Tomke Böhnisch

Thesen zur Podiumsdiskussion "Die herrschende Schicht ist diejenige, deren Soziologie niemand zu schreiben wagt" (DGS 28. 9. 2000)

Ich habe tatsächlich gewagt, über die herrschende Schicht zu forschen. Die allgemeinste Frage dieser Untersuchung ist, wie sich soziale Ungleichheit und Machtstrukturen im Denken und Handeln von Individuen und in den von ihnen hergestellten Beziehungen konstituieren und reproduzieren. Aus diesen theoretischen Annahmen folgt ein bestimmtes methodisches Vorgehen, das in der Soziologie allgemein als Mikroanalyse bezeichnet wird: Ich habe in meiner Arbeit 20 Frauen interviewt, die mit Topmanagern verheiratet sind.

Die Männer dieser Frauen arbeiten als Geschäftsführer oder Vorstandsmitglieder im Dienstleistungssektor und in der Industrie. Sie haben nach dem Krieg ihre Berufslaufbahn begonnen und vor einigen Jahren die Spitze ihrer Karriere erreicht. Einige stehen bereits kurz vor der Pensionierung.

Die meisten Frauen sind schon lange mit ihren Männern verheiratet, aber ich habe auch zwei Frauen interviewt, die die zweite oder dritte Ehefrau ihres Mannes sind sowie eine Frau, die bereits seit einigen Jahren geschieden ist.

Die Frauen haben alle einen Beruf erlernt oder ein Studium abgeschlossen. Aber spätestens seit der Geburt ihres ersten Kindes sind sie nicht mehr berufstätig. Kurz gesagt: Sie sind Hausfrauen. Allerdings sind die Frauen zum großen Teil nicht von ihren Männern ökonomisch abhängig denn sie verfügen aufgrund ihrer familiären Herkunft über ein eigenes Vermögen.

Wer einmal versucht hat, für eine empirische Arbeit Interviewpartner zu gewinnen, der weiß, dass es generell schwer ist, Leute zu einem Interview zu bewegen. Aber bei der Erforschung von Wirtschaftseliten gibt es zwei Aspekte, die dieses Unternehmen erschweren.

Zum einen leben Manager und ihre Familien weitgehend von der Öffentlichkeit abgeschottet. Sie wohnen in speziellen Stadtteilen oder häufiger noch außerhalb der Stadt hinter hohen Hecken. Sie arbeiten in unzugänglichen Hochhäusern, essen in teuren Restaurants und treffen sich in exklusiven Clubs. Es ist deshalb gar nicht so leicht in Kontakt zu kommen.

Letztendlich waren zwei Vorgehensweisen erfolgreich: Ich habe mich an Institutionen gewendet, in denen die Frauen Mitglied sind (Kunstvereine, Frauenclubs, Elternbeiräte von Privatgymnasien). Die meisten Interviews kamen aber eher über eine Vermittlung durch Bekannte von Bekannten zustande, die jemanden kannten, der jemanden kannte.

Doch mit dem Kontakt alleine ist es noch nicht geschafft. Es stellt sich gleich ein weiteres Problem ein. Und zwar ist es nicht so leicht, diese Leute dazu zu bewegen, über ihr Alltagsleben zu reden. In der Forschung "nach unten" berufen sich Wissenschaftler in einer solchen Situation gerne auf ihre Möglichkeit, die Beforschten zu Wort kommen zu lassen oder sich in ihren Dienst zu stellen und für sie zu sprechen.

An diesen Dingen haben die von mir untersuchten Frauen offensichtlich kein Interesse. Eine von mir befragte Frau bringt das auf den Punkt, wenn sie sagt:

Es gibt eine gewisse Freiheit. Man hat es nicht nötig, sich irgendwo besonders darstellen zu müssen. Man ist es einfach.

Selbstdarstellung ist das Problem und die ständige Bemühung des Mittelstandes. (Man denke etwa an die in der Lebensstilforschung beschriebenen jungen Manager und Dienstleister, die sehr intensiv mit der Pflege des ostentativen Konsum beschäftigt sind.) Die Lebensweise der von mir untersuchten Eliten ist distinktiv gerade darüber, dass sie nicht demonstriert wird.

Der Punkt ist - und hier knüpfe ich an Mills an: Gerade in dem distanzierten und exklusiven Milieu entsteht das Selbstverständnis, einer Elite anzugehören. In exklusiven Institutionen (Clubs, Internaten, Privatuniversitäten) lernen die Jungen oder Aufgestiegenen, wie man sich in diesen Kreisen bewegt. Hier wird nicht nur informelles Wissen angesammelt, sondern es werden vor allem auch Verbindlichkeiten unter Personen hergestellt, die sich nicht notwendig persönlich kennen. Ich will damit nicht sagen, dass in diesen Kreisen Beziehungen nur aufgrund strategischer Motive geknüpft werden. Es handelt sich im Gegenteil um freundschaftliche Beziehungen, die nicht instrumentell genutzt werden. Die berufliche Position hat man eh schon erreicht. Aber vor dem Hintergrund dieser Beziehungen und Netzwerke lassen sich Interessen gut vertreten. Sie sind für eine Interessengemeinschaft notwendig.

Zurück zur abgeschotteten Lebensweise dieser Kreise. Es scheint einen wissenschaftlichen Reflex darauf zu geben. Denn über die gesellschaftliche Struktur und Lebensweise von Topmanagern und ihren Familien gibt es im deutschsprachigen Raum keine wissenschaftliche Untersuchungen. Wenn über Wirtschaftseliten geforscht wird, steht die Berufswelt im Mittelpunkt des Interesses. Macht, Einfluss und hohe soziale Positionen reproduzieren sich diesen Untersuchungen zufolge in der ökonomischen Sphäre - die von den Männern dominiert wird. Häufig wird dabei sogar explizit davon ausgegangen, dass von den Frauen dieser Männer "keine gesellschaftlich relevanten Einflüsse" ausgehen (Pross 1971, 27).

Ich habe in meiner Untersuchung gezeigt, dass die nicht berufstätigen Ehefrauen an der Reproduktion der hohen gesellschaftlichen Position beteiligt sind. Das Geld, das die Männer verdienen, ist nur eine Bedingung ihrer gesellschaftlichen Position. Um den Status eines manageriellen Haushalts zu erhalten, ist eine bestimmte Lebensweise notwendig, an deren Herstellung die Frauen maßgeblich beteiligt sind.

Ich will hier nur einen dieser statuserhaltenden Aspekte herausgreifen. Das ist die Pflege der sozialen Beziehung, die Herstellung eines gesellschaftlichen Hauses oder auch "guten Gesellschaft".

Mit den Arbeitsplatzanforderungen, die an Manager gestellt werden, sind nach wie vor gesellschaftliche und repräsentative Verpflichtung verbunden. Von Managern wird erwartet, dass sie repräsentative Funktion jenseits ihrer Arbeitszeiten erfüllen. Aufgrund meiner Interviews ist letztendlich nicht zu entscheiden, wie wichtig es für die Karriere eines Topmanagers ist, dass er sich in der "Guten Gesellschaft" bewegt und ob er bei der privaten Pflege von Geschäftsbeziehungen und Freundschaften auf die Hilfe einer Ehefrauen angewiesen ist. Aber deutlich geworden ist, dass dies zur Zeit noch eine gesellschaftliche Konvention ist. Und es ist klar, dass sich das Milieu sehr verändern würde, wenn sich Topmanager ihren Haushalt nur noch von Angestellten führen lassen, sich nur in öffentlich geführten Clubs bewegen würden.

Aus der Sicht der von mir untersuchten Frauen ist mit der Pflege der sozialen Netzwerke und die Einbindung der Familie in das soziale Geschehen dieser Kreise zweierlei verbunden. Zum einen entsteht auf diese Weise das Selbstbewusstsein der weibliche Teil einer gesellschaftlichen Elite zu sein. Weil die Frauen davon ausgehen, dass sie eine wichtige Funktion in und für die Karriere ihrer Männer haben, müssen sie sich nicht nur als Ehefrauen von Topmanagern begreifen.

Zum anderen ist mit den gesellschaftlichen Repräsentationsaufgaben die Möglichkeit verbunden, aus der Privatheit der Familie herauszutreten. Die Frauen sind selbst in die "Gute Gesellschaft" integriert. Und da es in diesen Kreisen noch normal ist, dass diese Frauen nicht berufstätig sind, erfahren sie in diesem Kontext gesellschaftliche Anerkennung, die Hausfrauen anderer Schichten verwehrt ist.

Das führt mich zu einem letzten Punkt. Es geht bei der Statusarbeit nicht nur um das Verhältnis zu anderen Schichten, sondern immer auch um das Verhältnis zu anderen Frauen oder besser gesagt zu Frauen in anderen Lebenssituationen und mit anderen Lebensentwürfen.

Die von mir untersuchten Frauen haben offensichtlich Interesse daran, anders zu sein als andere Hausfrauen. In die Schilderung der Vorteile ihrer Position als nicht berufstätige Ehefrau (sie haben Zeit und sind frei vom Sachzwang arbeiten zu müssen) ist eine Distinktion eingelassen. Das wird vor allem deutlich, wenn es um die materielle Hausarbeit geht. Die Frauen betonen nicht nur, dass sie froh sind, von diesen Arbeiten befreit zu sein. Sie werten diese Arbeiten als banale, wenig sinnvolle Arbeiten ab. Das Bild der "bürgerlichen Frau" wird in dieser und ähnlichen Aussagen in Abgrenzung zu Frauen gezeichnet, die lediglich für materielle Hausarbeit zuständig sind. Die Befragten begreifen sich nicht einfach als Hausfrauen. Vielmehr definieren sie aufgrund ihrer Zuständigkeit und der zur Verfügung stehenden Ressourcen einen klassenspezifischen Status als nicht berufstätige Ehefrau.

 

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Tomke Böhnisch

Eliten für das Große und Ganze
Über den Nutzen, der Allgemeinheit zu dienen und abgeschottet zu leben

Kohl: "Die soziale Marktwirtschaft braucht wieder Leistungseliten. ... Leute, die sich was zutrauen und zu Risiken bereit sind." (Spiegel 24/1995: 210)

Scharping: "Elite in Deutschland ... wird man nicht alleine durch den Geldbeutel, sondern durch die Verbindung aus Können, Leistung und Selbstbewußtsein." (Spiegel 24/1995: 213)

Eliten haben in letzter Zeit Konjunktur: PolitikerInnen gleichermaßen wie ManagerInnen und WissenschaftlerInnen sind sich darin einig, daß die Ordnung des demokratischen Staates über eine spezialisierte Führung herzustellen ist. Sie halten sich selbst für unentbehrlich. Aus einer herrschafts- und klassentheoretischen Perspektive zeigt sich der legitimatorische Charakter dieses Selbstverständnisses.

Seit Ende letzten Jahres erscheint in der Frankfurter Rundschau eine Serie mit dem Titel "Die neuen Eliten". Leute aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft sollen sich in diesem Rahmen zu "den möglichen Funktionen und Kompetenzen der neuen Eliten" (FR 16.12.95) äußern. Da erfahren wir dann zum Beispiel von dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, "daß ein elitenloses Land ein führungsloses Land ist und ein gefährdetes dazu. (...) Die Träume, daß sich alle durch alle regieren und verwalten können, sind restlos ausgeträumt" (FR 8.2.1996). Seiner Meinung nach bedarf diese Aussage keiner Begründung. Zu klären bliebe nur noch, was die Eliten ausmacht. Nach Kopper haben sie die besten Noten, sind unbestechlich, bescheiden und stellen ihre eigenen Interessen hinter die Verantwortung für die Gesellschaft zurück. Eliten erscheinen in diesem Diskurs nicht nur als die Besten in einer Gesellschaft, sondern vor allem auch für die Gesellschaft. Schließlich hebt Kopper hervor, daß alle Bürger (die Bürgerinnen werden hier nicht genannt) die gleichen Chancen haben sollten, in die Eliten aufzusteigen. Soweit besteht große Übereinstimmung. Nur in der Frage, wie die verschiedenen Funktionseliten (aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft) zusammenspielen sollen, ist man sich nicht ganz einig: Während für Kopper die politische Elite die wichtigste ist, stellt Rüttgers (Bundesminister für Forschung und Technik) in der besagten Serie die Bedeutung der Eliten aus Wirtschaft und Wissenschaft heraus. Sie sollen an politischen Entscheidungen mitwirken, den Politikern zuarbeiten oder am besten Politiker werden. Es gelte, die Zielvorstellungen der Eliten zu synchronisieren. Dazu ist es nötig, so der "Zukunftsminister", daß Wissenschaftler aufhören "geistreich (zu) dozieren, ohne den eigenen Worten Taten folgen (zu) lassen" (FR 16.12.1995). Die WissenschaftlerInnen, die sich nicht in den Dienst der Regierung und der Wirtschaft stellen, können demnach abgeschafft werden. Wenn der Manager die Politiker und der Politiker die Wissenschaftler als Funktionselite beschwört, dann ist die Selbstreferenz perfekt. Man ist zu vornehm, um sich selbst zu loben und zu strategisch, um alleine die Verantwortung zu übernehmen.
Heutzutage ist es nicht mehr verpönt, sich positiv über die Funktion von Eliten zu äußern. ManagerInnen und PolitikerInnen können diese Debatte erleichtert führen. Man erinnert sich wohl unausgesprochen an Jahrzehnte, in denen ein anderes Klima herrschte: So etwa an die 60er Jahre, als gegen das Establishment angetreten wurde, oder an die 80er Jahre, als die neuen sozialen Bewegungen mit der Forderung nach basisdemokratischen Organisationsformen und ihrer anti-elitären Haltung dafür sorgten, daß Eliten negativ konnotiert waren. Mitte der 80er Jahre verwunderte es nicht, wenn Willy Brandt sagte, daß die Forderung nach Leistungseliten eine "Diskussion gegen das Volk" sei, und der DGB davon ausging, daß Eliten die "humane Zukunft" behindern.

Das ist lange her. Heute wird aus der Tatsache, daß es Eliten gibt, geschlossen, daß dies notwendig so sein sollte. Ohne Eliten würde die Gesellschaft im Chaos versinken und immer gewalttätiger werden. Die Führung einer Gesellschaft durch eine Minderheit ist demnach eine unveränderliche Tatsache. Hinter dieser Annahme steht der Anspruch, Gesellschaftsstrukturen wertneutral zu beschreiben (vgl. Demirovic 1992). Das ist aber nur möglich, weil ausgeblendet wird, daß gesellschaftliche Zustände auf Herrschaft beruhen. Das Verhältnis zwischen herrschender Minderheit und beherrschter Mehrheit ist nicht naturhaft, sondern von der jeweiligen Vergesellschaftungsform, von sozioökonomischen und geschlechtsspezifischen Bedingungen bestimmt. Nicht wenn Herrschaft und Ordnung aufgehoben werden, kommt es zu Gewalt, sondern Gewalt entsteht durch Herrschaft. Geht man von diesen theoretischen Grundannahmen aus, so ist zu analysieren, wie es dazu kommt, daß eine gesellschaftliche Ordnung stabil ist (vgl. Steinert 1989). Die beschriebenen Elitediskurse stellen einen dieser stabilisierenden Mechanismen dar, da sie die bestehenden Herrschaftsverhältnisse festschreiben. Bei dem beschriebenen Ethos der Eliten, ein allgemeines Interesse zu vertreten und für die Gesellschaft unentbehrlich zu sein, handelt es sich um eine politische Rechtfertigungslegende.

Mit dem ahistorischen Verständnis von Eliten können sich PolitikerInnen und ManagerInnen auf legitimatorisch wirksame Persönlichkeiten beziehen: Immer wieder werden Plato, Machiavelli, Mosca und Pareto oder auch Dahrendorf genannt. Auch in der gegenwärtigen Elitenforschung steht die Frage im Mittelpunkt, ob demokratische Prinzipien verwirklicht werden können, wenn gesellschaftliche Macht auf wenige Individuen konzentriert ist. Demokratie wird daran gemessen oder vielleicht sollte man besser sagen, technokratisch darauf reduziert, welche Chancen die Individuen haben, über eine Berufslaufbahn in einflußreiche Positionen aufzusteigen, sich an Wahlen zu beteiligen oder sich wählen zu lassen und welcher Kontrolle die Funktionsträger unterworfen sind.

Beispielhaft sei hier auf eine Untersuchung hingewiesen, in der 3164 Inhaber institutioneller Spitzenpositionen als Eliten befragt wurden (vgl. Hoffmann-Lange 1992). Um Aussagen über die Machtstruktur der BRD (ohne neue Bundesländer) empirisch zu belegen, wurde danach gefragt, wie sich diese Positionsinhaber rekrutieren, in welchen Netzwerken sie arbeiten und welche Möglichkeiten sie haben, auf gesellschaftlich relevante Entscheidungen Einfluß zu nehmen. Hoffmann-Lange kommt zu dem Ergebnis, daß Frauen, Arbeiterfamilien und Katholiken in den Eliten unterrepräsentiert sind, daß nur 30 Prozent der Eliten ihren Arbeitsplatz im Bonn-Kölner Raum haben und von daher ein nationales Zentrum fehlt. Gesellschaftliche Macht liege nicht in den Händen einer geschlossenen Gruppe, sondern sie ist breit gestreut und die verschiedenen Teileliten agieren von konkurrierenden Zentren aus. Personen aus der Regierung, aus den Parteispitzen und den Tarifparteien sowie aus der Wirtschaft sind an den korporatistischen Aushandlungsprozessen beteiligt. Schließlich weist auch Hoffmann-Lange darauf hin, daß sich die Eliten gegenüber der Gesellschaft nicht verselbständigen können, da sie entweder gewählt oder in ihren Organisationen verankert sind. Die Autorin wendet sich zwar explizit gegen einen Elitenbegriff, der die Eliten über Wissen und Leistung definiert, aber auch sie beschreibt Eliten in ihrer Funktion für den demokratischen Staat und institutionalisierte Macht, ohne Herrschaftsstrukturen zu analysieren - geschweige denn zu kritisieren. Diese Untersuchung folgt der selben Logik wie die beschriebenen Diskurse der PolitikerInnen und ManagerInnen.

Krisenstimmung

Eliten haben nicht zufällig Konjunktur. Vielmehr stehen Interessen hinter der Vorstellung, die sich PolitikerInnen, ManagerInnen und WissenschaftlerInnen von der Gesellschaft machen, und die sie in der Gesellschaft verbreiten. Aus der Perspektive von PolitikerInnen gilt es, ihren Ruf zu verteidigen. Man wirft ihnen vor, daß sie undurchsichtige Finanzierungen betreiben, daß sie sich nur noch aus den eigenen Reihen rekrutieren, daß die Mitgliederzahlen der Parteien rückläufig sind, daß sich immer weniger Leute an ihrer Wahl beteiligen und sie am Abbau sozialstaatlicher Leistungen beteiligt sind. Gegen diese schwerwiegenden Vorwürfe müssen PolitikerInnen Statusmanagement betreiben, denn ein nicht gewählter Politiker ist beinahe keiner mehr. Da ist es nützlich, wenn allgemein anerkannt ist, daß sich die Gesellschaft in einer Krise befindet, in der einerseits jeder den Gürtel enger schnallen muß und andererseits politische Eliten in ihrer Führungsfunktion unverzichtbar sind. Für die PolitikerInnen bedeutet dies, daß sie ihre Verbindung zu den anderen Fraktionen der herrschenden Klasse aufrechterhalten können. TopmanagerInnen sind kaum von der "Verschlankung der Betriebe" betroffen. Sie stehen vielmehr unter dem Druck, die von ihnen vorgenommenen massenhaften Entlassungen von ArbeiterInnen zu legitimieren. In diesem Fall gilt es, den Widerstand klein zu halten und plausibel zu machen, warum ManagerInnen, UnternehmerInnen und AktionärInnen keine Abstriche machen. Dann ist es nützlich, wenn ihre Gewinne als Voraussetzung für gesellschaftlichen Fortschritt gelten.

Die gesellschaftliche Struktur der herrschenden Klasse

Die Konjunktur von Elitetheorien spiegelt auch eine alte wissenschaftsinterne Auseinandersetzung wieder. Plakativ gesagt: hier stehen sich bürgerliche und marxistische Theorie gegenüber. Vor allem Mosca und Pareto entwickelten ihre Elitetheorien Ende des 19. Jahrhunderts gegen die marxistische Theorie und gegen einen Sozialismus marxistischer Prägung. Mosca schreibt:

"In unserer heutigen Welt kann der Sozialismus nur aufgehalten werden, wenn es einer realistischen politischen Wissenschaft gelingt, die metaphysischen und optimistischen Methoden zu zerstören, die gegenwärtig in der Sozialwissenschaft vorherrschen" (zit. nach Bottomore 1966: 18).

Mosca und Pareto wollten zeigen, daß sich in den modernen Industriegesellschaften keine geschlossene herrschende Klasse bildet und insofern der Begriff der herrschenden Klasse falsch ist. Dagegen setzten sie den ständigen Kreislauf der Eliten. Wegen ihrer überlegenen Eigenschaften herrscht in jeder Gesellschaft eine Minderheit - nicht aufgrund ihrer Stellung im Produktionsprozeß.

Eliteforschung ist aber nicht immer frei von herrschaftstheoretischen Fragen gewesen. Es gibt Ansätze, in denen marxistische Theorie weiterentwickelt und ein kruder Ökonomismus vermieden wird. Ich denke hier zum Beispiel an C. Wright Mills, der in den 60er Jahren die amerikanischen Konzernspitzen, Politiker und hohe Militärs untersucht hat. Anhand von Rekrutierungsstudien beschrieb er deren Machtpositionen und ihre geschäftlichen sowie gesellschaftlichen Verflechtungen. Er hat (lange vor Bourdieu) gefragt, wie Einfluß, Prestige und Geld ineinander konvertierbar sind. Die von ihm untersuchten Leute nutzen ihr Geld und die gesellschaftliche Anerkennung, um in hohe Positionen zu gelangen und zwischen den verschiedenen Machtbereichen zu wechseln. Indem er spezifische Orte, typische Lebensläufe und alltägliche Gewohnheiten analysiert, wird deutlich, wie klassenspezifische Interessen verfolgt und strategisch eingesetzt werden.

Hieran ist meines Erachtens anzuknüpfen. Der Begriff der Elite muß den Begriff der herrschenden Klasse nicht ersetzen. Eliten können vielmehr als ein Zusammenschluß begriffen werden, der für die Reproduktion der Akteure der herrschenden Klasse notwendig ist. Das heißt nicht, daß sich die Akteure bewußt in einer überschaubaren Gruppe aufeinander beziehen müssen. Zusammenschluß meint vielmehr, daß Individuen bestimmte soziale und kulturelle Praktiken teilen. Einerseits stellen sie über diese geteilten Praktiken Zugehörigkeiten her und konstituieren sich stets neu. Andererseits grenzen sie sich gegen andere ab und sichern ihre Herrschaftsposition. Das heißt, mit diesem Begriff kann die soziale Struktur der herrschenden Klasse benannt werden. Wie diese im einzelnen aussieht, läßt sich nur empirisch herausfinden. Klassen werden auf diese Weise nicht als statische Größen behandelt, sondern in ihrer historischen Spezifik analysiert. Zu untersuchen wären zum Beispiel soziale Interaktionen, Situationen und Institutionen, in denen Beziehungen zwischen Wirtschaft, Politik und Wissenschaft gepflegt werden; welche kulturellen Praktiken aufgrund der Globalisierung international geteilt werden; nach welchen Kriterien interne Abstufungen und Gliederungen entstehen; wie die familiären Strukturen und das Geschlechterverhältnis aussehen.

Abgeschottetes Leben

Ich möchte im folgenden ein Beispiel für die gesellschaftliche Struktur der herrschenden Klasse anfügen. Man könnte annehmen, daß Leute, deren Selbstverständnis es ist, für eine Gesellschaft vorbildlich zu sein, ein Leben führen, das in der Öffentlichkeit bekannt ist. Dem ist jedoch nicht so. Topmanager und Unternehmer, Politiker und Gewerkschaftsbosse leben abgeschottet, den Blicken der Öffentlichkeit entzogen. Sie wohnen mit ihren Familien in speziellen Stadtteilen oder häufiger noch außerhalb der Stadt, hinter hohen Hecken (z. B. im Taunus oder in Blankenese). Sie arbeiten in unzugänglichen Hochhäusern, essen in noblen Restaurants und treffen sich in exklusiven Clubs. Das gilt als gute Manier der Eliten (und hilft zu vermeiden, daß andere neidisch werden). Der "Ethos der Bescheidenheit" zeichnet sie in ihren eigenen Augen überhaupt erst als Eliten aus.

Insofern unterscheiden sich die Eliten deutlich von den jungen ManagerInnen und DienstleisterInnen, die in der Lebensstilforschung beschrieben werden. Mit ihrem ostentativen Konsum, ihren Kaviar und Champagner-Festen, machen sich die Modernisierungsgewinner in den Innenstädten breit. Ihre Lebensweise ist in diesen Räumen dominant, aber sie ist "nicht Ausdruck einer Position von gesellschaftlicher Macht" (vgl. Steinert, in: links 310/311 1996). Es sind ihre speziellen Berufe, die ihnen diese konsumorientierte Lebensführung abverlangen, da eine Ausbildung keine hinreichende Bedingung mehr für eine Stelle ist. Diese Leute stehen unter dem Druck, am gehobenen Warenkonsum und den ständig wechselnden Moden teilzunehmen und ihre soziale Differenz zu demonstrieren. Im Unterschied zu den Eliten ist ihre gesellschaftliche Zugehörigkeit und ihr Status prekär. Diese Tatsache gerät aber leicht in den Hintergrund. Die Aufregung darüber, daß die Modernisierungsgewinner die alternativen und subkuklturellen Milieus sowie die Unterschicht aus der Stadt verdrängen, steht in keinem Verhältnis zu dem Schweigen über die schönen Villenviertel der Eliten außerhalb der Städte. Während Eliten gegen Kritik immun sind, kriegen die DienstleisterInnen den Ärger ab.

Die zurückgezogene Lebensweise der Eliten ist nützlich, um ihre Herrschaftspositionen zu reproduzieren, denn auf diese Weise heben sie sich von ihrer Umgebung ab. Erst in dem distanzierten Milieu entsteht das Selbstverständnis und das Bewußtsein, einer Elite anzugehören. Diese Überlegenheit wird auch in teuren Privatschulen und Privatuniversitäten eingeübt (zum Beispiel Salem, European Business School): Weniger, weil sie in diesen Institutionen qualifizierter ausgebildet werden, sondern vielmehr, weil sie dort nützliche persönliche Kontakte knüpfen können, informelles Wissen ansammeln und lernen, sich in bestimmten gesellschaftlichen Kreisen zu bewegen und sich Führungsaufgaben zuzutrauen. Auf diesem Wege werden Verbindlichkeiten unter Personen konstituiert, die sich nicht notwendig persönlich kennen. Es reicht zu wissen, daß jemand bestimmte Institutionen durchlaufen hat oder ihnen angehört. Eliten stellen Zugehörigkeiten auch weltweit her. Will ein Topmanager Karriere machen, so muß er flexibel sein. Auch wenn er nicht mit jedem Wechsel des Unternehmens befördert wird, so wird doch zumindest sein Gehalt steigen. Die vielfältigen Schwierigkeiten, die Arbeitsmigranten und Flüchtlinge in einer fremden Kultur und Gesellschaft haben, bestehen für diese Leute nicht. Sie treffen selbst in der Fremde auf Ihresgleichen. Man denke etwa an den Rotary Club, der in Limburg nicht anders funktioniert als in New York oder Tokio. Wenn sich die Rotarier als Service Club begreifen, dann nicht nur, weil sie die Symptome sozialer Not bekämpfen. Diese Beziehungen werden nicht nur aus strategischen Motiven gepflegt. Es handelt sich um freundschaftliche Beziehungen, die in erster Linie nicht instrumentell genutzt werden. Man ist ohnehin schon an der Position, die man erreichen wollte. Aber vor dem Hintergrund dieser freundschaftlichen Beziehungen und Netzwerke lassen sich Interessen gut vertreten. Sie sind für eine Interessengemeinschaft notwendig.

Der ausdifferenzierten Gesellschaft, die in ein komplexes Gemenge von Gruppen, Szenen und Milieus auseinanderfällt, die alle miteinander konkurrieren und keine klassenspezifischen Bezüge kennen, stehen ausgeprägte Netzwerke der Eliten gegenüber. In diesen Netzwerken entsteht das Selbstverständnis, einer Gruppe anzugehören, die natürlich Macht ausübt. Das alles heißt nicht, daß es intern keine Konkurrenzen gibt. Ein Manager, der aufgrund seiner Leistung in eine Führungsposition gelangt ist und nicht, weil seinem Vater das Unternehmen gehört, muß damit rechnen, daß er gegen einen anderen Funktionär ausgetauscht wird, sobald seine Leistungen zu wünschen übrig lassen, sein Gesicht den Aufsichtsräten nicht mehr gefällt oder eine für das Unternehmen prestigeschädigende Transaktion bekannt wird. Diese Situation mag für Einzelne gegebenenfalls schlecht enden, aber für eine erfolgreiche Interessengemeinschaft sind die Bedingungen günstig.

Wenn die Besten für die Führung einer Gesellschaft unabdingbar sind, dann besteht die einzig mögliche politische Option in einer gerechten Auswahl der Eliten. An eine Veränderung von Herrschaftsverhältnissen ist nicht zu denken. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht: dieser stabilisierende Mechanismus korrespondiert mit der Funktion, die die abgeschottete Lebensweise der Eliten hat. Die lebensweltliche Distanz zwischen Herrschenden und Beherrschten ist so groß, die Herrschenden sind so anonym, daß der Eindruck entsteht, es gibt diese Klasse gar nicht. Und wo es niemanden gibt, ist auch niemand zu kritisieren (zu unterlaufen, zu bekämpfen, zu stürzen ...).

Literatur

Bottomore, Thomas B., 1969: Elite und Gesellschaft. Eine Übersicht über die Entwicklung des Eliteproblems. München

Demirovic, Alex, 1992: Politische Klasse und demokratische Frage. Für eine akteurorientierte Analyse des Bürgertums. In: Thomas Leif, Hans-Josef Legrand und Ansgar Klein (Hg.): Die politische Klasse in Deutschland. Bonn/Berlin, S.442-465

Hoffmann-Lange, Ursula, 1992: Eliten, Macht und Konflikt in der Bundesrepublik. Opladen

Mills, C.Wright, 1962: Die amerikanische Elite. Hamburg

Steinert, Heinz (Hg.), 1989: Die (mindestens) zwei Sozialwissenschaften in Frankfurt und ihre Geschichte. Studientexte zur Sozialwissenschaft. Sonderband 3. Frankfurt/M

Artikel erschienen in: links Nr. 316/317, 1996, 28. Jahrgang, S. 28-30