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Andreas Hess

Akademische Konkurrenzen

Wider die Legendenbildung: Zum Verhältnis von C. Wright Mills und Hans Gerth

Für diejenigen, die sich mit Biographie und Werk des amerikanischen Soziologen C. Wright Mills (1916- 1962) befassen, ist das Texas History Archiv in Austin die heilige Pilgerstätte, die man besucht haben muss. Dort werden unzählige Briefe und nachgelassene Manuskripte des aus der Provinz stammenden Mills (ironisch hatte er sich selbst häufig als texas outlander bezeichnet) aufbewahrt. Wahre Schätze des Autors so bekannter Klassiker wie The Power Elite (1956) und The Sociological Imagination (1959) sind noch zu heben.

Nicht immer haben Forschungsaufenthalte in Austin allerdings zu sehr brauchbaren Resultaten geführt. Der Mills-Biographie von Irving Luis Horowitz (C. Wright Mills. An American Utopian, Free Press 1983) zum Beispiel hätte man mehr Hang zum Detail und weniger politischen Kommentar gewünscht. Wichtige und detaillierte Forschungsbeiträge wie die unübertroffen, aber leider auch unvollendet gebliebene Biographie des in Stanford lehrenden Amerikanisten Richard Gillam (Dissertation, Stanford 1972) sind dagegen nie in Buchform erschienen.

Von der New York Times bis zur New Left Review ist nun, fast 30 Jahre nachMills frühem Tod, in den amerikanischen Zeitungen eine neue Welle der Mills-Rezeption und -diskussion zu beobachten. Unmittelbarer Anlass sind zwei neue Veröffentlichungen, die aus dem Mills-Nachlass schöpfen: Es handelt sich zum einen um eine Studie der amerikanischen Soziologen Guy Oakes und Arthur Vidich, in der die verschiedenen Aspekte der Zusammenarbeit zwischen dem deutschen Exilanten Hans H. Gerth und C. Wright Mills untersucht und kommentiert werden (Collaboration, Reputation, and Ethics in American Academic Life: Hans H. Gerth and C. Wright Mills, University of Ilinois Press 1999). Weiteres Aufsehen erregten die von Mills Töchtern Kathryn und Pamela Mills herausgegebenen nachgelassenen Briefe und autobiographischen Aufzeichnungen (C. Wright Mills: Letters and Autobiographical Writings, University of California Press 2000).

Oakes und Vidich arbeiten in ihrer Untersuchung heraus, dass sich Mills und Gerth in höchst unterschiedlichen Lebensetappen befanden, als sie sich 1940 in Wisconsin zum erstenmal begegneten. Der Ph.D. Student C. Wright Mills hatte gerade Texas verlassen, um sein Postgraduiertenstudium in Wisconsin fortzusetzen. In Madison machte er die Bekanntschaft mit einem Professorentypus, den er für ausgestorben gehalten hatte: Hans Gerth war für den wissbegierigen Mills so etwas wie eine wandelnde Bibliothek. Als Schüler von Karl Mannheim, der zudem mit soziologischen Klassikern wie Max Weber vertraut war, verkörperte Gerth das Modell des europäischen Gelehrten - den deutschen Mandarin, dessen Leben allein dem interesselosen Wissensfortschritt gewidmet schien.

Gerths akademische Laufbahn dagegen war, als er mit Mills zusammentraf, an einem Punkt angekommen, an dem es ans "Eingemachte" ging. Um im amerikanischen Universitätssystem zu überleben, war der Habitus des genialen deutschen Professors wenig hilfreich. Nach dem späten Verlassen Nazi-Deutschlands und einer Odyssee, die ihn über London und New York führte, war Gerth in der amerikanischen Provinz angelangt und musste seinen Lebensunterhalt in einer fremden Welt bestreiten, in einer Sprache und Kultur, in denen er niemals heimisch werden sollte.

Die Sprachgewandtheit seines neuen Schülers C. Wright konnte sich angesichts dessen als hilfreich erweisen und neue Perspektiven eröffnen. Die engere Zusammenarbeit begann 1940/41 mit einem großen Projekt, der Übersetzung der wichtigsten Texte Max Webers ins Englische, verbunden mit einer umfangreichen Einführung. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die amerikanische Weber-Rezeption darunter gelitten, dass mangels Ubersetzung ein direkter Zugang zu den Texten nicht möglich war. Talcott Parsons hatte durch seine Ubersetzung der Protestantischen Ethik 1930 wichtige Vorarbeit für die Rezeption Webers geleistet, und sein Kollege Edward Shils mühte sich an einer amerikanischen Übersetzung weiterer Texte ab, als Mills und Gerth plötzlich aus der Provinz auftauchten. Mit der Oxford University Press hatte Mills den richtigen Verlag angesprochen. Die Arbeitsteilung bei der Übersetzung war von vorneherein klar: Gerth übersetzte aus dem Deutschen, während Mills die Rohübersetzung in ein geschliffenes amerikanisches Englisch brachte.

In der Schilderung dieser Zusammenarbeit durch Oakes und Vidich vermischen sich Darstellung und Werturteil. Ganz selbstverständlich gehen die Autoren davon aus, dass die meiste Arbeit in der Rohübersetzung steckte und dass das poli-shing bloß noch Kosmetik war, dass also Gerth die eigentliche Arbeit leistete und Mills' Rolle sich auf das Korrigieren und die Platzierung der Edition im Verlagsbereich beschränkte. Sie übersehen, dass der Erfolg der Gerth-Mills'schen Weber-Ausgabe darin bestand, dem Leser einen "amerikanischen" Weber zu präsentieren - ein Erfolg, der nicht zuletzt Mills zuzurechnen ist. Oakes und Vidich bedienen ein vertrautes Klischee: Der deutsche Genius macht die wertvolle, die wissenschaftliche Arbeit, und der amerikanische Maverick vermarktet sie. Kultur auf der einen, kapitalistisches und egoistisches Interesse auf der anderen Seite - dass Oakes und Vidich bereitwillig solche Vorurteile reproduzieren, ist der eigentliche Skandal ihrer Studie, nicht etwa die Schilderung der komplexen privaten und professionellen Beziehung zwischen Gerth und Mills.

Dieses Deutungsmuster wiederholt sich bei der Darstellung eines weiteren Projekts, an dem Mills und Gerth jahrelang arbeiteten, Character and Social Structure. Wieder erscheint Gerth als der Genius und Ideenspender, während Mills bloß poliert: amerikanische Oberflächlichkeit und deutscher Geist. Der Gipfelpunkt dieser eigenwilligen Deutung ist erreicht, wenn Oakes und Vidich sogar Mills' Studie über die neuen Mittelklassen, White Collar (1963), an der er fast zehn Jahre lang gearbeitet hatte, dem Mentor Gerth zumindest als intellektuelle Entdeckung zuschreiben wollen.

Dass dieses Bild eher der einseitigen Perspektive von Oakes und Vidich geschuldet ist, hat Russel Jacoby - selbst ehemaliger Student Gerths - in einer Rezension der New Left Review (No. 2, March/April 2000) deutlich gemacht. Jacoby erbost sich über die anmaßende Kritik von Oakes und Vidich, in der Mills in unehrenhafter Weise vom Genius Gerths kostet und es zudem wagt, den Mentor, was die Anzahl und den Erfolg der Buchveröffentlichungen angeht, zu übertreffen. Jacoby stößt sich zudem daran, dass der Leser nicht einmal darauf hingewiesen wird, dass Vidich als Herausgeber zweier Gerth-Editionen selbst ein Interesse an der intellektuellen Vergrößerung Gerths hat.

Mills selbst kann sich zu den Vorwürfen nicht mehr äußern. Warum jedoch er und nicht Gerth ein moderner Klassiker der Soziologie geworden ist, wird deutlich, wenn man seine von Mills Töchtern edierten nachgelassenen Schriften und autobiographischen Aufzeichnungen studiert. Die zahlreichen Briefe Mills lesen sich wie ein Kriminalroman, in dem der Autor und Held vorzeitig ablebt, nachdem er ein im Sinne Sartres existentialistisches Leben geführt hat: von Mills' erstem Deutschlandaufenthalt in einer Münchner BMW-Werkstatt über die Europatour mit Ralph Miliband im VW-Bus, die Gespräche mit polnischen Dissidenten und cubanischen Revolutionären, die beiden selbstgebauten Häuser, die zwölf Buchveröffentlichungen (darunter drei soziologische Klassiker und weitere Bestseller), die Besessenheit und den Wunsch, ein besserer, jargonfrei schreibender Soziologe zu werden - er kam zu einem Stil und einer Rhetorik, die ihn zum ersten Popstar der modernen Soziologie werden ließen - bis hin zu der Kritik an den akademischen Scheinwelten, an Schaumschlägerei und Selbstdarstellung, die Mills so sehr hasste. Hier ist ein Buch erschienen, dem man eine deutsche Ausgabe wünschen muss. Nachdem Mills in den 50er und 60er Jahren auch hierzulande auf eine ganze Generation von Soziologen und Politikwissenschaftlern prägenden Einfluss ausübte, wäre es an der Zeit, dass die Mills-Welle nun auch Frankfurt, Berlin, Wien und Zürich erreicht.

 

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Copyright © Frankfurter Rundschau 2000
Dokument erstellt am 11.09.2000 um 21:10:07 Uhr
Erscheinungsdatum 12.09.2000

 

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