...Ich habe den Zeitungen entnommen, dass ausländische Staatsbürger, welche die Vereinigten Staaten mit einem Visum besuchen möchten, bei der Einreise ins Land datenmäßig erfasst und dass von ihnen Fingerabdrücke genommen werden. Weil ich mich einer solchen Prozedur nicht unterziehen möchte, habe ich sofort die Lehrveranstaltungen abgesagt, die ich im März an der New York University halten sollte...

...Seit Jahren bereits, anfangs zufällig und unterschwellig, dann immer offener und beharrlicher, versucht man die Bürger an angeblich normale und menschliche Vorrichtungen und Praktiken zu gewöhnen, die immer als außergewöhnlich und unmenschlich galten. Die Kontrollmöglichkeiten, die die Staaten heute mit elektronischen Vorrichtungen wie Kreditkarten oder Mobiltelefonen über die Individuen ausüben können, wären früher undenkbar gewesen. Aber es gibt eine Stufe in der Kontrolle und der Manipulierung der Körper, deren Überschreitung ein neuer globaler biopolitischer Zustand bedeuten würde, ein weiterer Schritt zu dem, was Foucault als eine Art progressive Vertierung des Menschen durch äußerst verfeinerte Techniken beschrieben hat. Die elektronische Erfassung der Fingerabdrücke und der Netzhaut, die Unterhauttätowierung und andere Praktiken dieser Art gehören zu dieser Stufe.
Die Sicherheitsgründe, die zu ihrer Rechtfertigung angeführt werden, dürfen uns nicht verwirren. Die Erfahrung lehrt, dass Praktiken, die anfangs nur den Ausländern galten, allmählich auf alle übertragen wurden. Die Frage, um die es geht, ist das neue „normale“ biopolitische Verhältnis zwischen Bürger und Staat. Es geht nicht mehr um die freie und aktive Teilhabe an der politischen Ebene, sondern um die Aufnahme und Erfassung des privatesten und unmittelbaren Elements: das biologische Leben der Körper. Medieneinrichtungen, die die öffentliche Rede kontrollieren und manipulieren, entsprechen den technologischen Einrichtungen, die das nackte Leben identifizieren und erfassen.

Zwischen diesen beiden Extremen – ein Wort ohne Körper und ein Körper ohne Wort – wird der Raum dessen, was man früher einmal Politik nannte, immer knapper und enger. Auf diese Art wird der Staatsbürger paradoxerweise zum Verdächtigen schlechthin, dem man mit Techniken und Vorrichtungen begegnen muss, die für die gefährlichsten Individuen erdacht worden waren. Die Menschheit ist heute per definitionem zur gefährlichen Klasse geworden.

Vor ein paar Jahren habe ich einmal geschrieben, dass das politische Urbild des Westens nicht mehr die Stadt, sondern das Konzentrationslager ist, nicht Athen, sondern Auschwitz... Die biopolitische Tätowierung, zu der wir heute gezwungen werden, um in die Vereinigten Staaten einzureisen, ist das Staffelholz dessen, was wir morgen als normale Erfassung in die Mechanismen und das Getriebe des Staates akzeptieren könnten, wenn wir als gute Bürger identifiziert werden wollen.

Quelle: Der italienische Philosoph Giorgio Agamben, übersetzt von Henning Klüver, im SZ/Feuilleton am 10./11.01.2004