Im
letzten Urlaub war ich in der Haute Provence und wagte
mich auch einmal hinunter in das Gewimmel der Cote d'Azur.
Aus rein soziologischem Interesse nahm ich die Staus auf mich,
um nach St. Tropez und in eins der Cafés am dortigen Hafen
zu gelangen. Vor mir lagen - Sie kennen das - die Megayachten,
wie immer mit dem Heck zur Mole. Eine dieser riesigen Yachten
hieß 'Battered Bull', unter der Flagge der karibischen Cayman
Inseln. Diese winzige Inselgruppe ist eines der grössten
Finanzzentren der Welt, mit 560 Banken, die 60 verschiedene Länder
repräsentieren. Ein exklusives Spekulationsparadies für
reiche Amerikaner. Der Name der Megayacht 'Battered Bull' bezog
sich auf das Symboltier für einen 'bulligen' Aktienmarkt,
auf den Stier also, und auf die Tatsache, dass der manchmal Prügel
bezieht. Keine Frage: ein Hinweis auf gewisse Erfahrungen des
amerikanischen Eignerpaars. Fast unbemerkt verliessen die beiden
später die Yacht: Mitvierziger, ein unauffälliges Touristenpaar
wie tausend andere an diesem Augustnachmittag in St. Tropez.
Doch
'mehr Sein als Scheinen' erhält hier eine neue Bedeutung.
Die 'Battered Bull' ist 170 Fuss, rund 53 Meter lang. Bei ihrem
Bau vor 4 Jahren kostete die Yacht 40 Millionen Dollar. Allein
5 Millionen Dollar davon entfielen auf die perfekte, perlweisse
Lackierung. Sie fährt mit einer Crew von 12 durch die Weltmeere.
Bei Reisegeschwindigkeit werden pro Stunde 500 Liter Dieselöl
verbraucht. Die jährliche Versicherungssumme bei Lloyds,
London, beträgt 1,5 Millionen Dollar. Der Liegeplatz in St.
Tropez kostet pro Tag 11 000 Dollar. Summa summarum gibt das nette
Paar jährlich rund 7 Millionen Dollar an reinen Betriebskosten
(ohne Abschreibung) für dieses Vergnügen aus.
Die
Eigner dieser Superschiffe umgibt äusserste Diskretion. Doch
kann man zum Beispiel die Reisen von 'Battered
Bull' auf dem Internet verfolgen. Das Eignerpaar hat dort
ein elektronisches Album seiner globalen Reiseeindrücke angelegt
- fast wie ganz normale Touristen. Aber eben nur fast. Denn letztlich
sind sie nur eines: alles das, was normale Touristen nicht sind.
Die
Beobachtungen in St. Tropez haben einen interessanten Hintergrund.
Wenn es eine wachsende Industrie gibt, so ist es der Bau von ozeantüchtigen
Megamotoryachten ab 35 Meter Länge und ab 20 Millionen DM
Neupreis. Selbst Werften, die bisher Kriegsfregatten bauten, entdecken
diesen lukrativen Geschäftszweig. Dieser ganz besondere Bauboom
hat seine Auswirkungen bis nach Senden bei Münster. Sie erinnern
sich an die Pleite eines besonders schönen Möbelhauses
auf der Rothenburg und an der Weseler Strasse. Inzwischen gehört
Rolf Rincklake van Endert mit seiner Firma Metrica zu den international
gefragtesten Innenausstattern von Megayachten.
Diese
Bewegungen zu Wasser sind durch die modernen Kommunikationstechnologien
möglich geworden. Es ist kein Problem mehr, aus der Mitte
des Pazifiks Konzerne zu leiten und Finanztransaktionen durchzuführen.
Doch auch zu Lande und in der Immobilität bildet die Schere
zwischen Reichtum und Armut sich traditionellerweise anschaulich
ab - und nirgendwo so deutlich wie in New York. Die Geschichte
der Apartmenthäuser in Manhattan ist ein offenes Buch über
Amerikas Milliardäre. Als um die Jahrhundertwende die ersten
Wohnwolkenkratzer um den Central Park herum wuchsen, stellten
die Reichsten exakte Kopien ihrer Landhäuser mehrstöckig
auf deren Spitze. Das waren Penthouses! Und heute? Das neueste
high rise residential
condo findet sich unter der Adresse 515 Park Ave, Ecke
60. Strasse. Kein Name steht dran, kein Majestic, Beresford
oder Dakota. Aber Apartments gibt es dort: zum Beispiel
2000 Quadratmeter über zwei Stockwerke verteilt, zum Preis
von 12 Millionen Dollar. Für das Dienstpersonal noch eine
Extrawohnung im 2. Stock, 200 Quadratmeter für 400 000 Dollar.
Und das alles ist noch nichts im Vergleich zu Bill Gates' Lakeside
Xanadu bei Seattle, das sogar William Randolph Hearsts
San Simeon Castle in den Schatten stellt.
Ein
bis zwei Prozent der Bevölkerung
Wie
definieren wir Reichtum? Robert Lundberg unterscheidet in einem
berühmten Buch aus den sechziger Jahren zwischen den Reichen
und den Superreichen. Er sagt: die Reichen mögen zwar über
sehr viel (und oft schnell erworbenes) Geld verfügen. Sie
leben aber immer noch in der Gefahr, alles oder einen grossen
Teil ihres Vermögens plötzlich wieder zu verlieren.
Man denke nur an das Auf und Ab des Donald Trump, dem derzeit
die spektakulärsten Hochbauten Manhattans gehören.
Die
Superreichen dagegen, so Lundberg, können absolut ruhig schlafen.
Ihre Vermögen sind so riesig, so weit verzweigt, so gut plaziert,
auch so gut versteckt, dass dieser Planet schon zerplatzen müsste,
damit auch sie nur noch im Hemd dastünden. Um diese Superreichen
geht es, um 'The Billionaires'.
Das
Feuilleton der FAZ schrieb vor kurzem: "Die herrschende Schicht
ist einem apokryphen Wort zufolge diejenige, deren Soziologie
niemand zu schreiben wagt." Als Soziologe muss ich bekennen: das
stimmt. Die Sozialwissenschaften - von der Soziologie, Ökonomie,
Politologie bis zur empirischen Sozialforschung - haben sich ihre
Daseinsberechtigung auch dadurch erworben, dass sie die Schicht
der Superreichen aus der sozialen Wirklichkeit hinausdefiniert
und hinausgerechnet haben. Oder wie ist die folgende
Geschichte zu verstehen?
In
den Vereinigten Staaten vereinen die obersten fünf Prozent
der Bevölkerung 60 Prozent des nationalen Reichtums auf sich.
Damit aber nicht genug. Die obersten 1 Prozent unter ihnen sind
in den letzten Jahren noch einmal dramatisch reicher geworden
als die folgenden 4 Prozent. Und die Top-0.25 Prozent dieser 1
Prozent schliesslich heben noch schneller ab als die folgenden
0.75 Prozent.
In
den offiziellen statistischen Berichten zur Einkommensverteilung
aber tauchen diese 5 Prozent - oder gar die 1 Prozent - überhaupt
nicht auf. Sie scheinen nicht zu existieren. Zwar berichtete das
U.S. Census Bureau im Dezember 1997, dass in den letzten zwanzig
Jahren die wohlhabendsten 20 Prozent der US-Bevölkerung ihre
Realeinkommen um 30 Prozent gesteigert hätten. Ihr Einkommen
(durchschnittlich 117,500 Dollar jährlich) sei damit 13 mal
höher als das der ärmsten 20 Prozent (9,250 Dollar jährlich).
Aber:
wo sind die Superreichen? Auf Anfragen einiger Journalisten räumte
das U.S. Census Bureau ein, dass niemals jemand befragt worden
sei, der mehr als 300 000 Dollar im Jahr verdient. Das lag daran,
gestand man kleinlaut, dass ein Jahreseinkommen von 300 000 Dollar
die grösste Ziffer war, welche die Computer des Bureaus überhaupt
erfassen konnten. Selbst als dieses Limit im letzten Jahr auf
eine Million angehoben wurde, fielen die 190 Milliardäre
und die viertausend Multimillionäre mit Vermögen über
300 Millionen Dollar (um nur die zu nennen) aus der Statistik
heraus.
Würde
man Spielbauklötze aufeinanderstapeln, von denen jeder 1000
Dollar Einkommen bzw. Vermögen symbolisiert, so müssten
sich 98 Prozent der Amerikaner mit Stapeln begnügen, die
im besten Falle ein paar Meter hoch wären. Ein Prozent
der Amerikaner aber hätte Stapel, jeweils um ein Mehrfaches
höher als der Eiffelturm.
Der
Mythos der Titanen
Als
Geneva Overholser vor kurzem in der International Herald Tribune
aufmerksam machte auf die überzogenen Bezüge der 'Business
Titans', also auf die Bezüge der (unterhalb der Superreichen
angesiedelten) Schicht der Chief Executive Officers (CEOs), gingen
so viele entrüstete Leserbriefe ein wie noch nie. 419mal
mehr als seine Arbeiter verdient inzwischen im Durchschnitt
der CEO eines grossen amerikanischen Konzerns: 10.7 Millionen
Dollar jährlich. Sein Gehalt stieg 1998 um 36 Prozent, der
Lohn eines Facharbeiters um 2.7 Prozent. Dennoch giftet zum Beispiel
einer der Leserbriefe: "Ich bin mir sicher, dass die Ansprüche,
die auf dem CEO eines grossen Konzerns lasten, von Ihresgleichen
überhaupt nicht begriffen werden können. Manche Menschen
sind eben in der Lage, enorm viel mehr Verantwortung zu tragen
als andere." Untersuchungen beweisen dagegen, dass Höhe der
CEO-Gehälter und Erfolg ihrer Konzerne eher negativ miteinander
korrelieren.
Noch
anders steht es um die Superreichen, also die Schicht oberhalb
der CEOs. In dieser Schicht erst landen ja die wirklichen Konzerngewinne.
Statistisch mögen die Milliardäre sich einnebeln; als
mythische Gestalten aber sind sie in der amerikanischen und globalen
Medienlandschaft omnipräsent. Time Magazine nennt
sie 'Builders&Titans', die Erbauer und Titanen des zwanzigsten
Jahrhunderts, die uns "aus dem industriellen Zeitalter ins digitale
Zeitalter katapultiert" haben.
Allen
sei zunächst einmal eines gemeinsam: ihre Obsession mit der
Schaffung von Reichtum. Räuberisch, rapacious, seien
sie gewesen, allesamt. Aber: diese geldbesessenen Individuen hätten
auch jene "gewaltige Maschine in Gang gesetzt, welche die USA
zur führenden Industriegesellschaft der Welt" machte. Sie
die alleinigen Macher? "Wer baute das siebentorige Theben?", schreibt
Berthold Brecht. "So viele Berichte. So viele Fragen."
Die
Berichte erzählen zunächst einmal von den grossen Räuberbaronen
der Jahrhundertwende, von John D. Rockefeller, Andrew Carnegie
und J. Pierpont Morgan. Rockfellers
Standard Oil kontrollierte um 1900 90 Prozent des amerikanischen
Öls und war der erste multinationale Konzern überhaupt.
Rockefeller machte heimliche Deals mit den Eisenbahnen, bestach
Senatoren und betrieb Industriespionage. Seine Schläger nahmen
sich der Gewerkschaften an. Am Ende war Rockefeller, umgerechnet,
fast dreimal so reich wie Bill Gates heute. Carnegie machte sein
Vermögen mit Öl, Bessemer-Stahl und Eisenbahnschienen.
Seine Devise: "Put all your eggs in one basket and then watch
that basket." Er schrieb Bücher voller naiven Fortschrittsglaubens.
Seine Stahlarbeiter mussten 12 Stunden arbeiten. Mit seinem Namen
ist die blutigste Streikunterdrückung der amerikanischen
Geschichte, 1892 in Homestead, Pa., verbunden. Doch nach dem Verkauf
seines Imperiums wurde Carnegie der erste grosse Philanthrop,
gründete weltweit 2800 Bibliotheken und stand am Anfang der
Entwicklung eines mächtigen Konzernstiftungswesens. J.P.
Morgan schliesslich begründete die amerikanische Bankenmacht.
Er trieb Eisenbahnaktien auf die gleiche Weise hoch wie heute
die Hedge-Fonds Software-Aktien. An faire Konkurrenz glaubte er
nicht. Schon damals gerieten die grössten Industriekonzerne
der USA unter die Kontrolle von Wall Street.
Die
Titanen-Galerie hat noch viele Namen. Henry Ford erfand das Fliessband
und den gut bezahlten Fabrikarbeiter, der sich die von ihm gebauten
Model Ts auch leisten können sollte. Ford richtete aber auch
ein 'Sociological Department' ein, um den Schnaps-Konsum seiner
Arbeiter zu kontrollieren und die Gewerkschaften zu bekämpfen.
Er hatte Sympathien für Adolf Hitler. Doch der Autokrat Ford
war Mitte der dreissiger Jahre schon nicht mehr auf der Höhe
der Zeit. Überhaupt: Franklin D. Roosevelts 'New Deal' brachte
Unbill für Milliardäre. Ihr proportionaler Anteil an
der Bevölkerung ging zurück, um erst unter Ronald Reagan
wieder dramatisch anzusteigen.
Das
meiste Geld wurde inzwischen nicht mehr mit Stahl, nicht einmal
mehr mit Chemie und Aluminium, sondern mit Produkten aus dem Äther
gemacht. David Sarnoff legte mit seinem Radio-Imperium RCA die
Grundlagen des massenmedialen Goldrauschs. Die neuen Medien brachten
den Mythos der 'Builders&Titans' direkt in die Wohnzimmer
der Massen. Die Reichen und Superreichen waren auf einmal sofa-nah.
Die unerreichbare Ferne schien überspielt. Und hochbezahlte
Stars aus den Filmfabriken Hollywoods, die selber wie Fliessbandarbeiter
arbeiten mussten, wurden Identifikationsfiguren für Träume
von einem reichen Leben, an dem sie selbst nur tragisch beschränkt,
als Mätressen oder Gigolos, teilnahmen.
Nur
ein paar Titanen-Namen noch. Charles Merril predigte auf country
fairs und in shopping centers die Botschaft vom Aktienbesitz
für kleine Leute und machte Amerika zur 'Shareholder Nation'.
Stephen Bechtel baute in den dreissiger Jahren den Hoover Damm,
legte nach dem Zweiten Weltkrieg die Pipelines in Saudi-Arabien
und errichtete 1951 das erste Atomkraftwerk. Die Bechtel-Corporation
wurde zum Synonym für amerikanische Baustellen überall
auf der Welt. Walt Disney schuf nicht nur Dagobert Duck. Lucky
Luciano war der erste Gangster-Milliardär. William Levitt
erfand die Massenproduktion von billigen Reihenhäusern und
machte so die amerikanischen suburbs möglich. Leo
Burnett brachte Werbeindustrie und Fernsehen zusammen. Aus Thomas
Watsons Büromaschinenfabrik wurde der erste Computer-Gigant,
IBM. Und Ray Kroc, der die Würstchenbude der Brüder
McDonald in ein Fastfood-Imperium verwandelte, wirft mit seinem
Business-Credo noch einmal ein Schlaglicht auf das Motto meines
Vortrags, Eat the Rich. Was sagte er über die Konkurrenz?
"This is rat eat rat, dog eat dog. I'll kill 'em, and I'm going
to kill 'em before they kill me."
Über
den reichsten unter den Reichen des Gegenwart, über den virtuellen
Räuberbaron der Jahrtausendwende, Bill Gates, kann ich aus
Zeitgründen nur wenig sagen. Vielleicht nur, dass auch dieser
Titan Ray Krocs Credo beherzigt. "Er ist unermüdlich, ein
Darwinist. Erfolg heisst für ihn Plattmachen der Konkurrenz",
schreibt Bob Glaser, ein früherer enger Mitarbeiter von Gates.
Da ist es nur Fußnote, dass ungefähr ein Viertel der
33 000 Microsoft-Beschäftigten inzwischen Millionäre
sind. Was ist heutzutage schon ein Millionär? Oder dass es
auf dem Internet eine Seite gibt, Bill
Gates' Wealth Watch Clock, auf der gestern abzulesen war,
er sei 95 Milliarden Dollar wert, also reicher als ganz Mittelamerika.
Entscheidend
sind die ökonomischen, sozialen und politischen Hintergründe
solchen Reichtums. Mit dem Ende des Kalten Kriegs wurden die einst
den Militärs und Geheimdiensten vorbehaltenen Informations-
und Kommunikationstechnologien zum lukrativsten Geschäftsfeld.
Dies wiederum ermöglichte die ungehemmte Explosion der globalen
Finanzmärkte. Und dadurch wurden nationale Grenzen irrelevant.
Über dieses globale Niemandsland beginnt nun der e-commerce
zu rasen.
Zu
allem Überfluss reisst die neue elektronische Technologie
auch die Grenzen zwischen den Sphären des Privaten und des
Öffentlichen nieder. Private Email ist ein Widerspruch in
sich. Nichts mehr ist nicht öffentlich, aber zugleich kann
auch alles privatisiert werden. Und niemand verdient an diesem
in aller Öffentlichkeit stattfindenden allgemeinen Privatisierungsprozess
mehr als die letzten Privatmenschen, die Milliardäre.
Der
Mythos von den Segnungen der Schaffung privaten Reichtums
ist durch die Bewusstseinsindustrie zu einer fast unwiderstehlichen
materiellen Gewalt geworden. Erliegen wir dieser Obsession inzwischen
nicht alle? Höchstens unsere Mitbürger aus den neuen
Bundesländern erschrecken noch darüber, dass Geld tatsächlich
die Welt regiert.
Von
der Nützlichkeit der Milliardäre
Doch
gerade den Milliardären war ihr eigener Mythos nie ganz geheuer.
So kam die moderne, milliardenschwere Philanthropie in die Welt.
Ted Turner, Miteigentümer von CNN und Times Warner, hat jüngst
sogar den Vereinten Nationen 1 Milliarde Dollar in Gestalt einer
Stiftung zukommen lassen. Nicht uneigennützig. Immerhin aber
machte Turner,
dem seine Frau Jane Fonda vielleicht manches aus der Flower-Power-Zeit
zuflüsterte, schon vor einiger Zeit auf Folgendes aufmerksam.
Den meisten Milliardären, schrieb er, bedeute die Rangliste
der Reichsten auf dieser Welt, die das Forbes-Magazin regelmässig
veröffentlicht, sehr viel. Mehr wahrscheinlich, als den Tennis-Spitzenspielern
ihre Computer-Liste. Man tut alles, um oben zu bleiben. Also raffen
die Milliardäre und raffen und behalten ihre Eier im Korb.
Dieser Listenplatz-Ehrgeiz mindere dann aber auch massiv die Bereitschaft,
beklagt Turner, Stiftungen zu gründen oder auf andere Weise
zum Gemeinwohl beizutragen. Turner schlug deshalb eine neuartige
Rangliste vor, eine Rangliste der freigiebigsten Philanthropen
auf dieser Welt. Gäbe es eine solche Liste, fügte Turner
hinzu, wäre vielleicht auch Bill Gates schon spendierfreudiger.
Doch
die Dinge werden fragwürdig, wenn durch Philanthropie direkte
Eingriffe in Politik, Kultur und sogar Religion erfolgen. Dies
aber geschieht in wachsendem Umfang. Oskar Lafontaine zitiert
in seinem neuen Buch den amerikanischen Soziologen Norman Birnbaum:
"Die internationale Elite der multinationalen Konzerne beherrscht
nicht nur die Produktionsmittel, sondern inzwischen auch die Mittel
zur politischen Willensbildung."
Milliardäre
bestimmen - mittels eines Geflechts von Stiftungen und Organisationen
und durch die Informationsindustrie - das Bildungswesen ganzer
Länder; ihnen gehören Privatuniversitäten, grosse
Teile des Gesundheitswesen, die wichtigsten Zeitungs-, Fernseh-
und Filmkonzerne. Sie verfügen über Privatarmeen. Wissenschaftliche
Berater, Kunst- und Kulturstrategen, Politiker werden ohne grosse
Umstände 'eingekauft'. Ein amerikanischer Präsident
ist wahrscheinlich billiger zu haben als eine ordentliche 70-Meter
Luxusmotoryacht. Unter der Überschrift 'Der gekaufte Präsident'
schreibt die Süddeutsche Zeitung: "Es wäre naiv
zu glauben, dass ein Kandidat oder eine Partei Millionen sammelt,
um anschliessend nur die eigenen Ideale und Programme zu verfechten...Ein
Wahlkampf, der auf Dollar gebaut ist, lässt dem zukünftigen
Präsidenten der USA gar keine andere Wahl, als sich letztlich
erkenntlich zu zeigen."
So
fragen wir zum Schluss: Wie nützlich sind Milliardäre?
Haben sie eine legitime Rolle in der Welt? J.
Bradford DeLong, ein amerikanischer Ökonom, der sich
sehr nüchtern mit diesen Fragen auseinandergesetzt hat, kommt
zu folgendem Schluss: "Wenn wir eine Lehre ziehen können,
so diese: es ist durchaus möglich, dass durch eine vernünftige
Politik die Akkumulation exzessiven Reichtums eingedämmt
wird. Wir alle haben es im Gefühl, dass eine extrem ungleiche
Gesellschaft eine hässliche Gesellschaft ist. Mir persönlich
ist zum Beispiel hinsichtlich der Verteilungsstruktur des Reichtums
das Amerika des Jahres 1975 viel lieber als das heutige."
Nun,
die Reichen sind, fast wie Aliens, seit Jahrtausenden unter
uns. Und es waren ja nicht nur Religionsgründer, welche immer
wieder die Frage gestellt haben, wie wir mit diesen 'Ausserirdischen'
- die z.B. auf Megayachten mit Namen wie 'Battered Bull' die Weltmeere
durchqueren - umgehen sollen. Vielleicht wollen sie, ganz wie
ET, auch nur 'nach Hause'. Wie können wir ihnen helfen? Kann
man wirklich nur entweder Geld machen oder Mensch
sein?