Globalisierung und die Anschläge
auf World Trade Center und Pentagon


Nach dem Ende des Kalten Krieges sollte Globalisierung, ob 'von oben' oder 'von unten', die Welt friedlicher machen. Das war die Hoffnung gerade auch vieler Sozialwissenschaftler. Denn die Daseinsberechtigung der Sozialwissenschaften beruht zu einem guten Teil darauf, daß sie zur Entwicklung friedlicher Formen der Konfliktaustragung beitragen können.

In dieser Tradition steht das vor allem dem Amerikaner Fredric Jameson verpflichtete Konzept einer postmodernen Kapitalismuskritik, die ihre Aktivitäten aus der Ökonomie in die Kultur verlagern kann, gerade weil in der Postmoderne - ein Fortschritt - Ökonomie und Kultur eins geworden sind. Damit wird eine Friedensidee, die auf Immanuel Kant zurückgeht und die allein einst die bürgerliche Zivilgesellschaft des weltweiten Handels und Wandels vor der Welt legitimierte, zur realen Möglichkeit: die Idee nämlich, daß auch ökonomische Interessengegensätze auf keinen Fall mehr zu den Gründen gehören, die kriegerische Konfliktlösungen rechtfertigen, sondern kulturvoll ausgetragen werden müssen. Insofern bedrohen die Low-Tech-Attacken auf World Trade Center und Pentagon - und alles, was daraus folgt - auch den Grad der sophistication und Gewaltlosigkeit, den politische, ökonomische und kulturelle Konflikte in unserer postmodernen Epoche bereits erreicht haben.

Globalisierung war immerhin ein Programm, das nicht nur eine diesem Planeten angemessene, optimale Weise des Wirtschaftens versprach, sondern auch eine Weltkultur der Einheit in Vielfalt. Doch die Profitinteressen großer transnationaler Konzerne und eine neo-liberale, der untergehenden Moderne angehörende Variante des Kapitalismus haben den Globalisierungsprozeß wieder auf das Ökonomische, ja auf das Finanzielle, reduziert.

Zugleich wurde dieser neue Schub der Globalisierung 'von oben' von Anfang an mit militärischer Gewalt durchgesetzt. So ist die Welt entgegen allen Hoffnungen unfriedlicher geworden. Die Rüstungsproduktion steigt ungehemmt.

Die Ereignisse des 11. September 2001 sind der bislang schlimmste Ausdruck der mit diesem Globalisierungsprozeß verknüpften neuen Form von Wirtschaftskriegen, die unter dem Schlagwort einer 'neuen Weltordnung' am Golf und auf dem Balkan begannen und letztlich von den Machtverhältnissen der Moderne nicht lassen wollen.

Die schrecklichen Anschläge haben das Machtzentrum der Global Players getroffen, die diese gewaltdurchsetzte ökonomische und finanzielle Globalisierung betreiben. 'The Cultures of Globalization' (Fredric Jameson) hatten keine Chance. Und auch den Terroristen geht es, gefangen in uralten historischen Traditionen, am Ende nur ums Öl.

Globalisierung als Einheit der Kulturen und Ökonomien aber kann nur in friedlichen Konflikten gelingen, in 'kulturvollen High-Tech-Auseinandersetzungen', deren Horizonte in der Postmoderne erschlossen werden. Dies ist der Sinn des Versuchs einer Epochenbestimmung jenseits des Kollapses der Moderne, zu dem die Intellektuellen aufgerufen sind. Denn heutzutage besteht zum ersten Mal in der Geschichte die reale Möglichkeit, Konfliktebenen ins Friedliche (nicht unbedingt ins Gemütliche) zu verlagern, also: Demokratie wirklich zu wagen. Das müssen die mächtigen Global Players - die Klügeren und Stärkeren - zuallererst begreifen, wie immer empfindlich sie jetzt auch getroffen wurden. Das ist der Test ihrer Stärke, der jetzt ansteht.

H.J. Krysmanski
September 2001


cf. Aspekte der Globalisierung