Evangelische Akademie Loccum

Arbeitspapier zur Tagung:
Globalisierung als Aufgabe Handlungsmöglichkeiten und Gestaltungsoptionen der Politik Expertenkolloquium der Evangelische Akademie Loccum vom 10. bis 12. Dezember 1999

 

Kurt P. Tudyka

Globalisierung: ein utopisches Mitbringsel
für das 21. Jahrhundert

Aus den politikwissenschaftlichen Grundschulen

 

Das Neue vom Tage heißt "Globalisierung"; soeben wars die "Weltgesellschaft". Man könnte auch sagen, das Phantom der Weltgesellschaft hat sich profanisiert, indem sich seine Magier mit der Globalisierung begnügen. Beiden ist die "Entgrenzung" gemein. Globalisierung ist Teil eines Weltbildes mit utopischen Strichen.

Eine kleine Bestandsaufnahme soll im folgenden der Frage nachgehen, welche Utopie-haltigen Weltbilder importiert die Politikwissenschaft des zu Ende gehende Jahrhundert in das neue? Da unter den "Worten des Jahrhunderts" kein anders mehr als "Globalisierung" die Phantasie beflügelt, bleibt das damit bezeichnete Objekt Bezugspunkt der Betrachtung. Es geht also in Anlehnung an die trefflich bezeichnete grosse "Geschichte des weltpolitischen Denkens" (Gollwitzer, 1972/1982) um einen kleinen Abriss des weltpolitischen Vordenkens. Alles Voraus- oder Vorherdenken ist nicht Utopie, doch es kann utopische Bestandteile enthalten.

1. Das Utopische in der Politikwissenschaft

Von Politikwissenschaft als Realwissenschaft wird man kaum einen Thesaurus und von Politikwissenschaftlern als profanen Analytikern kaum ein schöpferisches Talent utopischer Entwürfe erwarten. Wenn sie sich nicht auf die Konstatierung von Vergangenem wie Historiker oder Gegenwärtigem wie Soziologen beschränken, dann denken sie an Reformen des Bestehenden in der Form von Postulaten oder Konditionen, - "welche Außenpolitik in Zukunft möglich, nötig und erfolgreich sein wird" (Czempiel, 1999, 11). So sind es eher implizite utopische Ingredienzien ihrer Darstellung, die heraus gefiltert und dekodiert werden müssen, um Perspektiven auf das noch Nirgendwo und -wann von ihnen abzugewinnen.

Eine knappe Verständigung zum Begriff der Utopie und des Utopischen im allgemeinen und besonders bezogen auf Politik und Politikwissenschaft ist erforderlich. Erwartungsgemäss ist kein Utopie-Begriff verbindlich; neben engen Definitionen gibt es ein weites Verständnis (Voßkamp, 1982). Einvernehmen besteht über das Merkmal der Futuribilät und plausibel ist schon damit eine Abgrenzung von Science Fiction, also technologischer Machbarkeit, sowie von Chiliasmus und Prognosen benannt. Doch eindeutig lassen sich weder hierbei noch gegenüber anderen Zukunftserwartungen, wie Visionen, Prophezeiungen, Vorhersagen, Prognosen, Vorausberechnungen, Extrapolationen zu Utopischem abgrenzen, dessen anders deklinierte Formen sie sind. "Utopologen" sollten der Versuchung widerstehen, nur jene Bilder gelten zu lassen, die eine humane, heile und harmonische Welt fibelartig verheissen oder spiegelverkehrt beschwören. Kriterium sollte also die gedachte Möglichkeit der vorgestellten Beziehungen, Strukturen und Funktionen der zukünftigen Gesellschaft sein und zwar bedingbar durch Tun oder Unterlassen von Menschen.

Utopisches Denken geht nicht nur in die bewusste Konstruktion geschlossener Entwürfe gesellschaftlicher Systeme ein, die vorherrschend ausschliesslich als Utopien bezeichnet werden.(Jenkins, 1992, 10) Es findet sich in verschiedenen Formen der Beschreibung realer Entwicklungen, deren Sein erkenntnistheoretisch ohnehin immer nur als behauptet gelten kann. "Utopien", als die klassische Form utopischen Denkens in der Vergangenheit haben heute keine direkte und die heutigen für morgen nur eine sektierische Funktion als "Märchen für verstörte Intellektuelle" oder "erbauliche Wunschbilder von einer glücklichen Welt" (Lehmann, 1996). Sie bieten jedoch gegebenenfalls eine Folie für die Interpretation des unbewußt Utopischen, die beispielsweise ordnungspolitische Darstellungen der internationalen Beziehungen oder der gesellschaftlichen Verhältnisse innewohnen. Wahrscheinlich würden deren Autoren bestreiten, eine Grenze zum Utopischen überschritten zu haben, weil sie Utopien heute ernsthaft für unkonstruierbar, vielleicht auch unerwünscht halten und sich somit mit ihrem tiefgründigen negativen Utopie-Begriff gegen einen "Utopie-Verdacht" wehren. Noch vor zwei Jahrzehnten hatten "Realutopien" einen prominenten Rang (Koch, 1995, 136ff.).

Das Utopische erweist sich heuzutage jedoch oft von selbst. Es kann sich schon in der erklärenden Begrifflichkeit zeigen, die auch eine Aussage enthält, und dann in der Darstellung verbergen, die ein Autor als Realität ideologisch-absichtslos ausgibt. Diese Wahrnehmung als Realität zu behaupten, kann Wunschdenken (oder Negation) kamouflieren. So bedachte Wirklichkeit mutiert zu Utopischem, wenn das Mögliche (das "Reformerische") aus solchem Realen schwindet, und eventuelle Alternativen nur noch der Rechtfertigung und der Absicherung des eingeschlagenen Weges dienten. Auch so gerinnt, was gestern noch politisch möglich galt, heute zur Utopie.

Die politikwissenschaftliche Utopie ähnelt einer Hypothese und darum geht es im folgenden um die Ermittlung utopischer Bestandteile aus Darstellungen von weltpolitischen Entwicklungen.

Das politikwissenschafliche Denken über Weltpolitik läßt sich traditionell auf zwei Hauptströmungen komprimiert reduzieren, die sich selbst und gegenseitig oft verschieden benennen und die hier als realistische und liberale Schule bezeichnet werden sollen. Beide bilden vorwiegend Realität ab. Sie haben aber je eine mehr oder minder offene Flanke, wo sie ihre Phantasie walten lassen. Man könnte auch sagen, ihre Autoren spielen manchmal teils am Rand, teils ausserhalb ihrer wissenschaflichen Holzbanden, die sie vom Reich des freien, des phantasievollen und des utopischen Denkens trennt. Dabei besteht zwischen ihren beiden Schulen ein gewichtiger Unterschied. Die realistische Schule hat eine pessimistische, unheilkündende, die liberale eine optimische, heilsbringende Flanke; daher weist die erste auf eine Sphäre, die den schwarzen und verhängnisvollen Utopien, die zweite auf eine Sphäre, die den hellen und freundlichen Utopien verwandt ist. Und hieraus leitet sich noch ein anderer Unterschied beider Schulen ab; die erste zeigt die Finalität des Abgrunds, wenn nicht die Apokalypse und den Weltuntergang als abschreckendes Argument für das Verbleiben in ihrem Spiel innerhalb der Banden, die andere weist im Gegenteil daraufhin, wie ihr Spiel zum Überwinden der Grenzen und damit den gewünschten Zugang auf die verheissene Welt erst fördert.

Im folgenden sollen Merkmale der Zukunftsvorstellungen über Globalität und Weltpolitik beider Schulen anhand der vier Fragen beschrieben werden: (1) Was wird anders sein, (2) Wer regiert die Welt, (3) Wie wird die Welt regiert (4) Welches werden Probleme, Verheissungen oder Bedrohungen sein?

2. Die Erzählung der Realistischen Schule

2.1. Was anders sein wird - das neue Weltbild

Obwohl die Axiome der realistischen Schule - Staat, nationales Interesse, Machtpolitik, Gleichgewicht - als invariabel gelten, deuten viele auch ihrer Autoren auf neue und andere weltpolitische Konstellationen für das 21. Jahrhundert und begnügen sich nicht, - wie manche nach dem Ende der Bipolarität, - mit der lakonischen Feststellung, von nun würde es im großen und ganzen so weitergehen, wie es bis 1917 "vor dem ideologischen Zeitalter" gegangen ist. Es entstehen also eine neue Weltordnung, neue Machtverhältnisse, neue Hierachien der Großmächte, neue Gleichgewichtsformationen und neue Bedrohungen. Die Weite der Vorstellungen ist nicht groß, sie reicht beispielswseise von der "aufgeklärten und integrationspolitisch ausgerichteten Pax Americana, ergänzt und ausbalanciert in der Triade USA-Westeuropa-Japan, weiteren Gewichten und Gegengewichten von großen Mächten im außereuropäsichen Raum, alle verbunden in stärkerer Verantwortung um die neuen immensen globen Probleme" (Hacke, 1995, 334) bis zur "multipolaren Ordnung" mit der "geo-ökonmische Triade USA-Europa-Japan" und mit politisch "flexiblen Konfigurationen, mit informellen Führungsgremien, im Mit- und Gegeinander, .. problem- und situationsspezifisch differenziert" (Link, 1998, 152). Ein Regionalimus wird eine "strukturierende Rolle spielen ..., indem er zwischen gobaler Vereinheitlichung und territorialer Differenzierung vermittelt" (Link 1998, 152). Also nicht die Entwicklung zu "einer Welt" weder weltpolitisch, noch ökonomisch, noch zivilisatorisch-kulturell wird gesehen, sondern eine vertikale und horizontale Differenzierung.

2.2. Wer die Welt regiert

Weder den USA allein und schon gar nicht in allen Sachbereichen noch den Vereinten Nationen oder anderen internationalen Organisationen wird die Möglichkeit eines Weltregimes zu geschrieben. Auch die internationalen (Straf)Gerichte werden nicht als supranationale Instanzen, nicht einmal "in progress", anerkannt. Die Politik bestimmen vielmehr die grossen Regionalmächte als Kernstaaten von "regionalistischen Arrangements und Regionalverbänden", die auch vermitteln zwischen Vereinheitlichung und Differenzierung, Macht- und Gegenmachtbildung, Hegemoniestreben und Gleichgewichtspolitik (Link, 1998, 9).

2.3. Wie die Welt regiert wird

Die Politik ist zumindest regional dezentralisiert. Das demokratische Herrschaftsmodell ist konfrontiert mit dem islamistischen und dem asiatisch-autoritären Ordnungsmodell (Link, 198, 9, Huntington, 1996, 193ff.) Es besteht eine Konkurrenz bis zur Konfrontation zwischen den Akteuren in der "Staatenwelt" und zwischen diesen und jenen der "Gesellschaftswelt". Es kommt durch das Walten von hegemonialer Machtentfaltung und Gegenmachtbildung, dem Aufeinandertreffen von unvereinbaren Interessen zu Rivalitäten und damit zu Perioden von kooperativem Gleichgewicht und von kompetitiver Kooperation zwischen den großen Mächten und Regionen bezw. Regionalverbänden (Link, 1998, 9).

2.4. Was die Probleme sein werden

Die Welt bleibt gekennzeichnet durch materielle, ideele und kulturelle Gegensätze mitbedingt durch die historisch unterschiedliche Entwicklung, was sich auch ausdrückt in extrem unterschiedlicher Machtverteilung und Status der Staaten. Bei den Kampf um eine neue Weltordnung strebten die erstarkten und selbstbewußt gewordenen Staaten Asiens ebenso wie die Staaten der islamischen Welt statt einer westlichen Hegemonie eine konsortiale Führung in einem neuen Gleichgewicht an (Link, 1998, 36). "Die brennenden globalen Probleme verschärfen sich angesichts der Trends zur Innenpolitisierung der grossen Mächte" (Hack, 1995, 333). Als neuer Faktor treten internationale Verbrechersyndikate auf, die sich auf die Durchsetzung von Milieuzielen konzentrieren und damit indirekt Gesellschaften durchdringen, was nicht "weniger gefährlich (ist) als die traditionelle Eroberung im Sinne des machtpolitischen Besitzzieles" (Hack, 1995, 333). Chauvinistische, nationalistische, fundamentalistische und militaristische Strömungen in den großen Zivilsationen und Kulturen sind am Werk, allgemeine Werte zu zerstören (Hack, 1995, 334). Den Anfang vom Ende der Zivilisation kann bewirken, daß Menschen und Völker hilflos in Krieg, Anarchie und Armut versinken und die reichen Industrienationen in Hedonimus und Gefühlskälte verharren. (Hack, 1995, 3330).

Die Welt bleibe unübersichtlich - die Nachbarschaft zu und das Abgleiten in Apokalypse und Weltuntergang bestehen. Das Ende der Welt ist latent gegeben.

 

3. Die Erzählung der Liberalen Schule

3.1. Was anders sein wird

Das Credo der liberalen Schule ist nicht arm an Wortschöpfungen, die erstens eine zukünftige helle Welt von Frieden, Wohlstand und Demokratie zeichnen, zweitens diskrete utopische Orientierung, Programm, theoretischer Ansatz und Methode bilden und last but not least dazu dienen, sich von der realistischen Schule durch Kritik, Betrachtungsweisen und Entwürfen attraktiv abzusetzen. Solche Termen bildeten gestern noch (Neo)Funktionalismus, Integration, transnationale Beziehungen, multinationale Konzerne, die "eine" Welt oder das "global village", danach wurden Institutionalismus, Interdependenz, "NGOs", die "transnationale Zivilgesellschaft", "Weltgesellschaft" und "Weltinnenpolitik" en vogue und heute wurden für morgen "global governance", "Entgrenzung", "Gesellschaftswelt" versus "Staatenwelt" kreiert, was die deutsche Dichotomie von "Staat und Gesellschaft" wiederbelebt.

Diese Terminologie ist aber selten das begriffliche Gerüst einer theoretischen Anstrengung. Die Vokabeln sind Etiketten für Assoziationsanreize, deren Substanz mit wenig konkret Faßbarem angedeutet wird, wie z.B. der These vom verbreiteten "Umfang der Bildung, des Wissens und der Information" der "Gesellschaftswelt", wogegen in der "Staatenwelt" die "breite Masse .. politisch ungebildet und vorallem uninformiert" war (Czempiel, 1999, 28).

Umso folgenreicher sind diese suggestiv verwandten Termen.

Die Gesellschaft hat sich innerhalb des Staates vom Politischen System emanzipiert und die Souveränität liege nicht beim Politischen System sondern bei der Gesellschaft. (Czempiel, 1999, 30f.). Und das Aufkommen der "Gesellschaftswelt" hat die Machtverhältnisse im internationalen System verändert (Czempiel, 1999, 89).

Das ist das allgemeine Fazit einer doppelten Entwicklung, wie sie die liberale Schule in verschiedenen Facetten früher mit den programmatischen Formeln vom "Absterben" oder der "Obsoletheit" des Staates und der "friedlichen Wirkung des Handels" umschrieb. Die heutige Version spricht von der Überlebtheit des "Westfälischen Modells" (gemeint sind die Prinzipien der territorialen Integrität und Nichteinmischung nach dem Friedensschluss von Münster und Osnabrück) und der Interdependenz und damit der territorialen "Entgrenzung". "Die Interdependenz hat die Schale des Staates aufgebrochen; die emanzipierten gesellschaftlichen Akteure sind in die internationale Umwelt vorgestoßen und konkurrieren dort mit dem politischen System um die Erzeugung von Werten, die in der Gesellschaft verteilt werden" (Czempiel, 1999, 71)

"Staatsgrenzen markieren noch Verwaltungsbereiche, aber entgrenzen den Staat, begrenzen nicht mehr die Politik" (Czempiel, 1999, 69).

Und vorausblickend heißt die Botschaft: Die Wirtschafts- und Lebensformen würden sich weltweit angleichen. Die Ziele der demokratisierten Gesellschaften würden sich einander annähern. Die Interessen der ihre "Existenzentfaltung besorgenden Bürger" könnten sich durchsetzen (Czempiel 1999, 44).

3.2. Wer die Welt regiert

Man könnte unpolemisch und harmlos die Perspektiven der liberalen Schule auf die Welt des nächtsen Jahrhundert so interpretieren, daß eine "unsichtbare Hand" regiert. Es sind jeenfalls nicht mehr die herkömmlichen "Staats- und Regierungschefs", sondern es wirkt ein "politisches System", in dem ein besonderes herausgehobenes Element die Nichtregierungsorganisationen als Verkörperung der zivilen Gesellschaft bilden. Sie sind in den beiden "wichtigen Sachbereichen" der "wirtschaftlichen Wohlfahrt" und der Sicherheit "unentbehrlich" geworden (Czempiel, 1999, 89).

3.3. Wie die Welt regiert wird

Der Staat bietet nur noch die nötigsten Rahmenbedingungen. Die "Komponenten von Zivilität" (Senghaas), wie ein reduziertes staatliches Gewaltmonopol, die Herausbildung von Rechtsstaatlichkeit, wirtschaftliche Verflechtungen, demokratische Beteiligung, soziale Gerechtigkeit und konstruktive politische Konfliktkultur und vor allem die "Informations- und Wissensgesellschaft" erlauben "kluge Politik" und so hat die Gesellschaftswelt "der Norm den Nutzen hinzugesellt" (Czempiel, 1999, S. 98). An die Stelle der alten "Beziehungsmacht" ist dank der globalen Interdependenz "Meta-Macht" getreten. (Czempiel, 1999, 96) Schließlich ist

Außenpolitk wie Innenpolitik zu "internationalisierender" Politik geworden.

Die zivile Gesellschaft herrscht dank ihrer alte Grenzen überschreitenden "Vergemeinschaftung", relevanten wechselseitigen Beziehungen, die möglichst qualitativ symmetrisch sind, bei vergleichbaren politischen, sozialen und ökonomischen Strukturen mit vielerlei grenzüberschreitenden Kreuz- und Querbezügen unter der zurückhaltenden Steuerung, Regulierung und Kontrolle gemeinsamer Institutionen (Senghaas).

3.4. Was die Probleme sein werden

Ist Entgrenzung die ersatzlose Verringerung oder gar Aufhebung im Sinne von Grenzenlosigkeit dessen, was der Sinn und Zweck von Grenze ist? Das führt zu der Frage nach dem Sinn und/oder dem Zweck von Grenzen und somit den Folgen ihrer Beseitigung. Grenzen dienen der Unterscheidung, dem Schutz und der Kontrolle. Entgrenzung hiesse analog die Aufhebung der Unterschiede, des Schutzes und der Kontrolle. Das macht schon erkennbar, dass Entgrenzung unterschiedlichen Wünschen entsprechen und divergenten Interessen dienen kann.

Grenzenlosigkeit war schon in den traditionellen "realutopischen" Programmen des Liberalismus ein erstrebenswertes Ziel. Grenzen gelten als die Ursache, als ein Faktor oder zumindest ein Ausdruck gesellschaftlicher Übel, vorallem von Gewalt, Ausbeutung, Chauvinismus, Not, Krieg bis zum Protektionismus und dem Ladenschlußgesetz.

Darum geht Entgrenzung einher mit Zivilisierung als einem weiteren Merkmal der liberalen Zukunftswelt (Senghaas). Und das Zentrum des Zivilisierungsprojektes bildet dauerhafter Frieden. Dieser soll auf den "Regimen" für die Vielzahl der Interdependenzbeziehzungen und der transnationalen Zivilgesellschaft beruhen, "die sich am Wohlbefinden aller .. orientiert" (Zürn).

4. Globales jenseits realistischer und liberaler Verschulung

Man muß schon die eingangs genannten Holzbanden der Schulen gänzlich verlassen oder noch besser gar nicht diese Schulen aufsuchen, um ein vieldimensioniertes Bild einer möglichen Zukunft zu erhalten. Dieses bietet der Sozialgeograph W. Warren Wagar nicht nur durch seine weite Vorschau bis zum Jahr 2200 sondern vor allem durch den Einschluss sozialer Strukturen, was den Etatisten der realistischen Schule ebenso fremd ist wie den Marktwirtschaftlern der liberalen Schule.

Wagar bietet erzählerisch eine Weltchronik für eine Periode von 210 Jahren, die durch militärpolitische, wirtschaftliche und soziale Brüche gekennzeichnet ist. Globale Kriege wechseln sich mit Weltrevolutionen, Umweltkatastrophen mit weltweiten Wahlen ab. Im Jahre 2001 kommt es zur Ersten Wiener Übereinkunft der Kernstaaten USA/Kanada, Europäische Union, Russische Föderation und der von Japan geführten Pazifischen Gemeinschaft, um die Kontrolle über die Vereinten Nationen zu übernehmen. Da die Ausbreitung der Kernwaffen nicht aufzuhalten ist, wollen die Kernstaaten hauptsächlich andere Staaten davon abbringen, Kriege auszulösen. Jeder der Kernstaaten kontrolliert ein Treuhandregion des "Südens". Diese politische Ordnung ist so ergfolgreich, dass 2026 auf einer Zweiten Wiener Konferenz die Vereinten Nationen zu einem Staatenbund der Erde umgebildet werden. Inzwischen haben die wahren globalen Machthaber im Jahre 2008, die 12 Mega-Konzerne, die die Weltwirtschaft kontrollieren, das Gobale Handelskonsortium gegründet. Das GHK beeinflußt erfolgreich Regierungen und manipuliert die öffentliche Meinung im letzten grossen Zeitalter des Kapitalismus. Freilich die Abschaffung der Kernmwaffen ist nicht gelungen und ein machtpolitisches Gehabe mancher Staaten bleibt gefährlich. Während einer Weltwirtschaftskrise 2032 zerstreiten sich die Kernstaaten, vornehmlich ein bösartiges China und die agressiven USA lösen 2044 einen Atomkrieg aus, der sieben Miliarden Menschen das Leben kostet. Nach dieser Katatrophe gelingt es den Sozialisten in der Weltpartei ein neuen Weltstaat zu gründen, das Welt-Commonwealth mit Melbourne als Hauptstadt. Anders als die Marxisten-Leninisten im 20.Jahrhundert betreiben sie weltweit eine erfolgreiche, zunächst populäre Politik für eine demokratische und egalitäre Gesellschaft. Doch die Betonung von Einheitlichkeit und die Mängel der Bürokratie lassen die Menschen sich nach individueller Freiheit und Verschiedenheit zu sehnen. Das kommt dem Aufstieg einer neuen radikalen Partei, der Klein-Partei einer Sammlungsbewegung unzufriedener Splittergruppen, zu Gute, die in den gobalen Wahlen 2147 einen erdrutschartigen Sieg davon trägt. Das neue Regime löst das Welt-Commonwealth auf und bildet das Haus der Erde, das allen, die das wollen, einen autonomen Status zubilligt. Daraufhin entstehen 41 000 solcher autonomer, sich selbstversorgender Einheiten mit elf Millionen bis einigen hundert Einwohnern.

Diese utopische Vision ist nicht völlig willkürlich und los von wirtschaftlichen Zyklen und technischen Entwicklungen entworfen, deren Einzelheiten eine hier nicht leistbare, kritische Würdigung verdienten (Taylor, 1994). Sie weist erkennbar auf Verflechtungen, Konzentration und Antagonismen von politischer und wirtschaftlicher Macht, die die Zukunftsbilder der realistischen und liberalen Schulen als eingfältig erscheinen lassen.

Wo um Zukunfts-"Fähigkeit", gar um ihren "Gewinn", geworben wird, da ist es mit der Zukunft eingestandenermassen schlecht bestellt. So ist, was heute im Umlauf ist, nicht politisch orientierend. Wer spräche noch von einer gerechten Gesellschaft oder friedlichem Weltregime. Was heute als ganzheitlicher Entwurf erscheint, ist technizistisch. Das heutige utopische Denken ist fragmentiert. Das Herausragende am Utopischen der Gegenwart für die Zukunft ist die Prominenz der Mittel und ihre Konformität. Überwiegend stehen im Vordergrund und explizit keine soziale Bewegung oder Trägerschaft, keine Klasse oder Despotie (Menschen, also auch die Politik haben abgedankt), sondern Netzwerke, "Datenautobahnen", die "Informationsgesellschaft", "Cyberspace", das Klonen, Technizismen.

Diese These ist entspringt der Wende von 1990, die ja nicht nur die autoritären Regimes beendete, sondern in ihren Gesellschaften das Projekt, auf das sie sich beriefen und darüber hinaus im Westen die Bezugsgrundlage einer potentiell anders als kapitalistisch gestaltbaren Gesellschaft.

Literatur

Czempiel, Ernst-Otto, (1999), Kluge Macht. Aussenpolitik für das 21.Jahrhundert, München

Fest, Joachim (1991), Der zerstörte Traum. Vom Ende des utopischen Zeitalters, Berlin

Gollwitzer, Heinz (1972/1982), Geschichte des weltpolitischen Denkens, Bd I,II, Göttingen

Hacke, Christian, (1995) Die großen Mächte, in: Karl Kaiser, Hans-Peter Schwarz (Hrsg.), Die neue Weltpolitik, Baden-Baden

Koch, Claus (1995), Die Gier des Marktes. Die Ohnmacht des Staates im Kampf der Weltwirtschaft, München

Koselleck, Reinhart (1985), Die Verzeitlichung der Utopie, in: Wilhelm Voßkamp (Hrsg), Utopieforschung. Interdisizplinäre Studien zur neuzeitlichen Utopie, Frankfurt am Main Bd. III S. 1-14

Lehmann, Günther K. (1996), Macht der Utopie, Stuttgart

Link, Werner (1998), Die Neuordnung der Weltpolitik. Grundprobleme globaler Politik an der Schwelle zum 21. Jahrhundert, München

Seroo, Didier (1999), Anachronistische Amerikaanse armageddons, in: Internationale Spectator, Januari Nr. 1, S. 8-11

Taylor, Peter J., (1994), Modern, postmodern and post postmodern, in: Political Geography. Vol 13. No 3, May 1994, 279-289

Voßkamp, Wilhelm (1982), Einleitung zu ders. (Hrsg.), Utopieforschung. Interdisizplinäre Studien zur neuzeitlichen Utopie, Frankfurt am Main Bd. I, S. 3ff.

Wagar, W., Warren (1992), A Short History of the Future