lexikon der globalisierung

Was ist eigentlich Elite?

Elite, so heißt es, sei das Ergebnis einer Bestenauslese. Was auf Olympiaden, Gladiatorenkämpfe und Mathematikklausuren noch zutreffen mag, lässt sich auf gesellschaftliche Eliten nicht anwenden. Denn sie beanspruchen mehr oder weniger dauerhafte, sogar vererbbare Besetzungen von Positionen in komplexen Netzwerken, verbunden mit Privilegien, die sich verselbstständigen.

Dass gesellschaftliche Eliten sich nicht auslesen oder gar ablösen lassen, zeigt sich schon daran, dass sie immer von so genannten Gegeneliten umgeben sind, die zwar ebenso gut, aber von Macht- und Herrschaftspositionen ausgeschlossen sind. So hat man sich hilfsweise daran gewöhnt, von einer Vielzahl von Eliten zu sprechen: etwa von Funktionseliten, Sektoreliten, Politikeliten, Wirtschaftseliten und Medieneliten und von einer Zirkulation der Eliten (Vilfredo Pareto).

Und schließlich heißt es wieder einmal, dass die erstrebenswerteste Gesellschaft die einer Meritokratie sei, in welcher die Bestenauslese vollkommen demokratisiert ist. Solches Elitengefasel meint aber eigentlich nur das gehobene Hilfspersonal, die Dienstklassen.

Das Wesen von Herrschaft bleibt davon unberührt. Die derzeitige Propagierung von Eliteuniversitäten beispielsweise ist nicht etwa Teil einer Politik, die Besten tatsächlich nach oben zu bringen, um ihnen die Leitung des Gemeinwesens anzuvertrauen.

Eher geht es darum, das Bestenpotenzial der Gesellschaft - im Globalisierungswettbewerb - in die Verfügung der Herrschenden zu schleusen und damit Widerstandspotenzial (Gegeneliten) zu verhindern. "Je mehr eine herrschende Klasse fähig ist, die bedeutendsten Männer der beherrschten Klassen in sich aufzunehmen, desto solider und gefährlicher ist ihre Herrschaft" (Karl Marx).

Das Gerede von Eliten und Meritokratie hat immer ausgeblendet, ja verschleiert, dass es tiefe, stabile, vererbbare Herrschaftsstrukturen, dass es herrschende Klassen gibt. Die "wahren" Eliten, die Machteliten, werden nicht ausgelesen, sie lesen aus, sie lassen auslesen.

Diese Schicht meinte Carl Schmitt, als er sagte: "Elite sind diejenigen, deren Soziologie keiner zu schreiben wagt."

H. J. KRYSMANSKI

Das Lexikon der Globalisierung entsteht in Zusammenarbeit mit dem wissenschaftlichen Beirat von Attac und erscheint jeden Montag. Nächste Woche erscheint ein Beitrag zum Thema Shareholder value

taz Nr. 7297 vom 1.3.2004, Seite 8, 82 TAZ-Bericht H. J. KRYSMANSKI

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