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Eine Version dieses Artikels erscheint in: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus, hgg. v. W.F.Haug, Bd. 6, Berlin 2003/4 Herrschende
Klasse(n)
I.
Der Begriff der herrschenden Klasse(n) - II. Vom Herr-Knecht-Verhältnis
zum Klassenverhältnis I. Der Begriff der herrschenden Klasse(n)Mit
dem Begriff der herrschenden Klasse wurde das uralte Phänomen der Herrschaft
an das Schicksal des Klassenbegriffs gekoppelt. Durch eben diese Koppelung
wurde Herrschaft als Klassenherrschaft präzisiert bzw. gelegentlich auch
verengt. Zugleich erfasste der Begriff der herrschenden Klasse jedoch
immer schon mehr und anderes als etwa der Begriff der Kapitalistenklasse.
Der Begriff dürfte sich also auch in der postmodernen Phase des Kapitalismus
bewähren, die durch den Übergang von ökonomischer Herrschaft in kulturelle
und von kultureller Herrschaft in ökonomische gekennzeichnet ist. Der
Begriff der herrschenden Klasse wurde und wird – insbesondere im angelsächsischen
Raum – häufig synonym mit dem Begriff der Machteliten (nicht: Eliten)
gebraucht. Auf diese Bedeutung verweist z.B. Carl Schmitts Diktum:
„Elite sind diejenigen, deren Soziologie keiner zu schreiben wagt.“ (1995,
147) Mit dem Begriff der herrschenden Klasse kam historisch Bewegung ins
Herrschaftsspiel; auch die Arbeiterklasse konnte als herrschende Klasse
in spe betrachtet werden: „Das Proletariat wird seine politische
Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital
zu entreißen, alle Produktionsmittel in den Händen des Staats, d. h. des
als herrschende Klasse organisierten Proletariats, zu zentralisieren und
die Masse der Produktivkräfte möglichst rasch zu vermehren.“ (Marx
u. Engels, MEW 4, 481) Klassenbeziehungen und –bündnisse erweiterten
die Möglichkeiten von Herrschaft: „Je mehr eine herrschende Klasse fähig
ist, die bedeutendsten Männer der beherrschten Klassen in sich aufzunehmen,
desto solider und gefährlicher ist ihre Herrschaft.“ (Marx, MEW
25, 614) Unterentwickelt in Theorien der herrschende Klasse blieb – abgesehen
von der Analyse der ökonomischen Handlungen der Kapitalistenklasse – die
allgemeine Handlungsanalyse: „What does the ruling class do when it
rules?“ (Therborn 1978) Dies ist der Tatsache geschuldet, dass
die empirische Nähe zu Herrschaftshandlungen qua definitionem Herrschenden
vorbehalten ist. Das „Herrschaftswissen“ Beherrschter ist folglich zwar
hinsichtlich der Auswirkungen von Herrschaft konkret, hinsichtlich des
Handelns und Verhaltens herrschender Klassen aber eher abstrakt. Diese
Tendenz zur Abstraktion bzw. Entsubjektivierung findet sich denn auch
in vielen ‘im Interesse der Beherrschten’ formulierten Theorien der herrschenden
Klasse. Der „Aufstieg zum Konkreten“ könnte dann gleichbedeutend mit Revolution
sein. II. Vom Herr-Knecht-Verhältnis zum KlassenverhältnisDas dialektische Verhältnis zwischen Herrschenden und
Beherrschten wird in Herr-Knecht-Allegorien der frühbürgerlichen Revolution
thematisiert, die sich einerseits auf die „höfische Gesellschaft“ beziehen,
andererseits bereits die Produktionsverhältnisse in den Mittelpunkt stellen.
Für Georg Wilhelm Friedrich Hegel steht die Herausbildung von Herr-Knecht-Verhältnissen
am Beginn allen sozialen Geschehens. Im Kampf der Selbstbewusstseine um
Anerkennung, der zunächst ein Kampf auf Leben und Tod ist, tritt an die
Stelle des Vernichtens historisch sehr früh die Unterwerfung und somit
die einseitige Anerkennung des Unterwerfenden durch den Unterworfenen.
Damit ist das gesellschaftliche Herr-Knecht-Verhältnis etabliert. Der
physischen Selbsterhaltung zuliebe begnügt der Knecht sich mit dem Sein
für ein anderes Bewusstsein. Der Herr als Herr über die Dinge und als
Herr über das knechtische Bewusstsein lässt den Knecht für sich arbeiten.
Hier setzt die Gegenbewegung ein. Indem das Verhältnis des Herren zu den
Dingen passiv und genießend wird, gerät er in Abhängigkeit, denn unter
dem Gesichtspunkt der gesellschaftlichen Produktion kann wirkliche Selbständigkeit
gegenüber den Dingen nur durch die Arbeit an und mit ihnen erreicht werden.
Der Knecht – in zunehmend komplexen und kooperativen Arbeitsprozessen
– überwindet durch Arbeit sein knechtisches Bewusstsein. Indem er – oder
besser: die arbeitende Klasse – sich zum praktischen Herren der Dinge
macht, entwickelt sich ein echtes Selbstbewusstsein, während der Herr
– oder besser: die herrschende Klasse des Feudalismus – des Herrenbewusstseins
verlustig geht und im Genuss versinkt (Hegel, Phänomenologie des Geistes;
vgl. Bülow 1955, 160f; Holz 1968). Norbert Elias
betont die – nicht nur modellhafte – Bedeutung solcher individuellen,
„psychohistorischen“ Prozesse im Übergang von der „höfischen“ zur bürgerlichen
Gesellschaft und sieht in ihnen sogar die Quellen des modernen Staates,
der letzten Endes auch aus Individuen besteht, welche die organisatorischen
und strukturellen Vorkehrungen des Herrschaftserhalts vorantreiben. „Zu
verstehen, dass und wie einem König selbst die Routinen des Aufstehens
am Morgen und des Zubettgehens am Abend als Herrschaftsinstrumente dienen
konnten, ist nicht weniger wichtig für das soziologische Verständnis dieses
routinisierten Typs der Einherrschaft als die allgemeinere Einsicht in
die Struktur des ‘Königsmechanismus’.“ (1969, 41) Es sind dann auch Individuen
- bürgerliche Erfinder, Finanziers, Verwalter usw., z.T. aus dem Dienstbotenmilieu
des Feudaladels -, die sich als industriels zusammenfinden und
sich selbst als eine Klasse, als eine „neue Klasse“ bezeichnen und so
ein neues Selbstbewusstsein artikulieren. Claude-Henri de Saint-Simon
spricht zunächst von einem Antagonismus zwischen einer Klasse der Müßiggänger
(Adel, Klerus) und den industriels, der „industriellen Klasse“
(die ganze arbeitende Nation, angeführt von Industriellen, Bankiers, Ingenieuren
und Wissenschaftlern); später, unter dem Eindruck der Annäherung von Bourgeoisie
und Adel sowie des Wirkens bestimmter ‘fortschrittsfeindlicher’ Abteilungen
der Mittelschichten (Juristen, Militärs, Grundbesitzer) sowie angesichts
der Widersprüche innerhalb der ‘industriellen Klasse’ selbst (Herausbildung
eines Proletariats), modifiziert Saint-Simon seine Klassifizierungen mehrfach.
Am Ende dieser komplexen sozialen und kulturellen Selbstverständigung
einer neuen herrschenden Klasse steht ein außerordentlich abstraktes Schema
der Klassenverhältnisse der Moderne: der Gegensatz zwischen Produktionsmitteleigentümern
und Lohnarbeitern. Diese Konstellation, diese „historische Entwicklung
des Kampfes der Klassen“, diese „ökonomische Anatomie derselben“, schreibt
Marx, hätten bürgerliche Geschichtsschreiber und bürgerliche Ökonomen
längst vor ihm dargestellt. (MEGA I.3, 156) In der Tat: das Schema erfasst
zwar den allgemeinen Ausbeutungsmechanismus, verschleiert aber zugleich,
wie die neue herrschende Klasse herrscht. Marx wollte folgerichtig, um
solches aufzuhellen, neben dem Kapital noch Grundeigentum, Lohnarbeit,
Staat, internationalen Handel und Weltmarkt systematisch erforschen (Marx,
Grundrisse). Daraus wurde nichts. Die Ökonomisierung des Sozialen setzte
ein – und das Soziale in der Ökonomie - Herrschaft - begann sich zu verhüllen. III. Herrschende Klassen in der bürgerlichen Gesellschaft: der Staat Die
sozialen Ideen der neuen herrschenden Klasse waren unter der Formel „Freiheit,
Gleichheit, Brüderlichkeit“ propagiert worden. Adressaten waren die industriels
und sehr schnell nur noch deren obere Hälfte, die Industriellen, Bankiers
und deren Hilfstruppen. Die zentrale Emanzipationsidee war es, jedes Mitglied
des Gemeinwesens gleichermaßen zu dessen Leitung zu befähigen, also Einherrschaft
durch Vielherrschaft, durch Demokratie abzulösen. Nach Nicolò Machiavelli
gehorchte das Streben nach Reichtum als Quelle des Luxus und der politischen
Macht rational verstehbaren und ‘lehrbaren’ Regeln. Doch um sie zu ‘sozialisieren’,
bedurfte es bestimmter Vorkehrungen. Für Thomas Hobbes führte die
individuelle Beherrschung der Machtmechanismen ins Chaos, folglich mussten
zwischen den relativ vielen Freien und Gleichen Verträge über die
Rahmenbedingungen der Konfliktaustragung geschlossen werden. Jean-Jacques
Rousseau (2001) dagegen betrachtete einen derartigen Gesellschaftsvertrag
keineswegs als Fortschritt auf dem Weg menschlicher Freiheit, sondern
als betrügerischen Akt der Wohlhabenden, die mit dieser neuen Rechtsordnung
die Ungleichheit der Besitzverteilung legitimierten und die politische
Einflusslosigkeit der besitzlosen Schichten neu besiegelten (vgl. Münkler
u. Krause in: Müller u. Schmid 2003, 224). Allen diesen Einwänden
zum Trotz wurde der Staat mit seinem Gewaltmonopol zu einem rationalen
Zweckverband ausgebaut, um die desintegrativen Tendenzen einzudämmen,
die in der unbeschränkten Ausübung von Gleichheit und Freiheit stecken.
Alexis de Tocqueville hatte sich gewundert, weshalb die Monarchie
in Frankreich 1789 „so vollständig und so plötzlich zusammenbrechen konnte“
(1959/1856, 12), obwohl sie die gesellschaftliche Modernisierung energisch
vorangetrieben und eine beeindruckende staatliche Struktur aufgebaut hatte.
Die neue herrschende Klasse verstand es jedenfalls, unter dem „formalen
Rationalismus“ des bürokratischen Obrigkeitsstaates die Ungleichheit der
Besteuerung fortzusetzen und so etwas wie einen „demokratischen Despotismus“
zu etablieren (vgl. Müller u. Schmid 2003, 261f). Andererseits konnten
erstmals Fähigkeiten des Herrschens öffentlich diskutiert werden (Machiavellis
Der Fürst hatte lange auf dem Index gestanden). Herrschaftswissen
floss als zentraler Inhalt in das Konzept der Allgemeinbildung ein. Die
Aufklärung wollte in der Tat einen neuen Typ der herrschenden Klasse schaffen.
Hegel: „Die vernünftige Bestimmung des Menschen ist, im Staat zu
leben; und ist noch kein Staat, so ist die Forderung der Vernunft vorhanden,
daß er gegründet werde [...] Der große Fortschritt des Staats in neuerer
Zeit ist, daß derselbe Zweck an und für sich bleibt und nicht jeder in
Beziehung auf denselben wie im Mittelalter nach seiner Privatstipulation
verfahren darf.“ (Grundlinien der Philosophie des Rechts, §75, Zusatz)
Der Staatsdiener wurde – nicht sehr erfolgreich - als Prototyp einer neuen
herrschenden Klasse gehandelt. Als Zwischen- oder Teilklasse begann sich
dieses Personal entlang der Differenz von Macht und Wissen im Kontext
des Ausbaus des bürgerlichen Staates zu differenzieren: so sollten auch
Philosophen unter den Staatsdienern sein (Kant, Metaphysik der
Sitten). Die Bourgeoisie als herrschende Klasse war zwar einem
Ziel verpflichtet, der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise,
doch bot sie zugleich ein buntes Bild „sehr unterschiedliche[r] Marktpositionen,
Einkommensarten und Vermögensverhältnisse, verschiedene[r] Funktions-
und Berufsgruppen sowie nach Macht und Ansehen verschiedener[r] Kategorien“.
(Kocka 1987, 42f) Die Bourgeoisie konnte nirgendwo die gesellschaftliche
und politische Macht erobern, ohne Koalitionen mit anderen gesellschaftlichen
Klassen und Gruppen einzugehen (Poulantzas 1974). Insofern gehört
es zum inneren Konstruktionsprinzip der bürgerlichen Gesellschaft, dass
die „herrschende Klasse nicht selbst und direkt die politische Herrschaft
ausübt“. (Wienold 1986, 338) Mit der Herausbildung bürgerlicher
Parteien wurde der Vielfalt der Interessen bis zu einem gewissen Grade
Rechnung getragen. Es war diese demokratische Öffentlichkeit „räsonierender
Privatleute“, welche beispielsweise auch dem Bildungsbürgertum (Beamte,
Professoren und Lehrer, Ärzte, Rechtsanwälte, evangelische Geistliche,
Ingenieure etc.) eine eigenständige Rolle im bürgerlichen Herrschaftssystem
verschaffte und spätere herrschafts- und demokratietheoretische Problemstellungen
präjudizierte (vgl. Bottomore 1966; s. Abschn. V). Gleichzeitig
rumorte in diesem scheinbar so vernünftigen Gang der Dinge ein Vulkan:
„Was ich neu tat, war 1. nachzuweisen, daß die Existenz der Klassen
bloß an bestimmte historische Entwicklungsphasen der Produktion
gebunden ist; 2. daß der Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats
führt; 3. daß diese Diktatur selbst nur den Übergang zur Aufhebung
aller Klassen und zu einer klassenlosen Gesellschaft bildet.“
(Marx, MEGA I.3, 156) Die
Einsicht in den sozialen, facettenreichen, „spezifischen, historischen
und vorübergehenden Charakter“ der Produktionsverhältnisse ist bei Marx
voll ausformuliert. Zwar sei es „jedesmal das unmittelbare Verhältnis
der Eigentümer der Produktionsbedingungen zu den unmittelbaren Produzenten
[...], worin wir das innerste Geheimnis, die verborgne Grundlage der ganzen
gesellschaftlichen Konstruktion und daher auch der politischen Form des
Souveränitäts- und Abhängigkeitsverhältnisses, kurz, der jedesmaligen
spezifischen Staatsform finden.“ Doch hindere dies nicht, „daß dieselbe
ökonomische Basis – dieselbe den Hauptbedingungen nach – durch zahllos
verschiedne empirische Umstände, Naturbedingungen, Racenverhältnisse,
von außen wirkende geschichtliche Einflüsse usw., unendliche Variationen
und Abstufungen in der Erscheinung zeigen kann, die nur durch die Analyse
dieser empirisch gegebnen Umstände zu begreifen sind.“ (MEW 25, 799f)
Die Produktionsverhältnisse dienen der Organisation des Funktionszusammenhangs
von Produktionsmitteln und Arbeitskräften. Innerhalb des „Systems der
Produktionsverhältnisse“ lassen sich als Subsysteme Eigentumsverhältnisse,
Verwertungsverhältnisse, Verteilungsverhältnisse und Arbeitsverhältnisse
unterscheiden (Krysmanski 1990). Eigentumsverhältnisse stellen
die Produktionsmittel bereit. Diese Aufgabe kann im Kapitalismus von individuellen
und kollektiven Kapitaleigentümern, aber auch von Grund-, Staats-, Genossenschaftseigentümern,
nicht-kapitalistischen Kleineigentümern usw. wahrgenommen werden. Doch
die Eigentumsverhältnisse als solche sind nicht auf die unmittelbare Produktion
fixiert. Als Auffangbecken für akkumulierte Werte sind sie der Ort des
Reichtums, insbesondere des Geldreichtums, wobei gerade letzterer „für
reale Kapitalisten nicht mehr als ein bestimmter sozialer Risikominderungs-Pfad
ist, damit er – der Eigentümer – erstrebte Sanktionen innerhalb eines
– seines – Lebens einhandele und befürchteten entrönne.“ (Clausen
1978, 112) Im übrigen kann Reichtum aus vielen Quellen stammen und zu
beliebigen Zwecken eingesetzt werden. Das beginnt bei auffälligem Konsum
und Verschwendung (Veblen 1899) und endet beim Erwerb von Einfluss
in allen gesellschaftlichen Bereichen. Insofern sind die Eigentumsverhältnisse
der Ursprung bzw. der Ort von Geldmacht, und in diesem Sinne eine
notwendige, aber keine hinreichende Bedingung kapitalistischer Produktionsverhältnisse.
Das wird anders, wenn Kapitaleigentum sich an der „verborgenen Stätte“
der Mehrwertproduktion, im Betrieb, verwertet. „Die spezifische ökonomische
Form, in der unbezahlte Mehrarbeit aus den unmittelbaren Produzenten ausgepumpt
wird, bestimmt das Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnis, wie es unmittelbar
aus der Produktion selbst hervorwächst und seinerseits bestimmend auf
sie zurückwirkt.“ (Marx, MEW 25, 799) Erst wenn also Geldmacht
sich in Verwertungsmacht verwandelt, in diesem Sinne spezifisch
wird und Verwertungsverhältnisse begründet, treten „Geldeliten“
als personifiziertes Kapital auf (MEW 25, 827), werden zur Kapitalistenklasse,
die „Verwertungsmacht“ entwickelt und sich im Zuge der Erweiterung der
Produktion in verschiedene „Verwertungseliten“ ausdifferenziert. So steht
schließlich der mehr oder weniger homogenen Arbeiterklasse (Fabrikarbeiter,
Büroangestellte, Dienstleistungsberufe) ein komplexes kapitalistisches
Management gegenüber. Diese beiden - oft fernab von den Eigentümern bzw.
„Geldeliten“ - sind es, die um die Kontrolle des Arbeitsprozesses und
um die Aneignung des erzeugten Mehrwerts ringen (Braverman 1985).
Im dritten Subsystem, den Verteilungsverhältnissen, generiert der
Konflikt um die betriebliche und außerbetriebliche Verteilung der erwirtschafteten
Güter und Werte, sobald die gesamtgesellschaftliche Ebene erreicht ist,
„Verteilungseliten“ und „Verteilungsmacht“. Im parlamentarisch-demokratischen
Raum kämpfen Spezialisten der Verteilungsmacht um einen gesellschaftlichen
Konsens in Sachen „Verteilungsgerechtigkeit“, dies ist die Geburtsstunde
politischer Eliten bzw. der politischen Klasse. Im Subsystem der Arbeitsverhältnisse
schließlich wächst die Bedeutung des produktionsrelevanten Wissens. Fragen
der Arbeitsorganisation, der Gestaltung von Arbeitsprozessen usw. müssen
rational ver- und behandelt werden. Der Weg von der Entwertung ursprünglicher
handwerklicher Fähigkeiten über hochgradig spezialisierte Detailarbeit
(Fordismus) zur informatisierten Produktion (Toyotismus) erzeugt „Wissensmacht“
und schließlich spezialisierte „Wissenseliten“, die sich immer deutlicher
von den „Geldeliten“, „Verwertungseliten“ und „Verteilungseliten“ unterscheiden
lassen – und die innerhalb der Produktionsverhältnisse die Dynamik der
Produktivkraftentwicklung verkörpern. V. Herrschende Klassen in der Moderne „Ein
Mann wird reich durch die Beschäftigung einer Vielzahl von Manufakturarbeitern;
er wird arm durch den Unterhalt einer Vielzahl von Dienstboten.“ (Adam
Smith 1776, zit. in: MEW 26.1, 131) Reichtum ist die Watte, in
welche die herrschende Klasse der Moderne gepackt ist, und er ist der
Kraftstoff, der ihre Herrschaft antreibt. In der demokratischen Republik
„übt der Reichtum seine Macht indirekt, aber um so sichrer aus. Einerseits
in der Form der direkten Beamtenkorruption, wofür Amerika klassisches
Muster, andrerseits in der Form der Allianz von Regierung und Börse“ (Engels,
MEW 21, 167). Der Prototyp der herrschenden Klasse um 1900 sind die amerikanischen
Robber Barons, denen es gelungen war, große Teil des staatlichen,
juristischen und politischen Systems der USA unter plutokratische Kontrolle
zu bringen. (DeLong 1998; Phillips 2002) Die plutokratischen
Tendenzen der Moderne, mit ihrem Höhenpunkt in allen entwickelten kapitalistischen
Ländern in den zwanziger Jahren des 20. Jh. werden zunächst durch Formen
der rationalen Organisation zurückgedrängt, durch Formen einer entsubjektivierten
Herrschaft (Kurz 1993). Insbesondere Max Weber versucht
sich an einer Epochenbestimmung mit den Stichworten „Rationalisierung“
und „Entzauberung der Welt“. Die herrschaftssoziologischen Passagen seines
Werkes (u.a. auch einer Soziologie der Stadt als räumlichem Sitz von Herrschaft)
erweitern die klassische Dichotomie von „Herrschenden“ und „Beherrschten“
um die Rolle von Verwaltungsstäben. Da Herrschaft als Alltagsgeschäft
in komplexen Gesellschaften in erster Linie Verwaltung bedeutet, kommt
der Bürokratie eine wichtige, aber ambivalente Scharnierrolle zwischen
Herrschenden und Beherrschten zu. In dieser Gestalt, als Bürokraten und
Vermittler zwischen oben und unten, treten die Mittelschichten in das
Herrschaftsgeschehen ein - und zahlen dafür einen Preis: „Der Berufsbeamte
ist nur ein einzelnes, mit spezialisierten Aufgaben betrautes, Glied in
einem rastlos weiterlaufenden Mechanismus, der ihm eine im wesentlichen
gebundene Marschroute vorschreibt [...] Die Bürokratie ist rationalen
Charakters: Regel, Zweck, Mittel, sachliche Unpersönlichkeit beherrschen
ihr Gebaren.“ (Weber 1922/1987, 570ff; vgl. Lederer 1979) Andere
Theoretiker wenden sich einer anderen Vermittlungsebene zwischen oben
und unten zu, der politischen Sphäre, deren relative Autonomie
sie betonen. Zweifellos lassen sich in der komplexen modernen Gesellschaft
Geld bzw. Reichtum nur durch institutionelle und symbolische Ressourcen
in Macht umsetzen, für deren Mobilisierung sich schon in Monarchien und
nunmehr erst recht in Demokratien „Spezialisten“, Führungseliten herausbilden.
Gaetano Mosca (1896/1950) geht den Ebenen der Formierung und Reproduktion
dieser „politischen Klasse“ nach, indem er deren Organisationsfähigkeit
(soziale Dichte, Kohärenz), Rekrutierungspraxis (aristokratische Kooptation
bzw. demokratische Delegation), ihre politischen Formeln (Legitimationsideen
und –legenden) sowie ihre Qualifikationsmerkmale (militärische Qualifikationen,
materieller Reichtum, Geburtsstand, individuelle Leistungen) untersucht
(vgl. Müller u. Schmid 2003, 192f). Auch Vilfredo Pareto (1900/1968)
will mit seiner „logisch-erfahrungswissenschaftlichen“, „werturteilsfreien“
Soziologie den nicht-ökonomischen, den sozialen Geheimnissen der
Herrschaftsausübung auf die Spur kommen. Eliten sind für ihn Träger kollektiver
„Strömungen von Gefühlen“ (Residuen) in Ethik, Religion und Politik, denen
sie eine Sprache in Gestalt pseudo-logischer „Rationalisierungen“ (Derivationen)
geben. Vor dem Hintergrund einer prinzipiell offenen, keineswegs auf den
Kapitalismus abonnierten Gesellschaftsentwicklung kämpfen konkurrierende
Eliten und Gegeneliten um „Macht und Ehre“ (Zirkulation der Eliten), wobei
Pareto nicht zuletzt an den mit der Arbeiterbewegung heraufkommenden „neuen
Eliten“ interessiert ist (vgl. Müller u. Schmid 2003, 207f; zur kritischen
Analyse von Elitentheorien vgl. Bachrach 1967). Doch auch die „verwaltete
Welt“ von Staats-, Partei- und Industriebürokratien, so ‘subjektlos’ sie
sich geben mag, ist mit dem Virus der Individualisierung und Subjektivierung
infiziert, der zu einer chronischen Krankheit namens Oligarchie führt.
Nach Robert Michels (1911/1989) fällt Organisation unmittelbar
mit der Tendenz zur Oligarchie zusammen. Jede funktionale Differenzierung
und Bürokratisierung etwa von Parteiapparaten bringt „Führer“ und parteiinterne
Führungszirkel hervor, die nicht mehr sachgesetzlich, sondern um persönlicher
Vorteile willen agieren, und zwar nicht nur in konservativ-großbürgerlichen,
antidemokratischen oder offen elitären Honoratiorenparteien, sondern auch
in sozialistischen Massenparteien, die Michels vornehmlich untersucht
(„Paradox der Demokratie“). Hierbei spielen „Parteiintellektuelle“ eine
wichtige Rolle. Auch die revolutionären Verwaltungsstäbe der jungen Sowjetunion
waren von diesem Schicksal nicht ausgenommen: „Während die Faschisten,
nachdem sie die Futterkrippe erreichten, mit der Großbourgeoisie gemeinsame
Interessen-, Freundschafts-, Ehebande usw. knüpften, macht sich die Bürokratie
der U.S.S.R. die bürgerlichen Sitten zu eigen, ohne eine nationale Bourgeoisie
neben sich zu haben.“ (Trotzki 1936/1968, 242) - Ergänzend und
weiterführend: Barrington Moore (1974) stellt nicht die Herrschaftsbeziehungen
zwischen städtisch-industriellen Kapitalisten und Industrieproletariat
in den Vordergrund, sondern jene zwischen Großgrundbesitzern und Bauern
und unterscheidet drei Wege moderner Herrschaft: den kapitalistisch-demokratischen
Weg der „bürgerlichen Revolution“; den Weg der autoritären und später
faschistischen „Revolution von oben“; den Weg der Bauernrevolution, der
schließlich zur Etablierung kommunistischer Regime führt (vgl. Oesterdiekhoff
2001, 481). Karl Wittfogel (1957/1977) sieht in den orientalischen
Despotien das allgemeine Modell eines weitgehend „klassenlosen“ Herrschaftstyps.
Dort konnte ein mächtiger, für die Gemeinaufgabe der Bewässerung zuständiger
Staat das Aufkommen feudaler oder kapitalistischer Eigentümerklassen verhindern.
In solchen „hydraulisch konstituierten“ Despotien war der Status des Eigentums
schwach, Stabilität und Dynamik entwickelten sich in der Dialektik zwischen
der Willkür eines Herrschers (der durch Verschwörungen und Intrigen auswechselbar
war) und einem effizienten Staatsapparat, der durch ständigen Zugriff
auf die Vermögen der Untertanen gesellschaftserhaltende Großprojekte absicherte
(vgl. Oesterdiekhoff 2001, 724f). Thomas Burton Bottomore (1966/1993)
betont die komplementäre heuristische Fruchtbarkeit klassen- und elitentheoretischer
Ansätze. Herrschende Klassen sind für ihn Eigentumsklassen, deren ökonomische
Macht mit der Konzentration politischer und militärischer Macht einhergeht.
„Politische Klassen“ und „politische Eliten“ etablieren sich vor allem
dort, wo keine starke, auf Vermögensbesitz sich stützende herrschende
Klasse besteht. Insbesondere im Ausgriff auf nicht-kapitalistische Regionen
der Welt hat sich der Kapitalismus immer wieder solcher Eliten bedient. 1.
Imperialismus Der
Imperialismus als frühe Entwicklungsphase des modernen Kapitalismus befördert
einerseits das Zusammenwachsen, andererseits die Aufteilung der Welt in
einen reichen Nord- und einen armen Südgürtel (Hobsbawm 1989).
Die Weltwirtschaft expandiert stark, technische Revolutionen führen
u.a. zur Massenproduktion von Gütern, eine nie dagewesene Konzentration
von Kapital findet statt, der tertiäre Sektor wächst, eine „bis ins Einzelne
gehende Einmischung des Staates in die Wirtschaft zugunsten der herrschenden
Klasse im allgemeinen, des Monopolkapitals und der Großagrarier im besonderen“
setzt ein (Varga 1934, 85). Bestimmungen der herrschende Klasse
im Imperialismus kreisen um die Begriffe der Monopolbourgeoisie und der
Finanzoligarchie. 2.
Faschismus
Die
faschistischen Befehlsgesellschaften werfen viele klassentheoretische
Fragen auf. Ist der Faschismus bzw. der Nationalsozialismus „totalitäre
Monopolherrschaft“ (Neumann 1944/1984) oder eine „Form bürgerlicher
Herrschaft“ (Kühnl 1971)? Ist er, im Sinne der marxschen
Bonapartismus-Analyse, auf eine wechselseitige Neutralisierung der beiden
Hauptklassen, der Bourgeoisie und des Industrieproletariats, zurückzuführen
(Marx, MEW 8, 111ff)? Ist er eine „politische Katastrophe“, eine neue
Herrschaftsform in der Geschichte, gleichbedeutend mit dem Untergang der
Klassengesellschaft (Arendt 1975)? Theodor Geiger, der Autor
des Werkes Klassengesellschaft im Schmelztiegel (1949), findet
jedenfalls in einer großangelegten Studie über die soziale Schichtung
des deutschen Volkes im Jahre 1932 noch eine durchaus intakte Klassengesellschaft
vor (Geiger 1932). Zudem entsteht damals eine soziale Gruppe – ein Milieu
- von Ingenieuren, leitenden Angestellten und Managern, die sich als eine
dritte Kraft, welche Kapital und Arbeit vereint, verstehen. Luc Boltanski
(1990) hat diese Gruppe für das Frankreich der dreißiger Jahre des 20.
Jh. unter dem Titel Les Cadres untersucht. Solchen „cadres“
vergleichbare Gruppen spielen auch im deutschen Nationalsozialismus, bevor
er sich tatsächlich zu einer Katastrophe steigert, eine wichtige Rolle
(Ludwig 1974; Lüdtke 1995). Insofern ist Georgi Dimitroffs
Diktum von 1935, der Faschismus sei neben
der parlamentarischen Demokratie eine zweite Herrschaftsoption des Imperialismus,
zunächst auch ganz nüchtern zu sehen (1958, 523-625). Schließlich
gab es in den dreißiger Jahren auch in England und den USA innerhalb der
herrschenden Klassen ein breites Interesse an der faschistischen Herrschaftsvariante.
Franz Neumanns Untersuchung Behemoth. Struktur und Praxis des
Nationalsozialismus 1933-1944 (1944/1984) vermittelt „in einzigartiger Weise die
Logik von Strukturen mit den Herrschaftsinteressen von Kapital und Eliten.
[...] Im Zentrum dieser Diktatur steht das Interesse der Sicherung der
Kapitalreproduktion im Rahmen einer Monopolbildung, die an die Interessen
der wesentlichen Kräfte der NSDAP anschließt“ (Sünker, in: Oesterdiekhoff
2001, 500). NS-Organisationsprinzipien wie die „monistische, totale, autoritäre
Organisation“, die „Atomisierung des Individuums“ und die Zerschlagung
„systemfremder“ Solidargemeinschaften müssen den cadres der NSDAP
aus der Managementpraxis von Großkonzernen und Militärorganisationen wohlbekannt
gewesen sein. In jedem Fall haben derartige Elemente faschistischer Herrschaftspraxis
in vielen entwickelten kapitalistischen Gesellschaften, insbesondere den
USA (Mills 1956; vgl. Abschn. VII), überlebt und sind sogar perfektioniert
worden. In gewissem Sinne komplementär zu Neumanns Herrschaftsanalyse
sind die Einsichten Antonio Gramscis, die zweifellos u.a. durch
den historischen Hintergrund des italienischen Faschismus geprägt sind.
Reife und relativ stabile Formen kapitalistischer Herrschaft würden keineswegs
allein durch ökonomische und politische Macht erzwungen, sondern seien
durch den Konsens vermittelt, den die bürgerliche Gesellschaft
(società civile) und deren Hegemonieapparate (Schule, Medien, Parteien
und Verbände, Kirchen etc.) produzierten. Herrschaft werde zur „Führung“;
die Beziehungen zwischen den verschiedenen Gruppen würden nicht primär
durch unmittelbar ökonomische Interessen und die Aneignung des staatlichen
Gewaltmonopols, sondern durch Hegemonie reguliert. Dies sei die
Stunde der Intellektuellen, denn mit deren Hilfe erreichten Klassen die
freiwillige Unterordnung anderer. „Die Beziehung zwischen den Intellektuellen
und der Produktion ist nicht unmittelbar, wie es bei grundlegenden gesellschaftlichen
Gruppen der Fall ist, sondern wird in verschiedenen Abstufungen ‘vermittelt’,
und zwar durch das gesamte soziale Gewebe, durch die Gesamtheit des Überbaus,
dessen Funktionäre eben die Intellektuellen sind.“ (Buci-Glucksmann
1981, 228) Aus dem historischen Umfeld des Faschismus kommt des weiteren
eine dem Konkurrenzprinzip imperialistischer Wirtschaft nachempfundene
Radikalisierung des Politischen. Der Herrschaftskonsens, so Carl Schmitt
(1932/1963), findet seinen Härtetest in der Unterscheidung zwischen Freund
und Feind, die hinter allen politischen Motiven und Handlungen steht.
Das Verhältnis zum Feind sei deshalb die ultimative Form des Konsenses,
weil in der politischen Sphäre immer auch der Bezug auf den ‘Ernstfall’,
auf Krieg usw. mitgedacht werden muss. Hier hat der Staat, der nach außen
über das jus belli verfügt, die letzte Entscheidung über die Bestimmung
und Bekämpfung des Feindes, frei von allen normativen Bindungen (vgl.
Oesterdiekhoff 2001, 598f). Im übrigen ist das Kohortenschicksal der herrschenden
Klassen und Eliten in den Umbrüchen des Faschismus noch kaum zureichend
erforscht, wäre aber herrschaftstheoretisch von großem Interesse. Für
Deutschland gibt es immerhin einen vorläufigen empirischen Befund: Revolution
und Übergang zur Weimarer Republik brachte zwar den Niedergang des dominanten
Adels und eine partielle soziale Öffnung der deutschen Eliten, doch in
Verwaltung und Wirtschaft blieb die Dominanz des höheren Bürgertums (auch
in der Nazizeit) ungebrochen. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten
schleuste zwar erstmals in größerem Umfang Personen aus dem Kleinbürgertum
in Elitepositionen, doch diese soziale Öffnung wäre ohne die Mitwirkung
der alten Eliten in Ministerialbürokratie, Militär, diplomatischem Dienst
und insbesondere Wirtschaft nicht möglich gewesen. Die kleinbürgerlichen
nationalsozialistischen cadres verschwanden 1945 fast vollständig,
bei gleichzeitiger Kontinuität aller anderen Eliten (Zapf 1965;
vgl. Hoffmann-Lange, in: Müller u. Schmid 2003, 292). 3.
Staatsmonopolistischer Kapitalismus
Die
Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus fällt auf den ersten Blick
weit hinter die Einsichten über das Handeln herrschender Klassen zurück,
die in der Moderne bereits angesammelt worden waren. Die ‘Stamokap’-Theorie
nahm auf, dass das Monopolkapital immer deutlicher von einer Managerelite
als Agentin der herrschenden Klasse geleitet wurde, welcher die Steuerung
des Konsums, der Investitionen, der Surplusvernichtung und des Marketing
oblag (Baran u. Sweezy 1967). Zugleich war klar, dass die
Notwendigkeit der Steuerung von Nachfragelücken, die friedliche und militärische
Sicherung imperialistischer Interessen usw. nach spezialisierten Staatseliten
verlangte und dass zwischen beiden Funktionseliten eine immer engere Vernetzung
stattfand. Doch mutet es heute komisch an, beispielsweise aus empirisch-statistischen
Anstrengungen von Stamokap-Forschern zu erfahren, dass es in den siebziger
Jahren des 20. Jh. in der Bundesrepublik unter anderem 25 000 Angehörige
der Groß- und Monopolbourgeoisie, 200 000 Manager und 34 000 Kapitalisten
im Staatsapparat gab (IMSF 1981; vgl. Jung u. Schleifstein
1979). Solchen Klassifizierungen liegt „konzeptionell ein Begriff von
Sozialstruktur zugrunde, mit dem sich nur die Ungleichheit von Lebensstandards
beschreiben lässt und gerade nicht der Strukturzusammenhang der Bourgeoisie
als Klasse, z.B. ihre soziale Kohärenz und Exklusivität trotz der Konkurrenz
zwischen den einzelnen Fraktionen.“ (Neumann 1990, 434) Auf der
anderen Seite machen diese Klassifizierungs- und Identifizierungsanstrengungen
einen Sinn, wenn man sie im Kontext der damaligen „Systemkonkurrenz“,
der „friedlichen Koexistenz“ und zunehmenden Zusammenarbeit der ‘realsozialistischen’
und kapitalistischen Länder auf wirtschaftlichem Gebiet sieht. Dann nämlich
brachte die Stamokap-Theorie praktische Transparenz in das Zusammenspiel
der jeweiligen Funktionseliten. Auf der staatssozialistischen Seite hatte
‘die Partei’ gewisse Steuerungsfunktionen übernommen, die den Steuerungsfunktionen
des kapitalistischen Staates entsprachen. Der ‘realsozialistische’ Staatsapparat,
in Gestalt etwa von Spezialministerien für kleinste Industriezweige, tat
ähnliches wie die Arbeitskreise der kapitalistischen Großindustrie. Zudem
schwang seitens der Stamokap-Theoretiker immer eine gewisse Hochachtung
vor dem erreichten Vergesellschaftungsgrad der kapitalistischen Produktion
mit (Huffschmid 1975). Schließlich führte diese Parallelität zu
einer historischen Konstellation, die symbolisch war für das Ende der
Moderne. Mit dem Zusammenbruch des Realsozialismus wurde deutlich, dass
die „letzten ernsthaften Glaubensanhänger des Liberalismus die kommunistischen
Parteien alten Stils im früheren Ostblock“ gewesen waren (Wallerstein
1995, 149). Doch die Osteliten mussten einsehen, dass ihr Gegner im Kapitalismus
in keiner Hinsicht mehr die liberale Bourgeoisie war, sondern ein Geflecht
aus global und brutal agierender Konzernmacht, Militär-Industrie-Finanz-Komplexen,
ja von Verbrechersyndikaten. Hinter der liberalistischen Fassade war ein
System entstanden, das ohne die bürgerlichen Formen des Privateigentums
und ohne öffentliches Recht zu funktionieren begann. Der Staat verwandelte
sich auf allen Ebenen in private Netze der Korruption und informelle Klan-Beziehungen
zurück (Jameson 1994, 159 u. passim). VI.
Herrschende Klassen auf dem Weg in die Postmoderne Das
historische Experiment des Sozialismus ist so tief in der westlichen Modernisierungstradition
verwurzelt, dass seine Niederlage die gesamte westliche Narration in Frage
stellt (Buck-Morss 2000). Folglich konnten auch die Klassenstrukturen
der westlichen Moderne nicht überleben. Eine Atomisierung der beherrschten
Klassen setzt ein. Auch viele traditionelle (kollektive) Organisationsformen
der herrschende Klasse – tendenziell sogar die staatliche Bürokratie -
werden dysfunktional. Das Prinzip der Privatisierung legt das Organisationsprinzip
(privater) Netzwerke nahe. Die Herausbildung von Machtnetzwerken (vgl.
Mann 1998/2001) wiederum fördert neo-feudale Dienst- und Abhängigkeitsverhältnisse.
Während die Moderne in der Tat durch den Modus der Ausbeutung der Lohnarbeiter
gekennzeichnet ist, findet mit der Delegation bestimmter Funktionen der
herrschenden Klasse an kapitalistische Manager, politische und technokratische
Eliten usw. eine radikale Veränderung des Akkumulationsmodus statt; der
Weg in die Postmoderne beginnt. Entgegen dem Diktum von Adam Smith
(s.o.), dass arm wird, wer „eine Vielzahl von Dienstboten“ unterhält,
wird ab einem bestimmten Punkt der Überakkumulation die Beschäftigung
vieler dienstbarer Geister außerordentlich funktional. In der Postmoderne
wächst privater Reichtum zunehmend auch auf der Basis „unproduktiver“
Arbeit und subtiler Formen hochvermittelter ursprünglicher Akkumulation
(zu der auch bestimmte Finanzgeschäfte gehören). Das alles entwickelt
sich allmählich. Zunächst scheint es so, als werde durch die Institutionalisierung
des Klassengegensatzes in der politischen Demokratie lediglich eine Differenzierung
der Sozialstruktur bewirkt (Geiger 1949, 182ff). Auch die Trennung
zwischen Eigentum und Kontrolle in der Leitung großer Kapitalgesellschaften
deutet in diese Richtung (Burnham 1948; Renner 1953). Der
Anteil an oder der Ausschluss von spezifischen Herrschaftspositionen innerhalb
beliebiger Herrschaftsverbände führt zu Klassenbildungen, die ihrerseits
fast beliebig sind und lediglich der Austragung vielfältiger sozialer Konflikte dienen (Dahrendorf
1957). Die funktionalistische Schichtungstheorie radikalisiert diese Auffassung
von Klassenbildung: jede Gesellschaft müsse ihre begabtesten und fähigsten
Mitglieder dazu motivieren, die gesellschaftlich entscheidenden und überlebenswichtigen
Funktionen zu übernehmen, und folglich ein System abgestufter Belohnungsanreize
schaffen: eben das Klassensystem (Davis u. Moore 1967).
Die Ausbildung von bestimmten Lebensstilen und Gruppenidentitäten, die
Sicherung von Privilegien – kurz, die Kontrolle der Konversionsregeln
– würde diesem ‘neuen’ Klassensystem Leben einhauchen (Eisenstadt
1971). Die Lockerungen in der engen Verknüpfung zwischen der Verlaufsform
der Kapitalverwertung und der Rechtsform des privaten Kapitaleigentums
verleiten auch Marxisten zu Illusionen von einer weitgehend subjektlosen
Steuerung des Spätkapitalismus, etwa durch Marktorganisation, Institutionalisierung
des technischen Fortschritts und staatliche Globalregulierung (Offe
1972). In der Soziologie kommt es zur ‘Synthese’ zwischen dem funktionalistischen
Ansatz (der soziale Ungleichheit für unvermeidlich und letztlich gerecht
hält) und dem marxistischen Ansatz (der daran festhält, dass Ungleichheit
ein destruktives, willkürliches Resultat ausbeuterischen Herrschaftsstrebens
ist). Das Handeln und Verhalten von herrschenden Klassen und Eliten wird
in eine multidimensionale Betrachtung von Schichtung und Verteilungssystemen
in ihrer Entwicklungsdynamik einbezogen (Lenski 1973). Statt übereinander
gelagerter sozialer Schichten wird die gesellschaftliche Realität als
eine komplexe Vielfalt von Konstellationen verschiedener Lebenschancen,
Klassenlagen und sozialer Lagen aufgefasst. Schließlich findet sich in
der Soziologie (mit wenigen Ausnahmen wie Tjaden-Steinhauer u.
Tjaden 1973) kein Wort mehr über herrschende Klassen, über die „Bourgeoisie“
(Rilling 1982) bzw. über „Oberschichten“, zumal diese verhältnismäßig
kleine Gruppe bei Verwendung „amtlicher Individualdatensätze“ als eine
statistische quantité négligable erscheint (Handl u.a. 1977).
Bezüglich der übrigen Gruppen und Schichten bleibt der Blick im Interesse
der Konsumentenwerbung und politischen Manipulation auf die subjektive
Dimension gerichtet: Klassen basieren als strukturierte Phänomene auf
einer „mit gemeinsamer Lebensführung verbundenen gemeinsamen Wahrnehmung
und Anerkennung ähnlicher Einstellungen und Überzeugungen“ (Giddens,
1979, 135). Dass auf der Ebene der herrschenden Klassen und ihres immer
umfänglicher werdenden Dienstpersonals diese Perspektive eine praxeologische
Relevanz im Sinne einer lebensweltlichen Rekonstituierung ihrer Macht
und Herrschaft hätte, kommt niemandem in den Sinn. Auch die marxistische
Theorie der herrschenden Klassen reagiert nur passiv und unbefriedigend
auf diese Entwicklungen und zeichnet lieber abstrakte strategische Muster
des Klassenverhaltens nach, statt den tatsächlichen Handlungen der herrschenden
Klassen nachzugehen. Im Anschluss an Gramscis Begriff der Hegemonie
behauptet Nicos Poulantzas (1974), eine Klasse bilde sich erst
dort, wo Gruppen in eine Auseinandersetzung um die politische Hegemonie
innerhalb eines Staates eintreten. Der Staat stelle dann eine Arena dar,
in der „politische Fraktionen“ ihren eigenen kollektiven Interessen den
Anschein einer universellen Legitimation zu verschaffen versuchen und
mit klassenunabhängigen bzw. mit politischen Mitteln um die Gestaltung
der Ökonomie ringen. Der Staat ist hier nicht mehr – wie bei Gramsci
– ein einheitliches, hegemoniales Gebilde, sondern ein Sammlungsort unterschiedlicher
Fraktionen und politischer Parteien. Politische Herrschaft ist weniger
„Herrschaft einer Klasse“ als „Herrschaft der Bürokratie“, um deren Verfügungsrechte
sich die Klassen streiten. Ulrich Beck (1986) mit seiner These
von der „Unmittelbarkeit von Individuum und Gesellschaft“ in der „Risikogesellschaft“
bleibt es vorbehalten, der herrschenden Klasse die Freuden und Chancen
auszumalen, die ihrer harren, wenn sie durch Reflexivität und institutionalisierte
Selbstkritik ihre durch Reichtum ermöglichte Souveränität zur „subpolitischen
Gegenkontrolle der Politik“ ausbaut. Den gewöhnlichen Sterblichen bleibt
von der Beckschen Individualisierungsthese nur die Ich-AG. Nur Pierre
Bourdieu versucht sich in dieser Phase an einer Neufassung des
Grundantagonismus der kapitalistischen Klassengesellschaft. Er zeigt empirisch,
wie herrschende Klassen die Distanz zur Notwendigkeit (die Konstante im
Verhältnis des Herren zum Knecht) auf Dauer stellen, indem sie zusätzlich
zu ihren ökonomischen Chancen auch kulturelle Chancen akkumulieren. Herrschaft
habitualisiert sich lebensweltlich als private Aneignung von Reichtümern
aller Art, um „in Funktion, am Leben, in Kraft“ zu bleiben (Bourdieu 1982,
107). Bourdieu bleibt dieser in der Auseinandersetzung mit dem französischen
Strukturalismus (etwa Althusser) gewonnenen praxeologischen Perspektive
zwar nicht immer treu – wenn er etwa „von der blinden Logik des ökonomischen
Feldes, oder, genauer gesagt, des Feldes des Finanzkapitals“ (Bourdieu
2002, 389ff ) spricht -, doch
innovative empirische Klassenuntersuchungen wie die seine sind rar. Eine
Ausnahme ist Eric Olin Wrights (1985) Forschungsprogramm zu „widersprüchlichen
Klassenlagen“, das insgesamt 17 Länderuntersuchungen umfasst und unter
dem Aspekt von Ausbeutungsverhältnissen ein Raster von zwölf Klassenlagen
- drei besitzende Klassenlagen (Bourgeoisie oder Kapitalisten, kleine
Arbeitgeber, Kleinbürgertum) und neun nichtbesitzende (von Experten-Managern
bis Proletariern) - konstruiert, innerhalb dessen sich die ‘großen’ und
‘kleinen’ Ausbeutungsprozesse der Gegenwart vollziehen (vgl. Strasser,
in: Müller u. Schmid 2003, 281f). 1.
Informationsgesellschaft
Die
Postmodernisierung führt „zu einer wirklichen Konvergenz der Bereiche,
die man üblicherweise als Basis und Überbau zu bezeichnen
pflegte. Das Empire nimmt Gestalt an, wenn Sprache und Kommunikation oder
genauer: wenn immaterielle Arbeit und Kooperation zur vorherrschenden
Produktivkraft werden [...] Der Überbau wird nun zur Arbeit, und
das Universum, in dem wir leben, ist ein Universum sprachlicher Produktionsnetzwerke.“
(Hardt u. Negri 2002, 391f) Die „Informierung des Wissens
durch Computerisierung“ (Degele 2000) verändert die Herrschaftsverhältnisse,
indem es die Herrschaftsräume erweitert und neue Dienstklassen im Umfeld
der herrschenden Klasse erzeugt. Diese durch die globale Informationsgesellschaft
hervorgebrachten Wissenseliten intervenieren mittels Kulturproduktion
immer bewusster im Ökonomischen, und zwar im virtuellen Raum des Cyberspace,
der „dritten großen neuartigen und weltweiten Expansion des Kapitalismus“
(Jameson 1993, 94f). Wurden in der Moderne die „traditionellen
Weltbilder und Objektivationen“ noch in „subjektive Glaubensmächte und
Ethiken umgebildet“, um nach „Prinzipien des formalen Rechtsverkehrs und
des Äquivalententausches“ bewegt zu werden (Habermas 1968, 72),
so beginnt jetzt in den Netzen jeglicher Sinn zu nomadisieren: alles wird
möglich – und da es noch herrschende Klassen gibt, machen diese sich die
Welt der Kontingenzen auf ziemlich regressive Weise zunutze. „Es ist eine
der herausragenden Ironien, dass es eine primitive Form von Kapitalismus,
von Retrokapitalismus ist, der Virtualität umsetzt. Der visionäre Cyberkapitalist
ist ein hybrides Monster aus Sozialdarwinismus und techno-populistischem
Individualismus.“ (Kroker u. Weinstein 1997, 29) Vor allem
die Möglichkeiten zur Kontrolle und Überwachung werden genutzt, virtuelle
Kriegstechnologien breiten sich aus; auch sie sind die Grundlage einer
qualitativ neuen Gesellschaftsformation, die sich von den Wesensmerkmalen
der modernen Industriegesellschaft deutlich abgrenzen lässt (Bühl
1997). Entscheidend wichtig für die Veränderung von Herrschaftshandeln
ist die Entwicklung der Medienindustrie. Die transnationalen Medienkonzerne
werden zu globalen Kontrolleuren des Zugangs zum gesamten Spektrum kultureller
Erfahrungen. „Dadurch, dass sie die Kommunikationskanäle kontrollieren,
und dadurch, dass sie die Inhalte formen, die gefilmt, gesendet oder ins
Internet platziert werden, gestalten [sie] die Erfahrungen von Menschen
überall auf der Welt. Diese Art der überwältigenden Kontrolle menschlicher
Kommunikation ist beispiellos in der Geschichte.“ (Rifkin 2000)
Die globalisierte „Netzwerkgesellschaft“ erzeugt, so Manuel Castells,
neue kollektive Identitäten. „Legitimizing identities“, wie sie
die Herrschaftsmuster nationalstaatlicher Gesellschaften bestimmen, verlieren
an Bedeutung und Funktion. Auf der einen Seite treten fundamentalistische
Formen einer „resistant identity“ hervor. Sie richten sich gegen
die dominante westliche Kultur einer „real virtuality“, bis hin
zur „exclusion of the excluders by the excluded“ (Castells 1997,
9). Auf der anderer Seite entstehen „project identities“, die auf
experimentelle Weise, ausgehend von Positionen des Widerstands und der
Subversivität, Formen einer zukunftsgerichteten Selbstorganisation mit
universalistischem Anspruch innerhalb sozialer Bewegungen erproben (Castells).
Schon lange vor der digitalen Revolution war gesehen worden, dass das
industriegesellschaftliche „Spiel gegen die technisierte Natur“ von einem
„Spiel zwischen Personen“ auf der Grundlage theoretischen Wissens abgelöst
wurde. Man glaubte, dass in einer solchen post-industriellen Phase traditionelle
Herrschaftspositionen zur Disposition gestellt werden würden und dass
die axiale Bedeutung des theoretischen Wissens eine Tendenz zu Meritokratie
befördern würde (Bell 1975; vgl. Steinbicker in: Müller
u. Schmid 2003, 23). Im Zusammenspiel von technischer Intelligenz
und humanistischen Intellektuellen sollte sich eine zunehmend dominant
werdende „neue Klasse“ herausbilden, die sich gegen die alten Besitzklassen
wenden würde (Gouldner 1980). Im Zentrum solcher Überlegungen stand
der historische Funktionswandel der sprachlichen Kommunikation (Habermas
1981). Die naiven Vorstellungen einer davon ausgehenden Umwälzung von
Klassenherrschaft bestätigten sich nicht. Bestehende Machtkonstellationen
passten sich der neuen Medienmacht an. Die kapitalistischen Medien akkumulierten
enorme Kompetenz in der Manipulation von Massen und Öffentlichkeiten (Negt
u. Kluge 1976). Außerdem entstand in Gestalt von „elite media“
(Noam Chomsky) ein neuartiger Verständigungsraum der verschiedenen
Gruppen der herrschenden Klasse und ihrer Hilfsklassen; mittels dieser
eigenen medialen Netze wurden Agenden bestimmt und Denk- und Wahrnehmungsmuster
der Bevölkerung vorgeprägt (vgl. Chomsky 1969/2002; Herman u. Chomsky
1988). Welche Wissenseliten sich also auch immer anlagern, die herrschende
Klasse bleibt diejenige, welche „die Kontrolle über Emission und Zirkulation
der konstitutiven verbalen und nichtverbalen Nachrichten einer gegebenen
Gemeinschaft innehat.“ (Rossi-Landi 1976, 11) Dennoch entstehen
hier Widersprüche, da „die Reserven, aus denen Macht geschöpft wird, viel
knapper sind als die Symbole, die Hauptträger der Kommunikation. ‘Kontrollschichten’
senden typischerweise weitaus mehr Kommunikationssignale aus, als sie
durch Machtgebrauch abstützen könnten.“ (Etzioni 1968, 335) Folglich
sammeln sich Widerstandspotential und subversive Energie in allen drei
Dimensionen der Informationsgesellschaft: Die industrielle Produktion informatisiert sich und inkorporiert die Kommunikationstechnologien
in einem Maße, „dass sich der industrielle Produktionsprozess selbst transformiert“
(Hardt u. Negri 2002, 305), das heißt, Dynamiken hervorbringt,
auf deren Welle gar mancher Internet-Milliardär der neunziger Jahre des
20. Jh. widerständige Visionen von Gesellschaft entwickelte, die allein
durch das gezielte Platzen der ‘new economy bubble’ abgeblockt
wurden (Schwartz u.a. 2000). Auch die durch analytische und symbolische
Kompetenz bestimmten Formen immaterieller Arbeit behalten eine Eigengesetzlichkeit,
die sich im Rahmen von Klassenherrschaft immer schwerer einholen lässt,
zumal hier Selbstbeobachtungs- und Selbstreflexionsprozesse der herrschenden
Klassen einsetzen, die noch kaum erforscht sind. Auch der dritte Typus
immaterieller Arbeit, die Produktion und Handhabung von Affekten, die
„zwischenmenschlichen Kontakt und die Arbeit am körperlichen Befinden“
verlangen, läuft traditioneller Herrschaft, die auf Distanz und Distinktion
basiert, tendenziell zuwider (Hardt u. Negri 2002, 305).
2.
Neoliberalismus
Das
neoliberale Modell dient als ein ideologischer Deckmantel, hinter welchem
weltweit bestimmte kollektive institutionelle Strukturen (bis zur Weltbank
und zum Internationalen Währungsfond) ausgehöhlt, zugleich aber neue institutionelle
Strukturen, welche die Freiheit der Märkte einschränken, durchgesetzt
werden (Piore u. Sabel 1984). Die Akkumulation von Macht
in privaten Händen, die ja das Wesen des neoliberalen Privatisierungsprozesses
ist, verlangt neue Systeme „privater Arbitration“, ein neues Rechtssystem
zur Abstützung privater Vertragsabschlüsse usw., das weltweit zu einer
„neuen Inflexibilität“ (Piore) führt. Die Ideologen des Neoliberalismus,
die nur die Alternative zwischen totalitärem Kollektivismus und Liberalismus,
zwischen Totalplanung und vollständigem Wettbewerb kannten (Hayek
1971), werden gerade durch die Existenz von herrschenden Klassen und deren
Herrschaftshandeln ad absurdum geführt. Die kollektive, im Staat
verkörperte Klassenidentität, die in der Krise ist, kehrt in vielen Fällen
als „soziale Identität“ (Piore 1995) zurück. Das Prinzip der Privatisierung
erzeugt institutionelle Strukturen mit Durchsetzungsgewalt, die nicht
nach dem Modell staatlicher Strukturen organisiert sind, sondern ‘privaten’
Zwangscharakter haben (z.B. „institutionalisierte Korruption“). Seit dem
17. Jh. hatten sich neue Formen der Macht auf die Disziplinierung des
Körpers gerichtet, um seine Kräfte im Sinne der Produktion und Profitabilität
zugleich effektiv zu nutzen und optimal zu kontrollieren (Foucault
1976/1991). Diese neuen politischen Technologien der Disziplin förderten
nicht nur staatliche Institutionen wie das Gefängniswesen, sondern trugen
in sich auch das Potential privater, privatisierter Herrschaftstechniken.
Die „sichtbar“ gemachte Delinquenz der Unterschichten lenkte nicht nur
von den lukrativen, aber „unsichtbaren“ Gesetzwidrigkeiten der Herrschenden
ab (Waffenhandel, Prostitution, Drogenhandel usw.); sie ermöglichte auch
die „Moralisierung des Proletariats“ (Foucault) und damit private, individuelle
Zwangsformen in den Betrieben, in Dienstverhältnissen usw. Auf Seiten
der Herrschenden befördert die scheinbare „Unsichtbarkeit“ ihrer Handlungen
einerseits zunächst das Entstehen korporativer Akteure, die nur in einem
fiktiven, juristischen Sinne ‘Personen’ sind und in Wirklichkeit unpersönliche,
z.T. zentral geleitete Organisationen darstellen. Indem so die Anstrengungen
vieler einander fremder Personen ‘gepoolt’ werden, beginnt eine Verschiebung
der Rechtschancen zugunsten korporativer Akteure. Die Machtchancen derjenigen,
die solche Organisationen leiten, steigt (Coleman 1986; vgl. Schmid
in: Müller u. Schmid 2003, 56f). Auf der anderen Seite wirkt
in diesem Korporatismus immer auch das Prinzip der Privatisierung und
speist Gegentendenzen der Steigerung subjektiver bzw. personaler Macht
und Geldmacht. Dies bleibt allerdings einem kleinen Kreis von Privilegierten
vorbehalten. So sind etwa die Reproduktionsbedingungen personal geregelter
Sozialsysteme (z.B. Familien und ihr Vermögen) nur im Bereich des Superreichtums
gewährleistet. Zudem entstehen, geeicht auf das korporative System, neue
Gruppen Herrschaftshandelnder wie power broker, fixer, superlawyer
– unabdingbar für die Dynamik von inter-organisationellen Beziehungen
-, welche ‘anonymer Herrschaft’ ein Gesicht geben (Dye 2002). Auch
die Selbstorganisation einer Vielzahl von Interessengruppen (neben public
interest groups vor allem spezialisierte Wirtschaftsinteressen) und
das Anwachsen des Lobbyismus - dem Parlamente, Regierung und Verwaltung,
Justiz, Parteien und internationale Organisationen in zunehmendem Maße
ausgesetzt sind - deuten auf ein Korrektiv der ‘Entsubjektivierung’ von
Herrschaft (Beyme 1980). Insofern ist es fragwürdig, die
Hegemonie eines abstrakten Neoliberalimus vorauszusetzen, denn diese Ideologie
wird erst durch personale Netzwerke – z.B. die Mont Pelerin Society
(Plehwe u. Walpen 2001) oder das World Economic Forum
(Schwengel 1999) – mit Leben gefüllt. Der Staat, der einst zum
integralen Staat - „Hegemonie, gepanzert mit Zwang“ (Gramsci) -
mutierte, wird in der ‘nachindustriellen’ Phase angesichts der Existenz
von größeren Widersprüchen, von Krisen und neuen Gewaltformen auf nicht-
bzw. post-hegemoniale Formen zurückgestutzt (Hirsch u.a. 2001).
Der Neoliberalismus hat seine Grenzen erreicht. Er produziert Erschöpfungserscheinungen
auf Seiten der nationalen Gesellschaften wie des Planeten insgesamt (van
der Pijl, 2001). Auch auf den traditionellen Aktionsfeldern des Imperialismus,
des Autoritarismus und der militärischen Regulation des Weltmarkts (Balibar
2001) geht Gewalt inzwischen von Akteuren aus, die kaum noch staatlich
eingebunden sind und in privater Regie, im Auftrag transnationaler Konzerne
usw. Kriege führen. Folglich ist zu fragen, welche Erklärungsfunktion
das Konstrukt „herrschender Machtblöcke“ noch hat, wenn die Widersprüche
so stark angewachsen sind, dass keine der Fraktionen in der Lage ist,
die anderen Gruppen des Machtblocks unter ihre Führung zu bringen (Poulantzas
1978, 226). In diesen Auflösungsprozessen hegemonialer Strukturen wird
ein anderes Merkmal postmoderner Herrschaft relevant. Wer herrscht, verfügt
über mehr Möglichkeiten, beherrscht das Reich der Kontingenzen und Äquivalenzen.
Die „Globalisierung des Tauschs“ setzt der Universalität von Werten und
Recht ein Ende und lässt Demokratie und Menschenrechte „wie Öl und Kapital,
genauso wie jedes andere globale Produkt“ zirkulieren (Baudrillard
2003). Auf dieser Grundlage haben herrschende Klassen begonnen, Probleme
des Eigentums, der Verwertung, der Verteilung und des Wissens nicht mehr
zu ‘lösen’, sondern beliebigen und verwirrenden Scheinlösungen zuzuführen.
Der Cyberspace mit seinen unendlichen Verknüpfungsmöglichkeiten
unterstützt diese Tendenz ebenso wie die Systemtheorie und deren unbedarfter
Ableger, die rational choice theory (Green u. Shapiro
1996). Es sei ein Irrtum zu glauben, verkündet Niklas Luhmann,
dass es „noch eine wirkliche Realität gebe, die mit der natürlichen Ausrüstung
des Menschen zu fassen sei, während es schon längst darum geht, diese
natürliche Ausrüstung als nur einen Fall unter vielen möglichen zu erweisen.“
(1995, 243) 3. Global Ruling Class? Der
Begriff der herrschenden Klasse, der das Phänomen der Herrschaft an das
Schicksal des Klassenbegriffs bindet, ist ein instabiler Begriff. Der
Klassenbegriff war so eng an die gesellschaftlichen Strukturen der Moderne,
an den nationalstaatlichen Rahmen gebunden, dass seine schon im Kommunistischen
Manifest beschworene globale Dimension selten tatsächliche Handlungsebenen
berührte. Das Konzept eines Weltklassensystems (Wallerstein) ist
kaum durchgesetzt. Der Begriff der Kapitalistenklasse, gebunden an die
in den Produktionsverhältnissen generierte „Verwertungsmacht“ (vgl. Abschn.
IV) und eingebunden in Eigentums-, Verteilungs- und Wissensverhältnisse,
ist zudem schwer als Begriff für eine soziale Klasse zu etablieren.
Diese Schwierigkeit begleitet auch die Diskussion um eine global ruling
class bzw. um eine Transnational Capitalist Class (TCC)
(Robinson u. Harris 2000; van der Pijl 2001; Sklair
2000; Cox 1987). Gerade für das Entstehen einer sozial definierbaren
globalen herrschenden Klasse sind empirische Belege intrinsisch schwer
zu beschaffen; kapitalistische Eliten sind eben „secretive“ (vgl.
Moyser u. Wagstaffe 1987). Außerdem ermöglichen Marktstrukturen
die Diffusion der Macht. Autoritative oder gar autoritäre Macht konstituiert
sich gegenwärtig in Organisationen wie Weltbank, WTO, IMF und bei anderen
„akronymen Akteuren“ (Robinson u. Harris) der Weltwirtschaft
sowie in großen privaten - multinationalen oder transnationalen – Konzernen.
Besonders schwierig ist es, auf dieser Analyseebene die (globale) Rolle
staatlicher Organisationen zu fixieren. Mit dem Konzept einer „soft
geopolitics“ wird versucht, das ganze Geflecht von Verhandlungen und
Absprachen zwischen Staaten einzufangen. Dabei stößt man selbstverständlich
auf eine US-amerikanische „Quasi-Hegemonie“. Innerhalb der Gruppen, die
für eine TCC in Frage kommen, finden heftige ideologische Konflikte
zwischen free-market conservatives, neoliberal structuralists,
neoliberal regulationists und „Third Way“-Protagonisten
statt, weiter verkompliziert durch nationale Achsen und andere Allianzen.
Dennoch ist die Versuchung groß, die transnationale Kapitalistenklasse,
die von keiner anderen Klasse herausgefordert wird, „als den einzigen
Herrscher über die Weltökonomie zu betrachten.“ (Robinson u. Harris 2000)
Die Frage aber bleibt, ob auf diesem Boden auch eine soziale globale
herrschende Klasse konzipiert werden kann. Giovanni Arrighi (1994)
sieht Chancen für ein wachsendes Klassenbewusstsein innerhalb der TCC
überall dort, wo transnationale staatliche Strukturen entstehen. Doch
wird bezweifelt, ob es sich dabei jemals um einen neuen globalen „historischen
Block“ handeln kann (Jason W. Moore, 2001/02). Die Entwicklung
zielt eher auf eine flüchtigere Form von Klassenbildungen, wenn man etwa
an die Bedeutung von „cadres“ denkt, die seit den siebziger Jahren
des 20. Jh.s im transnationalen Raum agieren und eine teils demokratische,
teils technokratische und teils „planetarische“ Perspektive entwickeln.
„Die cadres sind eine Klasse von Mediatoren, die Leitungsaufgaben
für die herrschende Klasse ausführen, aber gleichzeitig, wie Arbeiter,
als ein lohnabhängiges Stratum ihre Arbeitskraft verkaufen.“ (van der
Pijl 2001/02, 498) Leslie Sklair (1997) unterscheidet in diesem
Zusammenhang z.B. CEOs transnationaler Konzerne, am Globalisierungsprozess 4.
Sprengsätze in den Produktionsverhältnissen
„Die
Erkennung der Produkte als seiner eigenen und die Beurteilung der Trennung
von den Bedingungen seiner Verwirklichung als einer ungehörigen, zwangsweisen
- ist ein enormes Bewusstsein, selbst das Produkt der auf dem Kapital
ruhenden Produktionsweise“ (Marx, Grundrisse 1953, 366f). Doch
im Gegensatz zur globalen herrschenden Klasse - und deren Verfügungsgewalt
über den globalen Raum - ist das „enorme Bewusstsein“ des globalen Proletariats
(Wallerstein) ‘lokalisiert’ und füllt weder den Cyberspace
noch den „global space of flows“. „Nur auf (illegalen) Schleichwegen
können [die Proletarier] die ihnen gezogenen Grenzen durchbrechen. Doch
auch wenn es ihnen gelingt, bis in die globalen Metropolen vorzudringen,
bleiben sie meist ausgeschlossen. Als ‘Gastarbeiter’, ‘Illegale’, ‘Asylanten’
fristen sie ein Schattendasein.“ (Jain 2000, 61) Dennoch arbeitet
das Proletariat lokal am Globalen, indem es täglich ‘adäquate’ Gebrauchswerte
– und damit das wirkliche Allgemeine - produziert. Für das Proletariat
vollzieht sich diese global-lokale Dialektik in lokalen, unmittelbaren,
distanzlosen, alltäglichen Kämpfen. „Die Kämpfe des Proletariats
bilden – und zwar in ganz realer, ontologischer Hinsicht – den Motor der
kapitalistischen Entwicklung. Sie zwingen das Kapital dazu, das technologische
Niveau ständig zu erhöhen und damit die Arbeitsprozesse zu verändern.
Die Kämpfe nötigen das Kapital ununterbrochen, die Produktionsverhältnisse
zu reformieren und die Herrschaftsverhältnisse zu transformieren.“ (Hardt
u. Negri 2002, 220) Und so verändern sich die Produktionsverhältnisse.
In den Eigentumsverhältnissen ist Produktionsmitteleigentum längst
derart finanzkapitalistisch vermittelt, dass Geldmacht sich beispielsweise
die allgemeinen Bedingungen kultureller Erfahrung (Rifkin 2000)
ebenso wie das Gesamt der Natur (einschließlich ihrer Gesetze) aneignen
kann. Davon profitiert, unter dem absolut dominanten Prinzip der Privatisierung,
eine immer kleinere, global agierende Schicht, die viele historische Formen
von Geldmacht in sich vereint: von arabischen Feudalherren über Großbetrüger
und korrupte Usurpatoren bis zu klassischen Unternehmern usw. Die Finanzmärkte
erfüllen in diesem Kontext ihre angebliche Aufgabe, die Ersparnisse der Gesellschaft
in Richtung der besten Investitionen zu lenken, nur kümmerlich. Das globale
Finanzsystem ist extrem teuer, gibt falsche Signale zur Lenkung der Kapitalströme
und hat weniger mit wirklicher Investitionstätigkeit als mit der Konzentrierung
von Reichtum zu tun. Der Mechanismus ist einfach. „Mithilfe staatlicher
Verschuldung werden Einkommen von unten, von den einfachen Steuerzahlern,
nach oben, zu den reichen bondholders, verschoben. Statt die Reichen
zu besteuern, leiht die Regierung von ihnen, und bezahlt für dieses Privileg
auch noch Zinsen. Auch die Konsumentenkredite bereichern die Reichen.
Wer bei stagnierenden Löhnen und Gehältern seine VISA-Karte benutzt, um
über die Runden zu kommen, füllt mit jeder Monatsrate die Brieftaschen
der Gläubiger im Hintergrund. Unternehmen des produktiven Sektors zahlen
ihren Aktionären Milliarden an jährlichen Dividenden, statt ins Geschäft
zu investieren. Kein Wunder also, dass der Reichtum sich auf spektakuläre
Weise immer mehr ganz oben zusammenballt.“ (Henwood 1997, 4) In den Verwertungsverhältnissen hat eine beispiellose
Verschärfung (und „Verwissenschaftlichung“) der Ausbeutungspraxis begonnen.
Entwickelte betriebliche Managementmethoden werden durch Kontroll- und
Überwachungsoperationen ergänzt. Die durch die Liberalisierung der Arbeitsmärkte
endemische ‘Jobangst’ verhindert kollektiven Widerstand. Unter dem „Unified
Global Command“ (Hardt u. Negri) der führenden kapitalistischen
Länder und Institutionen verdichten sich Ausbeutungsstrategien zur „Biopolitik“
bzw. „biopolitischen Produktion“, die nichts anderes ist als profitorientierte
Reproduktion von Menschen unter Arbeitskraftgesichtspunkten (Foucault
1976; Hardt u. Negri 2002, 394), bis hin zu einer (Welt)Bevölkerungspolitik,
die vor Genozid nicht zurückschreckt (George 2001). In den Verteilungsverhältnissen
bricht auf betrieblicher und gesellschaftlicher Ebene der auf wohlfahrtsstaatlichen
Strukturen und kollektiven (gewerkschaftlichen) Rechten basierende Konsens
zusammen. Die Ideologie individueller Freiheitsrechte macht nicht einmal
mehr den Versuch, eine gerechte Verteilung der produzierten Werte zu begründen.
„Ohne das Eintretenkönnen für die Vollendung der Verheißungen des Liberalismus
aber wird es für die herrschenden Schichten des Weltsystems überall [...]
unmöglich, die arbeitenden Klassen durch irgendetwas anderes als Gewalt
zu kontrollieren.“ (Wallerstein 1995, 242) In den Arbeitsverhältnissen
schließlich wird in den fortgeschrittensten Produktionsbereichen die „alte,
unmittelbare Befehlsgewalt über die Arbeitenden, die dem Kapitalisten
qua Verfügung über die Produktionsmittel zukam, [...] ersetzt durch den
unmittelbaren Marktdruck, der direkt auf die Produktionsgruppen und Individuen
weitergeleitet wird.“ Die Individuen selbst sollen die Verwertung von
Werten exekutieren und dafür ihre Kreativität mobilisieren – „bei Gefahr
des Untergangs und mit der Chance der Entfaltung.“ (Meretz 1999)
Dieses Identischwerden von Person und Arbeitskraft in der informatisierten
Produktion verlangt eine andere Allgemeinbildung als die des Staates,
die einst alle Bürger zur Leitung des Gemeinwesens befähigen sollte (Lohmann
1987). Inhalt der Allgemeinbildung wird, was der privaten Profitwirtschaft
nutzt: die „Ökonomisierung des Sozialen“, aber auch eine soziale Befähigung
zur Leitung von Wirtschaftsprozessen – eine Mentalität des „Regierens
ohne Staat“, einer „Global Corporate Statesmanship“ (de Pury
u. Lehmann 2000) oder eben „Gouvernementalität“ (Bröckling
u.a. 2000). Dies ist heute u.a. die Triebkraft der Forderung nach
einer umfassenden Privatisierung und Kommerzialisierung des Bildungswesens.
Die so in die Arbeitenden selbst injizierte Wissensmacht allerdings ist
ambivalent, paradox, dialektisch und produziert subversives Potential
(vgl. z.B. The Cluetrain Manifesto, Locke u.a. 2001). Durch
Globalisierung und Informatisierung, schreibt Fredric Jameson,
werden die Linke wie die Rechte und die Wirtschaft selbst mit der Unmöglichkeit
konfrontiert, dass irgendein regionales oder nationales Gebiet den Zustand
der Autonomie oder gar der Subsistenz erreicht, sich vom Weltmarkt abkoppelt.
So hat die „Rettung der Utopie“ nur eine Chance, wenn die Marxisten „den
Gedanken einer globalen Totalität festhalten oder – wie Hegel gesagt hätte
– ‘dem Negativen folgen’ und so letztlich jenen Ort lebendig erhalten,
von dem das – unverhoffte – Entstehen des Neuen erwartet werden kann.“
(1996, 174ff) So wie Erkenntnis ist auch Herrschaft Aus- oder Vorgriff
auf weltgesellschaftliche Totalität. Die Strukturen der Moderne, insbesondere
der Staat, entlang derer Totalität einst begriffen werden konnte, lösen
sich auf. Die Moderne verabschiedet sich mit Karikaturen ihrer selbst,
mit Zeugnissen eines „immensen monadischen Stils“ (Jameson 1994, 131f)
wie den Weltbeherrschungsphantasien des Faschismus oder eines „American
Empire“ (Rilling 2002). In den Sozialwissenschaften haben Systementwerfer
wie Talcott Parsons (1964) und Niklas Luhmann (1997) einen
Begriff von Weltgesellschaft vorbereitet, wie er subjektloser und indifferenter
nicht sein kann. Dieser Begriff erlaubt Handlungsorientierungen allenfalls
denjenigen, die das System praktisch beherrschen. Doch wo Theorie ins
Leere führt, finden sich nicht zuletzt in der Massenkultur Ansätze eines
„cognitive mapping“ (Jameson) globaler Totalität. Mithilfe
der „geopolitischen Ästhetik“ (Jameson) von „Weltfilmen“ (global vermarkteten
Hollywoodproduktionen) erfahren wir, wie der Versuch der Insertierung
der amerikanischen Perspektive in die übrigen Regionen verläuft. Wir bekommen
eine Ahnung davon, wie die nationale Allegorie der USA sich in ein konzeptuelles
Instrument umzuformen beginnt, „das tatsächlich dazu taugt, unser aller
neues In-der-Welt-Sein zu begreifen.“ (Jameson 1992, 3) Wir sehen, wie
die amerikanische Machtelite die Welterklärungs-Schemata des Kalten Krieges,
des Trikontismus usw. ablegt, wie sie zu Globalmodellen vordringt, die
einerseits etwas vom kolonialistischen Blick der Zeit vor dem ersten Weltkrieg
haben, andererseits mit dem Cyberspace operieren. Hardt
und Negri (2002) haben die eine Seite dieser Entwicklung - den
Netzcharakter und die „nicht-euklidische Räumlichkeit“ (Jameson
1993; Sassen 1991) dieses Herrschaftshandelns - auf den Punkt gebracht.
Die Voraussetzungen jedoch für die konkrete Beobachtung und Beschreibung
der Akteure in diesem von den Strukturen der Moderne nicht mehr
strukturierten globalen Raum hat – neben ‘Hollywood’ – das US-amerikanische
Power Structure Research geschaffen. 1.
C. Wright Mills Das
(post)moderne Power Structure Research - in der Tradition Thorstein
Veblens (1899) und des amerikanischen „Muckraking“-Journalismus
(Harrison u. Stein 1973) – begann mit C. Wright Mills’
The Power Elite (1956/2000), verfasst unter dem Eindruck der Faschismusanalysen
Franz Neumanns (1944/1984). Mills beschreibt, wie F.D. Roosevelts
Reformen und die Planungsanstrengungen des Zweiten Weltkriegs das traditionelle
Establishment durcheinander gewirbelt hatten. Hielten zuvor wenige reiche
Familien in jeder Metropole und in jedem Bundesstaat die lokalen Regierungen
fest im Griff, so drängten nun neue Gruppen an die Schaltstellen der Macht:
Washingtoner Bürokraten und Konzernmanager, medienwirksame Politiker,
politische Generäle, Gewerkschaftsführer und die Chefs von FBI und CIA;
auch Wissenschaftler aus Forschungszentren und Planungsstäben strebten
nach politischer Mitbestimmung. Mills zeigt, wie die Reichen und
Superreichen es lernten, in dieser neuen Welt der Massenmedien, des Aktieneigentums,
der Werbung, des Massenkonsums sowie eines wachsenden Selbstbewusstseins
der Mittelschichten ihren Einfluss zu bewahren und zu mehren. Der amerikanische
Kapitalismus, so Mills, war immer noch eine perfekte Maschine zur Erzeugung
von Millionären und Milliardären (1956, 112f). Aber der nach dem Zweiten
Weltkrieg einsetzende Umbau der US-Gesellschaft brachte auch neue Formen
der Macht und neue Privilegienstrukturen hervor, verkörpert durch eine
noch weitgehend gesichtslose Konzern-Elite, die teilweise mit der traditionellen
Geldelite zu einer neuen „upper class“ verschmolz, den Corporate
Rich. Aufgrund ihrer Statusvorteile konnte diese Gruppe den komplexen
Unterbau der neuen Industrie- und Staatsbürokratien zum eigenen Vorteil
nutzen, etwa durch Beeinflussung der Steuergesetzgebung oder des Stiftungsrechts,
und dabei vielfältige Tarnkappen verwenden, um die „im Kern völlig verantwortungslose
Natur ihrer Macht zu verbergen“ (ebenda, 117). Die institutionelle Macht
des reorganisierten Reichtums erlaubte es, Einflussimpulse über das gesamte
politische System in streng hierarchisch-autoritärer Manier zu verteilen
und zudem die Exekutivmacht allmählich einem der Parteiendemokratie entrückten
„politischen Direktorat“ zuzuschanzen. Hervorzuheben ist Mills' Insistenz,
in die Analyse der politischen Rolle der Corporate
Rich auch die „militärische Elite“ einzubeziehen. 2.
Entwicklungen des Power Structure Research Zu
den wichtigsten Vertretern des Power Structure Research zählen
- neben C. Wright Mills und Floyd Hunter - Ferdinand Lundberg,
Noam Chomsky, William Domhoff, Thomas R. Dye, Michael
Parenti und Kevin Phillips. Hinzu kommen viele Journalisten
und Literaten (z.B. Gore Vidal). Alle diese Autoren haben sich
(oft oberflächlich) mit der Klassentheorie auseinandergesetzt, benutzen
zum Teil auch den Begriff der „ruling class“ (Domhoff),
haben sich aber insgesamt eher dafür entschieden, ihre Forschungen mit
einem besser für die Deskription geeigneten Begriffsinstrumentarium zu
betreiben und geben dem Begriff der Machtelite den Vorzug. Forschungsgegenstand
sind u.a. das soziale Umfeld und die ökonomischen Interessen von einzelnen
Mitgliedern der Machtelite, die innere Machtstruktur großer Konzerne und
ihre Einflussnahme, der Geldfluss aus diesen Kreisen an politische Kandidaten
und Parteien und die Rolle von special interest groups, Lobbyisten,
Stiftungen, Denkfabriken und Unternehmensverbänden. Fokus des Interesses
sind erstens die Gruppe der Reichen und Superreichen und deren soziale
und kulturelle Netzwerke. Zweitens geht es um den Aufstieg der Chief
Executive Officers, die seit dem New Deal in mehreren Konzentrationswellen
eine zentrale Rolle im Gefüge der Machteliten eingenommen haben und im
Gefolge der Globalisierung und Informatisierung durch die Gruppe der Finanzmanager
ergänzt wurden. Drittens werden die Abhängigkeiten der politischen Klasse
und der Parteien untersucht. Die ökonomische Konzentration und die Herausbildung
verschiedener Teileliten (CEOs, Erben großer Vermögen, „politische
Direktorate“ usw.) haben das Thema der „interlocking directorates“
auf die Tagesordnung gesetzt: Ein überschaubarer Kreis von wenigen tausend
Personen besetzt in immer neuen Kombinationen die Vorstände der bedeutendsten
Großkonzerne, Banken, Versicherungen, Investitionsfirmen, staatlichen
Institutionen, Elite-Universitäten, kulturellen Institutionen, Stiftungen
usw.. Im Zentrum dieses hochgradig vernetzten Systems wirken Policy
Discussion Groups (z.B. Council on Foreign Relations, Business
Roundtable, Committee on Economic Development, The Brookings
Institution, American Enterprise Institute usw.), in denen
die wichtigsten staatlichen, parlamentarischen und gesetzgeberischen Aktivitäten
vorentschieden werden. Das Power Structure Research ist auf die
Beobachtung und Analyse neuester Entwicklungen eingestellt. Die Auflagen
der Standardwerke (u.a. Dye , Domhoff, Parenti) werden
ständig aktualisiert. Forschung und Präsentation nutzen alle Möglichkeiten
des Internet (vgl. They Rule; Namebase; An Internet Guide
to Power Structure Research). 3.
Vier Ringe Verallgemeinernd
kann aus dem
Power Structure Research ein bestimmtes Deskriptionsmodell herrschender
Klassen oder Machteliten abgeleitet werden. Danach gibt es vier Gruppen,
die in einem Funktionszusammenhang stehen, den man sich als ein System
konzentrischer Ringe vorstellen kann. Der innere Ring ist der Ring der
Geldmacht, bestehend aus der Gruppe der Superreichen. Über
Mikro-Netzwerke, über ‘Philanthropie’ und über die Machtmaschine des Stiftungswesens
übt diese Gruppe auf alle (auch die abseitigen) Bereiche des gesellschaftlichen
und weltgesellschaftlichen Lebens einen enormen Einfluss H.Arendt, Elemente und Ursprünge totaler
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1919-1961, München 1965 Internet-Sites: An Internet Guide to Power Structure Research: www.uoregon.edu/~vburris/whorules/index.htm;
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