Sebastian Herkommer

Von der Power Elite zur neuen Klasse der Bourgeois Bohemians

Thesen

Nach der durchaus unterhaltsamen Lektüre des amüsanten, witzig und geistreich geschriebenen Buches "BOBOS in Paradise" von David Brooks (Simon & Schuster: New York 2000) drängt sich geradezu auf, sich die Analyse der amerikanischen Machtelite von C. Wright Mills ("The Power Elite", Oxford University Press: New York 1956) wieder vor Augen zu führen, handelt es sich doch in beiden, immerhin um Jahrzehnte auseinander liegenden Fällen um den eher seltenen Versuch, die "upper class", die herrschende oder tonangebende Oberschicht derjenigen Gesellschaft zu beschreiben, die in ihrer materiellen, zivilisatorischen und kulturellen Entwicklung mindestens seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs am weitesten fortgeschritten ist und ein klareres Bild dessen vermittelt, was – begrüßt oder beklagt – in der übrigen kapitalistischen Welt sich durchsetzen konnte oder in Zukunft durchsetzen könnte. Eine Parallele dazu stellt die noch anhaltende Diskussion über die "underclass" dar, wo es zum einen um die inneramerikanische Debatte zur Angemessenheit der theoretischen und empirischen Fassung des Phänomens sozialer Ausgrenzung geht, zum andern um die Fragen, ob das Phänomen selbst, die begriffliche Fassung im Rahmen einer Klassentheorie und die politischen Folgerungen übertragbar sind auf andere Gesellschaften.

Ein Vergleich der "Power Elite" mit der sanften Elite der "Bobos", der Bourgeois Bohemians (oder Bohème-Bourgeoisie), erlaubt zweierlei aufzuzeigen, was für die Soziologie im allgemeinen und für kritische Zeitdiagnostik im besonderen von Interesse ist: Erstens die Wahrnehmung von realen Veränderungen der Herrschafts- und Klassenstrukturen im hoch entwickelten, in seiner Dynamik ungebrochenen Kapitalismus, hier besonders die Gewichts- und Bedeutungsverschiebungen, welche den ökonomischen und kulturellen Momenten des Strukturzusammenhangs zukommen und zugemessen werden. Es geht um die sich ändernde Bedeutung kultureller Hegemonie im Verhältnis zu den politischen und ökonomischen Grundlagen der Klassenherrschaft und darum, welche Rolle Familie, Schul- und Bildungssystem bei der Rekrutierung und Reproduktion der Eliten heute gegenüber früheren Dezennien spielen, ob überhaupt noch und auf welche Weise Privilegien und privilegierte Positionen im sozialen Raum vererbt werden.

Zweitens die Verschiebung der Stoßrichtung, mit der einst – von Mills – "a direct assault on the establishment" (Brooks: 27) geschrieben worden war, zum vergnüglichen, wie immer auch selbstironischen Einverständnis mit den bestehenden Verhältnissen. Zugespitzt: Von Mills zu Brooks führt der Weg von einer radikalen Position der Kritik zur Apologetik. Solche Verschiebung von Gesellschaftskritik zur Affirmation und Rechtfertigung muss nicht nur in expliziter Form vonstatten gehen – sie kann auch durch Fokussierung oder durch Weglassen oder durch den besonderen Ton der Interpretation geschehen.

Was schon C. Wright Mills an Thorstein Veblen geärgert hat, dass dieser nämlich in seiner Theory of the Leisure Class von 1899 sich nur lustig gemacht habe über all die grotesken Formen der conspicuous consumption, aber Entscheidendes bei der Analyse des Zusammenhangs von Prestige und Macht ausgeblendet blieb, kann womöglich auch auf Brooks angewandt werden (was in den mir bisher bekannten Rezensionen der "Bobos in Paradise" jedoch nicht geschehen ist). Mills hatte moniert: "Veblen laughed so hard and so consistently at the servants and the dogs and the women and the sports of the elite that he failed to see that their military, economic, and political activity is not at all funny." (Power Elite: 89)

Nun darf nicht der Eindruck entstehen, die Wahrnehmung von Veränderungen sei lediglich zurückzuführen auf den verschiedenen Blickwinkel der Beobachter, ob sie so etwas wie radikale Kritiker oder aber sanfte Apologeten sind. Die Spekulation mag hier hilfreich sein – auch für spätere Forschung -, sich zu fragen, was eine Analyse der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, der Herausbildung eines "Bobo capitalism" also (oder doch eher eines Shareholder-Kapitalismus), zutage fördern würde, wenn sie mit den Fragen und Methoden, mit den wissenschaftlichen Instrumenten und dem politischen Interesse eines C. Wright Mills vorgenommen würde, und umgekehrt: wie sich die sozialen Verhältnisse und Machtstrukturen, die kulturelle Produktion und Konsumtion sowie die Lebensstile der upper classes in den 5oer Jahren darstellen lassen, wenn dazu die Methoden von Brooks herangezogen werden und im übrigen die von Bourdieu, auf die er sich direkt und implizit bezieht.

Bei diesen Vorbemerkungen sollte die Frage nicht ausgelassen werden, inwieweit der Vergleich überhaupt zulässig ist angesichts des von Brooks ganz locker eingeräumten Verzichts auf Standards soziologischer Forschung: "There aren’t a lot of statistics in these pages. There’s not much theory. Max Weber has nothing to worry about from me. I just went out and tried to describe how people are living, using a method that might best be described as comic sociology." (Bobos:12) Das verschiedene Anspruchsniveau ist gewiss im Auge zu behalten. Daraus einen gravierenden Hinderungsgrund abzuleiten, die Studien aufeinander zu beziehen, halte ich aber nicht für angebracht. Vielmehr drückt sich auch darin ein Zeitphänomen aus: Dem bitteren Ernst eines radikalen nonkonformistischen Intellektuellen der 50er und 60er Jahre wären Comics nicht in den Sinn gekommen, um dem bitteren Ernst der Krise jener Jahre einen angemessenen Ausdruck zu geben.

Heißt das, dass wir in weniger ernsten Zeiten leben und der radikaldemokratische Nonkonformismus mit gutem Grund dem spaßig daherkommenden Einverständnis gewichen ist, wenn nicht achselzuckender Resignation oder ganz und gar zynischer Verachtung aller Veränderungsabsichten? Die Kluft könnte nicht tiefer sein – von allen Unterschieden der Methode unabhängig – als die zwischen der Verdammnis der "höheren Immoralität" und der "organisierten Unverantwortlichkeit" auf der einen Seite (Power Elite: 361) und der fröhlichen Versicherung auf der anderen Seite, dass es gut sei, in einer Bobo-Welt zu leben (Bobos: 270). Es ist die Kluft zwischen einem, der ausgeschlossen ist von der Macht und sich ihren menschenverachtenden Folgen widersetzt, und einem, der sich zugehörig fühlt zur neuen upper class und sich wohlfühlt in ihrer freieren und offeneren Lebensweise. Wir haben sie als symptomatisch zu verstehen. Als Symptom auch realer Verbesserungen für alle?