H.J. Krysmanski

Wenn es die Bilderberger nicht sind, wer regiert dann eigentlich wirklich die Welt?

Eine Version dieses Interviews erschien in analyse&kritik, 20. Mai 2011

a&k: Demnächst tagen mal wieder die Bilderberger. Bei Verschwörungstheoretikern gelten sie als „Drahtzieher der Macht“ oder die „geheimen Lenker der Weltpolitik“. Wie mächtig ist dieser Kreis wirklich?

H.J. Krysmanski: Die Bilderberger haben eine interessante Geschichte. Es ging ja in den Fünfzigern darum, nach den disruptiven Kriegsgeschehnissen neue transatlantische Netzwerke unauffälliger privater Machtausübung aufzubauen. So unterschiedliche Akteure wie der (nicht zu unterschätzende) europäische Adel, große Konzerne (z.B. Unilever), Bankenvertreter, die Superreichen und natürlich auch das politische, wissenschaftliche und journalistische Dienstpersonal mussten wieder miteinander ins Gespräch gebracht werden. Damals gab es, anders als heute, ja erst wenige solcher informellen, bestenfalls halböffentlichen Foren, die der politischen, ökonomischen und kulturellen Entscheidungsvorbereitung dienen konnten.

Die ersten Bilderberg-Konferenzen hatten also weniger mit Verschwörung als mit ganz einfachen Gesetzmäßigkeiten des Machthandelns zu tun. Im geopolitischen Raum interagieren ja nicht ‚Freiheit', ‚Demokratie', ‚Neoliberalismus' oder ‚Sozialismus', sondern die Verkörperungen solcher Schemen: handelnde Individuen, die natürlich nicht auf das ganze historisch gewachsene Arsenal von Handlungsmöglichkeiten – und dazu gehören auch Geheimgespräche – verzichten möchten. Unter diesem Aspekt sind die Bilderberger dann etwas völlig Normales und wirklich nicht so wichtig. Und wenn wir uns Bilderberg-Dauergäste wie Henry Kissinger oder Gelegenheitsgäste wie Angela Merkel oder gar Guido Westerwelle wirklich etwas genauer anschauen oder beispielsweise die auf den ersten Blick durchaus beeindruckenden Listen der Teilnehmer der Konferenzen in Athen (2009) und in Sitges (2010), so sind die meisten dieser Personen trotz ihrer klingenden Namen letztlich doch nur Hilfsköche und Tellerwäscher aus der Großküche globaler Interessenpolitik. Die weltpolitische Entscheidungsmacht wird anders und woanders ausgeübt.

a&k: Wenn es die „geheime Weltregierung“, bzw. auf nationalstaatlicher oder EU-Ebene, ein „ZK der Bourgeoisie“ nicht gibt – wer sind dann die „Geld- und Machteliten“, die sich „die Welt aneignen“, wie es im Untertitel Ihres Buches „Hirten und Wölfe“ heißt?

HJK: Immer wieder wurde in der letzten Krise ein Satz von Ex-Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer zitiert, den er schon 1996 auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos von sich gab: „Ich habe bisweilen den Eindruck, dass sich die meisten Politiker immer noch nicht darüber im Klaren sind, wie sehr sie bereits heute unter der Kontrolle der Finanzmärkte stehen und sogar von diesen beherrscht werden." [1] Der Primat der Politik – so es ihn in der bürgerlichen Demokratie je gab – ist heute praktisch verschwunden. Aber unter welcher Kontrolle stehen dann die Finanzmärkte? Das ist doch die Frage. Wer wen? Märkte und andere Strukturen bedürfen der handelnden Subjekte. Wenn Geld in den letzten Jahrhunderten zur ‚Währung der Geschichte' (Niall Ferguson), zum einzig akzeptierten Medium der Macht geworden ist: wer hantiert dann eigentlich in und mit diesem Medium?

Erstaunlicherweise kommt bei den vielen Antwortversuchen auf diese Frage gerade eine Gruppe nur schemenhaft oder als Karikatur vor: die kleine Schicht der Superreichen. Das sind Personen, Familien, Clans mit einem Geldvermögen ab ungefähr 500 Millionen bis 60 Milliarden US-Dollar. Diese Gruppe umfasst weltweit zwar nur wenige Tausend. Aber sie hat große, bislang kaum ausreichend analysierte und definierte Macht. Und wie einst die Fürsten sind diese Milliardäre von einem Heer etwas weniger Reicher und von hochbezahlten Hilfseliten aus der Konzern- und Finanzwelt, aus der Politik, aus Wissenschaft, Kultur und Medien umgeben. Dieser ganze neo-feudale Machtkomplex einer global vernetzten Geldelite ist in den letzten Jahren trotz aller Krisen gewachsen und zählt inzwischen insgesamt mehrere Millionen. Wir wissen, dass aus diesen Kreisen der Rest der Menschheit sehr genau beobachtet und die Weltprobleme sehr genau analysiert werden, durch Think Tanks, Stiftungen, private Forschungseinrichtungen usw. Und es ist klar, dass die Interessen dieses obersten 1 Prozent und vor allem des obersten 0,1 Prozent der Weltbevölkerung nicht unbedingt identisch sind mit den Interessen der übrigen 99 Prozent.

Selbstverständlich sind diese Superreichen samt Hilfseliten ein buntes Völkchen. Da gibt es Weltbürger und Nationalisten, Aristokraten und Gangster, Unternehmer und Finanzjongleure, ‚gute' und ‚böse', ‚kluge' und ‚dumme'. Dazu die Usurpatoren dieser Welt (die Mubaraks, Gaddhafis usw.), die Warlords, die russischen Transformationsganoven und überhaupt Mafiosi aller Couleur (‚Berlusconisierung'). Doch bei allen Unterschieden haben diese Gruppen, wie schon angedeutet, eines gemeinsam: sie können mit Geld umgehen, bzw. mit denen, die mit Geld umgehen können - und das heißt: mit den Finanzmärkten. Milliardäre jeglicher Art müssen sich um ihres Überlebens willen notwendigerweise Netzwerke von Hilfseliten organisieren, welche Verwertungs-, Verteilungs- und auch Sinnfragen in ihrem Interesse bearbeiten. Und wegen der Eigenschaften des globalen Finanzsystems müssen diese privaten Netzwerke ihrerseits untereinander vernetzt sein. Diese global operierende, kaum kontrollierbare Macht- und Entscheidungsstruktur – diese hypertrophierte Wall Street - kann man als Geldmachtkomplex bezeichnen, wobei die Analogie zum Militär-Industrie-Komplex nicht zufällig ist.

Damit haben, was für den Soziologen nicht uninteressant ist, auch Geopolitik und Diplomatie eine neue Dimension bekommen. Das jedenfalls meint Parag Khanna in seinem Bestseller ‚Wie man die Welt regiert': „Die Diplomatie im 21. Jahrhundert gleicht zunehmend jener des Mittelalters: Aufsteigende Mächte, multinationale Konzerne, mächtige Familien, Philanthropen, religiöse Fundamentalisten, Universitäten und Söldner sind allesamt Teil der diplomatischen Landschaft.“ In der multipolaren Welt der Gegenwart sei die traditionelle Staatendiplomatie ein Auslaufmodell. Für das Krisenmanagment der Zukunft werde es maßgeblich auf die neuen Mitspieler ankommen, auf die „NGOs mit ihrem problemspezifischen Know-how, Großunternehmen mit der Wirtschaftskraft ganzer Staaten, einflussreiche Weltbürger wie Bill Gates und George Soros“ usw. [2] Khanna ist im übrigen großgezogen worden im Milieu des Council on Foreign Relations, der New America Foundation, der Bertelsmann-Stiftung, der Stiftung Wissenschaft und Politik usw., wo an geldmachtkomplexaffinen Weltbildern gewebt wird.

Aber auch die Linke sollte fragen: Wie ticken Milliardäre und das Heer ihrer dienstbaren Geister, wenn es um Geld und Macht geht? Schon Mitte des 19. Jahrhunderts sprachen nicht nur Marx und Engels, sondern auch Heinrich Heine dem neu geschaffenen Finanzsystem eine zutiefst revolutionäre Wirkung zu: Das ‚Staatspapierensystem', so Heine, gewähre Menschen wie den damaligen Herrschern der Finanzwelt, den Rothschilds, „die Freiheit, jeden beliebigen Aufenthalt zu wählen, überall können sie von den Zinsen ihrer Staatspapiere, ihres portativen Vermögens, geschäftslos leben, und sie ziehen sich zusammen und bilden die eigentliche Macht der Hauptstädte.“ Eine solche „Residenz der verschiedenartigsten Kräfte, eine solche Zentralisation der Intelligenzen und sozialen Autoritäten“ werde künftige Herrschaftsstrukturen begründen. [3]

a&k: Was zeichnet die Superreichen heute aus?

HJK: Von Ferdinand Lundberg stammt eine klassische Definition des Superreichtums: Die Reichen mögen zwar über sehr viel (und oft schnell erworbenes) Geld verfügen; sie leben aber immer noch in der Gefahr, alles oder einen großen Teil ihres Vermögens plötzlich wieder zu verlieren. Die Superreichen dagegen können absolut ruhig schlafen; ihre Vermögen sind so riesig, so weit verzweigt, so gut platziert, auch so gut versteckt, dass dieser Planet schon zerplatzen müsste, damit auch sie mit leeren Händen dastünden. [4]

Ich würde eine weitere qualitative Bestimmung hinzufügen: Superreiche verfügen über so viel Geld, dass Luxusgüterkonsum auch in seiner extremsten Form irrelevant wird - ob es sich nun um einen privaten Airbus 380 oder ein 30 Mio. Dollar teures Picasso-Gemälde oder einen 26-stöckigen mitten in Mumbai stehenden Privatpalast für 1 Mrd. Dollar handelt. Nein, hier geht es letztendlich um den Konsum von Menschen und Menschlichkeit. Und zwar nicht nur im Sinne von ‚Leibeigenschaft' (wie im Feudalismus) oder von ‚Verwarenförmigung' menschlicher Arbeitskraft (wie im Kapitalismus), sondern im Sinne einer neo-kapitalistischen Biopolitik, die man als neuen Kannibalismus bezeichnen könnte. Ich will dieses Bild jetzt nicht strapazieren. Aber die (post)moderne informatisierte und globalisierte Welt neo-kapitalistischer ‚Wertschöpfung' verlangt immer rücksichtsloser den ‚ganzen' Menschen. Es gibt keine freie Stelle in den Köpfen, die nicht vom Verwertungsanspruch der Renditejäger betroffen wäre. Die Trennung von Arbeitszeit und Freizeit ist aufgehoben, die herrschenden Produktionsverhältnisse fressen den ganzen Menschen, dem jegliche Fluchtmöglichkeit außer der Hölle der totalen Ausgrenzung abgeschnitten ist. [5]

Und so scheint es, als könnten in dieser Welt nur Wenige, ganz Wenige ihre Menschlichkeit, ihre individuelle Souveränität bewahren. Das alles geschieht unter der Losung: ‚Winner Takes All'. [6] Was heißt das? In den USA beispielsweise wuchsen bis Anfang der 70er Jahre die Einkommen aller Einkommensschichten proportional ungefähr gleichmäßig, der Einkommensanteil des obersten 1 Prozent der Bevölkerung betrug 8 Prozent. Dann aber begann deren Anteil zu steigen und im Jahre 2007 waren es (einschließlich der Kapitalgewinne) schon 23,5 Prozent – genau so hoch wie 1929 vor dem großen Börsen-Crash. Doch auch innerhalb dieser Spitzengruppe sorgt das Winner-Takes-All-Prinzip für Differenzierung: „Linst man in die Brieftaschen des reichsten 0,1 Prozent, so entdeckt man, dass diese Gruppe insgesamt ein kollektives jährliches Einkommen von unvorstellbaren 1 Billion (1000 Milliarden) US-Dollar hat, was auf ein durchschnittliches jährliches Einkommen von 7,1 Millionen Dollar hinausläuft.“ Aber damit nicht genug: „Das reichste 0.01 Prozent (der eine Haushalt unter zehntausend) hat sein durchschnittliches jährliches Einkommen von 4 Millionen Dollar im Jahre 1974 auf mehr als (inflationskorrigierte) 35 Millionen Dollar gesteigert.“ [7]

Sozial setzt sich diese Gruppe keineswegs, wie uns bestimmte Medien weismachen wollen, aus Hollywood-Superstars und anderen Berühmtheiten aus Kultur, Unterhaltung und Sport zusammen. Die meisten sind auch keine Rentiers, die ihren akkumulierten Reichtum nur verzehren. Die Mehrheit sind vielmehr aktive Unternehmer und Manager, darunter immer mehr Manager und Firmenleiter aus der Finanzbranche, also insgesamt und vornehmlich „the ‚working rich' of the executive world.“ [8] Zusammen mit dem alten Geld bilden sie eine absolut abgeschottete, unter sich vernetzte Schicht, die sich immer dann vollkommen einig ist, wenn es um den Primat der Finanzmärkte geht. In diesem Milieu entwickeln sich denn auch erstaunliche und allmählich miteinander verschmelzende Weltbilder einer neuen ‚Vermögenskultur'. Dazu eine kleine Notiz aus der New York Times: „Wenn man nicht Teil dieser Kultur ist, versteht man wahrscheinlich kaum das kühle Kalkül, mit dem Weltereignisse, wie schrecklich sie auch sind, beurteilt werden. So kommentierte der Nachrichtenmoderator des Fernsehkanals CNBC, Larry Kudlow, das großen Erdbeben in Japan vom 11. März 2011 mit den Worten: ‘Die menschlichen Verluste scheinen viel schlimmer zu sein als die ökonomischen, und dafür können wir dankbar sein'.” [9]

a&k: Gigantischer Reichtum ist das eine, Macht und Herrschaft das andere. Wie gelingt es den Superreichen, sich die Welt anzueignen, wie funktioniert der „Geldmachtkomplex“?

HJK: Die amerikanische Herrschaftsstrukturforschung (Power Structure Research, PSR) hat ziemlich überzeugend die Pfade nachgewiesen, wie in dieser ‚mächtigsten Demokratie der Welt' heute die zentralen politischen Entscheidungen getroffen werden. Wir wissen dank PSR heute, wie die entscheidenden Gesetzgebungsverfahren in den USA ablaufen, wie Superreiche und Konzerne durch Fördermittel, Forschungsaufträge, Personal die wichtigsten Universitäten, Stiftungen und Denkfabriken in der Hand haben. Von diesen Institutionen her wird die Wirklichkeit definiert, werden Handlungsmöglichkeiten eingegrenzt und das politische Weltbild bestimmt. Über die Elite-Universitäten, die großen Stiftungen und Think Tanks wird ein großer Teil des Einflussgeldes verteilt, von dort kommen die Experten, die in einem Geflecht von formellen und informellen Diskussions- und Planungsgruppen Gesetzesvorlagen vorbereiten usw. Die Expertisen landen dann bei den Parteien, in Ausschüssen. Geld plätschert in die Wahlkassen der Abgeordneten und Senatoren und in die offenen Hände der Meinungsmacher. So ist relativ sichergestellt, dass nur Regelungen und Gesetze der ursprünglichen Auftraggeber realisiert werden.

Man kann dieses System, in welchem Geld in Macht verwandelt wird, mithilfe eines Ringmodells beschreiben – oder, wenn man Parag Khannas Formel eines ‚neuen Mittelalters' aufnimmt, als eine ‚Ringburg'. Darin bilden die Superreichen das Zentrum. Darum gruppieren sich in konzentrischen Kreisen die Konzern- und Finanzeliten, die politischen Eliten, schließlich Funktions- und Wissenseliten aller Art. Dies ist zunächst einmal die Veranschaulichung eines Funktionszusammenhangs, in welchem die wissenschaftlich-technischen und kulturellen Entwicklungen, die politischen Maßnahmen der Verteilung bzw. Verteilungsgerechtigkeit, die Operationen der produktiven und finanziellen Verwertung sozusagen auf ihren funktionalen Kern, ihr wahres Zentrum bezogen werden können: nämlich auf die Akkumulation von Reichtum in wenigen Händen. Winner-Takes-All eben.

Die Quantifizierung dieser verschiedenen Macht- und Funktionseliten lässt sich mithilfe eines Pyramiden- oder Kegelmodells veranschaulichen. Dabei interessieren zunächst einmal nur die obersten 10 Prozent der (Welt)Bevölkerung und deren innere Differenzierung. Den untersten Ring dieser Kegelspitze bilden dann die Experten für Analyse, Symbole, Affekte – also die Wissens- und Wohlfühleliten dieses Systems. Das sind weltweit natürlich viele Millionen. Dann kommt die große Zahl der politisch aktiven Menschen in jedem Land, in jeder Weltregion. Hier, wie auch im ersten Fall, interessieren machtanalytisch allerdings nur die Oligarchien, die ‚Eliten' dieser Gruppen. Schließlich, direkt unterhalb der Spitze und mit diesen Geldfürsten unauflöslich vernetzt, finden wir dann die Verwertungseliten, die Konzern- und Finanzeliten. Für die Zwecke des PSR ist es also zunächst einmal ausreichend, sich auf die obersten hundert oder zweihundert Personen in den jeweiligen Rangskalen zu konzentrieren, wie es uns Publikationen wie Forbes, Sunday Times oder auch Manager-Magazin vormachen. Anders wird es erst, wenn wir nach dem Widerstandspotenzial fragen. Dann kommt der ganze Kegel in Bewegung.

a&k: Wenn Macht im Verborgenen und ohne jede demokratische Legitimation ausgeübt wird, muss es informelle Entscheidungsprozesse geben. Wo und wie finden die statt?

HJK: Man kann sich das so vorstellen: Wenn ein Superreicher überhaupt über Politik nachdenken und nicht einfach seine Macher machen lassen will, so kauft er sich eben ein paar Philosophen, Wissenschaftler, Institute und lässt nachdenken. Und nicht alle Superreichen sind ja so sympathisch wie Jan Philipp Reemtsma, Rang 143 der Liste der reichsten Deutschen des Manager-Magazins (Oktober 2009) mit einem Vermögen von rund 650 Millionen, der sich ein eigenes ‚Hamburger Institut für Sozialforschung' hält, das die intellektuelle Landschaft stärker beeinflusst als man ahnt. Auch Klaus Tschira (Rang 19, 5,4 Milliarden Euro) ragt mit seiner beachtlichen Wissenschafts-Stiftung aus diesen Kreisen hervor. Insgesamt aber liegt die Bundesrepublik weit zurück im Zirkel der großen Stiftungen und Think Tanks, in denen sich unsere superreichen Laiendenker weltweit anregen und beraten lassen. Auch russische Oligarchen und in zunehmendem Maße chinesische Milliardäre gehen dort zur Schule. Man denke zum Beispiel an den seit Jahrzehnten betriebenen Nachhilfeunterricht seitens des New Yorker Council on Foreign Relations. Die Erforschung dieses unübersichtlichen Feldes von Denkschulen und intellektuellen Überwachungseinrichtungen ist noch viel zu unterentwickelt. [10]

Eines jedenfalls ist klar. Neben den vielen Anpassungs- und Erkenntnisbemühungen an der Spitze unserer Pyramide scheint das alte finanzpolitische Establishment das Ruder für den Augenblick fest in der Hand zu haben. Seine Autorität, schreibt der konservative Leitartikler David Brooks in der New York Times, basiere auf keinem irgendwie gearteten System der checks and balances, sondern auf der Weisheit und der öffentlichen Verantwortung derjenigen, die schon immer das Sagen hatten. Und auch wenn nunmehr zwecks Überwindung der Krise eine Wirtschaftspolitik in Gang komme, die auf grüne Technologien, Gesundheitsreform, Infrastrukturausbau, Bildungsreform und Forschung setzt, so sei das dennoch keine Ära, in welcher die Washingtoner Regierung die wirklich Mächtigen zugunsten des Volks in die Schranken weist. „Nein, dies ist eine Ära des aus Erfahrung klug gewordenen Establishments, in welcher die Regierungsaktivitäten nach wie vor dazu dienen, einen stabilen – und oft oligarchischen – Rahmen für das kapitalistische Projekt bereitzustellen." [11]

a&k: Funktions- und Wissenseliten: Gibt es hier auch Widerstandspotenzial?

HJK: Wir vergessen häufig, dass Widerstand etwas mit Widerspruch im Sinne der Dialektik, also mit Dialektik zu tun hat. Friedrich Engels weist darauf ganz pragmatisch hin, wenn er schreibt: „Man kann aber ganz gut selbst Börsianer und zu gleicher Zeit Sozialist sein und deshalb die Klasse der Börsianer hassen und verachten. Wird es mir je einfallen, mich zu entschuldigen dafür, dass ich einmal Mitinhaber einer Fabrik gewesen bin? Der sollte schön ankommen, der mir das vorwerfen wollte. Und wenn ich sicher wäre, an der Börse morgen eine Million profitieren zu können und damit der Partei in Europa und Amerika Mittel in großem Maß zur Verfügung zu stellen, ich ging sofort an die Börse.“ [12]

Und dann das Internet: Für mich hängt die Zukunft der Demokratie im Sinne des Grundgesetzes sehr stark vom Schicksal der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien ab. Um deren Zukunft ist ja überall ein entscheidender Kampf entbrannt. Derzeit beherrscht eine Handvoll großer Medienkonzerne die Weltöffentlichkeit. Die wollen mit aller, wirklich aller Gewalt auch die Kontrolle über das Internet erzwingen. Das ist ein battleground, der immer mehr ins Zentrum rückt. Denn mit der Welt der vernetzten Computer ist eine völlig neue Stufe dessen, was man im Marxismus Produktivkraftentwicklung nennt, erreicht. Diese neuen, auf allen Stufen der Produktion und Kommunikation präsenten Produktivkräfte erlauben es gerade den Beherrschten, den beherrschten Klassen, an neue Formen eines wissenschaftlichen Sozialismus zu denken. [13] Wired Magazine: "Wir unterschätzen, wie sehr die Kraft unserer kybernetischen Werkzeuge in der Lage ist, unsere Köpfe umzubauen. Haben wir wirklich einmal geglaubt, dass wir täglich im Kollektiv virtuelle Welten konstruieren und bewohnen könnten, ohne dass dies unsere Weltsicht verändert? Die Kraft des Online-Sozialismus wächst. Diese Dynamik verlässt die Welt der Elektronen – vielleicht in Richtung Wahlen." [14]

Die Chance für einen Systemwandel besteht in letzter Konsequenz darin, die durcheinandergerüttelten Funktionseliten (die zum Teil dem Geldmachtkomplex nur noch halbherzig dienen, wenn sie nicht schon auf die Straße gesetzt wurden) dazu zu bewegen, über ihre eigene Rolle in den Herrschaftsstrukturen nachzudenken, also eine besondere Form des PSR zu starten. Sie kennen sich ja aus im Milieu. Sie wissen, wie man die vorhandenen Computerkapazitäten kompetent nutzen kann. Die Konsequenz aus einem solchen Ansatz lautet im übrigen: Der Zusammenbruch der herkömmlichen Steuerungsinstanzen – die ja nie mehr als bloße Stückwerkstechnologie lieferten – verlangt nicht nur mehr Partizipation, sondern dieser Zusammenbruch verlangt unter den enttäuschten und zum Teil auch ausgegrenzten Kadern auch ein neues Nachdenken und eine entschiedene Wiederbelebung des Gedankens und der Praxis gesamtgesellschaftlicher Planung. Ich plädiere also letztlich nicht nur für einen demokratischen, sondern für einen wissenschaftlichen Sozialismus.

Wenn wir als Linke unter dem Eindruck der Computerisierung die Diskussion um gesellschaftliche Planung wieder aufnehmen, können wir allerdings nicht so tun, als seien Cyberspace, Virtualität, Simulationskultur und Internet nicht Teil des 'Schweinesystems'. Doch manifestiert sich in seinen Tiefen, hinter unserem Rücken und an den überraschendsten Orten schon verwissenschaftlichte Planung im Sinne des historischen Materialismus. Selbstverständlich ist so etwas nicht möglich, ohne in Kenntnis der heutigen Rechnerkapazitäten Lehren aus den bisherigen Versuchen einer verunglückten sozialistischen Planwirtschaft zu ziehen. [15]

a&k: Sie werfen der Linken vor, bei ihren Analysen der ökonomischen und sozialen Widersprüche oft die subjektive Seite zu vergessen. Von anderer Seite wird die Fokussierung auf das Wirken mächtiger Individuen schnell als Verschwörungstheorie abgetan. Ein Dilemma?

HJK: Es geht nicht um ‚mächtige Individuen', die, wie wir alle wissen, plötzlich auch ganz kläglich ohne Kleider dastehen können. Aber wenn wir uns mit Marx Individuen als jeweils spezifische Ensembles gesellschaftlicher Verhältnisse vorstellen, die zwar ihre eigene Geschichte machen, aber „nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen“ [16] , so haben wir hier die Basis für ein Verständnis jener Netzwerke, in denen eben auch – um das Bild doch noch mal zu verwenden – der Neo-Kannibalismus der Gegenwart vorbereitet wird.

Und da geht es dann nicht um Verschwörungen (die es zweifellos gibt und immer gegeben hat), sondern um die Erforschung von Herrschaftsstrukturen und Herrschaftshandeln. Es kann nicht angehen, dass etwa auf einem Hauptkongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie unter dem Titel ‚Transnationale Vergesellschaftungen“ (2010) das Thema ‚Herrschaft' praktisch nicht vorkam. Es geht hier also eher um ein methodologisches Problem, ein Forschungsproblem. Dass die Oberschicht, die Spitze des Kegels, ein blinder Fleck geblieben ist, dass ein berühmtes Diktum von Carl Schmitt sich immer noch bewahrheitet [17] , das ist für die Sozialwissenschaften skandalös und ein großes Problem einer fortschrittlichen Verwissenschaftlichung der Politik. Noch immer beobachten die Mittelschichten die Unterschichten im Auftrag der Oberschichten. Bestenfalls beobachten verschiedene Mittelschichten-Fraktionen noch einander. Wer aber beobachtet die Oberschichten? Und auf welche Weise?

Hier hilft uns, wie gesagt, der Power Structure Research weiter. PSR benutzt eine Kombination verschiedener Forschungsmethoden: Netzwerkanalysen, Interviews mit kenntnisreichen ‘Insidern', Archiv-Recherchen und andere Formen der Dokumentenanalyse sowie Fallstudien des politischen Entscheidungsprozesses. Untersuchungsgegenstände des PSR sind: Konzerne; Nonprofit-Organisationen (Stiftungen, Think Tanks , ‘policy discussion groups'); politische Parteien, Kandidaten, Wahlen; die Rolle der staatlichen Bürokratie; die soziale Oberschicht; kommunale Machtstrukturen; globale Machtstrukturen; die Medien; die ‚Machtelite(n)'. PSR wird nicht nur von Sozialwissenschaftlern betrieben, sondern auch von Journalisten, watchdog groups, politischen Parteien und Kandidaten, Aktivisten in sozialen Bewegungen, Gewerkschaften und sogar Künstlern. Auch die Whistleblower auf Wikileaks gehören zum PSR.

Also: die Bilderberger würden sich in ein Lüftchen auflösen, wenn wir Marxens Aufforderung, „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern “, um den Satz ergänzten: Und es kommt darauf an, wer sie verändert. Bis jetzt habe ich diese notwendige zusätzliche Formel trotz Google im Netz nicht gefunden.


[1] Zitiert bei Martin, H.P./Schumann, H., Die Globalisierungsfalle. Der Angriff auf Wohlstand und Demokratie , Reinbek 1996, S.90; vgl. FAZ vom 3.2.1996

[2] Parag Khanna, Wie man die Welt regiert. Eine neue Diplomatie in Zeiten der Verunsicherung, Berlin 2011, S.11

[3] Heinrich Heine, Ludwig Börne. Eine Denkschrift, in ders., Werke und Briefe, hg. von Hans Kaufmann, Bd. 6, S. 106f; vgl auch: Niall Ferguson, Der Aufstieg des Geldes. Die Währung der Geschichte, Berlin 2010, S. 82

[4] Ferdinand Lundberg, The Rich and the Superrich, New York 1968 (dt. Die Reichen und die Superreichen, Hamburg 1969)

[5] Man denke z.B. an Susan George's Völkermordsatire ‚Der Lugano Report', Reinbek 2001, oder Jean Zieglers ‚Imperium der Schande', München 2005

[6] Nicht umsonst steht der Roman ‚Atlas Shrugged' (1957, dt. Wer ist John Galt?) von Ayn Rand heute wieder ganz oben bei den US-amerikanischen Ultrakonservativen; vgl. auch die Hollywood-Verfilmung ‚Atlas Shrugged' (2011)

[7] Vgl. Jacob S. Hacker & Paul Pierson, Winner-Take-All Politics: How Washington Made the Rich Richer - And Turned Its Back on the Middle Class (Simon & Schuster, 2011)

[8] Ebenda, zit. nach Alternet

[9] International Herald Tribune, March 21, 2011, p.19; vgl. auch Vanity Fair

[10] Vgl. z.B. die auf der Basis von Grafiken der Université Tangente (s.a. Blog) im Institut für Soziologie der Universität Münster erstellte Liste: http://www.uni-muenster.de/PeaCon/wemgehoertdieeu/ut-agenturen.htm

[11] David Brooks, ‚The establishment lives', International Herald Tribune, September 23, 2008

[12] MEW 35, 444

[13] Vgl. Dietmar Dath, Maschinenwinter: Wissen, Technik, Sozialismus: Eine Streitschrift (edition unseld), Frankfurt/Main 2008

[14] Kevin Kelly, The New Socialism: Global Collectivist Society Is Coming Online', Wired Magazine, May 22, 2009

[15] Vgl. Cockshott, Paul / Allin Cottrell, Alternativen aus dem Rechner. Für sozialistische Planung und direkte Demokratie, Köln 2006; Dieterich, Heinz, Der Sozialismus des 21. Jahrhunderts. Wirtschaft, Gesellschaft und Demokratie nach dem globalen Kapitalismus, Berlin 2006

[16] MEW 8, S.115

[17] "Elite sind diejenigen, deren Soziologie keiner zu schreiben wagt." - C. Schmitt, Briefwechsel mit einem seiner Schüler, hg. von A. Mohler, Berlin 1995, S. 147