten Natur geworden. Es hat noch keinen Machthaber gegeben, ob er
nun Hitler, Mussolini, Stalin, Kaddafi, Khomeini oder Saddam Hussein
hieß, von dem die Europäer nicht geglaubt hätten, ihn durch
Konzessionen milde stimmen zu können. Die Europäer erklären den
Amerikanern, sie sollten sich als Antwort auf den 11. September mit
den „eigentlichen Ursachen“ der muslimischen Wut beschäftigen.
Jacksonianer verstehen das als Aufforderung, „Dänengeld“ – die
angelsächsische Kontribution zur Abwehr der Dänen – zu zahlen, die
Welt also wissen zu lassen, dass jeder, dem unsere Außenpolitik
nicht passt, nur hergehen und ein paar tausend amerikanische
Zivilisten töten muss, um uns zur Räson zu bringen. Die Europäer
halten das für staatsmännisch. Die Jacksonianer halten es für
erbärmlich.
Wile E. Europa – Genie
Barney findet, dass Andy ihn nicht genügend beachtet. Das wird
noch schlimmer werden. Im 21. Jahrhundert wird Europa erleben, dass
die USA ihm immer weniger Beachtung schenken, verglichen mit anderen
Teilen der Welt. Weil Europa politisch und wirtschaftlich relativ
stabil ist, zählt es für die USA nicht so wie andere, beweglichere
Regionen. Wir haben mehr von China zu erhoffen oder zu befürchten
als von Europa.
In einer vernünftigen Welt würde das in Europa keine Verstimmung
hervorrufen. Leider erinnert aber Europas scheinbar angeborener,
unerschütterlicher Glaube an die eigene Überlegenheit die Amerikaner
mehr an den gerissenen Wile E. Coyote in den Cartoons um den
Erdkuckuck Road Runner. Der Kojote ist überzeugt, dass er schlauer
ist als der Erdkuckuck. So baut er immer neue, raffinierte
Kuckucksfallen – Apparate, die Road Runner nicht zu durchschauen,
geschweige nachzuahmen vermag. Zwar gelingt es dem Kojoten nie, Road
Runner zu fangen; das tut aber seinem Selbstwertgefühl keinerlei
Abbruch. „Wile E. Coyote – Genie“ steht auf dem Briefkasten vor
seiner Tür. Worauf das jacksonianische Amerika nur mit Road Runner
antwortet: „Piep piep!“
Der Autor ist Mitglied des US-Council of Foreign Relations.
Zuletzt ist von ihm „Special Providence: American Foreign Policy and
How It Changed the World (Knopf 2001) erschienen.
Deutsch von Olga Anders