(Zur Epistemologie des Verschwörungsmotivs)

aus:

H. J. Krysmanski

WELTSYSTEM, NEUE MEDIEN
UND SOZIOLOGISCHE IMAGINATION

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Ich will mit meinen Überlegungen darauf hinaus, daß mit der informationsgesellschaftlichen Entwicklung Wissen, Inhalte, Denkmöglichkeiten zum wichtigsten Material des ökonomischen Handelns werden und daß die Entfaltung einer 'kulturökonomischen Kompetenz' der einzelnen Wissenschaftler, der Soziologen, in direktem Zusammenhang mit der bewußtseinsindustriell freigesetzten soziologischen Imagination steht, über die ich gesprochen habe.

Selbstverständlich haben Professoren, die ihren Nebentätigkeiten nachgehen, in einem gewissen Sinne schon immer selbständig mit sozialer Phantasie etwas Profitables unternommen. Nur ist es noch keine 'kulturökonomische' Kompetenz, wenn man weiß, wo es 'Töpfe' zu verteilen gibt oder wo die besten Honorare gezahlt werden.

Der Weg vom Geldmachen zu einer ”kulturellen Politik, die auf fundamentale Weise im Ökonomischen interveniert” (MacCabe), der ist noch zu gehen. Er stellt, wie ich meine, auch eine Chance für befriedigende 'Wissenschaft um der Wissenschaft willen' dar. Denn erstmals in der Geschichte ist Imagination dominant an den Stoffumwandlungsprozessen beteiligt. Erstmals aber unterliegt Imagination deshalb auch Kriterien gesamtgesellschaftlicher Relevanz.

Auch als kulturökonomisches Unternehmen bleibt Wissenschaft ein kollektiver Prozeß der Suche nach Zukunft und nach Totalität; produziert Handlungskompetenz gegenüber den Paradoxien der Gegenwart. Folglich können die Instrumentarien imaginativer Urteils- und Gestaltungskraft gar nicht sorgfältig genug entwickelt und ausgewählt werden. Auch wird ein neuer wissenschaftlicher Habitus verlangt.

Ich habe 1993 für Spiegel TV einen Film über einen Senior Researcher am World Policy Institute der New School for Social Research gemacht.(8) Walter Russell Mead hatte den Einfall lanciert, es sei an der Zeit, daß die USA, im Interesse beider Seiten, Jelzins Rußland das rohstoffreiche Sibirien abkauften. Mead hatte den Vorschlag zu einer komplexen Allegorie der geopolitischen Situation nach dem Ende des Kalten Kriegs ausgestaltet: mit einer Reise über Alaska, Wladiwostok, Irkutsk nach Moskau; eindrucksvollen Fachartikeln, z.B. im World Policy Journal; Magazinartikeln, z.B. in Gentleman's Quarterly; Fernsehauftritten und vielfältiger Medienpräsenz. Abgesehen davon, daß Walter Russell Mead tatsächlich als freier intellektueller Unternehmer in einem Geflecht von Stiftungen, Zeitschriften und wohl auch Diensten agierte, war diese Aktion von einer Qualität, daß sie bis heute sowohl in Moskau als auch in Washington Bewegungen in Gang hält - die natürlich nichts mit dem 'Kauf', wohl aber mit der geopolitischen Essenz der Thematik zu tun haben.

Die Erfahrung mit dieser performance in politologischer Imagination war es eigentlich, die mir schlagartig die praktischen Implikationen des Buches von Fredric Jameson mit dem Titel The Geopolitical Aesthetic klargemacht hat. Kulturökonomische Verwertung von wissenschaftlichem Wissen ist im gewaltigen Prozeß der medialen Massenkultur nur möglich, wenn die in der Massenkultur wirksamen - und erfolgreichen - ästhetischen Prinzipien Eingang in die wissenschaftliche Produktion finden.

Am Anfang aller massenkulturellen Medienkompetenz steht die Fähigkeit des Umgangs mit Allegorien im Sinne komplexer ästhetischer Repräsentation von Wirklichkeit. Allegorien vermögen, indirekt und lateral, verschiedene Informationsschichten ineinanderzuschachteln. ”Will man etwas Ökonomisches sagen, sollte man es mit politischem Material tun. Steht etwas Politisches an, helfen Rohdaten aus der Ökonomie.” (Jameson 1992: 67) Das klingt vertraut nach den handwerklichen Anweisungen, die uns einst C. Wright Mills für den Gebrauch der soziologischen Imagination gab; und auch nach Gerhard Schulze.

Der Begriff der geopolitischen Ästhetik - von Jameson entwickelt aus einer Analyse der Filmproduktion der 80er Jahre - steht zunächst einmal für die Auseinandersetzung mit einem Globalisierungsprozeß, der als Versuch der Insertierung der amerikanische Perspektive in die übrigen Regionen der Welt verstanden werden muß. Es ist aber ebenso deutlich, daß diese Global Society America längst auch gezwungen worden ist, ”die nationale Allegorie in ein konzeptuelles Instrument umzuformen, das tatsächlich dazu taugt, unser aller neues In-der-Welt-Sein zu begreifen.” (Jameson 1992: 3)

Schnell haben die amerikanischen Eliten die Welterklärungs-Schemata des Kalten Krieges, des Trikontismus usw. abgelegt und sind zu Globalmodellen vorgedrungen, die einerseits etwas vom kolonialistischen Blick der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg haben, andererseits aber, durch Kundschafter und Gedanken wie die vom erwähnten World Policy Institute geprägt, eher an die komplexen Allegorien postmoderner Kunst, Literatur und eben auch der Hollywoodproduktion erinnern.

Für Jameson schälen sich aus der allegorischen Praxis jener amerikanischen Filme, die Politik und Ökonomie thematisieren, zwei ästhetische Prinzipien heraus, die beide sowohl kulturökonomischen Erfolg als auch Annäherung an den tiefen Strukturwandel der posturbanen Gesellschaft versprechen.

Das eine Prinzip ist das eines tastenden, dem elektronischen Scannen und den netzgestützten Suchprogrammen verwandten 'Blicks von oben', der nichts mehr gemein hat mit der zentralistischen Selbstgewißheit hegemonialer Mächte.

Dem deutschen Hollywoodfilmer Roland Emmerich ist es gelungen, diesen view from above - recht eigentlich doch den Blick der postmodernen globalen Eliten - in aller Naivität in die gewaltigen Raumschüsseln der Aliens zu projizieren, die in Independence Day rohstoffgierig über allen strategischen Punkten unseres Planeten schweben. Er hat damit eine vollkommene Allegorie der tatsächlichen ökonomischen und politischen Verhältnisse geliefert, vollkommen, weil nur das 'kollektive Unbewußte' sie als solche erkennen würde - wenn es nicht so beschäftigt damit wäre, die Massen in die Kinos zu schicken.

Das andere Prinzip nennt Jameson die 'Figuration der Konspiration', das Spiel mit dem Verschwörungsverdacht. Es gibt in der Tat keine erfolgreichen politischen und ökonomischen Allegorien in der Massenkultur, die nicht mit Verschwörungsmotiven operieren.

Wenig ist zwar geblieben von den mächtigen Verschwörungsideologien des Faschismus. Doch die Massenkultur ist voller Allegorien des unbestimmten Verdachts. Hinter jeder allegorischen Antwort auf die Frage, wo wir eigentlich sind und welche Kräfte unser Leben bestimmen, steht noch die allegorische Frage, ob wir wirklich allein und unbeobachtet sind. Totalität als Verschwörung, das ist das Erbe eines Jahrhunderts, in dem Verheimlichung und subjektlose Bürokratie den Schrecken bis zum Äußersten gesteigert haben. Dennoch ist Verschwörung nichts als deformierte soziale Solidarität und Totalität der Verschwörung nichts als suspendierter Klassenkampf.

Die geopolitische Ästhetik des 'allgemeinen Verschwörungsverdachts' ist aber auch eine mächtige epistemologische Maschine. In der Paralyse des scheinbaren Endes der Geschichte verschafft uns die narrative Struktur der Verschwörung ”auf einer tieferen Ebene unserer kollektiven Phantasie”, so Jameson, die Möglichkeit, ”unsere politischen Gedanken an unserer eigenen liberalen und anti-politischen Zensur vorbei zu schmuggeln” und doch noch 'das Weltsystem als solches' zu denken (Jameson 1992: 9).

Ich behaupte nun, zum Schluß, daß die Eliten, welche die globale Informationsgesellschaft hervorbringt und die ihrerseits jene hervorbringen, mit diesem ästhetischen Instrumentarium, dazu auf den Netzen, immer bewußter umzugehen beginnen; daß also Kulturproduktion mit dem Ziel im Ökonomischen interveniert, doch noch 'das Weltsystem als solches' zu gewinnen.

 


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8) vgl. URL: http://www.uni-muenster.de/PeaCon/krys.html
9) zu seinen wichtigsten Beispielen aus den 80er Jahren gehören Videodrome von David Cronenberg und All the President’s Men von Pakula.