H.J. Krysmanski

Statement zur Eröffnung der Attac-Sommerakademie
in Münster am 1.8.03

 

Globalisierung und Lokalisierung hängen zusammen. Lasst uns heute abend diese nette kleine Universitätsstadt Münster glokalisieren!

Auch Globalisierung und Privatisierung hängen zusammen. Dafür gibt es kein so lustiges Wort wie Glokalisierung. Alles, was uns lieb und teuer ist, was uns vielleicht noch gemeinsam gehört, was öffentliches Gut ist wie das Bildungssystem, soll privatisiert werden. Je mehr privatisiert wird, desto weniger Privatleute, das heißt, Leute, die über sich selbst verfügen, wird es geben. Die wenigen Privatleute aber, die übrig bleiben, die werden immer privater und sie werden immer reicher. Es sieht so aus, als würde ihnen bald die Welt gehören. Die Herrschaft der Reichen nennt man Plutokratie.

Plutokratie ist die ‚Privatisierung der Politik’, ist ‚Politik als Privatangelegenheit’ einer kleinen Gruppe von Superreichen und ihrer Netzwerke. Auch Politikwissenschaftler aus unserer Mitte sprechen inzwischen vom ‚verblassenden Mythos der Meritokratie’ – also der Leistungsgesellschaft - und vom ‚Superreichtum als Gefahr für die Demokratie’.

In den USA allein hat das Ausmaß privaten Reichtums schwindelerregende Dimensionen angenommen. Waren 1982 die 400 reichsten Amerikaner im Durchschnitt noch jeweils 230 Millionen Dollar wert, so betrug ihr durchschnittliches Vermögen 1999 das Zehnfache, nämlich 2,6 Milliarden Dollar. Die Zahl der Superreichen, die selbst Politiker werden wollen, nimmt zu. Das Forbes Magazine, Sprachrohr der Millionäre, freut sich, dass endlich statt Rechtsanwälten wie Bill Clinton ein ‚Master of Business Administration’, der mittelmäßige Yale-Student George W. Bush, an der Spitze steht. Und hoffentlich, fügt Forbes hinzu, werden die USA bald einen Milliardär zum Präsidenten haben, wie derzeit schon Italien (Berlusconi) und der Libanon (Rafik Al-Hariri).

Ich will Ihnen in den nächsten Augenblicken veranschaulichen, was es bedeutet, ein Milliardär zu sein.

Die Allerwenigsten auf diesem Planeten haben ein Vermögen von auch nur 1 Tsd. Dollar, ein Banknotenbündel von etwa 1 cm Höhe.

Mit 100 Tsd. Dollar, etwa 1m, gehört man schon – im weltweiten Vergleich – zu den Wohlhabenden und mit 180 Tsd. Dollar, also Mannshöhe, zu den Reichen.

Das Vermögen eines einfachen Millionärs – 1 Mill. Dollar – entspricht dann 10 m, der Höhe eines 3-stöckigen Hauses. Auch gewöhnliche Millionäre verfügen aber im allgemeinen über mehrere Millionen Dollar: bei 3 Mill. wären das dann bereits 30 m – ein 9-stöckiges Gebäude. 10 Mill. Dollar ergäben schon 100 m, also ein Hochhaus mit 30 Stockwerken. Da stünde ein wohlhabender Durchschnittsmensch mit seinen 180 Tsd. Dollar schon staunend davor.

Ähnlich muss es unserem gewöhnlichen Multimillionär – mit 10 Mill. Dollar – gehen, wenn er auf einen ‚richtigen’ Multimillionär, mit einem Vermögen von 100 Mill. stößt. Man sollte wissen: zu den gewöhnlichen Multimillionären gehören heute z.B. schon die Eliten aus Politik, Wissenschaft, aus den freien Berufen, aus dem Schaugeschäft und dem Sport. Die stehen nun auf dem Dach ihres 30-stöckigen Kleinwolkenkratzers und blicken hinauf, wie der ‚richtige’ Multimillionär mit seinem Privatflugzeug in 1 km Höhe (denn das entspricht 100 Mill. Dollar) über die Stadt fliegt.

Oberhalb der Vermögen von 100 Mill. Dollar geht die Welt der Reichen allmählich, aber nur allmählich, in die Welt der Superreichen über. Mit 200 bis 300 Mill. Dollar kann man bequem die Alpen überfliegen, mit 800 Mill Dollar den Himalaya – und braucht dann schon ein Sauerstoffgerät. Der einfache Milliardär schließlich fliegt in seinem Businessjet in einer Höhe von 10 km, wo die Welt da unten sehr klein aussieht und das 3-stöckige Haus unseres einfachen Millionärs nicht mehr richtig zu erkennen ist, geschweige denn ein einzelner Mensch (mit seinen 180 Tsd. Dollar).

In dieser Region aber – ab 1 Mrd. Vermögen, 10 km hoch – wird es erst wirklich interessant. Die Zahl solcher Dollarmilliardäre bewegt sich weltweit zwischen 2-3 Tsd. Diese kleine Gruppe als Ganze verfügt über ein Vermögen, das größer ist als das Bruttosozialprodukt der 3 unteren Fünftel aller Staaten oder größer als das Vermögen der unteren 80 Prozent  aller Menschen auf dieser Erde.

Mit 3 Mrd. Dollar Vermögen – 30 km – fliegt man im übrigen bereits in der Stratosphäre, mit 10 Mrd. – 100 km – verlässt man die irdische Lufthülle und mit den 50 Mrd. des Bill Gates – 500 km – befindet man sich bereits im Weltraum.

Und da sage mir einer, dass Milliardäre nicht in Versuchung sind, sich dieses Planeten als Ganzem anzunehmen, ‚planetarisch’ zu denken – und dass sie nicht die Mittel dafür haben ...

Doch 'sollten' sie das? Wäre dieser Planet nicht ein besserer Ort. gäbe es ein Limit, sagen wir einmal: 1 km (100 Mill. Dollar)? Das dürfte für das Ausleben aller persönlichen Konsumwünsche, und seien sie noch so vermessen, ausreichen. Schätzungsweise 100 Bill. Dollar (? 1 Mill. km, ein gutes Stück auf dem Weg zum Mond) würden so frei für die allgemeine Verbesserung der Lebensbedingungen auf diesem Planeten.

Wir wissen kaum etwas über die Formen der Machtausübung des Superreichtums. Was kann man sich in diesen luftigen Höhen tatsächlich an politischem, ökonomischem, kulturellem und sozialem Einfluss kaufen? Ein Beispiel: wer über mindestens 200 Millionen Dollar Vermögen verfügt, und das sind schätzungsweise 3000 Amerikaner und 10 000 Menschen weltweit, könnte sich daraus, ohne sein Vermögen anzutasten, neben seinen normalen, luxuriösen Konsumbedürfnissen, allein, als Privatperson, noch die Dienste von jährlich 70 (!) Professoren kaufen – genau so viel, 7 Millionen Dollar, müssten auch für die jährlichen Betriebskosten einer Mega-Motoryacht (sagen wir, von 70 m Länge) aufgebracht werden. Diese Yacht übrigens könnte sich das betreffende Individuum, ohne große Anstrengung, noch zusätzlich zu seinen 70 Professoren leisten. Und was passierte, schlössen sich nur zwei oder drei dieser Individuen auf durchaus privater Basis zusammen? Wie weit und tief reichte der Einfluss eines solchen Mikro-Netzwerks in die Wissenschaft, in die Politik, in die Künste?

Die Macht des großen Geldes, das wissen wird, formt und äußert sich zunächst – das ist das Wesen der Privatisierung – privat, in informellen Netzwerken, außerhalb der Sichtbarkeit großer Institutionen und doch in vielfältiger Weise mit ihnen verflochten. Doch je ungehemmter die Privatisierung fortschreitet, und je chaotischer folglich die Globalisierung sich vollzieht, um so undurchsichtiger wird die Welt von solchen Cliquen regiert werden. Ich wünsche uns allen am Ende den Durchblick.