management „Das härteste Jobinterview der Welt“ Amerikanische Unternehmen lassen Manager bei den Marines
trainieren Der massige Soldat ist am Ende seiner Kräfte, ein letztes Mal
versucht er den Klimmzug zwischen zwei Eisenholmen. Sein Mund ist aufgerissen,
das Gesicht von der Anstrengung verzerrt. „Ich liebe dieses Plakat“, sagt
Colonel Smith, und das hätte man sich fast denken können. Er hat sich das
Rekrutierungsposter quer vor seinen massigen Schreibtisch geheftet, und es ist
so ziemlich der einzige Zierrat in dem spärlich möblierten Büro. Außer zwei
Flaggen an der Wand und einer Verfassung der Vereinigten Staaten auf der
Tischplatte. „Rekruten müssen leiden“, fügt Colonel Smith dann noch hinzu, macht
eine Kunstpause und sagt: „Dann lernen sie was.“"SCHMERZ ist Schwäche, die den
Körper verlässt": Werbeplakat der US Marines© www.marines.com Die Macho-Sprüche sind berufsbedingt. Smith leitet die Officer Candidates
School (OCS) der U. S. Marines in Quantico im Bundesstaat Virginia. Auf diesem
Gelände wählt die härteste Kampftruppe der Vereinigten Staaten aus, wer ihre
Soldaten künftig befehligt und in den Krieg schickt. Smith macht das gründlich:
Das sechswöchige Martyrium besteht aus Parcoursläufen („Der Kreuzweg“),
Märschen, Maschinengewehrfeuer und Überlebenstraining im Schlamm, aus Gebrüll
und Führungsseminaren unter Schlafentzug. Ein Drittel der Bewerber schickt Smith
wieder nach Hause, oder sie gehen von selbst. „Es ist das härteste Jobinterview
der Welt“, sagt er. Trotzdem bekommt der Colonel immer häufiger Besuch von Leuten, die eigentlich
einen geruhsameren Alltag gewohnt sind: Unternehmensberatern und Bankiers von
der Wall Street, Assistenten von Politikern im US-Kongress, Personalberatern und
Betriebswirtschaftsstudenten. „Wir sind gastfreundlich“, sagt Smith. „Wir geben
ihnen einen kleinen Geschmack vom Leben eines Elitesoldaten.“ Wohl wahr. Wer von seinem Chef oder Professor zu den Marines geschickt wird,
der lernt formvollendet Strammstehen, Bettenmachen („10 Minuten, oder Sie
schlafen auf dem Fußboden“) und antwortet bald auf jede Frage mit einem
ergebenen: „Yes, Sir!“ Wozu das alles? „Es fördert die Fähigkeit, eine Aufgabe
auch unter viel Druck zu erledigen“, sagt Michael Useem, ein Professor an der
nahe gelegenen Wharton Business School in Philadelphia. Zweimal im Jahr lässt er
seine Studenten auf der Marines´ Base antreten. „Man lernt, dass man unter
Belastung die besseren Entscheidungen in einem Team trifft.“ Es mag eine ruppige Didaktik sein, aber in den Vereinigten Staaten ist das
Strammstehen inzwischen zum Trend in der Managementlehre avanciert. Schon immer
haben sich Unternehmensführer auch für Lehren vom Schlachtfeld interessiert, und
so mancher Konzernkapitän hat seinen Clausewitz studiert. Doch in diesem Jahr
ist das Interesse offenbar besonders groß. Unternehmensberater verkaufen Bücher mit Titeln wie Geschäftsführung nach
Art der Marines, Corps Business oder Führungslehren der Navy Seals –
Schlachterprobte Strategien für erfolgreiche Organisationen. In
betriebswirtschaftlichen Seminaren an Universitäten und Colleges studieren sie
die Methoden von Amerikas Elitetruppen mit wachsender Begeisterung. Soldaten als
Vorbilder? „Die nächste Welle von Managementideen wird sich an den Lehren von
der Front ausrichten – wo es um Leben und Tod geht“, meint der
Unternehmensberater Rick Sidorowicz. Militärisches ist nicht nur in, es ist zudem noch ein lukratives Geschäft.
Der ehemalige Toptrainer der Marines in Quantico, Robert Lee, hat sich vor ein
paar Monaten ganz aus dem Corps zurückgezogen und eine
Unternehmensberatungsfirma namens Uncommon Leadership gegründet. Jetzt hält er
Seminare auf einem ausgemusterten Flugzeugträger („um den richtigen Kontext
herzustellen“), baut in New Jersey an einem Schlamm- und Kletterparcours für
Topmanager und zählt große Namen von Novartis bis Deloitte Touche Tohmatsu zu
seinen Kunden. „Es ist nicht so, dass wir hier alle in Uniform in den Seminaren
sitzen“, berichtet Michael Wheeler, Regionaldirektor bei der Finanzgruppe First
Command und einer der ersten Kunden Lees. „Unsere Leute lernen in diesen
Seminaren zum Beispiel, wie man richtig mit Menschen umgeht.“ Lernen, wie man mit Menschen umgeht? Ausgerechnet von den Militärs mit ihrem
ruppigen Ton und ihren straffen Hierarchien? „Marines werden geschmiedet –
Schlag für Schlag“, meint dazu der amerikanische General Charles C. Krulak. „Sie
wollen Teamarbeit? Können Sie haben“, findet der OCS-Chef Smith. „Tragen Sie mit
15 Mann einen Baumstamm durch den Wald!“ Doch Professor Useem von der Wharton
School stört sich nicht an solchen Sprüchen. „Das Bild täuscht“, sagt er. „Ein
guter Chef kann nicht einfach Anweisungen geben, sondern er muss überzeugen,
damit wirklich etwas geschieht – das gilt im Militär genauso wie im
Business.“ Mancher Unternehmensberater, der in diesen Tagen die Methoden der Militärs
empfiehlt, sieht hinter den Drillroutinen denn auch einen ganz anderen Zweck als
das Training der Belastungsfähigkeit. „Vor allem geht es um die Motivation, das
Zusammengehörigkeitsgefühl“, sagt der Autor und Berater Jon R. Katzenbach – das
Robben im Schlamm als gemeinsame Erfahrung, als Gruppentherapie, als
Initiationsritual. Bei den amerikanischen Marines dauert das Einführungstraining
monatelang, und selbst die zwölfwöchige Grundausbildung in den berüchtigten
boot camps konzentriert sich auf eine Vermittlung der „Grundwerte“ der
Organisation. „Ehre, Mut und Opferbereitschaft“ will der OCS-Chef Smith seinen
Kandidaten einbläuen. Und Solidarität. „Wenn ein U. S. Marine außer Puste gerät,
müssen die Kameraden sein Gewehr weitertragen.“ Die Frage ist nur, wie man solche Soldatenehre in die Welt der Unternehmen
übersetzt. „Wenn die Mitarbeiter ihre ganze Leistungsfähigkeit hinter eine Firma
oder eine Organisation stellen sollen, dann müssen sie stolz auf die gemeinsame
Sache sein – das hilft viel mehr als finanzielle Anreize“, meint Katzenbach. Und
immerhin: Als die Unternehmensberatung McKinsey vor ein paar Jahren die
„emotionale Mitarbeiterbindung“ in großen amerikanischen Konzernen und
Organisationen untersuchte, landete das Marine Corps auf Platz eins. „Gerade
einem Unternehmen in der Krise“, so Katzenbach weiter, „würde ich empfehlen, es
den Militärs gleichzutun und in den Stolz ihrer Mitarbeiter zu investieren.“
Seinen Kunden rät er, Schlüsselpersonal im Betrieb als so genannte
Motivationsbeauftragte abzustellen, als pride builders. „Die gehen
durchs Unternehmen und erzählen den Leuten: Wir schaffen das! Zeigt den
Arschlöchern da draußen, dass wir es doch können!“ Robert Lee von Uncommon Leadership empfiehlt Managern unterdessen, viel mehr
Zeit auf die Einweisung und Fortbildung ihres Personals zu verwenden. „Im
Militär können Sie keinen Headhunter anrufen und sich neue Soldaten bestellen“,
sagt er. „Sie müssen mit denen arbeiten, die sie haben – und Sie müssen sie von
Beginn an motivieren.“ Dabei, meint der Berater, könne man eine gute
Organisation daran erkennen, wie sie mit neuen Angestellten umgehe. „Bekommen
Sie eine Tour durch den Betrieb, einen Parkplatz, Märkchen für die Kantine?
Viele Firmen denken über so was nicht mal nach und entfremden ihre Mitarbeiter
von Beginn an.“ Im Notfall muss jeder ran Der Autor David Freedman, der in seinem Buch Corps Business
eingehend die Führungsmethoden der U. S. Marines offen legt, geht sogar noch
weiter: Er würde vielen Unternehmen am liebsten gleich die kompletten
Management- und Hierarchiestrukturen der Marines ans Herz legen. „Die Marines
haben sich darauf spezialisiert, unter chaotischen, veränderlichen Bedingungen
zu arbeiten“, sagt Freedman. „Das klingt für viele Manager nach einem vertrauten
Szenario.“ Insgesamt 30 „Prinzipien“ der Marines hat er herausgearbeitet. Vom
„Lernen durch Führung“ – jede Abteilung wird von einem ranghöheren jungen
Leutnant und von einem erfahrenen Soldaten geleitet – bis zur schrittweisen
Planung von Strukturveränderungen (damit alle Einheiten stets kampffähig sind,
obwohl sie gerade umgebaut werden). Von der ständigen Rotation der
Zuständigkeiten bis zur „Führung bei Bedarf“: Jeder einzelne Soldat lernt, im
Notfall die Leitung eines „Feuerteams“ an sich zu ziehen und nicht erst auf die
Anweisungen von Vorgesetzten zu warten. Das schafft reaktionsschnelle Einheiten
und flexible Organisationen. Einige amerikanische Unternehmen sind in den vergangenen Jahren sogar noch
weiter gegangen und haben – wie etwa General Electric – einen Teil ihrer
Führungsetagen gleich mit Soldaten besetzt. Als die Universität von Pennsylvania
kürzlich einen neuen Geschäftsführer suchte, heuerte sie den General Clifford L.
Stanley an. „Ich hatte damals Angebote aus der Privatwirtschaft im ganzen Land“,
sagt Stanley. „Soldaten als Chefs sind im Augenblick unheimlich gefragt.“ Mit
Erfolg? Bei den Marines erzählt man mit Stolz von dem Ex-Marine Fred Smith, der
den Paketdienst Federal Express zu einem Weltkonzern gemacht hat. Fehler verzeiht man nur Managern Möglich allerdings, dass FedEx eine Ausnahme ist – und sein Erfolg mehr mit
dem Markt als mit den Marines zu tun hat. „Einige übertreiben es“, konstatiert
selbst der Autor Freedman. Ein ehemaliger Marines-Offizier, der eine
Personalberatungsfirma in Chicago leitet, hat seine Hauptabteilungen
„Aufklärung“, „Operation“ und „Logistik“ getauft, aber wesentlich besser wurden
die Geschäftsergebnisse deshalb nicht. Und bei einer Textilkette kündigten
etliche Manager, als der Chef „Motivationsfilme“ vorführen ließ, die
Artillerieangriffe und massenweise verwundete Soldaten zeigten. Selbst in Zeiten
von Terror und Krieg, so will es scheinen, stößt auch in Amerika Kriegerisches
mitunter an seine Grenzen. Mit gutem Grund. „Irgendwie ist es doch etwas anderes
– die Führung einer Chefetage und die einer militärischen Einheit“, sagt Colonel
Smith zum Abschied. „Im Business können Sie sich Fehler leisten. Wenn Sie das
bei uns tun, ist das Risiko höher.“