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      Nr. 48/1999
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Die "Warum-nicht-Gesellschaft"

Die postnationale Gesellschaft und ihre Feinde: Globalisierung und Politikverlust, intellektuelle Enthemmung und die neue Beliebigkeit bedrohen die Freiheit. Die Zukunft der Demokratie (Teil 3)  Von Ulrich Beck

Was kommt nach Rot-Grün? Nach New Labour? Wenn die Politik der linken Mitte in Europa gescheitert ist? Meine Vermutung: Es kommen neue Totalitarismen des "Warum eigentlich nicht?", die überall, nicht nur in Österreich oder der Schweiz, an die Macht drängen. Um dies zu begründen, stelle ich die Frage nach dem Ort des Politischen in der Zweiten Moderne.

Seit der Antike wird Demokratie territorial, das heißt in der Gleichsetzung von Raum, Staat und politischer Gemeinschaft, gedacht und praktiziert. Die frühgriechischen
Ulrich Beck lehrt Soziologie in München und London. Eines seiner bekanntesten Bücher ist "Risikogesellschaft". Soeben erschien: "Die Zukunft von Arbeit und Demokratie". Beck ist Herausgeber der "Edition Zweite Moderne"
Stadtstaaten, aber auch die historisch jungen Nationalstaaten der Gegenwart sind vernetzte Territorialstaaten. Mit dem Siegeszug des nationalen Projekts der Moderne während der letzten 200 Jahre zerfällt die Menschheit in politische Räume und Einheiten, die als gegeneinander abgegrenzte Territorialgesellschaften mit einer nationalen, sprich: territorialen Identität gedacht werden. Entsprechend erkennen Nationalstaaten keine Autorität über sich an.

Dies gilt jedoch nicht im Binnenverhältnis, wie das Ordnungsschema des Föderalismus zeigt: Die kleinste politische Territorialgemeinschaft ist die Gemeinde, diese wiederum ist Teil der Region, die ihrerseits Teil des Zentralstaates ist. Diese durch die Geografie vorgegebene Verantwortungspyramide ordnet das politische Leben. Föderale Demokratie heißt, es gibt eine gestaffelte Raumordnung der kommunalen, der regionalen und der nationalen Solidarität, und auf jeder dieser Ebenen setzen Bürger (sprich: Territorialbürger) Prioritäten, schlichten Konflikte und treffen verbindliche Entscheidungen.

Dies ist meine zentrale These: An allen Begriffen und Institutionen des Politischen klebt immer noch die Scholle. Das herrschende nationale Verständnis von Demokratie, Staat, politischer Gemeinschaft, Souveränität, Gewaltmonopol, Steuerhoheit, Föderalismus, Gemeinde, Öffentlichkeit, Parlament, Bürgerrechten und Bürgern hat eine territoriale Prämisse. Der Mainstream der politischen Theorie der Gegenwart beruht auf einer obsessiven Gleichsetzung von Ort und politischem Selbst.

Daraus folgt meine zweite These: Dieses territoriale Apriori des Politischen zerfällt in dem Maße, wie sich die postnationale Gesellschaft herausbildet. Das heißt: Wenn sich das Zusammenleben aus räumlicher Bindung löst, wenn eine Woge transnationaler Mobilität von Menschen, Wirtschaft und Risiken das territoriale Apriori aufhebt, dann ändert sich alles. Darum lautet die entscheidende Frage, ob die Demokratie diese Revolution überlebt und eine Transformation des Politischen möglich ist. Und was geschieht, wenn sie misslingt?

Der große Denkerabschied von der Politik, die Wahlverwandtschaft von Postmoderne, Systemtheorie und Neoliberalismus haben diese Frage nach der "Erfindung des Politischen" in der postnationalen Ära voreilig aus dem Katalog der ernst zu nehmenden Fragen gestrichen. Wer trotzdem nach der Renaissance des Politischen fragt, setzt sich dem Gespött der Secondhand-Denker aus. So bietet sich auf den Bühnen der Politik und der Politikwissenschaft (mit bemerkenswerten Ausnahmen) dasselbe Bild: Der protektionistische Reflex beherrscht in allen politischen Farben die Szene. Die einen wollen die Nation, die anderen die Demokratie, die Dritten den Sozialstaat, die Vierten die Natur retten. Doch alles Erstrebenswerte - Nation, Demokratie, das soziale Gewissen und der Umweltschutz - hängt, folgt man der herrschenden Einbildung, am territorialen Verständnis des Staates und ist mit dessen Gefährdung gefährdet. Dies ist umso erstaunlicher, als das Experiment Europa nur im Ausbruch aus dem territorialen Politikverständnis gelingen kann.

Was also heißt "postnationale Gesellschaft"? Zunächst bedeutet es eine Globalisierung der Biografien, was den Kurz- und Kettenschluss von der Hautfarbe auf Herkunft, Sprache, Pass, auf nationale Identität und Loyalität zum Fehlschluss macht. Ein Epochenbild der Gesellschaft veraltet. Wird Gesellschaft in der ersten, nationalen Epoche der Moderne als staatlich organisierter "Behälter" gedacht, so wird in der postnationalen Zweiten Moderne diese Gleichsetzung von Territorium, Gesellschaft und politischer Identität entkoppelt. Nietzsche spricht hellsichtig vom "Zeitalter der Vergleichung" und meint damit, dass der Einzelne nicht nur zwischen verschiedenen Traditionsangeboten wählen und wechseln kann. Vielmehr können und müssen die Kulturen der Welt - im Grenzfall - an jedem Ort zu jedem Zeitpunkt nebeneinander durchlebt und insofern verglichen, aufeinander bezogen, füreinander verständlich gemacht, also über-setzt werden.

Wer wissen will, wie weit ein Land, beispielsweise Deutschland, schon postnational geworden ist, der kann aus alledem erste Spuren herauslesen: wenn deutsche Polizisten türkische Namen tragen; wenn Schwarze bayerisch sprechen. Wenn von der nationalen Zugehörigkeit des Unternehmens nicht mehr auf die nationale Zugehörigkeit der Mitarbeiter geschlossen werden kann. Wenn binationale Ehen (bereits jede sechste Ehe in Deutschland) zunehmen. Heute entstehen selbst in evangelischen und katholischen Kleinstädten neben den "deutschen" Kirchen auch "deutsche" Moscheen. Muslimische Bundeswehrsoldaten (inzwischen circa 5000) fordern ihren Iman. Zu Ende gedacht: wenn auch in Deutschland Universitätseliten, Polizeiverbände, Betriebsräte, Richter, Parlamentarier und Regierungen sich die so genannten "nationalen" Fußballweltmeistermannschaften (Frankreich!) zum Vorbild nehmen.

Postnationale Gesellschaft heißt Globalisierung von innen. Die Menschen handeln international, arbeiten international, heiraten international, die Kinder werden international, das heißt mehrsprachig und im generalisierten Nirgendwo des Fernsehens und Internet erzogen; und auch politische Identitäten und Loyalitäten gehorchen nicht mehr dem Gebot der nationalen Loyalitätsmonogamie. Doch Transnationalität ist nicht nur ein Privileg der Global Players.Gerade auch Randgruppen, Ausgeschlossene und Illegale spannen gegen Diskriminierungen mit bewundernswerter Kreativität den transnationalen Bogen. Für alle gilt die neue Soziallogik der Nahentfernung: Nicht der Ort stiftet Gemeinschaft, denn im Ort herrschen oft Isolation, Hass, Gewalt. Nur in der Aufhebung der Entfernung, die die elektronisch vernetzte Welt ermöglicht, gewinnt das Hier-wie-dort-Leben - vielleicht - sozialen Halt und Sinn.

Viele fürchten, dass in der postnationalen Gesellschaft der Staat, die Stadt immer weniger ihren Bürgern gehört. Am Ende entsteht eine Gesellschaft ohne Bürger und damit eine Nichtgesellschaft. Ohne dem Multikulti-Trugschluss der Weltsozialarbeiterharmonie aufzusitzen, kann man sagen, dass dieser Furcht der Denkfehler des territorialisierten Politikverständnisses zugrunde liegt. Wenn Völker und Territorien ihre nationalstaatlich organisierte Liaison lockern, stirbt nicht die Politik, sondern deren territoriales Selbstverständnis, und es beginnt die Sinnflickschusterei ohne Traditionsblaupause, das Suchen, Erfinden, Überbrücken - und das Erschrecken darüber, die gewalttätige Angst dagegen. Es beginnen die postnationale Gesellschaft und ihre Feinde.

In der postnationalen Gesellschaft überschneiden und verstärken sich Globalisierung und Individualisierung. Jeder muss im Schleudersitz der eigenen Biografie selbst die Frage beantworten: Wer bin ich? Und doch bedeutet Individualisierung Politisierung. So haben sich in den USA und Europa in Reaktion auf sexuelle Zügellosigkeit Kreise junger Frauen gebildet, die sich von Männern nur nach vorgegebenen Regeln verführen lassen: Küsse nur, wenn du vorher gefragt wurdest, ob du küssen willst! Berührungen müssen einer erogen-körperzonengestaffelten Rangskala folgen. Man könnte meinen, hier wird das Frauen-Nein-Ja reetabliert, die "Natürlichkeit" der Geschlechterverhältnisse wieder freigelegt. Doch das ist ein Irrtum. Die Konventionen, die errichtet werden sollen, setzen den Zusammenbruch der Konventionen voraus, sind bewusste, politische Konstruktionen der Retabuisierung. Wo die Grundlagen des Zusammenlebens entscheidungskontingent werden, sind Grenzen und Tabus nur noch politisch als Selbstbegrenzung möglich. Selbst unsere vermeintlich innersten Impulse und sichersten Zuschreibungen werden als etwas Gewähltes erfahren.

Was aber bedeutet es, wenn Paarbeziehungen, also Arbeitsteilung, Sexualität, Männlichkeit und Weiblichkeit, nicht mehr auf eine vorgegebene Natur gegründet werden können, sondern unter der Dauerforderung von Gerechtigkeit, Perspektiven- und Rollenwechsel - aber ungleich! - praktiziert werden müssen? Was bedeutet es, wenn Kinder nicht mehr als gott- oder naturgegebenes Fatum, sondern als elterliche Dauergestaltungsaufgabe mit antizipiertem Vorwurfsrecht der hergestellten Kinder auf eingebaute Produktmängel - und als grundrechtlich geschützte Kleinerwachsene, Zukunftserwachsene wahrgenommen und behandelt werden müssen? Wenn die emotionale Anspruchsdemokratie in den Sog prekärer Arbeit und radikaler Ungleichheit gerät? Bedeutet das Aufstand oder Rückzug? Massendemonstration oder Massenentlassung des Ehepartners, also Massenscheidung? Kann es überhaupt ohne gewollte und bewusste Transzendenz eine Bindung zwischen Ich und Ich geben? Wo also liegen die Grenzen der Individualisierung?

Grenzen der Individualisierung werden nicht zuletzt durch diese selbst gesetzt und multipliziert: Je mehr Menschen sich individualisieren, desto mehr Menschen erleiden die Individualisierung anderer (Scheidung, getrennte Elternschaft, doppelte Karriere). Was sind die Konsequenzen der Individualisierung für die Parteiendemokratie? Sind individuelle Selbstbestimmung und kollektive Selbstregierung überhaupt vereinbar? Der politikwissenschaftliche Mainstream geht von der Deckungsgleichheit von Sozialstruktur und politischem System aus, was sich - wie Michael Greven zeigt - in drei Prämissen fassen lässt: Kollektivität der Interessen (was deren Organisationsfähigkeit gewährleisten soll); klare Loyalitätsbindungen zwischen Parteien und sozialen Milieus; und schließlich die Priorität nationaler Identität.

Genau diese Prämissen - Kollektivität, Loyalität, nationale Identität - zerfallen aber mit fortschreitender Individualisierung. Es zeichnet sich eine Gesellschaft mit schwindenden Parteibindungen und postnationaler Mehrfachidentität ab. Das generalisierte Vertrauen schlägt um in generalisiertes Misstrauen. Die Nichtpartei der Nichtwähler wird mehrheitsfähig, wobei sich das Zentraldilemma staatlicher Politik als Scherenentwicklung fassen lässt: Die Handlungsspielräume nationalstaatlicher Politik schrumpfen gegen null, während der Handlungsbedarf exponentiell steigt.

Doch wer sagt, dass die Welt nun unpolitisch wird, irrt. Im Gegenteil: Sie ist zu einem anarchischen Fest von Revolutionen geworden, weil sich zu der Bastelrevolution im Untergeschoss des Häuslichen die außerpolitische Globalisierungsrevolution der Wirtschaft gesellt. Dieses verteufelte Globalisierungsgespenst möchte ich mit dem Lasso einer (ironisch gemeinten!) Metapher einfangen: Etwa ein Jahrhundert lang haben Staat, Wirtschaft und Gewerkschaft im Sandkasten der Nationalgesellschaft Backe, backe Kuchen gespielt und dabei gelernt, zivilisierter miteinander umzugehen. Das heißt, man hat sich am Ende die Sandkuchen wechselseitig nur noch nach den Regeln der Tarifautonomie und des Steuerrechts von der Schippe genommen. Plötzlich hat die Wirtschaft einen Riesenbagger geschenkt bekommen und räumt den ganzen Sandkasten ab. Staat und Gewerkschaft sind sitzen geblieben und rufen nach der Mami.

Der Machtkampf zwischen Wirtschaft und Staat als Katz-und-Maus-Spiel

Dieses Bild kann zum einen bedeuten: Politik und Gewerkschaften sollten von der Wirtschaft lernen, wie das neue Machtspiel Globalisierung tickt, damit sie auch aus der Sandkasten-Axiomatik territorialen Handelns ausbrechen und der Wirtschaft Paroli bieten können. Das Bild lässt sich aber auch zur Klärung der neuen Lage ausdeuten, das heißt: mit dem Ziel, eine Unterscheidung von territorialer und entterritorialisierter Machtbildung einzuführen. Anders gesagt: Durch die Revolution der Telekommunikation lösen sich die Verkehrswege vom Territorium. Nicht die nationalstaatlichen Grenzen werden durchlässiger, sondern der Raumbegriff selbst wird revolutioniert. Nicht die Herrschaft über ein Territorium ist fortan wichtig, sondern der Zugang zum Netz.

Gewiss, Handeln im elektronischen Netz ist nicht als solches machtbildend, sehr wohl aber zum einen im Gegenüber zur territorialen Macht von Staat und Arbeit, zum anderen in Kombination mit den Machtressourcen des Kapitals. Handeln im Netz ermöglicht eine schwerelose Mobilität - das Hier-wie-dort-sein-Können. Dadurch wandelt sich das Sandkastenspiel von Wirtschaftsmacht und Staatsmacht in ein Katz-und-Maus-Spiel. Die "Katze" Wirtschaft kann mit ihren Investitionen die Lebensadern der nationalen Politik und Gesellschaft - Arbeitsplätze und Steuern - schaffen oder abschaffen. Das Maus-Sein der Staatsmacht liegt in dem begründet, was einst die Stärke des Staates ausmachte: der Territorialbindung. Dem Ausspielen der Staatsmäuse gegeneinander in den Überlebensfragen Steuer und Arbeitsplatz haben diese wenig entgegenzusetzen, solange sie "national", das heißt "souverän", als vereinzelte Territorialmaus handeln. Daher ist das politische Europa die experimentelle Antwort auf Globalisierung.

In einem zentralen Punkt ist die Metapher des Katz-und-Maus-Spiels allerdings falsch: Diese Katze will die Maus gar nicht fressen. Das heißt: Die Macht der Staaten wird nicht durch Eroberung, sondern durch Entzug unterlaufen, übertrumpft, gebrochen. Nicht Imperialismus, sondern Nichtimperialismus, nicht Einmarsch, sondern Ausmarsch der Investoren bilden den Kristallisationskern globaler Wirtschaftsmacht. Nicht die Eroberung, die Nichteroberung droht dem Nationalstaat. Die entterritorialisierte Macht der Wirtschaft beruht also auf dem Gegenteil dessen, woraus der Territorialstaat seine Macht schöpft: kein Militär, keine Gewaltmittel; ja nicht einmal Legitimation. Weder Regierung noch Parlament müssen dem Entzug oder Einzug der Investoren zustimmen. Heißt das, die globale Wirtschaft handelt illegitim? Keineswegs, vorsätzliche Nichteroberung ist weder zustimmungspflichtig noch zustimmungsfähig.

Vorsätzliche Nichteroberung - in dieser Formel liegt auch die Antwort auf die Frage verborgen, woher die Politik der entterritorialisierten Wirtschaft ihre Durchsetzungsmacht nimmt: aus einer Politik der vollendeten Tatsachen. Das kann man sich an einem Parallel-Akteur, nämlich der globalisierten Wissenschaft verdeutlichen, beispielsweise anhand der Ethikfragen, welche die Humangenetik heraufbeschwört. Von Eugenik ist die Rede oder von der Philosophenmeinung, man könne den "Menschenpark" derart genetisch runderneuern, dass er aus der Kriechspur des Gemeinen emporgehoben wird ins Denkquadrat der Philosophen. Die genetische Verallgemeinerung dieses oder jenes Philosophen mag man als Horror ansehen oder als Glück verkünden (und sich fragen, ob die Menschheit dadurch zu retten ist, dass jede Berufsgruppe sich selbst zum genetischen Designerziel für alle anderen [v]erklärt).

Aber darum geht es nicht. Entscheidend ist, dass wir uns die Köpfe heiß reden können, während die anthropologische Weltveränderung der Humangenetik sich als frei laufende Politik durch Schaffung unvollendeter Tatsachen vollzieht. Nach der Logik der Globalisierung: wenn nicht hier, dann dort. Also hier. In der öffentlichen Erörterung von Folgen technischer Neuerungen hat sich ein Totschlagargument bewährt: Warum etwas problematisieren, das ohnehin kommen wird? So wird die Ethik eine Art Fahrradklingel am Interkontinentalflugzeug des humangenetischen (oder eines anderen) Fortflugs.

Dasselbe gilt für Investitionsentscheidungen des Kapitals: Es wird öffentlich gezetert, während sich die im elektronischen Weltraum schwerelos gewordenen Investitionsentscheidungen nach den Gesetzen der Macht vollziehen, die derjenige besitzt, der durch Handeln Fakten schafft - anonym und verantwortungslos. So unterliegen die Staaten immer stärker einer externen Kontrolle durch Finanzeliten, deren Interesse an einem Land rasch aufblühen und ebenso rasch verwelken kann. Jede Steuer, jeder regulierende Eingriff der Politik wird zu einem Argument für den Rückzug von Investoren. Doch auch Investoren benötigen Infrastrukturen: Verkehrssysteme, Schulen und Universitäten, demokratische Lebensqualität, brave, zur Selbstausbeutung bereite Mitarbeiter - alles Dinge, die erhebliches Geld kosten und letztlich doch vom Staat bereitgestellt werden müssen. Dies wiederum gelingt aber nur durch Steuererhöhung, was wiederum Investoren vertreibt. Diese Art der doppelten Bestrafung hat man bislang nur bei Ratten im Experiment erforscht. Was für sie Politik heißt, kann am laufenden Realexperiment abgelesen werden.

Wer in dieser Lage - ironisch - die Karl-Jaspers-Frage nach der geistigen Situation der Zeit stellt, kann ein entscheidendes Stichwort nennen, das die Explosivität unserer Lage kennzeichnet: Grundlagenkontingenz. Das besagt: Uns Menschen ist etwas Wesentliches verloren gegangen - die Nichtentscheidung. Nicht nur Natur und Menschennatur, die metaphysische Unterscheidung zwischen den Geborenen und dem Gemachten, zwischen Mensch und Maschine, Krieg und Frieden, auch die territoriale Axiomatik von Politik und Demokratie ist unwiderruflich in die Entscheidung geraten. Grundlagenkontingenz, anders gewendet, heißt Entscheidungszwang. Von nun an ist auch die Nichtentscheidung nur noch als Entscheidung möglich. Die Politisierung anthropologischer Gewissheiten kann nur noch politisch, aufgrund entschiedener Tabus, begrenzt werden.

Die Grundlagenkontingenz wirbelt die Frage nach neuen Totalitarismen des "Warum eigentlich nicht?" auf. Wer sich den organisierten Wahnsinn, den entsetzlichen Blutzoll, den Horror der staatlichen Zerstörung der menschlichen Würde im 20. Jahrhundert vergegenwärtigt, den muss diese Frage zutiefst beunruhigen. Denn wann immer diese Republik in den letzten Jahren über ihre geistigen Grundlagen stritt, dann war es eine Warum-eigentlich-nicht-Frage, die zum Streit anstachelte: Warum eigentlich nicht den Holocaust mit dem stalinistischen Terror gleichsetzen und relativieren? Warum eigentlich nicht den verklemmten deutschen Selbsthass abstreifen und sich neu für das "Verhängnis", das der Geschichte innewohnt, öffnen? Warum eigentlich nicht das Gedenken an den Holocaust aus dem öffentlichen in den privaten Raum verlagern und zur Gewissensentscheidung des Einzelnen erklären? Warum eigentlich nicht die Misere des posthumanen Menschen durch die Mobilisierung der humangenetischen Reparaturfantasie abwenden?

Diese Fragenpalette lässt sich weiter ausmalen: Warum eigentlich nicht Kapitalismus ohne Demokratie wagen? Warum eigentlich nicht die sowieso veralteten Institutionen nationalstaatlicher Demokratie so abschleifen, sprich: reformieren, dass die großen Zukunftsprobleme - Arbeitslosigkeit, Renten, Steuern - endlich technisch effizient mit dem konzentrierten Sachverstand der Besten zum Nutzen aller gelöst werden? Warum eigentlich nicht, wenn Kinderschänder, gewalttätige Jugendliche und der Zerfall der Renten um sich greifen, den Ordnungsstaaten folgen und die Täter mit öffentlichen Stockschlägen bestrafen? (Die SPD würde sich rühmen, dass sie eine Begrenzung auf 15 Stockschläge und die freie Arztwahl durchgesetzt hat.)

Es wäre ein schwerer Fehler zu verkennen, dass der moderne Staat zwar im Hinblick auf seine materiellen Handlungsspielräume und demokratischen Qualitäten geschwächt ist, zugleich aber im Hinblick auf autoritäre Handlungsmöglichkeiten neu ermächtigt wird. Die Möglichkeiten, auf demokratischem Weg Konsens zu erzielen, schwinden. Jedoch das staatliche Potenzial, Entscheidungen zu erzwingen - der Einsatz von Gewalt, Recht und informationstechnologischer Kontrolle - wird modernisiert und gesteigert. Auf diese Weise ist es greifbar geworden, den demokratischen Machtverlust - bei Wahrung demokratischer Fassaden! - autoritär zu konterkarieren. Der Epochenzwitter "demokratischer Totalitarismus" droht.

Der Hunger nach Grenzen und Strukturen wird unstillbar in dem Maße, wie diese sich auflösen. Grundlagenkontingenz und Tabula-rasa-Modernisierung maximieren das Potenzial für Massenmobilisierung. Der deutlich erkennbare massenmediale Cäsarismus erlaubt es, das plurale Gefüge der Veto-Mächte - Parteien, Gewerkschaften, Parlamente - zu unterlaufen. Die postmoderne Entbindung von Rationalität und Moral begünstigt eine posthumane, postdemokratische Enthemmung. Die allseits geforderte Effizienz der staatlichen Gewalt- und Kontrollmittel schnürt schon heute Grundrechte ein. Es ist dieser aufgebrochene Möglichkeitsraum staatlicher Machtentfaltung nach innen, in dem die Warum-eigentlich-nicht-Frage ihren "totalitären Charme" entfaltet. Diese Frage als faschistisch zu brandmarken, ist nicht nur historisch falsch, sondern auch deswegen, weil der genaue Blick auf die verführerische Kraft des Totalitären verstellt wird.

Das technisch Mögliche schafft die Moral

Tabubruch von rechts: Die Warum-eigentlich-nicht-Frage ist eine typische Konvertitenkonstruktion. Die im Geist der Aufklärung Geschulten wappnen sich mit der Verführungskraft spielerischer Grenzüberschreitung, um politisch wirksame Aufklärungspostulate abzuräumen. Die Raffinesse der Frageform erlaubt es, den Spieß umzudrehen. Die Aufklärer von gestern sollen in die Falle der Gegenaufklärung tappen; Der Tabubrecher als Tabuisierer - diese Selbstinszenierung, Selbstentlarvung wird vorgezeichnet mit der höflichen Geste: Nun antworte doch mal!

Modernisierungskonformismus: Entsteht der Reiz aus dem gewendeten Tabubruch, so entsteht die Wirkmächtigkeit der Warum-eigentlich-nicht-Frage aus ihrer Modernisierungskonformität. Die Frage stellt sich in den Dienst des Stärkeren, dessen, was vermeintlich sowieso geschieht. Globalisierung verwandelt Politik und Demokratie in Zombies - warum dem noch mit der Frage nach kosmopolitischer Demokratie nachjammern? Das technisch Mögliche schafft die Moral. Nicht umgekehrt. Dieser Realismus erleichtert das Gewissen. Im Sog der Goldgräberstimmung, welche beispielsweise die Humangenetik erzeugt, kehrt sich die Beweislast um: Nicht die Enthemmung, die moralische Resthemmung wird begründungspflichtig gemacht.

Die Macht der fehlenden Maßstäbe: Die Frage "Warum eigentlich nicht?" bedeutet die machtstrategische Umkehrung der Not eines Zeitalters, dem verbindliche Maßstäbe abhanden gekommen sind. Nicht Religion, nicht Natur, nicht Vernunft, nicht Moral, nicht wissenschaftliche Rationalität - dann bleibt nur noch die Aufforderung: Warum eigentlich nicht! Dies kann allerdings auch die Frage desjenigen sein, der lange nach einem objektiven Halt suchte und mit leeren Händen zurückgekehrt ist. Die Ratlosigkeit des einen ist die Durchsetzungsmacht des anderen.

Neue Einfachheit: Die Verhältnisse sind kompliziert geworden. Das weiß heute schon jede Siebenjährige, die ihren Tagesablauf zwischen den geschiedenen Eltern einrichten muss. Entsprechend wächst die Sehnsucht nach neuer Einfachheit. Diese stillt die Warum-eigentlich-nicht-Frage durch einen Trick: Man folgt der postmodernen Rationalitäts- und Humanitätskritik und spricht sich damit selbst von Begründungszwängen frei. Nachdem man das hohe Gericht der Vernunft abgeschafft hat, lässt sich ungeniert abenteuerlicher Naturalismus oder krudester Nationalismus wiederbeleben. So gleicht der Griff in die Kostümkiste der Postmoderne dem Griff nach dem Ursprung. Hier wie dort werden Uraltdenkrezepte neu aufgetischt und wird die Kritik daran abgeschmettert, einmal mit dem Hinweis auf das Wesen der Sache, das andere Mal mit dem Hinweis auf das Ende von Rationalismus, Humanismus und so weiter.

Territoriale Unvernunft: Ob die weltweite Verteidigung der Menschenrechte als "terroristischer Akt in Friedenszeiten" verteufelt wird, ob die "Dämonisierung des Nationalen, das angeblich im ius sanguinis nistet" beklagt und eine neue nationale Unbekümmertheit herbeibekümmert wird - immer triumphiert die territoriale Unvernunft. Gegen die postnationale Offenheit werden Bilder der geschlossenen Gesellschaft ausgespielt - und wird nicht etwa die Verbindung von Nationalität und Weltbürgertum zukunftsweisend erinnert, wie sie Goethe, Nietzsche, Heine, Brecht und Thomas Mann vorgedacht haben. Doch Nationalismus ist nichts anderes als die postmoderne Rückkehr zu den Ursprüngen und in der globalen Ära illusionär und brandgefährlich.

So werden in der Warum-eigentlich-nicht-Frage - wie bei Jugendbanden in der South Bronx - die Beißreflexe des zerfallenden territorialen Selbst ausagiert und politisch enttabuisiert. In diesen "Bocksgesängen" ist das Schweigen über demokratische Freiheit vielsagend und bedrohlich. Niemals kann ein Zuviel an politischer Freiheit totalitäre Herrschaft begründen. Immer aber beginnt dort, wo über die Freiheit der Individuen öffentlich geklagt und diese unwidersprochen abgewertet wird, ihr Ende.

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© beim Autor/DIE ZEIT 1999 Nr. 48
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