H. J. Krysmanski

Eat the Rich

Die Rolle der Reichen in Amerika und die Rolle der reichen Amerikaner in der Welt

 


Das Motto dieses Texts - Eat the Rich - findet sich als graffito an vielen Mauern Amerikas. Es ist aber auch der Titel eines Buchs mit dem Untertitel A Treatise on Economics. Seinen Autor, P.J. O'Rourke, nennt das Wall Street Journal "the funniest man in America". Er schreibt über good capitalism an der Wall Street, bad capitalism in Albanien, good socialism in Schweden, bad socialism in Kuba usw. Nichts habe ich O'Rourkes Buch entnommen, auch nicht das Motto. Das nämlich war, als ich nach einem plakativen Titel suchte, schon aus meinem Unterbewusstsein emporgestiegen. War es der Neidkomplex?

Im letzten Urlaub war ich in der Haute Provence und wagte mich auch einmal hinunter in das Gewimmel der Cote d'Azur. Aus rein soziologischem Interesse nahm ich die Staus auf mich, um nach St. Tropez und in eins der Cafés am dortigen Hafen zu gelangen. Vor mir lagen - Sie kennen das - die Megayachten, wie immer mit dem Heck zur Mole. Eine dieser riesigen Yachten hieß 'Battered Bull', unter der Flagge der karibischen Cayman Inseln. Diese winzige Inselgruppe ist eines der grössten Finanzzentren der Welt, mit 560 Banken, die 60 verschiedene Länder repräsentieren. Ein exklusives Spekulationsparadies für reiche Amerikaner. Der Name der Megayacht 'Battered Bull' bezog sich auf das Symboltier für einen 'bulligen' Aktienmarkt, auf den Stier also, und auf die Tatsache, dass der manchmal Prügel bezieht. Keine Frage: ein Hinweis auf gewisse Erfahrungen des amerikanischen Eignerpaars. Fast unbemerkt verliessen die beiden später die Yacht: Mitvierziger, ein unauffälliges Touristenpaar wie tausend andere an diesem Augustnachmittag in St. Tropez.

Doch 'mehr Sein als Scheinen' erhält hier eine neue Bedeutung. Die 'Battered Bull' ist 170 Fuss, rund 53 Meter lang. Bei ihrem Bau vor 4 Jahren kostete die Yacht 40 Millionen Dollar. Allein 5 Millionen Dollar davon entfielen auf die perfekte, perlweisse Lackierung. Sie fährt mit einer Crew von 12 durch die Weltmeere. Bei Reisegeschwindigkeit werden pro Stunde 500 Liter Dieselöl verbraucht. Die jährliche Versicherungssumme bei Lloyds, London, beträgt 1,5 Millionen Dollar. Der Liegeplatz in St. Tropez kostet pro Tag 11 000 Dollar. Summa summarum gibt das nette Paar jährlich rund 7 Millionen Dollar an reinen Betriebskosten (ohne Abschreibung) für dieses Vergnügen aus.

Die Eigner dieser Superschiffe umgibt äusserste Diskretion. Doch kann man zum Beispiel die Reisen von 'Battered Bull' auf dem Internet verfolgen. Das Eignerpaar hat dort ein elektronisches Album seiner globalen Reiseeindrücke angelegt - fast wie ganz normale Touristen. Aber eben nur fast. Denn letztlich sind sie nur eines: alles das, was normale Touristen nicht sind.

Die Beobachtungen in St. Tropez haben einen interessanten Hintergrund. Wenn es eine wachsende Industrie gibt, so ist es der Bau von ozeantüchtigen Megamotoryachten ab 35 Meter Länge und ab 20 Millionen DM Neupreis. Selbst Werften, die bisher Kriegsfregatten bauten, entdecken diesen lukrativen Geschäftszweig. Dieser ganz besondere Bauboom hat seine Auswirkungen bis nach Senden bei Münster. Sie erinnern sich an die Pleite eines besonders schönen Möbelhauses auf der Rothenburg und an der Weseler Strasse. Inzwischen gehört Rolf Rincklake van Endert mit seiner Firma Metrica zu den international gefragtesten Innenausstattern von Megayachten.

Diese Bewegungen zu Wasser sind durch die modernen Kommunikationstechnologien möglich geworden. Es ist kein Problem mehr, aus der Mitte des Pazifiks Konzerne zu leiten und Finanztransaktionen durchzuführen. Doch auch zu Lande und in der Immobilität bildet die Schere zwischen Reichtum und Armut sich traditionellerweise anschaulich ab - und nirgendwo so deutlich wie in New York. Die Geschichte der Apartmenthäuser in Manhattan ist ein offenes Buch über Amerikas Milliardäre. Als um die Jahrhundertwende die ersten Wohnwolkenkratzer um den Central Park herum wuchsen, stellten die Reichsten exakte Kopien ihrer Landhäuser mehrstöckig auf deren Spitze. Das waren Penthouses! Und heute? Das neueste high rise residential condo findet sich unter der Adresse 515 Park Ave, Ecke 60. Strasse. Kein Name steht dran, kein Majestic, Beresford oder Dakota. Aber Apartments gibt es dort: zum Beispiel 2000 Quadratmeter über zwei Stockwerke verteilt, zum Preis von 12 Millionen Dollar. Für das Dienstpersonal noch eine Extrawohnung im 2. Stock, 200 Quadratmeter für 400 000 Dollar. Und das alles ist noch nichts im Vergleich zu Bill Gates' Lakeside Xanadu bei Seattle, das sogar William Randolph Hearsts San Simeon Castle in den Schatten stellt.

Ein bis zwei Prozent der Bevölkerung

Wie definieren wir Reichtum? Robert Lundberg unterscheidet in einem berühmten Buch aus den sechziger Jahren zwischen den Reichen und den Superreichen. Er sagt: die Reichen mögen zwar über sehr viel (und oft schnell erworbenes) Geld verfügen. Sie leben aber immer noch in der Gefahr, alles oder einen grossen Teil ihres Vermögens plötzlich wieder zu verlieren. Man denke nur an das Auf und Ab des Donald Trump, dem derzeit die spektakulärsten Hochbauten Manhattans gehören.

Die Superreichen dagegen, so Lundberg, können absolut ruhig schlafen. Ihre Vermögen sind so riesig, so weit verzweigt, so gut plaziert, auch so gut versteckt, dass dieser Planet schon zerplatzen müsste, damit auch sie nur noch im Hemd dastünden. Um diese Superreichen geht es, um 'The Billionaires'.

Das Feuilleton der FAZ schrieb vor kurzem: "Die herrschende Schicht ist einem apokryphen Wort zufolge diejenige, deren Soziologie niemand zu schreiben wagt." Als Soziologe muss ich bekennen: das stimmt. Die Sozialwissenschaften - von der Soziologie, Ökonomie, Politologie bis zur empirischen Sozialforschung - haben sich ihre Daseinsberechtigung auch dadurch erworben, dass sie die Schicht der Superreichen aus der sozialen Wirklichkeit hinausdefiniert und hinausgerechnet haben. Oder wie ist die folgende Geschichte zu verstehen?

In den Vereinigten Staaten vereinen die obersten fünf Prozent der Bevölkerung 60 Prozent des nationalen Reichtums auf sich. Damit aber nicht genug. Die obersten 1 Prozent unter ihnen sind in den letzten Jahren noch einmal dramatisch reicher geworden als die folgenden 4 Prozent. Und die Top-0.25 Prozent dieser 1 Prozent schliesslich heben noch schneller ab als die folgenden 0.75 Prozent.

In den offiziellen statistischen Berichten zur Einkommensverteilung aber tauchen diese 5 Prozent - oder gar die 1 Prozent - überhaupt nicht auf. Sie scheinen nicht zu existieren. Zwar berichtete das U.S. Census Bureau im Dezember 1997, dass in den letzten zwanzig Jahren die wohlhabendsten 20 Prozent der US-Bevölkerung ihre Realeinkommen um 30 Prozent gesteigert hätten. Ihr Einkommen (durchschnittlich 117,500 Dollar jährlich) sei damit 13 mal höher als das der ärmsten 20 Prozent (9,250 Dollar jährlich).

Aber: wo sind die Superreichen? Auf Anfragen einiger Journalisten räumte das U.S. Census Bureau ein, dass niemals jemand befragt worden sei, der mehr als 300 000 Dollar im Jahr verdient. Das lag daran, gestand man kleinlaut, dass ein Jahreseinkommen von 300 000 Dollar die grösste Ziffer war, welche die Computer des Bureaus überhaupt erfassen konnten. Selbst als dieses Limit im letzten Jahr auf eine Million angehoben wurde, fielen die 190 Milliardäre und die viertausend Multimillionäre mit Vermögen über 300 Millionen Dollar (um nur die zu nennen) aus der Statistik heraus.

Würde man Spielbauklötze aufeinanderstapeln, von denen jeder 1000 Dollar Einkommen bzw. Vermögen symbolisiert, so müssten sich 98 Prozent der Amerikaner mit Stapeln begnügen, die im besten Falle ein paar Meter hoch wären. Ein Prozent der Amerikaner aber hätte Stapel, jeweils um ein Mehrfaches höher als der Eiffelturm.

Der Mythos der Titanen

Als Geneva Overholser vor kurzem in der International Herald Tribune aufmerksam machte auf die überzogenen Bezüge der 'Business Titans', also auf die Bezüge der (unterhalb der Superreichen angesiedelten) Schicht der Chief Executive Officers (CEOs), gingen so viele entrüstete Leserbriefe ein wie noch nie. 419mal mehr als seine Arbeiter verdient inzwischen im Durchschnitt der CEO eines grossen amerikanischen Konzerns: 10.7 Millionen Dollar jährlich. Sein Gehalt stieg 1998 um 36 Prozent, der Lohn eines Facharbeiters um 2.7 Prozent. Dennoch giftet zum Beispiel einer der Leserbriefe: "Ich bin mir sicher, dass die Ansprüche, die auf dem CEO eines grossen Konzerns lasten, von Ihresgleichen überhaupt nicht begriffen werden können. Manche Menschen sind eben in der Lage, enorm viel mehr Verantwortung zu tragen als andere." Untersuchungen beweisen dagegen, dass Höhe der CEO-Gehälter und Erfolg ihrer Konzerne eher negativ miteinander korrelieren.

Noch anders steht es um die Superreichen, also die Schicht oberhalb der CEOs. In dieser Schicht erst landen ja die wirklichen Konzerngewinne. Statistisch mögen die Milliardäre sich einnebeln; als mythische Gestalten aber sind sie in der amerikanischen und globalen Medienlandschaft omnipräsent. Time Magazine nennt sie 'Builders&Titans', die Erbauer und Titanen des zwanzigsten Jahrhunderts, die uns "aus dem industriellen Zeitalter ins digitale Zeitalter katapultiert" haben.

Allen sei zunächst einmal eines gemeinsam: ihre Obsession mit der Schaffung von Reichtum. Räuberisch, rapacious, seien sie gewesen, allesamt. Aber: diese geldbesessenen Individuen hätten auch jene "gewaltige Maschine in Gang gesetzt, welche die USA zur führenden Industriegesellschaft der Welt" machte. Sie die alleinigen Macher? "Wer baute das siebentorige Theben?", schreibt Berthold Brecht. "So viele Berichte. So viele Fragen."

Die Berichte erzählen zunächst einmal von den grossen Räuberbaronen der Jahrhundertwende, von John D. Rockefeller, Andrew Carnegie und J. Pierpont Morgan. Rockfellers Standard Oil kontrollierte um 1900 90 Prozent des amerikanischen Öls und war der erste multinationale Konzern überhaupt. Rockefeller machte heimliche Deals mit den Eisenbahnen, bestach Senatoren und betrieb Industriespionage. Seine Schläger nahmen sich der Gewerkschaften an. Am Ende war Rockefeller, umgerechnet, fast dreimal so reich wie Bill Gates heute. Carnegie machte sein Vermögen mit Öl, Bessemer-Stahl und Eisenbahnschienen. Seine Devise: "Put all your eggs in one basket and then watch that basket." Er schrieb Bücher voller naiven Fortschrittsglaubens. Seine Stahlarbeiter mussten 12 Stunden arbeiten. Mit seinem Namen ist die blutigste Streikunterdrückung der amerikanischen Geschichte, 1892 in Homestead, Pa., verbunden. Doch nach dem Verkauf seines Imperiums wurde Carnegie der erste grosse Philanthrop, gründete weltweit 2800 Bibliotheken und stand am Anfang der Entwicklung eines mächtigen Konzernstiftungswesens. J.P. Morgan schliesslich begründete die amerikanische Bankenmacht. Er trieb Eisenbahnaktien auf die gleiche Weise hoch wie heute die Hedge-Fonds Software-Aktien. An faire Konkurrenz glaubte er nicht. Schon damals gerieten die grössten Industriekonzerne der USA unter die Kontrolle von Wall Street.

Die Titanen-Galerie hat noch viele Namen. Henry Ford erfand das Fliessband und den gut bezahlten Fabrikarbeiter, der sich die von ihm gebauten Model Ts auch leisten können sollte. Ford richtete aber auch ein 'Sociological Department' ein, um den Schnaps-Konsum seiner Arbeiter zu kontrollieren und die Gewerkschaften zu bekämpfen. Er hatte Sympathien für Adolf Hitler. Doch der Autokrat Ford war Mitte der dreissiger Jahre schon nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Überhaupt: Franklin D. Roosevelts 'New Deal' brachte Unbill für Milliardäre. Ihr proportionaler Anteil an der Bevölkerung ging zurück, um erst unter Ronald Reagan wieder dramatisch anzusteigen.

Das meiste Geld wurde inzwischen nicht mehr mit Stahl, nicht einmal mehr mit Chemie und Aluminium, sondern mit Produkten aus dem Äther gemacht. David Sarnoff legte mit seinem Radio-Imperium RCA die Grundlagen des massenmedialen Goldrauschs. Die neuen Medien brachten den Mythos der 'Builders&Titans' direkt in die Wohnzimmer der Massen. Die Reichen und Superreichen waren auf einmal sofa-nah. Die unerreichbare Ferne schien überspielt. Und hochbezahlte Stars aus den Filmfabriken Hollywoods, die selber wie Fliessbandarbeiter arbeiten mussten, wurden Identifikationsfiguren für Träume von einem reichen Leben, an dem sie selbst nur tragisch beschränkt, als Mätressen oder Gigolos, teilnahmen.

Nur ein paar Titanen-Namen noch. Charles Merril predigte auf country fairs und in shopping centers die Botschaft vom Aktienbesitz für kleine Leute und machte Amerika zur 'Shareholder Nation'. Stephen Bechtel baute in den dreissiger Jahren den Hoover Damm, legte nach dem Zweiten Weltkrieg die Pipelines in Saudi-Arabien und errichtete 1951 das erste Atomkraftwerk. Die Bechtel-Corporation wurde zum Synonym für amerikanische Baustellen überall auf der Welt. Walt Disney schuf nicht nur Dagobert Duck. Lucky Luciano war der erste Gangster-Milliardär. William Levitt erfand die Massenproduktion von billigen Reihenhäusern und machte so die amerikanischen suburbs möglich. Leo Burnett brachte Werbeindustrie und Fernsehen zusammen. Aus Thomas Watsons Büromaschinenfabrik wurde der erste Computer-Gigant, IBM. Und Ray Kroc, der die Würstchenbude der Brüder McDonald in ein Fastfood-Imperium verwandelte, wirft mit seinem Business-Credo noch einmal ein Schlaglicht auf das Motto meines Vortrags, Eat the Rich. Was sagte er über die Konkurrenz? "This is rat eat rat, dog eat dog. I'll kill 'em, and I'm going to kill 'em before they kill me."

Über den reichsten unter den Reichen des Gegenwart, über den virtuellen Räuberbaron der Jahrtausendwende, Bill Gates, kann ich aus Zeitgründen nur wenig sagen. Vielleicht nur, dass auch dieser Titan Ray Krocs Credo beherzigt. "Er ist unermüdlich, ein Darwinist. Erfolg heisst für ihn Plattmachen der Konkurrenz", schreibt Bob Glaser, ein früherer enger Mitarbeiter von Gates. Da ist es nur Fußnote, dass ungefähr ein Viertel der 33 000 Microsoft-Beschäftigten inzwischen Millionäre sind. Was ist heutzutage schon ein Millionär? Oder dass es auf dem Internet eine Seite gibt, Bill Gates' Wealth Watch Clock, auf der gestern abzulesen war, er sei 95 Milliarden Dollar wert, also reicher als ganz Mittelamerika.

Entscheidend sind die ökonomischen, sozialen und politischen Hintergründe solchen Reichtums. Mit dem Ende des Kalten Kriegs wurden die einst den Militärs und Geheimdiensten vorbehaltenen Informations- und Kommunikationstechnologien zum lukrativsten Geschäftsfeld. Dies wiederum ermöglichte die ungehemmte Explosion der globalen Finanzmärkte. Und dadurch wurden nationale Grenzen irrelevant. Über dieses globale Niemandsland beginnt nun der e-commerce zu rasen.

Zu allem Überfluss reisst die neue elektronische Technologie auch die Grenzen zwischen den Sphären des Privaten und des Öffentlichen nieder. Private Email ist ein Widerspruch in sich. Nichts mehr ist nicht öffentlich, aber zugleich kann auch alles privatisiert werden. Und niemand verdient an diesem in aller Öffentlichkeit stattfindenden allgemeinen Privatisierungsprozess mehr als die letzten Privatmenschen, die Milliardäre.

Der Mythos von den Segnungen der Schaffung privaten Reichtums ist durch die Bewusstseinsindustrie zu einer fast unwiderstehlichen materiellen Gewalt geworden. Erliegen wir dieser Obsession inzwischen nicht alle? Höchstens unsere Mitbürger aus den neuen Bundesländern erschrecken noch darüber, dass Geld tatsächlich die Welt regiert.

Von der Nützlichkeit der Milliardäre

Doch gerade den Milliardären war ihr eigener Mythos nie ganz geheuer. So kam die moderne, milliardenschwere Philanthropie in die Welt. Ted Turner, Miteigentümer von CNN und Times Warner, hat jüngst sogar den Vereinten Nationen 1 Milliarde Dollar in Gestalt einer Stiftung zukommen lassen. Nicht uneigennützig. Immerhin aber machte Turner, dem seine Frau Jane Fonda vielleicht manches aus der Flower-Power-Zeit zuflüsterte, schon vor einiger Zeit auf Folgendes aufmerksam. Den meisten Milliardären, schrieb er, bedeute die Rangliste der Reichsten auf dieser Welt, die das Forbes-Magazin regelmässig veröffentlicht, sehr viel. Mehr wahrscheinlich, als den Tennis-Spitzenspielern ihre Computer-Liste. Man tut alles, um oben zu bleiben. Also raffen die Milliardäre und raffen und behalten ihre Eier im Korb. Dieser Listenplatz-Ehrgeiz mindere dann aber auch massiv die Bereitschaft, beklagt Turner, Stiftungen zu gründen oder auf andere Weise zum Gemeinwohl beizutragen. Turner schlug deshalb eine neuartige Rangliste vor, eine Rangliste der freigiebigsten Philanthropen auf dieser Welt. Gäbe es eine solche Liste, fügte Turner hinzu, wäre vielleicht auch Bill Gates schon spendierfreudiger.

Doch die Dinge werden fragwürdig, wenn durch Philanthropie direkte Eingriffe in Politik, Kultur und sogar Religion erfolgen. Dies aber geschieht in wachsendem Umfang. Oskar Lafontaine zitiert in seinem neuen Buch den amerikanischen Soziologen Norman Birnbaum: "Die internationale Elite der multinationalen Konzerne beherrscht nicht nur die Produktionsmittel, sondern inzwischen auch die Mittel zur politischen Willensbildung."

Milliardäre bestimmen - mittels eines Geflechts von Stiftungen und Organisationen und durch die Informationsindustrie - das Bildungswesen ganzer Länder; ihnen gehören Privatuniversitäten, grosse Teile des Gesundheitswesen, die wichtigsten Zeitungs-, Fernseh- und Filmkonzerne. Sie verfügen über Privatarmeen. Wissenschaftliche Berater, Kunst- und Kulturstrategen, Politiker werden ohne grosse Umstände 'eingekauft'. Ein amerikanischer Präsident ist wahrscheinlich billiger zu haben als eine ordentliche 70-Meter Luxusmotoryacht. Unter der Überschrift 'Der gekaufte Präsident' schreibt die Süddeutsche Zeitung: "Es wäre naiv zu glauben, dass ein Kandidat oder eine Partei Millionen sammelt, um anschliessend nur die eigenen Ideale und Programme zu verfechten...Ein Wahlkampf, der auf Dollar gebaut ist, lässt dem zukünftigen Präsidenten der USA gar keine andere Wahl, als sich letztlich erkenntlich zu zeigen."

So fragen wir zum Schluss: Wie nützlich sind Milliardäre? Haben sie eine legitime Rolle in der Welt? J. Bradford DeLong, ein amerikanischer Ökonom, der sich sehr nüchtern mit diesen Fragen auseinandergesetzt hat, kommt zu folgendem Schluss: "Wenn wir eine Lehre ziehen können, so diese: es ist durchaus möglich, dass durch eine vernünftige Politik die Akkumulation exzessiven Reichtums eingedämmt wird. Wir alle haben es im Gefühl, dass eine extrem ungleiche Gesellschaft eine hässliche Gesellschaft ist. Mir persönlich ist zum Beispiel hinsichtlich der Verteilungsstruktur des Reichtums das Amerika des Jahres 1975 viel lieber als das heutige."

Nun, die Reichen sind, fast wie Aliens, seit Jahrtausenden unter uns. Und es waren ja nicht nur Religionsgründer, welche immer wieder die Frage gestellt haben, wie wir mit diesen 'Ausserirdischen' - die z.B. auf Megayachten mit Namen wie 'Battered Bull' die Weltmeere durchqueren - umgehen sollen. Vielleicht wollen sie, ganz wie ET, auch nur 'nach Hause'. Wie können wir ihnen helfen? Kann man wirklich nur entweder Geld machen oder Mensch sein?

 

Vortrag, gehalten am 16.11.99 im Rahmen der Veranstaltungsreihe
Spektrum Literatur
der WWU
' Test The West: Amerika, du hast es besser?'
Site Map / Classes / Publications / Projects