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20. Juni 1999 Hochschulpolitik
 

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116 (20.6..1999)

Die Universität im Jahre 2005

Ein Szenario des Expertenkreises "Hochschulentwicklung durch neue Medien"


Szenario 2005
Spätestens im Jahre 2005 werden die deutschen Hochschulen im direkten Wettbewerb mit privaten Anbietern stehen. Mehr als die Hälfte aller Studierenden wird dann virtuelle Studienangebote nutzen, so das Expertenpapier "Szenario 2005", das die Professoren J. L. Encarnaçao, Wolfgang Leidhold und Andreas Reuter für den Expertenkreis "Hochschulentwicklung durch neue Medien" verfaßt haben.

Im Jahre 2005 werden Studenten nicht mehr nur zwischen staatlichen Hochschulen wählen. Im globalen Online-Bildungsmarkt werden private Bildungsanbieter und Corporate Universities dem staatlichen Angebot Konkurrenz machen. Kooperationen zwischen Hochschulen und Wirtschaftsunternehmen sowie Bildungs-Broker für individuelle Bildungsangebote werden neue Akzente in der Bildungslandschaft setzen.
Das vollständige Szenario 2005 können Sie hier downloaden (68 K).
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Expertenkreis "Hochschulentwicklung durch neue Medien":
José L. Encarnaçao, Wolfgang Leidhold, Andreas Reuter

Hochschulentwicklung durch neue Medien - Vision 2005

Im Auftrag von:
BIG-Bildungswege in der InformationsGesellschaft
Bertelsmann Stiftung, Heinz Nixdorf Stiftung

Szenario: Die Universität im Jahre 2005

1. Die Universität im neuen Millenium

Die Universität ist seit dem Hochmittelalter in unserer Gesellschaften die zentrale Institution des Wissens. Diese Institution hat die Lebensform unserer Gesellschaften entscheidend geprägt. Wie wird ihre Rolle im neuen Millenium aussehen?

Die Rolle einer zentralen Institution des Wissens war immer mehr, als bloß ein Archiv des Wissens zu liefern. Wissen ist ein Rohstoff und das Ergebnis eines langen Prozesses. In diesen Prozeß gehen die Personen und ihre Ausbildung, ihr Denken und ihre Entdeckungen ebenso ein, wie Zusammenarbeit und Wettbewerb in der gesamten wissenschaftlichen Gemeinschaft, aber auch Politik und Finanzen der öffentlichen oder privaten Träger sowie nicht zuletzt die kommunikativen, technischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten der jeweiligen Epoche. Die Universität spiegelt daher auch die Lebensform ihrer Epoche wider.

Zur Zeit durchläuft unsere Gesellschaft – und mit ihr auch die Universität - einen epochalen Wandel. Getragen von den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien entsteht die globale Wissensgesellschaft.

In dieser Gesellschaft ist das Wissen nicht mehr ausschließlich eine persönliche Qualifikation, sondern zugleich der wichtigste Produktionsfaktor. Das Wissen wird integraler Teil des industriellen Prozesses. Und solch ein Teil wird das Wissen durch die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien: Sie erlauben ein Arbeiten ohne Medienbrüche. Die wichtigsten Tätigkeiten geschehen nun am Computer und in digitalen Netzwerken: Lernen, Informieren, Planen, Konzipieren, Konstruieren, Simulieren, Umsetzen, Steuern, Kontrollieren, Kommunizieren. Die Netzwerke ermöglichen eine globale Verfügbarkeit und einen Zugriff ohne Zeitverzögerung. Die einmalige persönliche Qualifikation wird abgelöst durch den Prozeß lebenslangen Lernens. Die industrielle Produktion entfaltet sich als wissensbasierte und permanente Innovation.

Was bedeutet dieser Umbruch für die Universität? Das Ende ihrer bisherigen Daseinsform?

2. Ein Szenario für das Jahr 2005

Die Universitätslandschaft wird den Studierenden schon im Jahre 2005 ein gründlich verändertes Bild bieten. Sie wird sich als ein neue Palette von Bildungsangeboten darstellen. Was findet ein typischer Studienanfänger — nennen wir ihn Thomas S. — in naher Zukunft vor? Wird sein erster Gedanke sein, sich eine Hochschule nach ihrem allgemeinen Renomée auszusuchen? Wird er sie lieber in einer Großstadt oder eher in einem Städtchen haben wollen? Soll seine erste Alma Mater eher in der Nähe (wegen der Freundin), oder doch lieber weiter fort (wegen der Eltern) liegen? Nichts dergleichen wird ihn beschäftigen.

Der globale Bildungsmarkt.
Statt dessen wird Thomas S. das Internet absuchen, um sich — mit Hilfe verschiedener Online-Bildungsanbieter — über die weltweit angebotenen Kurse und Abschlüsse zu informieren. Hier findet er die Palette der "Bildungsprodukte". Typischerweise ist nicht nur das Angebot online zugänglich, sondern auch das Studium insgesamt. Seminare und Vorlesungen, Kurse und Betreuung werden als multimediale Websites oder als "training in the box" angeboten. Dazu gibt es persönliche Betreuung vor Ort. Die klassische Hochschule hat Konkurrenz bekommen.

Internationale Konsortien.
Besonders auffällig sind die internationalen Konsortien. Große Telekommunikationsfirmen, Fernsehanstalten und andere Medienunternehmen werben mit "starken Partnern" um ihre Studierenden. Diese Partner sind oft global operierende Großkonzerne, die als Sponsoren auftreten, und den Studierenden Praktikum, Training und Job bieten. Hier tauchen aber auch international bekannte klassische Universitäten auf, nämlich die, welche den Anschluß an die neue Entwicklung gefunden haben. Angebunden durch Verträge sorgen die Wissenschaftler für die Korrektheit und Aktualität der Inhalte. Diese Konsortien haben ein weltweites Netz an "Bodenstationen" aufgebaut. In diesen lokalen Zentren können sich ihre Studierenden treffen, um sich persönlich beraten zu lassen. Auch Prüfungen kann man hier nach wie vor ablegen, wenn der eigene Lernplatz noch nicht als "mogelsicher" zertifiziert ist.

Corporate Universities.
Weltweit bilden zahlreiche Unternehmen ihre Nachwuchskräfte in firmeneigenen Corporate Universities aus. Diese Bildungsinstitute vermitteln den Mitarbeitern nicht nur das notwendige Fachwissen, sondern auch die Kultur und Philosophie des Unternehmens. Durch ihr unternehmensspezifisches Angebot für die Aus- und Weiterbildung machen sie den Universitäten große Konkurrenz. Bildungsinhalte werden den Mitarbeiten vielfach direkt über den PC zugänglich gemacht. Sollte Thomas S. Interesse an einer Laufbahn in einem speziellen Unternehmen haben, wird er sich direkt dort bewerben und in der Corporate University ausbilden lassen.

Netzwerke.
Neben den Konsortien und Corporate Universities findet Thomas S. Netzwerke von Universitäten, die sich unter dem Druck dieser Konkurrenz weiträumig zusammengeschlossen haben. Hier kann man sich aus dem Lernangebot des Netzwerkes bedienen, wird an einer traditionellen Präsenzuniversität oder in einer Fachhochschule beraten und geprüft. Freilich ist ihr multimediales Format längst nicht so professionell und aufwendig gestaltet, wie bei den Konsortien. Dafür sind die Gebühren erschwinglicher. Bislang bieten diese Netzwerke freilich nur ausgewählte Studiengänge — wie etwa einen B.A. in electronic commerce und in organisations research & logistics — an. Solche Netzwerke findet Thomas S. in den USA und Europa, aber einige davon agieren bereits weltweit und haben Partner in Asien und Lateinamerika "an Bord".

Virtuelle Universitäten.
Während die Konsortien und Netzwerke immer nur bestimmte, meist praxisnahe und lukrative Studieninhalte in Ökonomie, Technik, Jura und Sprachen offerieren, versuchen andere das Gesamtspektrum der bisherigen Universität unter einem virtuellen "Dach" zu vereinen. Führend sind auf diesem Gebiet ebenfalls amerikanische und europäische Universitäten, insbesondere in Großbritannien, Deutschland und der Schweiz. Auch hier wird das Angebot so aufbereitet, daß ein Großteil als Telelearning abrufbar ist. Das hat den Vorteil, daß nicht nur die Studierenden sich Zeit und Ort ihres Lernens und Arbeitens persönlich auswählen können, sondern es garantiert den Zugang zu digitalen Bibliotheken und zu gut betreuten Arbeitsgruppen: zwei Komponenten, die überall zum Standard des neuen Lernens gehören.
Gegenüber den spezialiserten Konsortien pflegen die virtuellen Universitäten das klassische Fächerspektrum der Universität — von Betriebswirtschaft bis Byzantinistik. In den neuen virtuellen Formen dominieren allerdings im direkten Kontakt zu ihren Studierenden nicht die Wissenschaftler, sondern die Moderatoren und Tutoren, welche die Inhalte nicht selbst erarbeitet haben. Sie sind Vemittler von vorgefertigten Lehrangeboten. Darin freilich sind sie gut geschulte Profis.

Alles in allem geht der Trend bei den Studierenden dahin, sich bei einer dieser drei neuen Formen der Universität einzuschreiben.

Aktuelle Statistiken vom Beginn des Jahres 2005 weisen aus, daß sich in den Industriestaaten die Zahl der Studierenden, die sich in eine der drei Formen der Distance-Learning Organisationen immatrikulieren, seit dem Jahr 2000 alljährlich verdoppelt hat und bereits von mehr als 50 Prozent der Studierenden genutzt wird.

Und die alte Alma Mater?
Die alte Alma Mater hat in zweierlei Form überlebt — in verringerter Zahl oder auf reduziertem Niveau. Dort wo sie überlebte, hat sie sich ebenfalls um ein Online-Angebot bereichert. Viele Universitäten hatten jedoch rasch ihre Studierenden verloren und manche private und staatliche Träger sahen sich gezwungen, Institutionen schrumpfen zu lassen oder ganz zu schließen, um ihre Kräfte auf herausragende und zukunftsträchtige Einrichtungen zu konzentrieren.

Die Stärken der neuen ”alten” Universität liegen in den verbesserten Studienbedingungen und der persönlichen Nähe der Studierenden zu herausragenden Wissenschaftlern. Die Alma Mater wandelte sich damit in einigen Fällen zu einer privilegierten Elite-Institution. Das Studium folgt weniger ökonomischen Anreizen als der wissenschaftlichen Neigung. Anders als in den Online-Organisationen versteht sich die Bildung an der Elite-Institution als Maßarbeit aus Meisterhand. Wie im virtuellen Typus leistet man sich auch hier die kostspieligen Gebiete mit ihrer Grundlagenforschung — wie die Archäologie, die Paläo-Anthroplogie und die archaischen Sprachen, die in den profit-orientierten Institutionen ganz verschwunden sind.

Die Absolventen dieser weltweit herausragenden, aber raren Institutionen sind heiß begehrt, denn sie sind unverzichtbare Generalisten mit gut ausgebildetem Teamgeist und mit Führungsqualitäten. Aber wer schafft es schon, hier aufgenommen zu werden? Und wer kann es sich leisten? Wer sich weder in den virtuellen noch in den elitären Universitäten ein Studium leisten kann, bleibt auf die bisherigen Hochschulen in staatlicher Trägerschaft angewiesen. Deren Niveau krankt freilich mehr und mehr daran, daß die guten Professoren und Mitarbeiter zu den neuen Formen abwandern, genauer gesagt: daß sie wie beim Profifußball mit guten Angeboten abgeworben werden. Und natürlich bleiben auch die besseren Studierenden weg.

Die Entscheidung des Studenten: Karriere oder Neigung?
Im Endergebnis steht Thomas S. vor einer differenzierten neuen Bildungslandschaft. Er kann sich aus der Palette der Organisationen irgendwo auf der Welt eine passende auswählen. Wenn ihm das heimische Bildungssystem unattraktiv erscheint, nutzt er ein anderes — vorausgesetzt, er kann es sich leisten. Doch kann er sich nicht nur global bedienen, er kann sich auch sein Studium nach seinen eigenen Bedürfnissen zusammenstellen. Ein Bildungsbroker ist dafür der richtige Ansprechpartner. Diese Agenturen vermitteln zwischen den Studierenden als Kunden und der Organisation als Anbieter, und sie garantieren die Qualität des Angebots sowie die Zertifizierung der Examina.

Die meisten Broker beraten auch bei der Wahl der Ausbildung. In der Regel bieten sie dazu eine Prognose über die Chance auf eine Anstellung bei gegebenem Notendurchschnitt zu einem gewünschten Zeitpunkt nach dem Examen an. Einige von ihnen sind selbst als Zertifizierer autorisiert – sie sind gewissermaßen die TÜV-Stellen unter den Brokern.

Thomas S. schwankt noch in seiner Entscheidung zwischen Karriere und Neigung. Dank seines Brokers hat er jedenfalls ein klare Vorstellung davon, mit welcher Ausbildung er wann wieviel Geld wird verdienen können. Bevor er zu seinem Wunschstudium zugelassen wird, muß er noch ein persönliches Profil seiner Neigungen und Potentiale erstellen lassen und wird dann wohl zumindest zu einer informierten Wahl fähig sein.

Die neuen Medien haben auf jeden Fall für eines gesorgt: das Bildungsangebot wurde transparenter. Und der Lernende liefert sich nicht mehr dem institutionellen "push" aus, er wird nicht mehr nach Notendurchschnitt und Verteilungsschlüsseln irgendwohin geschickt, sondern bedient sich aus einem Angebot, trifft seine persönliche Entscheidung. Da fließen neben den Kosten dann auch die Qualitäten des Bildungsangebotes ein, und immerhin ist die Qualität und ihre Steigerung deutlich: wer im Bildungsmarkt bestehen will, muß sich der Konkurrenz und seinem Kunden stellen. Entschieden wird nach Kosten und Nutzen.

Diese Wahl wird Thomas S. gewiß nicht leichtfertig treffen, denn das Studium kostet im Durchschnitt 15.000 Euro pro Jahr. Diese Kosten entstehen u.a. durch die hohen Produktionskosten für Multimedia und durch die intensivere Betreuung während des Studiums, die dank des Medieneinsatzes erreicht werden kann. Dieser direkte Kontakt zum Dozenten bedeutet aber auch eine erhebliche Qualitätssteigerung für das Studium.

Da die neuen Bildungsfirmen nur begrenzt auf öffentliche Mittel zurückgreifen können, müssen sie sich über ihre Studierenden finanzieren. Der Vater von Thomas S. beklagt diese "Industrialisierung der Bildung", wie er sie nennt — aber was kann man von der älteren Generation schon anderes erwarten? Sie hat das alte Bildungssystem mit ihren Steuern getragen und muß nun gleichwohl die Studiengebühren ihrer Kinder aufbringen. Außerdem ist sie es nicht gewohnt, Kultur und Bildung als ein kostspieliges Produkt anzusehen. Thomas S. sagt sich statt dessen, er sähe sich lieber von Bildungsmanagern als Kunde umworben, als von Beamten pflichtgemäß mit Ausbildung versorgt.

Wie wird seine Entscheidung fallen? Wird sie vorrangig durch die Kosten der Ausbildung und durch die späteren Chancen in seiner Karriere motiviert? Wird er sich überhaupt ein zutreffendes Bild seiner Wahlmöglichkeiten im Reigen der Zertifikate machen können? Hat er irgendeine Sicherheit, daß seine Qualifikationen überall akzeptiert werden? Überlassen wir Thomas S. nunmehr sich selbst und betrachten die neue Bildungslandschaft.

Unsere wichtigste Frage lautet: Wird dieses Szenario im Jahre 2005 eingetreten sein? Und wollen wir überhaupt, wollen Gesellschaft und Politik im Europa des neuen Milleniums, daß dieses Szenario real wird?

3. Korridore der Entwicklung

Hier stellt sich die Frage, welche Entwicklungen in diese Richtung weisen, und welche Handlungsspielräume sich zur Gestaltung anbieten. Da es sich nicht um starre Trends, sondern um Spielräume handelt, sollen anschließend sogenannte "Korridore" erörtert werden. Korridore, weil wir hier noch offene Spielräume sehen, wenngleich sie schon eine bestimmte Richtung aufweisen. Der erste Korridor betrifft die geistigen Grundlagen der heutigen Universität: ihre Geschichte und die Ideen, welche die Universität hervorbrachten und trugen. Die Korridore zwei, drei, vier und fünf behandeln die Technik, die private und die staatliche Ökonomie, sowie die rechtlichen Rahmenbedingungen.

Korridor 1: Geschichte und Idee der Universität.

Die mittelalterliche Universität beruhte im Kern auf mündlichen Formen. Das entspricht den Kommunikationsmöglichkeiten der Zeit: Vorlesung, lectio, und Streitgespräch, disputatio, standen im Mittelpunkt von Lehre, Forschung und wissenschaftlicher Auseinandersetzung. Auch das Buch war immer ein persönliches Produkt: es mußte von Hand geschrieben werden und war daher eine Kostbarkeit.

Organisiert wurde die Universität nach drei Modellen, die vereint eine neue Institution ergaben: das Kloster als eine in sich geschlossene Gemeinschaft, die von einem geistlichen Orden getragen wurde; die Zünfte und Gilden als Organisationsform der städtischen Wirtschaft (auch sie hießen damals "universitas") sowie schließlich Freiheit in Gestalt besonderer Privilegien zur Selbstorganisation und Wissenschaft, welche den Universitäten bei ihrer Gründung jeweils von Kaiser oder Papst verliehen wurden. Die dominante gesellschaftliche Kraft war — wie schon die meisten der berühmten Repräsentanten wie Thomas v. Aquin und Albertus Magnus belegen — die Kirche mit ihren Orden.

In der Neuzeit erhielt das Wissen mit dem Buchdruck und der Post eine neue Form. Es wurde nun nicht mehr persönlich weitergegeben, in den Bildungsinstitutionen vorgetragen und in die Feder diktiert, sondern vermittelte sich durch einen Markt und das Transportwesen. Die Kommunikation verlief nun nicht mehr primär mündlich, sondern schriftlich: neben den Büchern kursierten die wissenschaftlichen Periodika, ergänzt durch die persönliche Korrespondenz.

Parallel dazu entfernte sich die Universität von der kirchlichen Vorherrschaft und wurde nunmehr von den Landesherren getragen. Die Neugründung der Neuzeit sind fast durchweg staatliche Produkte. Diese Entwicklung gipfelte in der Humboldtschen Universität. In ihr vereinte sich eine neue staatliche Effizienz, nämlich die von Beamten getragene Bürokratie, mit einer profunden Ausbildung. Das Projekt glückte: die Universität wurde zum Inbegriff von Forschung, Lehre und Innovation, und verbreitete sich weltweit. Mit den elektrischen Kommunikationsmitteln, wie Telegraph und Telefon, und der Beschleunigung der Transportmittel, wie Bahn, Auto und Flugzeug, wuchs die Gelehrtenrepublik zu einer globalen Gesellschaft zusammen.

Mittlerweile hat sich jedoch die moderne Industrie des für sie interessantesten Produktes der Universität, der anwendungsbezogenen Forschung, zunehmend selbst angenommen. Innovationen werden immer seltener in der Universität erarbeitet. Seit dem 19. Jahrhundert hat sich die Forschungslandschaft durch Forschungseinrichtungen und Gesellschaften neben der Universität differenziert, so daß in Deutschland z.B. nur noch 2 Prozent aller Patente aus den Hochschulen kommen. Ruhte der Erfolg des Humboldtschen Universitätsmodells auf der Vereinigung von Forschung und Lehre mit dem Ziel, die Effizienz zu steigern, so hat die Universität diesen strategischen Vorteil nicht mehr als ihr Monopol inne.

Die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien stellen die Universität in eine neue Umwelt. Nunmehr überträgt sich das Modell des Betriebes auf die Universität. Die Universität wird sich im neuen Millenium, will sie weiter existieren, dieser Betriebsform öffnen müssen, um die Qualität und Effizienz ihrer Bildung zu steigern. Das wird sowohl zu einem Wandel der Binnenstruktur und zur Integration der neuen Medien in Lehre und Forschung, als auch zur Kooperation mit privaten Formen, etwa für die Produktion von Inhalten, führen.

Korridor 2: Die Technik.

Das Bildungssystem besaß, wie gezeigt, immer schon eine technologische Basis, beispielsweise die Papierherstellung und den Buchdruck. Andere Techniken, wie etwa der Brief und seine Logistik, sorgten für die Kommunikation. Was hat sich nun geändert?

Grundlegendes: Die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien vereinen erstmals alle Techniken des Bildungssystems und der Produktion in einem einzigen Instrument, im Netzwerk der Computer und Server. Die Instrumente der Mitteilung: über den Computer. Die Instrumente des Lernen: mit dem Computer. Die Instrumente der Logistik und Archivierung: Datenbanken, digitale Bibliotheken und Archive im Computer. Die Produktion neuer Bildungsprodukte: am Computer. Planen, Konzipieren, Konstruieren, Simulieren, Umsetzen, Steuern, Kontrollieren: durch den Computer.

Der Hauptnutzen liegt daher in der Fusion von kooperativem Arbeiten, Informieren und Lernen, sowie in der Geschwindigkeit, Flexibilität und freien Konfigurierbarkeit aller Komponenten. Denn: Alle diese Prozesse laufen im selben Medium ab. Durch die neuen Technologien wird es möglich, Lehre, Selbststudium und spätere Weiterbildung zu integrieren. Die gleichzeitige Möglichkeit zur kostengünstigen Tele-Kommunikation macht alle Prozesse weitgehend orts- und zeitunabhängig.

Die Online-Medien werden in begrenztem Umfang von Speichermedien ergänzt. Deren Nachteil liegt darin, daß der physische Träger transportiert werden muß und nur in geringem Maße (etwa durch externe Ergänzungen) die Möglichkeit zur Aktualisierung eröffnet. Der Vorteil der höheren Geschwindigkeit beim Zugang zu großen Datenmengen ist zwar heute noch gegeben, wird jedoch im Jahre 2005 keine Rolle mehr spielen.

Korridor 3: Die private Ökonomie.

Die neuen Medien setzen sich durch, da sie eine kommerziell verwertbare Produktion von Bildungsgütern ermöglichen. Diese Bildungsprodukte bieten gegenüber dem Buch einen deutlichen Mehrwert: Aktualisierbarkeit, Wiederverwendbarkeit, Flexibilität in der Anpassung an Kundenwünsche, multimediale Optionen und höheren Unterhaltungswert, Integration einer Vielfalt von technischen Funktionen (Suche, Hypertext-Verknüpfung, Interaktivität, Simulation etc.). Darüber hinaus bietet ihr Einsatz eine kostengünstige Alternative zu den bisherigen Weiterbildungsmaßnahmen in den Unternehmen und ihren Verbänden. Dieser Einsatz spart personalintensiven Unterricht ebenso ein wie Abwesenheit vom Arbeitsplatz und Anmietung teurer Tagungshotels.

Die Produktion solcher technologisch hochstehender Bildungsgüter wird aber nur dann rentabel, wenn dieser Prozeß die gleiche Rationalisierung erfährt wie alle bisherigen industriellen Produktionsverfahren: er muß taylorisiert werden. Das heißt, alle Vorgänge müssen ingenieurmäßig vermessen und standardisiert und dann in Vorgehens- und Organisationsmodelle umgesetzt werden. Diese Taylorisierung wird zugleich zur Bemessungsgrundlage für die Kosten der Bildungsprodukte. Diese Kosten wiederum werden in Zukunft selbst auf elektronischem Weg mit dem Kunden abgerechnet werden, und zwar über sogenannte. “Micropayments”, also Zahlungen, die als zeit- und qualitätsabhängige Kleinstbeträge (ähnlich den Telefongebühren) an die reale Nutzung der Online-Angebote gekoppelt sind.

Soweit sich die Universität dieser Qualitätskontrolle öffnet und sich im Produktionsprozess für Bildungsgüter selbst engagiert, kann sie einen Teil dieses Marktes selbst erobern und ihren Gewinn davon haben. Bei der Zukunft der Universität und der neuen Medien geht es folglich nicht allein um das Lernen, sondern insgesamt um die Integration des Wissens in den Produktionsprozeß der Wissensgesellschaft. Das Stichwort heißt “Arbeiten ohne Medienbrüche”. Das Arbeiten meint hier alle Wissensprozesse — vom Zugang zum Wissen über das Lernen bis zur Kommunikation und zur Weiterverarbeitung zu neuem Wissen.

Korridor 4: Die Staatsfinanzen.

Die neuen Medien werden sich u.a. durchsetzen, weil sie eine kommerziell verwertbare Produktion von Bildungsgütern ermöglichen. Die Investitionen werden freilich die Möglichkeiten der Hochschulen in staatlicher Trägerschaft und mit rein staatlicher Finanzierung übersteigen. Daher verlagern sich die Investitionen vom staatlichen in den privaten Sektor. Die Investitionsmöglichkeiten, die sich den Universitäten durch ihren staatlichen Träger eröffnen, sind zu gering, zu langsam und zu unflexibel. Einerseits werden Multimedia-Initiativen gefördert, andererseits werden Personalstellen, Finanzen und rechtliche Autonomie immer mehr beschnitten. Die Konkurrenz — insbesondere in der Wirtschaft etwa in den USA — arbeitet nicht nur schneller, sondern auch mit größerem Mitteleinsatz und wird daher die staatlichen Universitäten auch in Deutschland mit wachsender Konkurrenz bedrängen. Dieser Konkurrenz kann man auf zwei Wegen Herr werden: durch Kooperation und Anpassung (siehe Korridor 1) und durch die Entwicklung preisgünstiger Alternativen.

Korridor 5: Recht und Zertifizierung.

Auch im dritten Jahrtausend wird, zumindest anfangs, der Staat die Kompetenz im Bildungsbereich innehaben. Schule und Ausbildung betrachtet der moderne Staat als eine zentrale Staatsaufgabe. Doch mehren sich die Anzeichen, daß diese staatsrechtlich abgesicherte Kompetenz allmählich ausgehöhlt wird.

In der globalen Wissensgesellschaft erleben wir eine entsprechende weltweite Beweglichkeit — aber nicht nur als Wissen, das als "Information" durch die Netze wandert, sondern auch als Studierender und Lernender, der sich im globalen Angebot tummelt. Diese Mobilität erfordert, soll sie nutzbar sein, eine globale Standardisierung. Diese Standardisierung beginnt auf regionaler Ebene — etwa in der Europäischen Union und in Nordamerika, um sich von hier aus weltweit durchzusetzen. Werden die Staaten eine andere Wahl haben, als sich dieser Dynamik anzuschließen?

Wie bei der Standardisierung von Industrieprodukten aller Art — vom Kleinbildfilm bis zur Stahlproduktion, von Schnittstellen bis zur Typologie der Buchstaben —, etabliert sich ein globaler Standard der Zertifizierung, und zwar mit oder ohne nationale Unterstützung. Wer sich dem nicht anschließt, wird an der künftigen Konkurrenz überhaupt nicht mehr teilnehmen.


Didaktische und strukturreformerische Ziele stehen im Fokus des BIG-Hochschulprogramms. Ganzheitliches Denken, individuell zugeschnittene Lerninhalte, interaktives, interdisziplinäres Lernen, einfachere Verwaltung und Kommunikation illustrieren die Potentiale neuer Medien, die gemeinsam mit Projektteams erschlossen werden. Um die Virtualisierung der Lehre zu beschleunigen, unterstützt die BIG-Initiative Kooperationen auf inner- und interuniversitärer Ebene.

Kooperation wird zum sine qua non internationaler Wettbewerbsfähigkeit. Ausgewählt aus über 100 Bewerbungen wurden 1996 die Teams von VIRTUS an der Universität zu Köln und von WINFO-Line, ein Verbund der Universitäten Saarbrücken, Göttingen, Kassel und Leipzig. Die Evaluation dieser Projekte soll als Leitfaden für andere Projektteams dienen.

Der Bedarf an einer Koordination von Einzelinitiativen ist nach wie vor hoch - dies zeigt die 1997 im Auftrag der Stiftungen erstellte Dokumentation zu Multimedia-Projekten an deutschen Hochschulen. Eine aktualisierte Fassung finden Sie unter dem Punkt Datenbank. Die BIG-Initiative wird hier durch das CHE Centrum für Hochschulentwicklung beraten.


Die Welt, 15.6.1999
Wissen wird zum Produktionsfaktor
Diskussionspapier „Szenario 2005" prophezeit Umgestaltung der Hochschulen durch die neuen Medien

BerliNews, 5. 6. 99
Von der Säule zum Verbund
Winfried Schulze, Vorsitzender des Wissenschaftsrates, über die Umrisse eines künftigen Wissenschaftssystems

BerliNews, 12. 12. 98
Berliner Manifest für eine neue Universitätspolitik
Beschluß der Bildungspolitischen Konferenz von FU, HU und TU Berlin

BerliNews, 27.7.98
"Berlin könnte weiter sein"
Vernetzung von Hochschulen war ein Thema des Innovationstages im Schloß Bellevue

Informationen zur International University in Germany Bruchsal GmbH

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Autor: Manfred Ronzheimer