Aus: Lexikon der Ungleichheitsforschung, Hg. H.-P. Müller u. M. Schmid, Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2003, S. 186-187

Mills, C. Wright
(geb. 28.8.1916 in Waco, Texas, gest. 20.3. 1962 in Nyack, New York)

The Power Elite
(New York: Oxford University Press 1956; dt:. Die amerikanische Elite: Gesellschaft und Macht in den Vereinigten Staaten. Hamburg: Holsten-Verlag 1962)

 

Das Werk The Power Elite (PE) ist seit seinem Erscheinen 1956 nicht aus den amerikanischen Buchläden verschwunden und liegt in den USA seit 2000 in einer Neuausgabe (Vorwort Alan Wolfe) vor. C. Wright Mills schürt durch eine genaue Beschreibung der Rolle der amerikanischen Eliten nach dem Zweiten Weltkrieg berechtigte Zweifel, ob die amerikanische Gesellschaft noch eine funktionierende, auf Interessenpluralismus gründende Demokratie ist. Mills liefert nicht nur eine soziologische Antwort auf die Frage, wer eigentlich und letzten Endes in Amerika herrscht, sondern formuliert unabsichtlich zugleich das Rezept, wie man in einer modernen Industriegesellschaft westlichen Zuschnitts, in einer parlamentarischen Demokratie die Herrschaft der Wenigen sichern kann, ohne daß es den Massen sonderlich auffällt. Er begründet damit die in den USA bedeutsame Tradition des Power Structure Research (G.W. Domhoff, Thomas Dye, Mark Mizruchi, Noam Chomsky etc.).

Die Rooseveltschen Reformen nach der großen Wirtschaftskrise und auch die gewaltigen Planungsanstrengungen des Zweiten Weltkriegs hatten das traditionelle Establishment durcheinander gewirbelt. Die alten Zeiten, in denen wenige reiche Familien in jeder Metropole und in jedem Bundesstaat die lokalen Regierungen fest im Griff hatten, waren vorbei. Neue Gruppen drängten an die Schaltstellen der amerikanischen Gesellschaft: Washingtoner Bürokraten und Konzernmanager, medienwirksame Politiker und politische Generäle, Gewerkschaftsführer und die Chefs von FBI und CIA. Auch Wissenschaftler, deren Nimbus durch die Entfesselung der Kraft des Atoms ebenso wie durch eindrucksvolle Planungsentwürfe einer neuen Gesellschaft gewachsen war, wollten an Entscheidungen über die Geschicke der Nation beteiligt werden.

Doch die Reichen und Superreichen lernten damals, in einer immer komplexeren Welt der Massenmedien, des Aktieneigentums, der Werbung, des Massenkonsums sowie eines wachsenden Selbstbewußtseins der Mittelschichten ihren gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Einfluß zu bewahren und zu mehren. Der amerikanische Kapitalismus war, wie Mills lakonisch feststellte, immer noch eine perfekte Maschine zur Herstellung von Millionären und Milliardären. Nur diejenigen, die nicht weiter als die eigene Nasenspitze blicken wollten, und dazu gehörten leider auch viele Soziologen, glaubten, daß die ganze Welt eine 'nivellierte Mittelstandsgesellschaft' geworden war. Nichts konnte falscher sein. Allerdings hatte der durch die Kriegsanstrengungen während des Zweiten Weltkriegs bewirkte tiefgreifende Umbau Amerikas neben den traditionellen Very Rich neue Formen der Macht und neue Privilegienstrukturen hervorgebracht: sie wurden durch eine noch weitgehend gesichtslose Konzern-Elite verkörpert. Diese beiden Gruppen Geldmächtiger verschmolzen in den Fünfzigern allmählich zu den Corporate Rich.

Aufgrund ihrer Statusvorteile und der Überzeugungskraft des Geldes konnte diese Gruppe den komplexen Unterbau der während New Deal und Krieg entstandenen Industrie- und Staatsbürokratien zum eigenen Vorteil nutzen, etwa durch Beeinflussung der Steuergesetzgebung. Dazu, schrieb Mills, benutzten die Corporate Rich vielfältigste Tarnkappen und Tarnfarben, um die 'im Kern völlig verantwortungslose Natur ihrer Macht zu verbergen'. (PE 117) Mills war einer der ersten Soziologen, die sich mit etwas so Banalem wie Steuerschlupflöchern für Reiche beschäftigten, ob es sich um Aktienoptionen für Chief Executive Officers oder um das Stiftungswesen handelte. Hinzu kam die institutionelle Macht des reorganisierten Reichtums. Mittels eines Netzwerks von Einflußagenturen wurden Impulse über das gesamte politische System in streng hierarchisch-autoritärer Manier verteilt. Die Konzentration der Exekutivmacht in einem der Parteiendemokratie entrückten 'politischen Direktorat' gefährdete die politische Souveränität der amerikanischen Gesellschaft.

Hervorzuheben ist Mills' Insistenz, in die Analyse der politischen Rolle der Corporate Rich auch das Militär mit einzubeziehen. Der Anspruch, selbst zur Machtelite zu gehören, wurden von vielen Generälen offen ausgesprochen. In der Geschäftswelt ging das Diktum um: Beschaffe dir einen General und mach ihn zum Vorstandsvorsitzenden! Mills resümierte: 'Ja, es gibt eine Militärclique, aber man sollte sie genauer als Teil einer Machtelite bezeichnen, die aus Männern der Wirtschaft, der Politik und des Militärs besteht, deren Interessen einander immer näher gekommen sind. Und um die Rolle des Militärs in dieser Machtelite zu verstehen, müssen wir die Rolle des Konzernmanagers und des Politikers in ihr ebenfalls verstehen. Und wir müssen verstehen, daß hier etwas Neues im politischen System der USA geschehen ist.' (PE 224)

Literatur: Domhoff, G. William, C. Wright Mills and the Power Elite, Boston, Mass.: Beacon Press 1968; Gitlin, Todd: "Sociology for Whom? Criticism for Whom?" in: Herbert J. Gans (ed.), Sociology in America, Newbury Park, CA: Sage Publications 1990; Hess. Andreas: Die Politische Soziologie C. Wright Mills'. Ein Beitrag zur politischen Ideengeschichte, Opladen: Leske+Budrich 1995; Hess, Andreas: Modern American Social and Political Thought, Edinburgh / New York: Edinburgh University Press 2000; Hess, Andreas: The Semantics of Social Stratification – 14 Lectures on the American Perception of Social Inequality, Macmillan, London 2001; Horowitz, Irving Louis: C. Wright Mills: An American Utopian, New York: Free Press 1983; Mills, Kathryn / Pamela Mills (eds.): C. Wright Mills: Letters and Autobiographical Writings, Los Angeles: University of California Press 2000; Oakes, Guy / Arthur J. Vidich: Collaboration. Reputation, and Ethics in American Academic Life: Hans H. Gerth and C. Wright Mills, Urbana and Chicago: University of Illinois Press 1999

                                                                                                                  H.J. Krysmanski