Während der akademische Nachwuchs über schlecht
bezahlte Praktika und prekäre Beschäftigungsverhältnisse jammert,
bejubeln Holm Friebe und Sascha Lobo das Ende der
Angestelltengesellschaft. Wir nennen es Arbeit. Die digitale Bohème - intelligentes Leben jenseits der Festanstellung lautet der Titel ihres Buchs, mit dem sie eine neue Form der intelligenten, webbasierten Arbeit ausrufen.
Die
Kernthese ist recht simpel: Die Festanstellung ist die Hölle und dank
des Internets lässt es sich auch auf eigene Faust ganz gut leben.
"Sobald die Tinte unter dem Festanstellungsvertrag getrocknet ist,
beginnt ein schleichender Prozess der strukturellen Verblödung",
schreiben die Autoren über den Horror der Angestelltengesellschaft.
Dagegen setzen sie das Bild vom selbstbestimmten Netzwerker, der mit
vielen eigenen Projekten zwar nicht die Sicherheit und den Komfort
eines Vollzeitjobs genießt, aber in seiner Arbeit zumindest nicht
fremdbestimmt ist. Es sei möglich, so die Autoren "nicht zu verhungern,
während man das tut, was man am liebsten tut".
Eine schöne
Vision, die aber eines riesigen theoretischen Unterbaus bedarf. So
eröffnen die beiden im ersten Teil des Buches ein wahres
Zitatfeuerwerk: Sie prophezeien mit Richard Florida den Aufstieg der
kreativen Klasse, analysieren mit Pierre Bourdieu und Jeremy Rifkin den
Zustand der Arbeitsgesellschaft, erkunden mit Honoré de Balzac die
Geschichte der Bohème und philosophieren mit Niklas Luhmann über
Subkultur. Im Hintergrund drängen sich die unvermeidlichen
Fußnotenkönige Marx, Adorno und Diedrich Diedrichsen. Das lässt sich
alles gut lesen, bleibt aber doch Zitat.
Richtig spannend wird
es erst, wenn Friebe und Lobo sich der "Mikroökonomie" des Web 2.0, der
"Währung Respekt" und "Aufmerksamkeitsströmen" widmen. Sie berichten
von Online-Spielen, in denen sich neue virtuelle Geldwirtschaften
entwickeln. Sie geben Einblicke in die Welt von MySpace und YouTube,
die sie auch als riesige Selbstvermarktungsplattformen verstehen. Dank
der nicht-hierarchischen, assoziativen Strukturen des Netzes könne man
auch ohne Kapital, nur mit einer guten Idee, schnell viel
Aufmerksamkeit gewinnen, die sich irgendwann in Geld ummünzen ließe.
Ähnlich
wie das Web selbst funktioniere auch die "digitale Bohème": Sie bildet
riesige Netzwerke, deren Schmierstoffe eben "Aufmerksamkeit" und
"Respekt" sind. Sie findet sich in losen Projekten zusammen, die nicht
unbedingt erfolgreich, aber immer kreativ sein müssen. Irgendwann, so
die etwas diffuse Hoffnung der Autoren, werde sich das ganze Bloggen,
Flickern und Verlinken schon auszahlen, spätestens, wenn es die
Laptop-Generation in die Chefetagen geschafft hat. Und wenn nicht, dann
lebt es sich als armer, aber selbstbestimmter Internet-Poet immer noch
glücklicher als in der Tretmühle großer Unternehmen.
Friebe und
Lobo geben selbst das beste Beispiel für digitale Bohèmiens ab: Die
beiden gehören der "Zentralen Intelligenzagentur" (ZIA) an, einem
Zusammenschluss freier Kreativer, die mit "Agenten" und "inoffiziellen
Mitarbeitern" operiert. Außerdem betreiben sie das Weblog
"riesenmaschine", das erst kürzlich mit den Grimme Online Award
ausgezeichnet wurde. Zwischendurch schreiben sie für Zeitungen und
Magazine oder basteln an Web- und Werbeauftritten. Genug Zeit zum
Feiern bleibt trotzdem. Für den Spiegel-Chefpatrioten Matthias Matussek ist Holm Friebe gar "der König der Berliner Nachtszene".
Ob
das Leben als digitale Bohème, von dem Lobo hofft, "dass es für mehr
als 17 Leute in Berlin-Mitte attraktiv ist", wirklich so glücklich
macht, darf allerdings bezweifelt werden.
Die Bloggerin und Chefredakteurin des Berliner Zitty-Magazins
Mercedes Bunz zumindest malte im Februar dieses Jahres unter dem Titel
"meine Armut kotzt mich an" ein viel düstereres Bild. Die digitale
Bohème ist für sie nur das unterbezahlte Fußvolk der Kulturwirtschaft,
Opfer von prekären Arbeitsverhältnissen und der allgemeinen Jobmisere.
Selbstbestimmung hin oder her - solange niemand die "diffuse
Kreativität" bezahlt, bleibt der digitale Bohèmien bloß ein "urbaner
Penner".
Holm Friebe / Sascha Lobo: Wir nennen es Arbeit.
Die digitale Bohème oder: Intelligentes Leben jenseits der
Festanstellung. Heyne, München 2006, 303 Seiten, 17,95 Euro.