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Power Structure Research und das Ringmodell der Machteliten

 aus: H.J. Krysmanski, Hirten & Wölfe. Wie Geld- und Machteliten sich die Welt aneignen, 3. erweiterte Auflage, Münster 2011, S. 156-170

Durch Globalisierung und Informatisierung, schreibt Fredric Jameson, werden die Linke wie die Rechte und die Wirtschaft selbst mit der Unmöglichkeit konfrontiert, dass irgendein regionales oder nationales Gebiet den Zustand der Autonomie oder gar der Subsistenz erreicht, sich vom Weltmarkt abkoppelt. So hat die „Rettung der Utopie“ nur eine Chance, wenn die Marxisten „den Gedanken einer globalen Totalität festhalten oder – wie Hegel gesagt hätte – ‘dem Negativen folgen' und so letztlich jenen Ort lebendig erhalten, von dem das – unverhoffte – Entstehen des Neuen erwartet werden kann.“ (Jameson 1996, 174ff) So wie Erkenntnis ist auch Herrschaft Aus- oder Vorgriff auf weltgesellschaftliche Totalität. Die Strukturen der Moderne, insbesondere der Staat, entlang derer Totalität einst begriffen werden konnte, lösen sich auf. Die Moderne verabschiedet sich mit Karikaturen ihrer selbst, mit Zeugnissen eines „immensen monadischen Stils“ (Jameson 1994, 131f) wie den Weltbeherrschungsphantasien des Faschismus oder eines „American Empire“ (Rilling 2002). In den Sozialwissenschaften haben Systementwerfer wie Talcott Parsons (1964) und Niklas Luhmann (1997) einen Begriff von Weltgesellschaft vorbereitet, wie er subjektloser und indifferenter nicht sein kann. Dieser Begriff erlaubt Handlungsorientierungen allenfalls denjenigen, die das System praktisch beherrschen. Doch wo Theorie ins Leere führt, finden sich nicht zuletzt in der Massenkultur Ansätze eines „cognitive mapping“ (Jameson) globaler Totalität. Mithilfe der „geopolitischen Ästhetik“ (Jameson) von „Weltfilmen“ (global vermarkteten Hollywoodproduktionen) erfahren wir, wie der Versuch der Insertierung der amerikanischen Perspektive in die übrigen Regionen verläuft. Wir bekommen eine Ahnung davon, wie die nationale Allegorie der USA sich in ein konzeptuelles Instrument umzuformen beginnt, „das tatsächlich dazu taugt, unser aller neues In-der-Welt-Sein zu begreifen.“ (Jameson 1992, 3) Wir sehen, wie die amerikanische Machtelite die Welterklärungs-Schemata des Kalten Krieges, des Trikontismus usw. ablegt, wie sie zu Globalmodellen vordringt, die einerseits etwas vom kolonialistischen Blick der Zeit vor dem ersten Weltkrieg haben, andererseits mit dem Cyberspace operieren. Hardt und Negri (2002) haben die eine Seite dieser Entwicklung - den Netzcharakter und die „nicht-euklidische Räumlichkeit“ (Jameson 1993; Sassen 1991) dieses Herrschaftshandelns - auf den Punkt gebracht. Die Voraussetzungen jedoch für die konkrete Beobachtung und Beschreibung der Akteure in diesem von den Strukturen der Moderne nicht mehr strukturierten globalen Raum hat – neben ‘Hollywood' – das US-amerikanische Power Structure Research geschaffen.

 

Noch einmal: C. Wright Mills 

Der (post)moderne Power Structure Research - in der Tradition Thorstein Veblens (1899) und des amerikanischen „Muckraking“-Journalismus (Harrison u. Stein 1973) – begann mit C. Wright Mills' The Power Elite (1956/2000), verfasst, wie gesagt, unter dem Eindruck der Faschismusanalysen Franz Neumanns (1944/1984). Mills beschrieb, wie F.D. Roosevelts Reformen und die Planungsanstrengungen des Zweiten Weltkriegs das traditionelle Establishment durcheinander gewirbelt hatten. Hielten zuvor wenige reiche Familien in jeder Metropole und in jedem Bundesstaat die lokalen Regierungen fest im Griff, so drängten nun neue Gruppen an die Schaltstellen der Macht: Washingtoner Bürokraten und Konzernmanager, medienwirksame Politiker, politische Generäle, Gewerkschaftsführer und die Chefs von FBI und CIA; auch Wissenschaftler aus Forschungszentren und Planungsstäben strebten nach politischer Mitbestimmung. Mills zeigte, wie die Reichen und Superreichen es lernten, in dieser neuen Welt der Massenmedien, des Aktieneigentums, der Werbung, des Massenkonsums sowie eines wachsenden Selbstbewusstseins der Mittelschichten ihren Einfluss zu bewahren und zu mehren. Der amerikanische Kapitalismus, so Mills, war immer noch eine perfekte Maschine zur Erzeugung von Millionären und Milliardären (1956, 112f). Aber der nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzende Umbau der US-Gesellschaft brachte auch neue Formen der Macht und neue Privilegienstrukturen hervor, verkörpert durch eine noch weitgehend gesichtslose Konzern-Elite, die teilweise mit der traditionellen Geldelite zu einer neuen „upper class“ verschmolz, den Corporate Rich. Aufgrund ihrer Statusvorteile konnte diese Gruppe den komplexen Unterbau der neuen Industrie- und Staatsbürokratien zum eigenen Vorteil nutzen, etwa durch Beeinflussung der Steuergesetzgebung oder des Stiftungsrechts, und dabei vielfältige Tarnkappen verwenden, um die „im Kern völlig verantwortungslose Natur ihrer Macht zu verbergen“ (Mills 1956, 117). Die institutionelle Macht des reorganisierten Reichtums erlaubte es, Einflussimpulse über das gesamte politische System in streng hierarchisch-autoritärer Manier zu verteilen und zudem die Exekutivmacht allmählich einem der Parteiendemokratie entrückten „politischen Direktorat“ zuzuschanzen. Hervorzuheben ist Mills' Insistenz, in die Analyse der politischen Rolle der Corporate Rich auch die „militärische Elite“ einzubeziehen. 

 

Machtelitenforschung

Zu den wichtigsten Vertretern der Machtelitenforschung zählen - neben C. Wright Mills und Floyd Hunter - Ferdinand Lundberg, Noam Chomsky, William Domhoff, Thomas R. Dye, Michael Parenti und Kevin Phillips. Hinzu kommen viele Journalisten und Literaten (z.B. Gore Vidal). Alle diese Autoren haben sich (oft oberflächlich) mit der Klassentheorie auseinandergesetzt, benutzen zum Teil auch den Begriff der „ruling class“ (Domhoff), haben sich aber insgesamt eher dafür entschieden, ihre Forschungen mit einem besser für die Deskription geeigneten Begriffsinstrumentarium zu betreiben und geben eben dem Begriff der Machtelite den Vorzug. Forschungsgegenstand sind u.a. das soziale Umfeld und die ökonomischen Interessen von einzelnen Mitgliedern der Machtelite, die innere Machtstruktur großer Konzerne und ihre Einflussnahme, der Geldfluss aus diesen Kreisen an politische Kandidaten und Parteien und die Rolle von special interest groups, Lobbyisten, Stiftungen, Denkfabriken und Unternehmensverbänden. Fokus des Interesses sind erstens die Gruppe der Reichen und Superreichen und deren soziale und kulturelle Netzwerke. Zweitens geht es um den Aufstieg der Chief Executive Officers, die seit dem New Deal in mehreren Konzentrationswellen eine zentrale Rolle im Gefüge der Machteliten eingenommen haben und im Gefolge der Globalisierung und Informatisierung durch die Gruppe der Finanzmanager ergänzt wurden. Drittens werden die Abhängigkeiten der politischen Klasse und der Parteien untersucht. Die ökonomische Konzentration und die Herausbildung verschiedener Teileliten (CEOs, Erben großer Vermögen, „politische Direktorate“ usw.) haben das Thema der „interlocking directorates“ auf die Tagesordnung gesetzt: Ein überschaubarer Kreis von wenigen tausend Personen besetzt in immer neuen Kombinationen die Vorstände der bedeutendsten Großkonzerne, Banken, Versicherungen, Investitionsfirmen, staatlichen Institutionen, Elite-Universitäten, kulturellen Institutionen, Stiftungen usw.. Im Zentrum dieses hochgradig vernetzten Systems wirken Policy Discussion Groups (z.B. Council on Foreign Relations, Business Roundtable, Committee on Economic Development, The Brookings Institution, American Enterprise Institute usw.), in denen die wichtigsten staatlichen, parlamentarischen und gesetzgeberischen Aktivitäten vorentschieden werden. Der Power Structure Research ist auf die Beobachtung und Analyse neuester Entwicklungen eingestellt. Die Auflagen der Standardwerke (u.a. Dye , Domhoff, Parenti) werden ständig aktualisiert. Forschung und Präsentation nutzen alle Möglichkeiten des Internet.

 

Der Funktionszusammenhang

Verallgemeinernd kann aus den angedeuteten Forschungen ein bestimmtes Deskriptionsmodell herrschender Klassen oder Machteliten abgeleitet werden, dem wir uns in zwei Stufen nähern wollen. Danach gibt es zunächst einmal vier Gruppen, die in einem Funktionszusammenhang stehen, den man klassentheoretisch aus den vier Subsystemen des Systems der Produktionsverhältnisse – Eigentums-, Verwertungs-, Verteilungs- und Arbeitsverhältnisse – ableiten kann.

 

 

Funktionszusammenhang von Machteliten unter dem Aspekt ihrer Rolle im System der Produktionsverhältnisse (Eigentums-, Verwertungs-, Verteilungs- und Arbeitsverhältnisse)

 

Im Kern dieses Funktionszusammenhangs findet sich die Gruppe des privaten Reichtums bzw. der Superreichen; sie repräsentiert die Geldmacht. Diese neue Form des Gottesgnadentums steht, was seine gesellschaftliche Funktionsweise angeht, oberhalb der üblichen Kapitalverwertungsprozesse, kann nicht bestimmten „Kapitalfraktionen“ zugeordnet werden und ist vornehmlich mit transkapitalistischen Formen der „Kapitalvernichtung“ zwecks Verhinderung von Machtkonkurrenz beschäftigt. Mit dem Verschwinden der Souveränitätsformen der Moderne verfügt nur diese Gruppe, als einzige, noch über Souveränität; denn „das Regime privater Enteignung [tendiert dazu], universell zu werden.“ (Hardt u. Negri 2002, 313) Die nächste Gruppe repräsentiert Verwertungsmacht. Sie besteht aus den Chief Executive Officers aus Industrie, Finanz und Militär, die gewissermaßen einen Schutzring um den Kern der Superreichen formen und mit ihnen gemeinsam den Komplex der Corporate Community/Upper Class (Domhoff) ausmachen. Diese „Verwertungselite“ ist vorrangig mit der Mehrung und Verwaltung des Vermögens der Superreichen beschäftigt und weiß ihrerseits viele Multimillionäre unter sich; sie kann als Kapitalistenklasse im traditionellen Sinne begriffen werden. Innerhalb der Verwertungselite gibt es selbstverständlich Kapitalfraktionen und folglich ökonomisch begründete Interessengegensätze, insbesondere zwischen den „großen transnationalen Konzernen, die nationale Grenzen übergreifen und als Bindeglieder im globalen System fungieren“ und den „begrenzten modernen Unternehmen früherer Jahre“. (Hardt u. Negri 2002, 165) Die dritte Gruppe, bereits erheblich differenzierter, repräsentiert Verteilungsmacht. Hier handelt es sich. allgemein gesprochen, um die politische Klasse, eine echte Dienstklasse, zuständig für gesellschaftlichen Konsens und für die Aufrechterhaltung eines Anscheins von Verteilungsgerechtigkeit. Im Kern der politischen Klasse agieren Oligarchien oder „politische Direktorate“ (Mills). Wahlkämpfe drehen sich im allgemeinen nur um die Besetzung dieser Positionen. Im übrigen hat Verteilungspolitik unter Globalisierungsbedingungen eine Stufe erreicht, in welcher universelle Werte wie Gerechtigkeit überhaupt keine Rolle mehr spielen (können) und ‘Regierungskunst' darin besteht, „Konflikte nicht zu integrieren, indem sie sie einem kohärenten sozialen Dispositiv unterwirft, sondern indem sie die Differenzen kontrolliert.“ (Hardt u. Negri 2002, 348) Die komplexeste Gruppe mit den Verbindungen zur Welt der Arbeitsverhältnisse schließlich bildet die Schicht der Technokraten und Dienstleister, hier wäre Wissens- und Kommunikationsmacht zu verorten. Hier vermischen sich genaue Kenntnisse über die Funktionsweisen des kapitalistischen Systems und seiner Subsysteme mit kritischen und zum Teil subversiven Tendenzen, so dass Widersprüche zur Handlungsreife gelangen können.

Insgesamt veranschaulicht und beschreibt dieses Schema eines Funktionszusammenhangs heute weltweit stattfindende Versuche einer Reorganisation von herrschenden Klassen, die sich ohne einen starken Staat und unter den Bedingungen einer Umstellung der Regulierung von ökonomisch-kollektiven Formen zu individuellen Formen das Überleben sichern müssen. Dabei sei angemerkt, dass das Personal dieser Elitenkonfiguration zunehmend in einem Milieu absoluter Korruption operiert: „Während Korruption in der Antike und in der Moderne im Verhältnis zu den Wertrelationen bestimmt wurde und als deren Falsifikation galt, kann Korruption heute als Begründung der Transformation von Regierungsformen gar keine Rolle spielen, weil sie selbst ja Substanz und Totalität des Empire ist. Korruption ist die reine Ausübung des Kommandos, ohne jeden verhältnismäßigen oder angemessenen Bezug zur Lebenswelt.“ (Hardt u. Negri 2002, 398)

 

Die ‚Ringburg'

Der eben beschriebene Funktionszusammenhang kann auch – in einer zweiten Stufe - durch ein Modell konzentrischer Kreise veranschaulicht werden. Das Motiv einer ‘Ringburg' durchzieht mehrere Texte dieses Buchs und erfährt dort auch eine weitere Differenzierung (vgl. insbesondere die Kapitel ‚Wem gehört die EU?' und ‚Eliten und der Geldmachtkomplex'). Dabei ist mit dieser ‚Ringburg' keineswegs Harmonie und Konfliktfreiheit zwischen den Gruppen impliziert, wohl aber gemeinsame, um den Geldreichtum konzentrierte Interessen. Die Darstellung dieser Zusammenhänge in Gestalt eines ‚Ringmodells' hat sich inzwischen bewährt und unter anderem Eingang in die entsprechende grassroots-Forschung in Deutschland gefunden. [1]

1) Die Superreichen

Superreiche unterscheiden sich bekanntlich von den Reichen dadurch, dass sie in keinerlei Gefahr schweben, ihre Vermögen durch irgendwelche Umstände plötzlich zu verlieren. Im Gegensatz zu den Reichen können die Superreichen absolut ruhig schlafen. Ihre Vermögen sind so riesig, so weit verzweigt, so gut platziert, auch so gut versteckt, dass dieser Planet schon zerplatzen müsste, damit auch sie nur noch im Hemd da stünden (Lundberg 1968). Lässt man einmal die Frage beiseite, wo sie ihren Hauptwohnsitz haben, verfügt beispielsweise das reichste halbe Prozent der U.S. Bevölkerung über einen größeren Anteil am nationalen Reichtum als die unteren 90 Prozent, und die reichsten 10 Prozent verfügen über dreiviertel des gesamten Reichtums. Und mit diesem Reichtum geht außerordentliche soziale Macht einher - die Macht, Politiker, Publizisten und Professoren einzukaufen, die Macht, die Politik des Gemeinwesens ebenso wie die Politik der Konzerne zu diktieren.

"Seine beeindruckendste Eigenschaft," schrieb Robert Scheer 1976 im Playboy nach einem Interview mit Nelson Rockefeller, "ist sein Vertrauen in die Fähigkeit, jedermann kooptieren zu können. Ich verstand bald, dass Rockefeller implizit an die marxistische Klassenkampfanalyse glaubt - er steht nur eben auf der anderen Seite. Die Rockefellers sind nicht mächtig wegen ihres ungeheuren Reichtums, sondern weil sie sich durch geschickten Gebrauch ihres Reichtums zum Schiedsrichter unseres politischen Grundkonsens machen konnten. Wir neigen dazu, die großen multinationalen Konzerne als unabhängige und miteinander rivalisierende Einheiten zu betrachten. Das Gegenteil ist der Fall. Die Spitzen der Industrie und Finanz verständigen sich kontinuierlich sowohl in harten Diskussionen als auch bei freundschaftlichen Treffen." (Playboy, April 1976)

Diese Population von Dollarmilliardären (ca. 400 in den USA und ca. 2000 weltweit) plus einer weitaus größeren Gruppe mit Vermögen oberhalb der 300 Millionen-Grenze unterliegt, unterstützt von den Massenmedien, einerseits der Mythisierung, andererseits der Verharmlosung. Doch über ‘Philanthropie' und vor allem über die Machtmaschine des Stiftungswesens wird – mit gleichsam höfischen Strukturen – von vielen solchen Milliardärsgruppen auf alle (auch die abseitigen) Bereiche des gesellschaftlichen und weltgesellschaftlichen Lebens ein enormer Einfluss ausgeübt. Und in den USA insbesondere hat sich die Macht des ‘alten Geldes' zu einer echten Plutokratie verdichtet - wie einer, der aus dieser Schicht kommt, Gore Vidal, nicht müde wird zu erläutern (z.B. Vidal 1992). Diese neue Form des Gottesgnadentums steht, was seine gesellschaftliche Funktionsweise angeht, oberhalb der üblichen Kapitalverwertungsprozesse, kann nicht bestimmten ‘Kapitalfraktionen' zugeordnet werden, ist vornehmlich mit transkapitalistischen Formen der ‘Kapitalvernichtung' zwecks Verhinderung von Machtkonkurrenz beschäftigt usw. Und das heißt, auf den Begriff gebracht: Nur diese Gruppen, als einzige, sind souverän!

2) Die Konzern-, Finanz- und Militäreliten

Den wichtigsten Ring um den Kern der Superreichen bilden die Chief Executive Officers großer Unternehmen, Versicherungen, Investmentfonds usw. Sie verkörpern zusammen mit den Superreichen den magischen Zirkel der oberen Zehntausend. Diese Zahl ist seit Jahrzehnten konstant geblieben, auch wenn andere diese Gruppe betreffende Zahlen unablässig steigen. 419mal mehr als seine Arbeiter verdient im Durchschnitt der CEO eines großen amerikanischen Konzerns: 10.7 Millionen Dollar jährlich. Sein Gehalt stieg beispielsweise 1998 um 36 Prozent, der Lohn eines Facharbeiters um 2.7 Prozent. Solche Operationen gehen auf die größte Umverteilungsmaschinerie der Welt zurück, das Finanzsystem der USA. Auch die Chief Executive Officers der größten Militärorganisation aller Zeiten, die US-Generäle, gehören zum CEO-Komplex. Schon 1960 hatte Dwight D. Eisenhower vor ihrer Kollaboration mit den anderen CEOs gewarnt. Und nach dem 11. September 2001 scheint es kein Halten mehr zu geben.

3) Die politischen Eliten

Dazu gehören nicht nur die Spitzen der Regierung, der Parteien usw., sondern auch andere Gruppen, die mit politics befasst sind: Verbandsfunktionäre, Rechtsanwälte, politische Beamte und die maßgeblichen Medienleute. Sie vermitteln auf die eine oder andere Weise zwischen den oberen Zehntausend und der restlichen Gesellschaft, den Massen. Sie halten das ganze System einigermaßen stabil und mehren nicht nur den Wohlstand der Superreichen, sondern kümmern sich, trotz ständiger Umverteilung von unten nach oben, auch um ein Minimum an Verteilungsgerechtigkeit. Denn dieses ist die ureigenste Aufgabe der politischen Klasse. Mit dem Globalisierungsprozess kommen globalizing bureaucrats, globalizing politicians and professionals usw. dazu (Sklair 1997). Doch strukturell gilt Mills' alte Beschreibung des ‚politischen Direktorats' noch: es handelt sich um kleine Gruppen von Männern, welche letztlich die exekutiven Entscheidungen treffen. Zu diesen ungefähr 50 Männern gehören in den USA der Präsident, der Vizepräsident, die Kabinettsmitglieder, die Chefs der wichtigsten Ministerien, Behörden und Kommissionen sowie Mitglieder des Beraterstabes des Präsidenten. Inzwischen ist daraus möglicherweise ein Unified Global Command (Hardt u. Negri) geworden,

4) Die Funktions- und Wissenseliten

In diesem Millionen-Heer von Beratern, Experten, Helfern aus allen Bereichen der Gesellschaft (Wissenschaft, Medien, Kultur, Technik usw.) finden sich auch viele Angehörige der Mittelschichten bis hin zu dienstbaren Geistern, Chauffeuren, Physiotherapeuten, Köchen, Sicherheitspersonal. (Reich 1998) Aber nicht alle diese Hilfseliten sind Dienstboten am Hofe der Superreichen. In dieser Schicht, oft vielleicht auch nur mit einem Bein, bewegen sich auch die globalisierungskritischen Intellektuellen, wenn sie beispielsweise auf ihre Widersacher aus der Think Tank Class treffen. Hier operiert das Fußvolk der Stiftungen, der Weltbank, des IWF, der WTO ebenso wie die Sprecher von NGOs und die Scharen der Medienarbeiter. Möglicherweise lassen sich auch hier ‘Direktorate' identifizieren, flüchtigeren Charakters als im politischen System.

 

Gibt es eine globale Machtelite?

Deskriptionen der Macht- und Funktionseliten führen im übrigen noch in eine dritte Stufe. Das sind die Beschreibungen, Zusammenstellungen und Narrationen aller Art über die ‚Reichen dieser Welt'. Und es gehört eben auch zum Power Structure Research, dass er Spass machen kann oder sonstwie in Kultur übergeht. Machen wir uns also an dieser Stelle die Beantwortung der sehr wichtigen Frage nach einer ‚globalen Machtelite' etwas leicht. Diese Frage wird ja an vielen Stellen dieses Buchs auch ernsthaft angesprochen.

Wir haben uns an die Ranglisten der Superreichen dieser Welt gewöhnt, an die Listen des Magazins Forbes, der jetzt fast unter die Räder geratenen ‚Wealth Management'-Firma Merrill Lynch, von Blättern wie der Sunday Times. Man konnte sich lustig darüber machen, als zu ruhigeren Zeiten, nämlich im Juli 2007, auf einem Spiegel-Titel unter der Überschrift ‚Die Retter der Welt. Der Feldzug der Reichen gegen Armut, Aids und Klimawandel' Bill Clinton, Bill Gates, Warren Buffet, Angelina Jolie und Richard Branson als Superhelden den Erdball umkreisen (also eine bunte Mischung aus superreichen Außenseitern und, wie Bill Clinton oder Angelina, ihren Hilfssheriffs aus dem Show-Geschäft). Und man schmunzelte auch noch, als Newsweek, wie viele andere Hochglanzblättchen, noch im April 2008 ins selbe Horn stieß, unter der Überschrift ‚The Superclass in Action. How a New Global Elite is mobilizing to fight the credit crisis – and Reshape the World'. Auch hier fand sich eine kuriose Selektion des Personals, u.a. mit Angela Merkel (Jahreseinkommen vergleichsweise bescheidenene 200 000 Euro) und dem Dalai Lama (Jahreseinkommen Null – oder?).

Im übrigen ist der Reichtum, über den das wirkliche Establishment verfügt, in keiner Weise gefährdet. [2] Ein überall kolportiertes Beispiel war die Versteigerung der Kunstsammlung von Yves Saint Laurent Ende Februar 2009 in Paris: „Wenn es je des Beweises bedurft hätte, dass riesige Geldmengen für den Kunsterwerb vorhanden sind, so war es der Verkauf der Sammlung von Yves Saint Laurent und Pierre Bergé. In einer historischen Auktion, die ein Wendepunkt für die Pariser Auktionsszene sein könnte, erzielte Christie's mit dem Verkauf von 59 impressionistischen und modernen Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen für €206.15 Millionen einen Triumph.“ [3] Immerhin 1200 Personen steigerten mit. Eine Holzskulptur von Brancusi, ‚Madame L.R.', ging für 29 Millionen Euro weg, Mondrians ‚Komposition in Blau, Rot, Gelb und Schwarz' brachte 22 Millionen Euro, ein Gemälde von Matisse 36 Millionen, ein de Chirico 11 Millionen usw. Einen Tag später wurde ein geschnitzter Art Deco Sessel für €21 Millionen versteigert. Man stelle sich einfach nur vor, in welche Wohn- und Lebensmilieus solche Kunstgegenstände – weiter oberhalb der ‚Krise der Finanzmärkte' – integriert werden. Das ist in der Tat die Welt der ‚Protokolle der Weisen von Greenwich“, von der Walter Russell Mead (s.u.) spricht – eine Welt, in der unsere Ackermanns nicht im geringsten mithalten können.

 

Das Establishment

David Brooks, konservativer Autor des unterhaltsamen Buchs ‚Bourgeois Bohemians' über die neue amerikanische Oberschicht, hatte schon im schicksalhaften September 2008 das richtige Gespür, als er schrieb: „Einst gab es wirklich eine Finanzelite in den Vereinigten Staaten. Während der ersten zwei Drittel des 20. Jahrhunderts waren das ältere Herren mit Namen wie Mellon oder McCloy an der Spitze von Wall Street Firmen, Aufsichtsräten und vornehmen Rechtsanwaltskanzleien, die gelegentlich in Regierungsdiensten auftauchten. In den Sechzigern begann diese eng verwobene Elite auseinander zu fallen. In der demokratischen Partei begannen liberale Interessengruppen die Wirtschaftspolitik zu kontrollieren. Bei den Republikanern dominierten Angebots-Ideologen und Südstaaten-Konservative. Und in den Achtzigern schienen sich die traditionellen amerikanischen Herrschaftsstrukturen gänzlich aufgelöst zu haben. ‚Corporate raiders' griffen die alten Businesseliten an. Mathematische Tüftler kreierten komplizierte Finanzinstrumente, welche die Top-Manager selbst nicht mehr verstanden … Immer mehr schien es, als sei ein in sich zusammenhängendes (cohesive) Finanz-Establishment eine Sache der Vergangenheit … Aber dem ist nicht mehr so. In den letzten Wochen haben Treasury Secretary Henry Paulson, Federal Reserve Chairman Ben Bernanke und Tim Geithner von der New York Fed dieses Establishment praktisch wiedererweckt.“ Brooks fährt fort, dass mit Hilfe von alten Insidern wie Paul Volcker, Nicholas Brady und Eugene Ludwig ein ‚Rettungsplan' ausgearbeitet worden sei, der ein ‚reines Establishment-Spiel' ist. Mit ihm ist einem kleinen Klüngel von policy makers praktisch unbegrenzte Autorität in der Finanzpolitik zugeschanzt worden. „Diese Autorität basiert auf keinem irgendwie gearteten System der checks und balances, sondern auf der Weisheit und der öffentlichen Verantwortung (public spiritedness) derjenigen, die jetzt das Sagen haben.“ Folglich werde die Regierung sich viel aktiver als bisher in das Management der Wirtschaftspolitik einschalten, Konzerne, Banken und business unterstützen – und vor allem mit dem Steueraufkommen Aktivitäten finanzieren, die progressiv, aber eben auch wirtschaftsfreundlich sind: grüne Technologien, Gesundheitsreform, Infrastrukturausbau, Bildungsreform und Forschung. Also: „Hier beginnt keine Ära, in welcher die Regierung die Mächtigen zugunsten des Volks in die Schranken weist. Nein, dies ist eine Ära des aus Erfahrung klug gewordenen Establishments, in welcher die Regierungsaktivitäten dazu dienen, einen stabilen – und oft oligarchischen – Rahmen für das kapitalistische Projekt bereitzustellen.“ [4]

 

Power Structure Research im Internet

Zu den seit längerem etablierten Internet-Sites gehören Namebase: (www.namebase.org/) mit der Möglichkeit, Soziogramme personaler Netzwerke abzurufen. Es gab auch einmal einen Versuch des Massachusetts Institute of Technology, mit einem Government Information Awareness Project (http://opengov.media.mit.edu/ ) im Sinne einer ‚Graswurzelforschung' die Bürger zur Mitarbeit an einer umfassenden Datenbank über die amerikanische Machtelite bewegen zu wollen. Es wurde unter der Bush Regierung gestoppt. Interessant und visuell anregend sind auch die Projekte They Rule, die Université Tangente sowie die Kunst von Mark Lombardi. Einige der ‚ernsthafteren' Quellen sind im Anhang zusammengestellt.

 

They Rule ist eine Website, mit deren Hilfe man Karten von ‘interlocking directorates' der 100 Top-Konzerne der USA herstellen kann. Wegen der schnellen Veränderungen innerhalb der Konzerneliten sind die Möglichkeiten begrenzt und die Ergebnisse letztlich statisch. Der Ansatz hat aber sehr anregend auf die ‚Graswurzelforschung' gewirkt: http://www.theyrule.net/

 

 

 

 

Die Université Tangente produziert und vertreibt bemerkenswerte Grafiken
und Karten über globale Herrschaftsnetze und Machtverflechtungen: http://www.universite-tangente.fr.st/

 

 

 

 

 

 

Einen Kultstatus haben die Bilder des amerikanischen Malers Mark Lombardi (1951-2000) erreicht. Lombardi nahm politische und Finanz-Skandale zum Anlass, großformatige Diagramme der beteiligten Personen und Personengruppen anzufertigen, die einerseits auf dem Kunstmarkt reüssierten, andererseits aber schmutzige Deals und kriminelle Aktivitäten der oberen Zehntausend festhielten. Lomardi hatte sich eine private Datenbank mit über 12 000 Karteikarten angelegt. Seine Kunst überschritt ständig die Grenze zum investigativen Journalismus und zum Verschwörungsdenken, so dass sich vor seinem mysterösen Tod auch das FBI für seine Diagramme zu interessieren begann. http://en.wikipedia.org/wiki/Mark_Lombardi

 

 

Erwähnenswert ist auch die inzwischen zu medialem Ruhm gelangte Gruppe der ‘Yes-Men', welche Power Structure Research zu einem Höhepunkt der politischen Aktionskunst gemacht hat. [5]



Zusammenfassung

Power Structure Research (PSR) ist eine US-amerikanische, aber importierbare Forschungsrichtung. [6]

PSR beschäftigt sich mit der Tatsache der ungleichen Verteilung jener Ressourcen, die Macht verleihen (Reichtum, politische Ämter, Kontrolle der Massenmedien) und mit der Rolle formeller und informeller Netzwerke, durch die Macht konzentriert und institutionalisiert wird.

PSR basiert auf den Theorien von Karl Marx und Max Weber. Für Marx ist Reichtum die typische Quelle von Macht, für Weber ist Macht in bürokratischen Organisationen institutionalisiert und wird durch die soziale Abschottung hoher sozialer Statusgruppen (Oberschichten) verstärkt.

PSR geht empirisch vor und benutzt eine Kombination verschiedener Forschungsmethoden: Netzwerkanalysen, Interviews mit kenntnisreichen ‘Insidern', Archiv-Recherchen und andere Formen der Dokumentenanalyse sowie Fallstudien des politischen Entscheidungsprozesses.

Untersuchungsgegenstände des PSR sind: Konzerne; Nonprofit-Organisationen (Stiftungen, Think Tanks, ‘policy discussion groups'); politische Parteien, Kandidaten, Wahlen; die Rolle der staatlichen Bürokratie; die soziale Oberschicht; kommunale Machtstrukturen; globale Machtstrukturen; die ‚Machtelite'.

Forschungen über Parteien, Wahlen und die Rolle des Staates beziehen sich auf: politische Spenden von Konzernen, Konzerneliten und anderen Mitgliedern der Oberschicht; Parteizugehörigkeit, Einigkeit und Divergenzen in der Oberschicht; soziale Herkunft und Verbindungen zur Konzernwelt bei ernannten (nicht gewählten) Staatsfunktionären; Einfluss politischer Initiativen aus der Konzernwelt (‘policy groups') auf den Staat; Beratungsgremien als Mittel der Partizipation von Konzernen an staatlicher Politik.

Forschungen über die soziale Oberschicht betreffen: soziale Bindungen durch Heirat, Elite-Clubs, gemeinsame Freizeitaktivitäten; Sozialisationseffekte der Eliteschulen (‘private boarding schools'), soziale Kohäsion, Klassenidentität, Klassenbewusstsein; Unterschiede der sozialen und politischen Auffassungen zwischen den Oberschichten des ‘alten Geldes' und den ‘Neureichen'; Rolle von informellen Strukturen, insbesondere von Elite-Clubs, bei der Entwicklung von politischem Konsens.

Forschungen über globale Machtstrukturen betreffen zum Beispiel: Formierung von ‘interlocking corporate directorates' auf globaler Ebene; die mobilisierende Rolle von Konzernen bei der Unterstützung neoliberaler Politikkonzepte; Beteiligung von Konzernen in transnationalen Planungs- und Diskussionsgremien; Entstehung einer transnationalen kapitalistischen Klasse; globale Medienmacht.

PSR wird nicht nur von Sozialwissenschaftlern betrieben, sondern auch von Journalisten, watchdog groups, politischen Parteien und Kandidaten, Aktivisten in sozialen Bewegungen, Gewerkschaften und sogar Künstlern.

 



[2] Vgl. dazu vor allem das Weblog des Wall Street Journal Autoren Robert Frank, http://blogs.wsj.com/wealth/

[3] ‚Yves Saint Laurent art sells for 206 million', International Herald Tribune, February 24, 2009

[4] David Brooks, ‚The establishment lives', International Herald Tribune, September 23, 2008

[6] Hauptvertreter u.a. William Domhoff, http://sociology.ucsc.edu/whorulesamerica/index.html, Val Burris, http://uoregon.edu/~vburris/whorules/index.htm; vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Power_Structure_Research

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Eine frühere Version erschien in 'Wissenschaft und Frieden' 4/2004: http://www.iwif.de/wf404-21.htm