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06.08.2011 / Feuilleton / Seite 13

Die Aneignung Europas

Während die Eliten in der Euro-Krise ihre Schäfchen ins Trockene bringen, erlangen die Volksmassen allmählich eine neue Bewegungssouveränität

Hans-Jürgen Krysmanski

Ende Juli bat das rechtsliberale Onlinemagazin »The European« den Autor um einen Kommentar zur Frage: »Ist die europäische Integration zu einem Projekt der intellektuellen Elite verkommen, dem der Großteil der EU-Bürger sowie auch die Politik bestenfalls mit Gleichgültigkeit und Desinteresse begegnen?« Anfang August wollte das Magazin den fertigen Beitrag des emeritierten Professors für Soziologie dann lieber doch nicht in die Debatte aufnehmen.

»Noch ganz andere Elite« heiratet demnächst stundenlang live im RBB: Prinz Georg Friedrich von Preußen neben einem Ahnen
Foto: ddp

Wenn wir das »Modell Europa« konkretisieren wollen, muß die integrative Rolle der »Eliten« und der »Volksmassen« genauer geklärt werden. Selbstverständlich geht von den Jüngeren, Besserverdienenden mit hoher Bildung, die sich in der sozialen Hierarchie weit oben wähnen, eine gewisse Europabegeisterung aus. Sie wird auch genährt von der Sorge, daß in einem zerfallenden Europa die technischen und kulturellen Skills, welche diese intellektuelle Elite erworben hat, nicht mehr so gefragt sein könnten. Eine Gefahr jedenfalls für die europäische Integration stellt diese Gruppe nicht dar.

Aber es gibt ja im Gegensatz dazu noch ganz andere Eliten, die sich in einem zerfallenden, von Konflikten (und Kriegen) zerrissenen Europa durchaus wie Fische im Wasser zu bewegen gelernt haben. Man denke an die europäische Aristokratie, die sich seit tausend Jahren haut und sticht, aber auch liebt und heiratet. Diese Schicht spielt noch immer eine wichtige Rolle und verfolgt ein ganz anderes Europamodell, das sich nicht in Strasbourg oder Brüssel, sondern in Schlössern, länderübergreifenden Latifundien oder in als Fürstentümer getarnten Steueroasen entfaltet. Und dorthin lassen sich beispielsweise gern auch Angehörige einer anderen, weitaus mächtigeren Spielart der europäischen Eliten einladen: Teile des Geldadels, Besitzer großer Vermögen. Auch diese Gruppe – mit ihrem Troß von Investmentbankern, Konzernmanagern, Lobbyisten, Hausprofessoren und Medienstars – ist durch die meisten Kriegs- und Krisenzeiten nicht nur unbeschadet, sondern mit Gewinn hindurchgekommen.

Diesen oberen Zehntausend also, die ihre existentielle Stabilität aus tieferen Quellen beziehen, muß ein desintegriertes Europa nicht unrecht sein. Denn das ist für sie vertrauter historischer Boden, auf dem sie sich seit langem souverän bewegen, einschließlich der westlich-transatlantischen und der russisch-transsibirischen Dimension. Mit anderen Worten, diese Eliten werden auch in der jetzigen Euro-Krise, wie immer sie ausgeht, ihre Schäfchen ins Trockene bringen.

Mit welchen Schichten der Gesellschaft aber kann sich unsere oben genannte junge intellektuelle Elite verbünden, um ihren Traum von einem in der Tat neuen Europa Wirklichkeit werden zu lassen? Nun, die »Volksmassen« Europas, die jetzt wieder einmal als Steuerzahler und virtuelles Kanonenfutter in die Krise geschickt werden sollen, sind ja nicht nur eine dumpfe, orientierungslose Schafherde, die durch eine mediale Hundemeute mal hierhin, mal dorthin getrieben wird. Nein, es handelt sich auch um eine differenzierte, intelligente, erfahrungsreiche »Multitude« – und das in zunehmendem Maße.

Bislang konnte man die Eliten von den Massen vor allem dadurch unterscheiden, daß erstere hochgradig mobil, international vernetzt und kosmopolitisch agierten, während letztere an die Orte und Regionen ihrer »Arbeitsplätze« gefesselt waren und allenfalls als Soldaten oder Flüchtlinge oder arbeitssuchende Migranten in Bewegung kamen. Insofern war die große Parole des Kommunistischen Manifests, »Proletarier aller Länder, vereinigt euch«, ein Ruf nach territorialer Freiheit und Selbstbestimmung.

Diese »Bewegungssouveränität« ist heute für die europäischen Volksmassen eine konkrete Möglichkeit. Sie begann mit dem Massentourismus, sie setzt sich fort in den neuen, netzgestützten Kommunikationsformen und könnte, so die europäischen Gewerkschaften das endlich unterstützen, zur selbstbestimmten Jobmobilität führen. Eine solche Aneignung des europäischen Raumes, seiner Sprachen und Kulturen ist auf der alltäglichen, ganz praktischen Ebene längst im Gange. Sie relativiert die Bedeutung der Geldadelsburgen und Steueroasen der Superreichen. Sie ist auch der Weg, auf dem die intellektuelle Elite, die sich schon viel zu lange allein an den Geld- und Machteliten orientiert, endlich wieder selbst den schönen europäischen Boden unter die Füße bekommt.