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KOMMENTAR
Humanität rechnet sich nicht
VON KARL GROBE

Falsche Behauptungen haben am Anfang des Krieges gegen Irak gestanden, falsche Hoffnungen der Sieger garnieren den Aufbau einer Friedensordnung. Saddam Husseins Beteiligung am weltweiten Terrorismus blieb unbeweisbar. Massenvernichtungswaffen hatte Irak nicht. Die Vertreibung des Diktators von der Macht brachte weder Selbstbestimmung noch Demokratie. Das kann noch werden. Ansätze gibt es. Doch stehen da mehr Hürden und Hindernisse, als es gangbare Wege gibt.

Die politischen Institutionen sind Implantate. Unter einem Besatzungsregime ist das nur dann vermeidbar, wenn eine einigermaßen organisierte und handlungsfähige landeseigene Kraft bereit steht. Das war in Irak nicht der Fall. Die importierte Führung mit ihren kargen Ergänzungen durch religiös, ethnisch und kommunitär begrenzte Kräfte hat aber das nationale Problem noch verschärft. Das Konzept ist der unter der langen Alleinherrschaft atomisierten Gesellschaft vorgesetzt worden. Es zwingt faktisch jeden Bürger des Landes in ein ethno-religöses Schema. Indem diese Führung die Oberschichten der so konstituierten ethno-religiösen Großgruppen vereinigt, dem Mittelstand, der längst aus den Traditionsbindungen emanzipierten Intelligenz und den Unterschichten aber kaum eine Stimme zugesteht, sprengt sie die Gesellschaft weiter auf.

Die geistlichen und weltlichen Prediger der so auf sich zurückverwiesenen Gruppen gewinnen Einfluss. Was an modernisierenden Entwicklungen der Diktatur noch widerstanden hat, von ihr teils auch bewusst genutzt wurde, wird zurückgefahren. Von tatsächlicher Gleichstellung der Frauen ist dort nicht mehr die Rede, wo traditionalistische Agitatoren den Ton angeben und das Verhalten bestimmen; sozialer Druck führt zum Schleierzwang und zum erzwungenen Verzicht auf berufliche Aktivität.

Die Auflösung der Verwaltungen, die summarische Entlassung einer halben Million Soldaten und die Stilllegung großer Betriebe schaffen Arbeitslosigkeit. Nicht nur das: sie verweisen die Verarmenden auf den Schutz und die Unterstützung, die Clans und Moscheen ihnen noch bieten können. Das begünstigt einerseits die Korruption, womit die Erbübel der Diktatur fortgesetzt werden. Es fördert auch die Macht der kleinen und mittleren Führer, die sich wiederum an die verordneten ethno-religiösen Schemata halten. Die Demokratie - die große Hoffnung der Unterdrückten - bringt all dies gerade nicht voran. Fortdauernde wirtschaftliche Misere beschleunigt diese Prozesse.

Dass Irak aus seinem Reichtum an Erdöl und Erdgas Kraft für einen raschen und umfassenden Wiederaufbau ziehen könnte, wie es vor Saddam Husseins Kriegen einmal war, ist Illusion. Der Reichtum ist verpfändet zur Begleichung von Auslandsschulden und Reparationsforderungen. Diese Last wird auf Jahrzehnte drücken, auch wenn Irak aus einigen finanziellen Verpflichtungen entlassen wird. Das moralische Argument, dem Volk dürfe nicht die ganze Hinterlassenschaft des Diktators aufgebürdet werden, schlägt in Finanzkreisen nicht unbedingt durch.

Zudem haben sich die regierungsnahen Großkonzerne aus den USA ihre privilegierten Verträge ja nicht gesichert, weil sie dem irakischen Volk helfen und nützen wollen; sie wollen verdienen. Dem Ausverkauf hat der (von der Besatzungsverwaltung abhängige) irakische Finanzminister schon im Sommer alle Tore geöffnet. Er hoffte auf kräftige Investitionen. Die werden gewiss eines Tages fließen; aber nicht aus Gründen der Humanität, die rechnet sich nicht. Von ökonomischer Unabhängigkeit zu träumen, halten viele Iraker für äußerst fahrlässig.

Für eine demokratische Zukunft sind das sehr schwere Vorbelastungen. Je länger die besonnenen Kräfte unter den unabhängigen weltlichen Politikern, den Geistlichen beider islamischer Richtungen und den gewählten Volksvertretern unterer Ebenen auf die von ihnen geforderte Volkswahl einer verfassunggebenden Versammlung warten müssen, desto mehr Einfluss gewinnen die weniger Besonnenen.

Die Besatzungsbehörden und ihre Nachsprecher im irakischen Milieu täuschen sich auf tragische Weise, wenn sie den Widerstand und die fortdauernde Gewalt auf das Wirken der alten Baathisten und von Saddam-Nostalgikern zurückzuführen suchen. Die Realität, die verletzte Würde erzeugen den Widerstand. Nur in der Volkssouveränität liegt Friedenshoffnung. Noch.

Dossier: Irak nach dem Krieg

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Dokument erstellt am 21.12.2003 um 18:20:17 Uhr
Erscheinungsdatum 22.12.2003