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Widerstand aus dem
Cyberspace
 Stefan
Krempl 30.03.99
Hacktivismus: Das Netz schlägt zurück
Netzaktionismus hat sich vom Kunstprojekt
zur Mode entwickelt. "Hacktivisten" überfluten Websites politischer
Gegner oder nutzen das Web als Ideenpool für den subversiven Kampf
gegen die Macht der Konzerne. Doch wie effektiv sind die Cybercoups
wirklich, solange die Bomben ohne lange (Netz-) Diskussionen von
ganz realen Mächten abgefeuert werden?
Eine
der großen Hoffnungen der Netzutopisten ist die Erwartung, daß das
Internet die Macht vom Zentrum an den Rand, von den Großen auf die
Kleinen, von den Regierungen und Unternehmen auf die Individuen, die
sich in Interessengemeinschaften online zusammenfinden, überträgt.
Im Aufmerksamkeitsfeld des kritischen Netzbeobachters ganz weit
vorne liegt daher eine lose zusammenhängende Bewegung von
Online-Aktivisten bzw. -Aktionsgruppen, die im vergangenen Herbst
auf den eingängigen Namen "Hacktivism" getauft wurde. Auch als
"Infowar des kleinen Mannes" bekannt, geistert die in Mode geratene,
elektronische Form des "zivilen Widerstands" durch das Netz sowie
die "alten" Medien, erschreckt das Pentagon genauso wie die
mexikanische, indonesische oder chinesische Regierung und gibt der
Hackerszene neue Impulse. Auf dem Medienfestival South by Southwest in Austin, Texas,
trafen sich die Repräsentanten einiger Aktionsgruppen und
diskutierten mit dem "Cyberpunk" Bruce Sterling - Autor von The
Hacker Crackdown - über die Zukunft der "Branche".
Zu den bekanntesten Aktivistenvereinigungen des neuen Kalibers
gehört das Electronic
Disturbance Theatre , das im vergangenen Jahr vor allem durch
"Angriffe" auf die Website des
Pentagons sowie auf die virtuelle Heimat des mexikanischen
Präsidenten Ernesto Zedillo
Schlagzeilen machte. Die "elektronischen Verunsicherer" - im Kern
eine Gruppe von Studenten und Webdesignern aus New York, die als
Kunstprojekt gestartet sind und sich weiterhin als Netzkünstler
bezeichnen, - nutzen für ihre Heimsuchungen ein Java-Script namens
"Floodnet", mit dem sie ihre "Kunstobjekte" zum Abstürzen bringen
wollen. Das Script wird dazu während einer angekündigten Zeitperiode
auf die eigene Website gepostet. Jeder Besucher kann das
Mini-Programm, das permanent eine bestimmte oder nicht existierende
Page auf einem Server abruft und diesen damit in die Knie zwingen
kann (Denial of Service), auslösen. Je mehr Surfer die Site des
Electronic Disturbance Theatre ansteuern, desto mehr Hits erhält der
attackierte Server und desto wahrscheinlicher ist ein Absturz, der
die Website vorübergehend von Netz nimmt.
10.000 Leute sollen nach Angaben der Cyberaktivisten allein beim
"Sturm" der Präsidenten-Site, der als Demonstration gegen die
Haltung der mexikanischen Regierung im Kampf gegen die Zapatisten
ausgewiesen war, mitgewirkt haben. Weniger erfolgreich war die
Pentagon-Attacke: Die Aktion war auf der Email-Liste der Ars Electronica zum letztjährigen
Kongreßthema Information Warfare lauthals angekündigt worden, so daß
die paranoiden Webmaster des amerikanischen Verteidigungsministerium
- angeblich eines der beliebtesten Hackerziele im World Wide Web -
mit einem eigenen, nun die Browser der Angreifer zum Absturz
bringenden Java-Applet antworten konnten.
Trotzdem erregte die Aktion Aufsehen: Der Infowar-Experte Winn Schwartau
sprach in einem Artikel im Magazin
Network World vom ersten militärischen Gegenangriff auf Menschen
im eigenen Land. Da derartige "Counterstrikes" durch ein Gesetz von
1878, den "Posse Comitatus" untersagt sind, fordert Schwartau für
zukünftige Fälle eine Revision bestehender Gesetzestexte, die dem
Militär eine Verteidigung gegen zivile digitale Attacken gestattet.
Der Cyberspace selbst ist bereits zum "Kriegsschauplatz" der
amerikanischen Armee "befördert" worden: im Oktober hatte das
Pentagon den virtuellen Raum hinter den Rechnern offiziell neben dem
Weltraum, dem Land, dem Wasser und der Luft zum "battleground"
erhoben. Bevor sich der Kongress nun der weiteren legislativen
Fassung des Cyberkriegs annimmt, könnte das Electronic Disturbance
Theatre streng genommen das Verteidigungsministerium noch wegen
Verstoß gegen den Posse Comitatus vor Gericht bringen - doch bisher
wird diese Option in New York nicht erwogen.
Stefan
Wray , einer der Köpfe der Gruppe, wehrt sich auch dagegen, mit
Crackern, Cyberterrorismus und Information Warfare in Verbindung
gebracht zu werden. "Das sind alles vom Staat erfundene Begriffe, um
die neuen Formen des zivilen Widerstands zu dämonisieren", sagte der
vom Student zum Weltreisenden mutierte Aktivist in Austin. Es gehe
auch keineswegs etwa nur darum, sich Zugang zu Websites zu
verschaffen, um dort sein "Markenzeichen" zu hinterlassen und
Inhalte zu verändern. "Hacktivism", der "computergestützte
Aktionismus", habe eine politische Note und werde zum einen von
Aktivisten, die sich in Hacker verwandeln, und zum anderen von
Hackern, die zu Aktivisten werden, getragen. Für erfolgsversprechend
hält Wray auch nicht nur die eigenen, rein virtuellen Coups:
Hilfreich sei oft eine "Kombination von Hacks mit echter
Underground-Action" wie etwa kürzlich bei der Besetzung des Londoner
Shell-Büros, bei der die Aktivisten mit Laptops bewaffnet in die
Firmenräume eingedrungen seien und von dort einen Webcast gestartet
hätten.
Die Zukunft des Hacktivism sieht Wray gemäß alter Hackertradition
im "kreativen Gebrauch der Technologie". Das Electronic Disturbance
Theater hat nach dem Floodnet in diesem Sinne bereits ein neues
Werkzeug in der Mache, um Online-Proteste zu gestalten. Das "Virtual
March System" soll Demonstrationszüge im Web ermöglichen, bei denen
die Teilnehmer sich gemeinsam auf einer Site treffen und von dort
aus mit "Spruchbändern" bewaffnet zu anderen Web-Angeboten
losziehen. Die nötige Technik befindet sich noch in der Entwicklung,
die "Betaversion" des Demonstrationsprogramms soll in diesem Jahr
getestet werden.
Media-Hacking und Fonds für
Cyberaktivisten
Dem übers Netz koordinierten Widerstand hat sich auch die in den
USA gegründete "Künstlergruppe" mit dem schwierigen Namen (r)TMark - gesprochen: Artmark,
geschrieben der Einfachheit halber meist RTMark - verschrieben. Wie
das Label schon vermuten läßt, liegen in der "Schußlinie" der
Vereinigung weniger Regierungseinrichtungen als vielmehr die global
agierenden und die Weltsicht von immer mehr Menschen prägenden
Konzerne. "Der visuelle Raum ist gepflastert mit den Logos von
Unternehmen", empörte sich eine Sprecherin der Gruppe, die unter dem
Pseudonym Ray Thomas firmiert, während South by Southwest. Firmen
mit ihren aufwendigen Marketingmaschinen und ihrer Macht über die
Finanzmärkte seien längst an die Stelle von Regierungen getreten. In
der amerikanischen Verfassung gäbe es seit 1886 zudem einen in viele
anderen demokratischen Verfassungen übernommenen Passus, demzufolge
Unternehmen die Rechte - aber nicht die Verbindlichkeiten - von
"Personen" eingeräumt würden. Jeder Bürger sei demnach wegen eines
kleinen Diebstahls vor Gericht zu bringen, während Firmen, die ganze
Landstriche verwüsteten, als "Gesamtperson" nie der Prozeß zu machen
sei.
RTMarks Ziel ist nun, die in den Händen von Konzernen
angesammelte Macht wenigstens zum Teil wieder an die Bürger
zurückzugeben. Der Weg zum Ziel ist die Subversion. RTMark wendet
die Kunst der Mimikry an und versucht, Konzerne in möglichst vielen
Aspekten nachzuahmen. "Wir haben ein Logo, wir haben Slogans, wir
haben kein Zentrum. Wir haben sogar Fonds, in die unsere Kunden und
Financiers investieren können", erklärt Thomas. In welche "Werte"
angelegt werden soll, bestimmen die Besucher der Website: Jeder kann
dort Ideen für Aktionen abgeben, deren Erfolgsaussicht und Chance
auf Verwirklichung dann vom "Markt" bewertet wird. Bereits
durchgeführt wurde unter anderem ein "Befreiungsschlag für Barbie":
RTMark veränderte dabei leicht das Sprachrepertoire von Barbiepuppen
und GI-Joes: Barbies zartem, von blondem Haar umspielten Mund
entsprangen plötzlich ungewohnte Töne wie "Kill, kill", während der
Kriegsheld auf einmal einkaufen gehen wollte. Die einem Großhändler
untergejubelten Puppen gelangten über den normalen Handel an die
Kunden.
Die Aktionen selbst, die vom Aufruf zur kollektiven Krankmeldung
bis zu anderen Produktmanipulationen und Unternehmensparodien
reichen, sind für RTMark aber nur Mittel zum Zweck. Das Hauptziel
der Vereinigung, die über die "Fonds" für jede Aktion kleine Gruppen
akquiriert und steuert, gibt Thomas als "hacking media" an: "Wir
sind im Grunde eine PR-Firma", betont die Medienkünstlerin.
Letztlich gehe es darum, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu
erreichen, mit sublimen Mitteln zum Nachdenken über die Macht von
Unternehmen anzuregen und diese langfristig zu unterwandern. Das Web
habe als Aktionsplattform dabei gute Dienste geleistet und für einen
besseren "Return on Ideas" gesorgt.
Wie erreicht man die
Fußballer-Muttis?
Doch nicht alle Netzaktivisten befürworten subversive Spiele und
nach Schlagzeilen schielende "Kunstprojekte". Alex Sheshunoff von
E-the-People , einer Site, die
den Wählern mit Hilfe von Formularen und Briefen den engeren Kontakt
mit ihren Repräsentanten ermöglichen will, lehnt die Methoden seiner
"Kollegen" als "eskalationsfördernd" ab: "Aus dem Hacking wird
schnell eine Kriegsführung. Man wird gezwungen, immer schwerere
Geschütze aufzufahren, um in die Medien zu gelangen." Zudem seien
die meisten Aktionen nur auf die Machtzentren ausgelegt. Es sei aber
viel förderlicher, die "Fußballer-Muttis" zuhause zu erreichen und
"umzudrehen". E-the-People habe sich daher ganz bewußt dazu
entschlossen, "innerhalb des Systems" zu arbeiten.
Während Sheshunoff das Internet allerdings auf jeden Fall als die
Zukunft eines wie auch immer gearteten politischen Aktivismus sieht,
sind andere Beobachter der Szene skeptischer. "Gruppen von
Online-Aktivisten waren bisher nicht sonderlich effektiv", beurteilt
der Well-Veteran Jon Lebkowski die harten Fakten. Noch so viele
konzertiert versandte Emails oder virtuelle Flugblätter hätten
beispielsweise zunächst nicht die Verabschiedung zahlreicher die
Meinungsfreiheit im Netz beschneidender Gesetze verhindern können.
Erst der physikalische Einsatz der American Civil Liberties Union
( ACLU ) und ihre Gerichtsklagen
hätten das Schlimmste verhindert. Geld und persönliche Lobby-Arbeit
seien letztlich nach wie vor die besten Mittel zur politischen
Einflußnahme.
Auch R.U. Sirius, Mitbegründer des Cybermagazins Mondo 2000 und "Pop-Idol" der
Netzkultur der alten Tage, ist von den Aktionskräfte des Internet
nicht mehr ganz überzeugt: "Im Web passieren so viele Dinge, daß man
kaum sehen kann, wer was macht." Deswegen sei es schwer, die Leute
über ein Medium zusammenzuziehen, das die Aufmerksamkeit
gleichzeitig so weit verstreue. "Die Leute treffen sich gerne an
realen Orten für politische Aktionen, etwa für
Anti-Kriegsdemonstrationen", meint der Autor. Durch das Netz würden
aber viele wieder vor den Schreibtisch zuhause gezogen. Ein
Allheilmittel gegen Politikmüdigkeit sei das Web daher nicht.
Trotzdem kann es R.U. Sirius nicht lassen: 1998 hat er "Die
Revolution" ausgerufen und sich als Präsidentschaftskandidat fürs
Jahr 2000 aufstellen lassen - um die Aufmerksamkeit der
Webaktivisten zu fokussieren. Die Ankündigung ging natürlich durch
diverse Mailinglisten und die Site The-revolution.org dient
R.U. Sirius als Plattform für die Verbreitung seiner Manifeste.
Die Bomben fliegen
weiter
Auch wenn das Goldene
Zeitalter des Online-Aktionismus noch etwas auf sich warten
läßt, waren sich die in Austin versammelten Aktivisten trotz der
unterschiedlichen Methoden und Zielsetzungen einig, daß ihrer
Profession dank des Internet eine neue Blütezeit bevorstehe. "Wir
haben nun ein internationales Publikum", meint Ray Thomas. Nach
kurzem Nachdenken fügt sie hinzu: "Wir erreichen zumindest die Leute
in Europa." Wray geht gar davon aus, daß über das Internet eine neue
internationale Bürgergesellschaft enstehe: "Das Netz verändert die
Art und Weise wie internationale Probleme gelöst werden", glaubt der
Kosmopolit. Die Aufmerksamkeit, die den Zapatistas zuteil wird, sei
das beste Beispiel.
Unklar bleibt weiterhin, ob die neue Generation von
internetgestützten Politakteuren wirklich unter dem Begriff
Hacktivism treffend beschrieben wird. "Wahrscheinlich verstehen die
Leute im Pentagon 'Hacktivism' besser als die 'Hacktivisten'
selbst", meint Bruce Sterling, für den weniger die kleinen
Netzgruppen als vielmehr die alten Mächte momentan die führenden
Player auf dem Feld des Informationskriegs darstellen. Interessant
werde die Entwicklung aber erst, wenn sich tatsächlich Angehörige
einzelner befeindeter Nationen untereinander über das Internet
bekriegten: "Was passiert, wenn das Netz in Krisenherden wie im Iran
oder Pakistan wirklich boomt?", fragt sich der
Science-Fiction-Autor. Netzgestützter ziviler Ungehorsam könne dann
schnell in zivile Gewalt umschlagen und eine neue Form des Krieges
hervorbringen.
"Das Fernsehen hat den Vietnam-Krieg und den Golf-Krieg
verändert", ergänzt Ray Thomas bei. Das Netz werde einen ähnlichen
starken Einfluß ausüben, auch wenn der Wandel noch nicht wirklich
abzusehen sei. Der Kosovo-Krieg, der zum ersten Mal von einer regen
Netzdebatte in Online-Debattierclubs wie The Well oder in Mailinglisten wie
Nettime begleitet wird, könnte
neue Erkenntnisse bringen.
Aufrufe zu Floodnet-Attacken auf die Sites der NATO oder der
jugoslawischen Regierung gibt es vom Electronic Disturbance Theatre
zwar bislang nicht. Über Nettime werden dagegen bereits Treffpunkte
für "reale" Demonstrationen ausgerufen und Links zu den neuesten
Nachrichten über den Kosovo-Krieg ausgetauscht. Selbst
Email-Diskussionslisten wie FITUG , die normalerweise über
Themen wie Kryptographie, Kinderpornographie oder Datenschutz
heißlaufen, haben plötzlich nur noch Jugoslawien im Sinn. Eine
russische Crackergruppe soll zudem laut Moskauer
Zeitungsberichten am Sonntag die Website des amerikanischen
Präsidenten lahmgelegt haben. Das Weiße Haus spricht allerdings von
einem Hardware-Fehler.
Die Bombenabwürfe selbst hätten Netzaktivisten allerdings nicht
verhindern können, warnt R.U. Sirius vor allzu großen Erwartungen an
die Macht des Internet. Man müsse immer die Frage stellen, wer
eigentlich die Kontrolle habe. Daran werde auch der gesammelte
Netzwiderstand wenig ändern.
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