SPIEGEL ONLINE - 21. November 2003, 16:37
URL: http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,275019,00.html

Spendable Milliardäre
 
Bill, der Wohltäter

Reich zu sein ist in den USA keine Schande - doch wirkliche Anerkennung erfährt erst, wer einen Teil davon für gemeinnützige Zwecke hergibt. Allein die fünfzig Großzügigsten von ihnen spendeten zwischen 1999 und 2003 rund 47,2 Milliarden Dollar.

New York - Die vom US-Magazin "Business Week" erstellte Liste führt ausgerechnet Microsoft-Gründer Bill Gates an, der im Alltagsgeschäft berüchtigt ist für seine Härte gegenüber den Konkurrenten. Zusammen mit seiner Frau Melinda spendete er allein fast 23 Milliarden Dollar. Das entspreche rund der Hälfte ihres Nettovermögens und in etwa dem Bruttoinlandsprodukt eines Staates wie Ungarn, schreibt das Magazin.

Der Löwenteil der Zuwendungen fließt in die von ihm und seiner Frau gegründeten Stiftung. Darüber hinaus spendet Gates auch für konkrete Projekte. Im September erst stellte er 168 Millionen Dollar für den Kampf gegen Malaria in Afrika zur Verfügung, vor einem Jahr rund 100 Millionen Dollar für den Kampf gegen die Immunschwächekrankheit Aids in Indien. Der Vater von drei Kindern hatte schon in der Vergangenheit angekündigt, im Falle seines Todes werde er einen beträchtlichen Teil seines Vermögens wohltätigen Zwecken zukommen lassen.

Die Gates sind damit zwar einsame Spitzenreiter der Top 50 Liste von "Business Week", doch ihnen folgen noch fünf weitere Spender, die Summen in Milliardenhöhe für wohltätige Zwecke ausgaben. So steht der Mitgründer des Chipherstellers Intel und seiner Frau, Gordon und Betty Moore, mit sieben Milliarden gespendeten oder versprochenen Dollar im gleichen Zeitraum an zweiter Stelle, gefolgt von dem US-Investor George Soros mit 2,4 Milliarden Dollar, den Sun-Gründern Eli und Edythe Broad, American-Century-Gründer James und Virginia Stowers und Computer-Bauer Michael Dell zusammen mit seiner Frau Susan.

Auch der Medientycoon Haim Saban, der jüngst mit seiner beinharten Verhandlungstaktik um die ehemaligen Kirch-Sender ProSiebenSat.1 bekannt wurde, gehört zu den Big Spendern: Mit einer Summe in Höhe von rund 100 Millionen Dollar belegt er zusammen mit seiner Frau Cheryl auf der Rangliste Platz 47. Der als raubeinige Investor bei DaimlerChrysler berüchtigte Kirk Kerkorian spendete 225 Millionen Dollar für wohltätige Zwecke und belegt Platz 28.

Wahrscheinlich ist die Gesamtsumme von rund 47,2 Milliarden Dollar des gespendeten Geldes sogar noch höher, denn einige der Philanthropen unterstützen gemeinnützige Einrichtungen lieber unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das Motto "tue Gutes und rede darüber" gilt für sie nicht.

Der Großteil der Spenden floss in Stiftungen, die sich um das Gesundheitswesen und Forschung und Ausbildung bemühen. Aber auch Kultur, Kunst und Bibliotheken wurden großzügig bedacht. Für die Begünstigen in den USA kommt das Geld gerade recht: Im vergangenen Jahr hatten viele mit Kürzungen staatlicher Zuwendungen zu kämpfen und nicht selten stand der Fortbestand der Einrichtung auf der Kippe.

Nummer eins der ''Business Week''-Liste: Microsoft-Gründer Gates
REUTERS
GroßbildansichtNummer eins der "Business Week"-Liste: Microsoft-Gründer Gates
Der hohe Betrag, den viele Spender schon zu Lebzeiten abgeben und nicht erst nach ihrem Tode einer gemeinnützigen Stiftung vererben, spricht nach Ansicht der "Business Week"-Autoren für einen grundsätzlichen Wandel. Der Wunsch sei immer ausgeprägter, das eigene Knowhow dafür einzusetzen, dass das Geld effektiv verwendet wird und so größtmöglichen Nutzen bringt. Im Übrigen könne eine Spende zu Lebzeiten natürlich auch dazu dienen, ein schlechtes Gewissen zu beruhigen, dass man im Leben mehr Glück gehabt hat als andere.

Mitunter gehe der Wunsch zu spenden auch auf ein persönliches Erlebnis zurück, schreiben die Autoren von "Business Week". So habe etwa der Gründer des Textilversandhauses Land's End den Entschluss gefasst, die Klimaforschung zu unterstützen, nachdem er während eines Segeltörns durch die Arktis keinen einzigen Eisberg zu Gesicht bekommen hatte.

Außerdem werden die Spender immer jünger. "Viele geben bereits im Alter von 30 bis 40 Jahren viel Geld für gemeinnützige Zwecke aus", sagt der Rick Cohen, Geschäftsführer im National Commitee for Responsive Philantropy, gegenüber dem Magazin.

Andere übernehmen sich mitunter. So musste etwa Alberto W. Vilar nach den Crash der Hightech-Aktien, denen er sein Vermögen verdankte, eine Spende an die New Yorker Metropolitan Oper zurückrufen. Er erlitt die ultimative Schmach, die es für Leute wie ihn geben kann: Die Metropolitan Opera entfernte seinen Namen von einem Schild, auf dem die Gönner des Hauses verewigt sind. Der Opernliebhaber ließ sich nach eigenen Worten seitdem nicht wieder in dem verehrten Operhaus blicken.
 


© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH