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Goodbye, Europa

Ein Amerikaner blickt auf die Alte Welt / Von Walter Russell Mead


Die USA sind zu unilateralistisch, zu religiös, zu kriegerisch, zu wirtschaftsfreundlich, zu verliebt in Waffen und die Todesstrafe und zu süchtig nach einfachen Lösungen für komplizierte Probleme. So lautet die Anklage der Europäer gegen die amerikanische Gesellschaft, und ein großer Teil der außenpolitischen Elite der USA ist bereit, dies für bare Münze zu nehmen. Populistische Nationalisten – die man nach Andrew Jackson, dem 7. US-Präsidenten, auch Jacksonianer nennen könnte – sehen das anders. ]

Aus dem 20. Jahrhundert haben Europäer und Amerikaner unterschiedliche Lehren gezogen. Europa lernte, dass Nationalismus zur Zerstörung führen könne; die Amerikaner lernten, dass Nationalismus Sicherheit und Wohlstand bescheren kann. Europa lernte, dass bürokratische Wohlfahrtsstaaten und mächtige Gewerkschaften die einzige Alternative zum erbitterten Klassenkampf seien; die Amerikaner lernten, dass Regierung und Gewerkschaften bestenfalls notwendige Übel sind. Europa lernte, dass das Christentum eine ausgelaugte Religion sei, die in der zeitgenössischen Welt keine ernsthafte Rolle mehr spielen könne; die Amerikaner lernten, dass der persönliche Glaube notwendiger war denn je.

Infolgedessen sind die USA heute eine viel traditionellere Gesellschaft als Europa. Besonders in den „roten“ Staaten glauben die meisten von uns noch immer an Gott, die Familie, die Flagge und die Todesstrafe. Jacksonianer misstrauen jedem und nehmen niemanden ernst, der an diese Dinge nicht glaubt. Die Europäer meinen, dass jeder, der diesen Schrott glaubt, zu dumm ist, um gute Entscheidungen treffen zu können.

Frankreich? Gibt’s da Palmen?

Jacksonianer verschwenden nicht viele Gedanken an Europa, außer als Urlaubsziel. Unsere Universitäten sind mehr und mehr davon abgekommen, junge Amerikaner über europäische Kultur und besonders über europäische Geschichte zu unterrichten; Amerikaner können Monate und sogar Jahre ihres Lebens zubringen, ohne den Eindruck zu haben, dass die europäische Kultur, die europäische Militärmacht oder europäische Wirtschaftsentwicklungen irgendwelche Auswirkungen auf ihre Existenz haben. Europäer denken die ganze Zeit an Amerika. Die amerikanische Kultur und die amerikanische Militärmacht sind konstante Fakten in ihrem Leben.

Wenn das jacksonianische Amerika doch einmal an Europa denkt, sieht es das, was in der Fernsehserie „Die Andy Griffith Show“ der Sheriff Andy Taylor aus Mayberry in Barney Fife sieht – einen spindeldürren, neurotischen Hilfssheriff, dessen Herzensgüte nur von seiner Inkompetenz und Eitelkeit übertroffen wird. Der wortkarge, solide Andy toleriert Barney, aber er weiß, dass Barney mit seiner Überheblichkeit von einer demütigenden Bredouille in die nächste geraten wird.

Europa hofft auf eine Rolle in der Welt, die mehr oder weniger der amerikanischen entsprechen soll. Jacksonianer können da nur verzweifelt die Augen verdrehen. Jacksonianer glauben, dass Europa voraussichtlich weiter an Einfluss verlieren wird, weil seine Bevölkerung nicht nur zurückgeht, sondern auch immer älter wird und seine Wirtschaft sich langsamer entwickelt als die Volkswirtschaften in den Entwicklungsländern, von der amerikanischen ganz zu schweigen.

Besonders unrealistisch wirkt die europäische Militärdoktrin. Belastet mit riesigen Wohlfahrtsausgaben und Rentenproblemen, die alles übertreffen, was die USA zu gewärtigen haben, können und wollen die europäischen Länder nicht die Investitionen tätigen, die notwendig wären, um in absehbarer Zukunft eine bedeutende militärische Präsenz auf die Beine zu stellen. Und selbst wenn sie das Geld aufbrächten, sind die großen europäischen Länder – vielleicht mit Ausnahme Großbritanniens – nicht besonders kriegerisch. Die Europäer selbst finden sich reif und erwachsen. Für Jacksonianer sind sie Weicheier.

Barney Fife sucht sich ständig neue Aufgaben rund um seine Polizeiwache – „neue Rollen“, wie die europäischen Politiker sagen würden. Irgendwie hoffen die Europäer, die Rolle der globalen Mutti an der Seite von Amerikas globalem Vati zu spielen – die gemäßigte, freundliche Hälfte des globalen Machtpaares. Wenn Vati den Iran ohne Essen auf sein Zimmer schickt, möchte Mutti mit Milch und Keksen die Treppe raufschleichen. Dafür sollen ihr dann Vati und der Iran auch noch dankbar sein.

Jacksonianer glauben, dass Europa mit dieser Haltung nicht weit kommen wird. Amerika und die Dritte Welt brauchen keinen Vermittler. Die Entwicklungsländer wollen mit den Leuten reden, die die Entscheidungen treffen.

Und wenn die Europäer glauben, dass ihre Kenntnis der Dritten Welt subtiler ist als die amerikanische, finden Jacksonianer (und nicht nur sie) das genauso blöd wie Barneys Überzeugung, dass er ein besserer Sheriff ist als Andy. Europas vielgepriesene „Erfahrung“ mit der Dritten Welt wurzelt im allgemeinen in den alten Kolonialreichen. Als sich die Europäer daraus zurückzogen, hinterließen sie überall einen Riesenschlamassel und abgrundtiefen Hass – Indien und Pakistan, Israel und Palästina, Tutsi und Hutu. In wirtschaftlichen, universitären, politischen und militärischen Dingen können sich die Verbindungen der USA zur Dritten Welt in der Regel mit allem messen, was Europa hier zu bieten hat.

Amerikaner misstrauen dem politischen Urteil Europas ganz einfach. Beschwichtigung, „Appeasement“, ist den Europäern zur zweiten Natur geworden. Es hat noch keinen Machthaber gegeben, ob er nun Hitler, Mussolini, Stalin, Kaddafi, Khomeini oder Saddam Hussein hieß, von dem die Europäer nicht geglaubt hätten, ihn durch Konzessionen milde stimmen zu können. Die Europäer erklären den Amerikanern, sie sollten sich als Antwort auf den 11. September mit den „eigentlichen Ursachen“ der muslimischen Wut beschäftigen. Jacksonianer verstehen das als Aufforderung, „Dänengeld“ – die angelsächsische Kontribution zur Abwehr der Dänen – zu zahlen, die Welt also wissen zu lassen, dass jeder, dem unsere Außenpolitik nicht passt, nur hergehen und ein paar tausend amerikanische Zivilisten töten muss, um uns zur Räson zu bringen. Die Europäer halten das für staatsmännisch. Die Jacksonianer halten es für erbärmlich.

Wile E. Europa – Genie

Barney findet, dass Andy ihn nicht genügend beachtet. Das wird noch schlimmer werden. Im 21. Jahrhundert wird Europa erleben, dass die USA ihm immer weniger Beachtung schenken, verglichen mit anderen Teilen der Welt. Weil Europa politisch und wirtschaftlich relativ stabil ist, zählt es für die USA nicht so wie andere, beweglichere Regionen. Wir haben mehr von China zu erhoffen oder zu befürchten als von Europa.

In einer vernünftigen Welt würde das in Europa keine Verstimmung hervorrufen. Leider erinnert aber Europas scheinbar angeborener, unerschütterlicher Glaube an die eigene Überlegenheit die Amerikaner mehr an den gerissenen Wile E. Coyote in den Cartoons um den Erdkuckuck Road Runner. Der Kojote ist überzeugt, dass er schlauer ist als der Erdkuckuck. So baut er immer neue, raffinierte Kuckucksfallen – Apparate, die Road Runner nicht zu durchschauen, geschweige nachzuahmen vermag. Zwar gelingt es dem Kojoten nie, Road Runner zu fangen; das tut aber seinem Selbstwertgefühl keinerlei Abbruch. „Wile E. Coyote – Genie“ steht auf dem Briefkasten vor seiner Tür. Worauf das jacksonianische Amerika nur mit Road Runner antwortet: „Piep piep!“

Der Autor ist Mitglied des US-Council of Foreign Relations. Zuletzt ist von ihm „Special Providence: American Foreign Policy and How It Changed the World (Knopf 2001) erschienen.

Deutsch von Olga Anders


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