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H.J.
Krysmanski
Raunen über Globalisierung
in der Massenkultur
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Auch
die 'Massenkultur' ist voller politischer Konzepte und Vorstellungen
über den Globalisierungsprozess...
Der
Weltfilm Air Force One, gedreht 1997, feiert die selbstgerechte
Kombination von realster Gewaltanwendung und idealster Menschenrechtsrhetorik.
Harrison Ford, als US Präsident, nimmt die Ordnung der Welt
in seine eigenen Hände. Er bekämpft den internationalen
Terrorismus, indem er rücksichtlos die Souveränität
kleiner Staaten verletzen lässt, er vertritt durch seinen
persönlichen Mut
gegen alle kleingläubigen Diplomaten
das Menschheitsinteresse, sein Beispiel bringt die Welt auf den
Weg zur globalen Einheit. Bill Clinton hat sich den Film mehrfach
vorführen lassen.
Durch
den massenkulturellen Underground geistern die Vorstellungen
von Caroll Quigley, den Bill Clinton zu seinen Mentoren zählt.
Quigley ('Tragedy and Hope') beschreibt
z.B. das Council on Foreign Relations als eine von vielen
Tarnorganisationen, die eine internationale Elite von Bankern,
Industriellen und anderen Mächtigen aufgebaut hat, um eine
neue Weltordnung, "ein Weltsystem finanzieller Kontrolle auf feudaler
Basis in Privathänden zu schaffen, dem es möglich wäre,
jedes politische System in jedem Land zu beherrschen."(1)
Im Massenmedium Internet und in jeder Taschenbuchhandlung verrührt
der massenkulturelle Underground diese nicht gänzlich
unplausible Geschichte mit dem Templerorden, den Illuminaten,
den Stories um Rennes-le-Chateau usw. Umberto Eco hat sich mit
seinem 'Foucaultschen Pendel' fast um seinen Ruf geschrieben,
weil er weit unterhalb des wirklichen Ausbaustands dieses Wahngeflechts
blieb. Strategiespiele wie WarZone und Computerspiele wie
Gabriel
Knight 3
greifen diese Motive auf. In den Köpfen unserer Fünfzehnjährigen
ist Verschwörung das gängige Erklärungsmuster für
Weltvorgänge.
In
meinem Arbeitspapier
für diese Tagung erzähle ich die Geschichte von Maurice
Strong, Co-Chairman des Rates des World Economic Forum
in Davos: wie er einem Journalisten seine Phantasien über
die Möglichkeit eines globalen Putsches einer kleinen Gruppe
von finanziellen world leaders anvertraut. Und es ist doch
so: das Netzwerk
aus 'World Economic Forum', 'Trilateral Commission',
International Chamber of Commerce, 'US Council on International
Business', 'Council on Foreign Relations' usw. usw.
bindet weltweit die Einbildungskraft politisch interessierter
Menschen. Man denke auch an die Szene des Spielfilms 'JFK', in
welcher Donald Sutherland von Oliver Stone eine kaum zu widerlegende
Verschwörungstheorie in den Mund gelegt bekommt. Schliesslich
sei Bernt Engelmanns gedacht, mit so schönen Büchern
wie 'Hotel Bilderberg'.
Die
politische Massenkultur ist aber noch viel bunter: Man gebe einmal
in eine der Internet-Suchmaschinen die Worte 'Postmodern World
Politics' ein. Ich hätte, als meine Studenten das vorschlugen,
kaum einen Hit erwartet; es waren hunderte, und nicht nur 'The
Anarchist's Cookbook'. Die neuen politischen Konzepte kommen zum
Teil aus der Cyberpunk-Kultur. William Gibson, der Autor des einschlägigen
Leitromans 'Neuromancer', gehört inzwischen zu einer sehr
interessanten Organisation, dem 'Global
Business Network' (GBN). Und man nehme die netzgestützten
subversiven Tätigkeiten einer Künstlergruppe namens
RTmark
zur Kenntnis, die mit gefälschten Websites, etwa der World
Trade Organization, für Unruhe sorgt. Adamantine
Studies on the 21st Century
verschreibt sich der Massenproduktion von Zukunftsszenarios. Dort
ist das Buch von W. Warren Wagar, A Short History of the Future,
erschienen, das Kurt Tudyka in seinem
Arbeitspapier
erwähnt. Nicht zufällig übrigens stammt das Nachwort
von Immanuel Wallerstein.
Die
postmoderne Stimmung breitet sich aus. Wallerstein schreibt an
anderer Stelle, die wirkliche Ursache des Kollapses der Kommunismen
liege im finalen Zusammenbruch des Liberalismus als einer hegemonialen
Ideologie. Die letzten ernsthaften Glaubensanhänger des Liberalismus
seien die kommunistischen Parteien alten Stils im früheren
Ostblock gewesen.(2) Der Osten brach zusammen,
weil die Osteliten erkannten, daß ihr Gegner im Kapitalismus,
ihr ‘geliebter Feind’, in keiner Hinsicht mehr die liberale Bourgeoisie
war, sondern ein Geflecht aus global und brutal agierender Konzernmacht,
Militär-Industrie-Finanz-Komplexen, ja von Verbrechersyndikaten.
Da gab es dann kein Halten mehr.
Die
Romane von Neal Stephenson, z.B. 'Snow Crash' und 'Diamond Age',
malen Wallersteins Befund aus und haben beispielsweise auch den
Boden für Filme wie 'The Matrix' bereitet. Stephensons Welt
ist ein Niemandsland, territorial aufgeteilt in die Einflussphären
weniger Mega-Konzerne, refeudalisiert, durchtränkt mit Gewalt,
allerdings auf Kleinwaffenbasis. Die Stimmung kennen wir aus Filmen
wie 'Blade Runner' und 'Die Klapperschlange' oder aus Rollenspielen
wie Shadow Run. Zugleich bietet das elektronische Metaversum
ungeahnte Entfaltungsmöglichkeiten für den geschickten
Hacker. Hier bosseln seit langem Arthur
Kroker und Michael Weinstein an einer Theorie der virtuellen
Klasse.
Die
Welt des Finanzkapitals erzeugt weitere interessante Allegorisierungen.
Auch unsere neue politische Klasse wird durch solche Mythen, durch
das Coaching amerikanischer Kollegen und durch die Flugzeug-Lektüre
von Financial Thrillers allmählich transnational.
Oskar Lafontaine zitiert Norman Birnbaum: "Die internationale
Elite der multinationalen Konzerne beherrscht nicht nur die Produktionsmittel,
sondern inzwischen auch die Mittel zur politischen Willensbildung."(3)
William Pfaff sagt im International Herald Tribune: "The
power of money in politics today...dooms fundamental reform. That
is the saddest thing I have ever had to write, but I fear that
it is true."(4)
Sodann
wird die Epochenfrage gestellt, zum Beispiel von CFR senior
fellow Walter Russell Mead (den ich 1993 mit einem Spiegel-TV
Team begleitete, als er - zum Spass? - den Kauf
von Sibirien
propagierte). Jetzt warnt Mead, im Stil der Postmoderne, im International
Herald Tribune vor einer Zerrüttung der Weltordnung durch
den Niedergang der güterproduzierenden Industrie. Gerade
deren steigende Produktivität verurteile alle gesellschaftlichen
Strukturen, die an ihr hängen, ebenso zum Zerfall wie einst
der Umbau der Agrarwirtschaft die feudalen Strukturen. Mead verbindet
mit diesem Befund die Prognose einer neuen Epoche der Gewalt,
nicht des Friedens.(5)
Mad Max und Waterworld lassen grüssen.
Und
so dreht sich das alles in sich selbst. Alte CIA- und KGB-Kameraden
reminiszieren gemeinsam in Freundschaft über die Jahre des
Kalten Krieges. Details über die von amerikanischen Diensten
geförderten Kultur- und Re-Education-Aktivitäten der
Nachkriegszeit, sogar in diesen Räumen hier, liegen auf dem
Tisch. Heiner Geissler erzählt auf einmal, wie Helmut Kohl
seine Welt mit Geld regierte. Aufgedeckt ist, wie die Finanzwelt
den zweiten Weltkrieg und den Kalten Krieg gemanagt hat. Ganz
allgemein wird aus dem Nähkästchen der Moderne geplaudert.
Und das kann nur bedeuten: eine Epoche geht zu Ende und man will
sich entlasten, befreien für eine andersartige, ungewisse
Zukunft.
Abschließend
ein allerletztes Moment aus der Vorstellungswelt der Massenkultur:
die Invasion der Aliens. Vielleicht repräsentieren
sie, wie in Independence Day, nichts als die dunkle Seite
des vergeblichen Wunsches nach einer vollendeten Moderne. Doch
das SETI-Thema trägt, in Filmen wie Contact,
auch den ernsthaften Diskurs zwischen Wissenschaft und Religion
um die Stellung des Menschen im Kosmos in die Populärkultur
und in die Globalisierungsdebatte. In meinem Arbeitspapier
verweise ich auf die diesbezügliche hochdotierte Internet-Kampagne
des jungen Silicon Valley Milliardärs Joseph P. Firmage
- und überhaupt auf den wachsenden inhaltlichen Einfluss
einzelner Milliardäre (der letzten Privatmenschen übrigens)
auf die Produkte der Massenkultur.
Was
bringt das alles für unsere Diskussion? Ich möchte drei
Punkte hervorheben:
1)
Es gibt einen epistemologischen Nutzen des allgemeinen Verschwörungsverdachts.(6)
Auf Tagungen wie dieser sind viele, deren Primärerfahrung
- z.B. der Re-Education - genug Anlass für Reflexion und
Verwissenschaftlichung auf diesem Gebiet bietet. Reden wir doch
einmal über die Bilderberger, das Council on Foreign
Relations, über JFK oder gar den Vatikan, die
CIA und die NSA.
Jüngst stand in der FAZ: "Die herrschende Schicht ist einem
apokryphen Wort zufolge diejenige, deren Soziologie niemand zu
schreiben wagt."(7)
Auch den Politologen müssten dabei die Ohren klingen. Plaudern
wir aus dem Nähkästchen unserer primären Herrschaftserfahrungen!
2)
Die 'kosmologische Dimension' ist schwer zu diskutieren, weil
in unserer Diskurskultur diesbezüglich ein schwarzes Wissensloch
herrscht. Immerhin wird der Horizont der Moderne hier deutlich
überschritten. Das Bewußtsein von der Existenz in einem
insularen Sonnensystem half, die Energien der Moderne freizusetzen,
die diesen Planeten so vollständig umgeformt haben. Doch
die Einsamkeit und Eingegrenztheit der menschlichen Spezies wird
durch astrophysikalische Fortschritte in Frage gestellt. Der Kosmos
kommt uns auf neue Weise entgegen, raunt die Massenkultur. Was
für Folgen hat das für ein philosophisch vertieftes
Politikkonzept des Globalisierungsprozesses?
3)
Die reale Postmoderne in ihrer Vielfalt der Szenarien macht eigentlich
Schluss mit den Vorstellungen einer Weltordnung etwa Habermasscher
oder gar Luhmannscher Prägung. Wie angenehm ist es beispielsweise,
dass es noch einen starken arabisch-islamischen Kulturkreis gibt.
Programmatisch findet sich dieser Diskussionspunkt der 'Einheit
in Vielfalt' im Titel eines von Fredric Jameson und Masao Miyoshi
herausgebenen Bandes: The
Cultures of Globalization.
Entweder, so Jameson, führt Globalisierung - im Sinne von
Modernisierung - zu einer nie dagewesenen Standardisierung im
Stile des amerikanischen Konsumismus; oder aber - im Sinne eines
sich allmählich füllenden 'empty signifier' - zu einem
"immensen urbanen interkulturellen Fest ohne Zentrum und ohne
die Dominanz eines bestimmten kulturellen Modus".
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Fussnoten:
(1)
zit. bei E.R.Carmin, Das schwarze Reich. Geheimgesellschaften
und Politik im 20. Jahrhundert, München 1997, S.194
(2) Immanuel Wallerstein, After Liberalism,
New York 1995, S.226
(3) Oskar Lafontaine, Das Herz schlägt
links, München 1999, S.224
(4) William Pfaff, 'The Power of Money in America
Seems Unlikely to Wane', International Herald Tribune,
6. Dez. 1999
(5) Walter Russell Mead, 'Look Out, Manufacturing
May Be a Downhill Venture', International Herald Tribune,
7. Dez. 1999
(6) vgl.
Fredric Jameson, The Geopolitical Aesthetic, London
1992, S. 9ff.
(7) Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.
Sept. 1999, S.18
Diese
Thesen gehen zurück auf einen Beitrag für das Experten-Kolloquium
'Globalisierung als Aufgabe. Handlungsmöglichkeiten und Gestaltungsoptionen
der Politik' der Evangelischen Akademie Loccum im. Dezember 1999.
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