Bohemian Grove - networking im Zeichen der Eule

 

 

1. Amerikas Party des Jahres

2. Der Klub der talentierten Schreiber

3. Von Spinnen und Eulen

4. Camping mit dem Präsidenten

5. Gerüchte und Mythen

6. Politik im kleinen Kreis

7. Fakt oder Fiktion?

8. Materialien im Internet

 

1. Amerikas Party des Jahres

Sonoma County ist eine beschauliche Gegend in Kalifornien, nur 35 Kilometer nördlich von San Fransisco. Das Tourismus-Office der 1604 Quadratkilometer großen Gegend weißt auf die vielen Sehenswürdigkeiten hin, die Sonoma County zu bieten hat: Schöne Küsten, den Russian River, majestätische Redwoods und historische Stadtkerne. Berühmt ist die sonnige Gegend aber vor allem für den kalifornischen Rotwein, der in dieser Gegend seinen Ursprung hat. Neben dem Anbau von Wein lebt die Gegend um das 9000-Einwohner Städtchen Sonoma vor allem vom Tourismus.

Mit der Beschaulichkeit ist es allerdings einmal im Jahr für zwei Wochen vorbei. Denn Mitte Juli landeten auf dem Sonoma County Airport die Privatjets von Amerikas mächtigsten Männern der Vergangenheit, der Gegenwart und wohl auch der Zukunft, um in den Wäldern "the greatest men’s party on earth" zu feiern, wie es der Republikaner Herbert Hoover einmal formulierte. Auf der Homepage des Tourismus-Office findet man kein Wort darüber.  

Sonoma County ist seit 1878 der offizielle Treffpunkt der Bohemian Grove, einer Art bizarrem Zeltlager der amerikanischen Machtelite. Die Grove (auf deutsch "Wäldchen") rund um das Örtchen Monte Rio misst immerhin stolze 1100 Hektar und gleich Ende Juli einer gut bewachten Kolonie. Die Größen aus Politik, Wirtschaft oder auch Fernsehen sind für 14 Tage unter sich, abgeschnitten von Presse und Frauen – denn diese sind in der Grove nicht erwünscht.  

 

2. Der Klub der talentierten Schreiber

Das Treffen der Grove geht auf den Bohemian Club zurück, der 1872 ausgerechnet von fünf Journalisten in San Fransisco gegründet wurde. Der Klub sollte den Teamgeist und den Zusammenhalt unter den Schreiberlingen stärken und es galt das Motto: "Talent ist wichtiger als Geld". Dich schon bald verkehrte sich dieser Idealismus in sein Gegenteil und die Reichen übernahmen im Club das Kommando.

Mittlerweile sind normale Journalisten bei den "Bohos" nicht mehr zugelassen, nur die Herren aus der absoluten Führungsetage sind erwünscht – und diese danken es mit absoluter Diskretion. Bereits über 2500 Mann gehören zum exklusiven Verein in Nordkalifornien. Und die Liste der Anwärter ist mindestens ebenso lang, doch nicht jeder wird in die Reihen der Elite aufgenommen. Neben Prestige spielt auch Geld eine Große Rolle. Jahresbeiträge und Sonderabgaben sind für alle Mitglieder bindend.

 

3. Von Spinnen und Eulen

Allgemein gilt die Bohemian Grove als Geheimgesellschaft, doch sind ihre Mitglieder ein offenes Geheimnis. Familie Bush gehört ebenso zu den Besuchern wie der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt, der 1982 und 1991 Gast in der Grove war, oder Schriftsteller Oscar Wilde. Generell sind politische Gesinnung, Nationalität oder Religion keine Zugangskriterien, doch faktisch ist die Grove eine Hochburg der Konservativen – alle republikanischen Präsidenten seit 1923 waren Gäste oder Mitglieder.

Aus William Shakespeares Sommernachtstraum ist das offizielle Motto des Treffens entliehen: "Weaving spiders come not here", was in der deutschen Fassung des Stücks mit "Spinnen, die ihr künstlich webt, webt an einem andern Ort" übersetzt wurde. Gemeint ist damit, dass das berühmte "networking", also das knüpfen politischer und wirtschaftlicher Verbindung im Camp keinen Platz hat. Handys sind daher im Lager verboten.

Wie schon das shakespearsche Motto des Clubs nahe legt, geht es offiziell nicht um das "business", sondern um den Spaß. Die Politik soll für zwei Wochen ruhen, stattdessen stehen Kunst, Musik und Theater auf dem Programm. Aufführungen und Chorauftritte werden extra für den Riesenevent der Upper-Class inszeniert. Dazu gesellt sich eine ganze Portion ritueller Zeremonien, wie z.B. die "Cremation of Care", bei der alle Anwesenden ihre "Sorgen" in einem großen Feuer verbrennen. Das alles geschieht unter der Aufsicht des Wahrzeichens der Grove, einer 13 Meter hohen Eulenstatue, die "Great Owl Of Bohemia".

 

4. Camping mit dem Präsidenten

Gemeinsam wird getrunken, geraucht, geplaudert, gepinkelt und sich ganz allgemein des Lebens erfreut – im all-male-Club ist alles erlaubt, was dem Mann gefällt. Und bei den berüchtigten "Lakeside Talks" werden dann – ganz inoffiziell natürlich – doch politische Themen auf die Tagesordnung gebracht. So mancher Deal wurde wohl schon an den Ufern des Sees oder in den mächtigen Redwoods eingefädelt.

Das große Gelände ist in verschiedene Camps aufgeteilt, wie man es aus dem klassischen Pfadfinderlager kennt. Über 100 gibt es davon, doch anstatt Zelten residieren die Reichen und Mächtigen in Ferienhäusern. Fast schon niedlich klingen die Camps mit ihren Namen "Hillbillies", "Eulennest" oder "Mandalay".

 

 Mitglieder

 

Eine Auswahl von aktuellen und ehemaligen "Bohos", einige sind heute bereits verstorben:

Dwight D. Eisenhower (ehemaliger US-Präsident)

Richard M. Nixon (ehemaliger US-Präsident)

Calvin Coolidge (ehemaliger US-Präsident)

Ronald Reagan (ehemaliger US-Präsident)

Henry Kissinger (ehemaliger US-Staatssekretär)

Herbert Hoover (ehemaliger US-Präsident)

Colin Powell (US-Staatssekretär)

Newt Gingrich (ehemaliger Sprecher der Republikaner)

Helmut Schmidt (ehemaliger deut. Bundeskanzler)

Jack Kemp (ehemaliger republikanischer Politiker)

Frank Popoff (ehemaliger CEO bei Dow Chemical)

Malcolm Forbes (Gründer des Forbes-Magazin)

Alexander Haig (ehemaliger NATO-Kommandant)

George P. Schultz (ehemaliger US-Staatssekretär)

Stephen Bechtel (Gründer der Bechtel Corporation)

Clint Eastwood (Hollywood-Schauspieler)

Gerald R. Ford (ehemaliger US-Präsident)

Jean-Francois Poncet (ehemaliger franz. Politiker)

William F Buckley (Gründer des National Review)

Fred L. Hartley (US-Politiker im auswärtigen Amt)

Merv Griffin (Produzent und Schauspieler)

Richard Butler (ehemaliger Chef der UNSCOM)

Alan Greenspan (Chairman der US-Zentralbank)

Edward Teller (US-Atomexperte)

A.W. Clausen (Weltbank)

Georg H.W. Bush (ehemaliger US-Präsident)

Georg W. Bush (aktueller US-Präsident)

Jeb Bush (Gouverneur von Florida)

Dick Cheney (US-Vizepräsident)

William French Smith (ehemaliger Justizminister)

John E. Swearingen (ehemaliger Chairman bei Standard Oil)

Caspar W. Weinberger (ehemaliger US-Verteidigungsminister)

William E. Simon (ehemaliger US-Finanzminister)

Walter Cronkite (Amerikanischer Journalist und TV-Anchorman)

Art Linkletter (US-Fernsehikone)

William Randolph Hearst Jr. (Journalist, Pulitzerpreis-Träger)

David M. Kennedy (Professor für Geschichte, Stanford University)

Nathan Myhrvold (ehemaliger Cheftechnologe bei Microsoft)

John Major (Premierminister von Großbritannien)

William Davidow (Engineer und Autor)

John M. Barry (Autor)

William Casey (ehemaliger CIA-Direktor)

John Lehman (ehemaliger Navy-Sekretär)

Tom Johnson (Präsident von CNN)

Thomas Watson Jr. (ehemaliger Chef von IBM)

5. Gerüchte und Mythen

Es ist wenig verwunderlich, dass sich die Außenwelt sehr stark für das Treiben im Lager der Elite interessiert. Viele Gerüchte und Mythen ranken sich um die Bohemian Grove. Immer wieder versuchen findige Journalisten oder erbitterte Grove-Gegner das Treffen zu infiltrieren, doch nur selten dringt etwas aus dem Redwood- in den Blätterwald. Jon Ronson schickte 2000 den Journalisten Alex Jones mit einer versteckten Kamera in die Grove und tatsächlich konnte Jones Bilder von der "Cremation of Care" machen. Ronson verarbeitete alle Daten mit einem Haufen Hypothesen und Gerüchten zu einer Dokumentation, die das britische Fernsehen auch ausstrahlte. Auch Kerry Richardson steckte viel Arbeit ich ihre ausgiebige Reportage über die Grove.

Doch auch die Filmindustrie hat das Thema "Geheimgesellschaften" bereits für sich entdeckt. Visionbox-Pictures drehte den Film "Teddy Bear’s Picnic" nach der Idee der Bohemian Grove, die dort allerdings "Zambesi Glen" heißt. Visionbox versteht den Film als "eine Satire über Macht, Klassen und Sex."

Vor allem über das Thema Sex gibt es viele – und vor allem unbelegte – Spekulationen. Die einen sprechen von homosexuellen Handlungen, andere glauben an Sex-Sklaven und rituelle Menschenopfer, wieder andere wollen wissen, dass regelmäßig Prostituierte in die Camps eingeschleust werden und dort wahre Orgien stattfinden. Cathy O’Brien veröffentlichte ihre Autobiographie über ihre Zeit als "Sklavin" in der Grove, wo sie über Menschenopfer, Mord, Vergewaltigung und Gehirnwäsche schreibt. Beweise für solche Taten gibt es allerdings nicht, auch gerichtliche Klagen oder Prozesse gab es nie.

6. Politik im kleinen Kreis

Doch nicht nur die Vorgänge innerhalb des exklusiven Clubs während der späten Juliwochen, sondern auch die Folgen für die Politik und die Gesellschaft bieten breiten Anlass für Spekulationen. Die Protestgruppe Bohemian Grove Action Network wettert vor allem gegen den Punkt der geheimen politischen Absprachen, gegen das "networking" der Machteliten in den Redwoods. Der Bohemian Club, den Network-Sprecherin Mary Moore als "eine der führenden Eliteorganisationen auf dem Planeten" bezeichnet, legt bei den Treffen in Nordkalifornien den Grundstein für spätere politische Entscheidungen und verstoßen durch diese geheimen Absprachen gegen demokratische Prinzipien, so der Vorwurf des Action Networks.

Und tatsächlich wird - trotz des shakespearschen Mottos - fleißig gewebt in der Grove. Die "Lakeside Talks" haben durch und durch politische Themen und sollen im Kreise der Elite schon einmal einen Grundkonsens zur politischen und wirtschaftlichen Entwicklung des Landes herstellen. Das Volk, das in einer Demokratie die Herrschaft ja erst legitimiert, ist von diesen Prozessen ausgeschlossen. Die Idee der Plutokratie in den USA greift auch hier wieder.

 

7. Fakt oder Fiktion?

Wie um alle Geheimgesellschaften ranken sich auch um den Bohemian Club viele Mythen. Realität und Fiktionen scheinen bei vielen der Geschichten zu verschmilzen, doch lassen sich einige Fakten nicht von der Hand weisen. In den Wäldern Kaliforniens werden Beziehungen geknüpft und - ganz nach der Idee der Clubgründer von 1872 - Kameradschaften gepflegt. Das kann innerhalb der Machteliten durchaus weitreichende Folgen haben, denn die Öffentlichkeit in Form von Journalisten und damit auch vom Volk selber, sind von politischen Prozessen ausgeschlossen. Fakt ist auch, dass die Grove eine "Hochburg der Republikaner" war. Allerdings kamen die Präsidenten während ihrer Amtszeit nichts ins Camp, um Medienrummel und lästige Gerüchte zu vermeiden.

Politik wird in der Grove also eher indirekt und unter der Hand betrieben - ein klassischer Fall von "networking". Ob es sich dabei schon um eine "Verschwörung" der Elite handelt, ist sicher schwierig zu beantworten, aber zumindest machen Vereinigungen wie die Bohemian Grove mit ihren Mitgliedern aus Wirtschaft und Politik das Land nicht demokratischer und sind daher mehr als nur ein harmloser Abenteuerurlaub für reiche Amerikaner.

 

8. Material im Internet

Die folgenden Links beschäftigen sich ebenfalls mit der Bohemian Grove und halten weitere Informationen zum Thema bereit.


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