Weishaupts Gespenster
oder Illuminati.org revisited

Zur Geschichte, Struktur und Legende des Illuminatenordens

von Marian Füssel

 

1. Problemstellung und Forschungsstand

"Im Grab, das der Historiker bewohnt, gibt es nichts als Leere" schreibt Michel de Certeau. Doch zuweilen wird ein solches Grab von Gespenstern heimgesucht, die Spuren hinterlassen:

"Vielen guten und biedern Männern geht es mit geheimen Verbindungen, wie Kindern mit Gespenstern und Kobolden. Die Vorsteher der Kindsstube unterhalten sie so häufig von den Bewegungen des Schalls, des Lichts und des Schattens, die wir bei Nacht gewahr werden, ohne die Ursache davon zu wissen, behaupten so dreist, es seyen eigene Geschöpfe einer anderen Gattung, weniger oder mehr bösartig, daß man mehr als Kind seyn müßte, um ihnen nicht Glauben beyzumessen, um Gespenster zu sehen, wo keine sind, und da vor Furcht zu zittern, wo keine Ursache der Furcht ist. Geheime Verbindungen scheinen mir ein nicht minder unschuldiges Spiel zu treiben; und sollten sie auf allen Fall mehr wagen, so wie es denn auch zuweilen Gespenster mit Fleisch und Blut gibt, gegen die man sich vorsehen muß: so ist es doch so leicht, sie zu entdecken, und so zu sagen zu entgeistern, daß es wahrlich jedem Mann von Muth und Herz eine Schande ist, Gespenster zu fürchten."

Von welchen Gespenstern ist hier die Rede? Wer hat ein erklärtes Interesse daran, den Gespensterglauben zu bekämpfen? Es ist Adam Weishaupt, der Gründer des Illuminatenordens, der sich gegen dessen Verfolgung als Geheimbund und damit gegen den Vorwurf gespenstischen Treibens zur Wehr setzt. Der Geheimbund der Illuminaten gilt bis heute als Sinnbild konspirativer Politik und geheimer Machinationen. Und so schrieb der ehemalige amerikanische Präsidentschaftskandidat Pat Robertson noch 1991 in The new World Order, dass "das Illuminatentum kein vorübergehendes Phänomen war, und die Prinzipien von Weishaupt, seine Jünger und sein Einfluß bis auf den heutigen Tag immer wieder von neuem in Erscheinung treten."

Wenn im folgenden Geschichte, Struktur und Legende des Illuminatenordens dargestellt werden, sind dabei drei verschiedene Ebenen der Wahrnehmung zu berücksichtigen: die des historischen Akteurs, d.h. vor allem Weishaupts, die der zeitgenössischen Außenwahrnehmung, die sich im Diskurs der Verschwörungstheorie manifestiert hat und die des modernen Historikers.

Noch 1975 mußte sich Richard van Dülmen zu Recht darüber beklagen, dass der Geheimbund der Illuminaten "nie die ihm gebührende Beachtung in der deutschen Geschichtswissenschaft gefunden" habe. Dies hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten erheblich geändert und so gehört der Illuminatenorden unter den aufklärerischen Geheimbünden wohl mittlerweile zu denen, die am besten erforscht sind. Grund dafür dürfte vor allem die vergleichsweise günstige Quellenlage sein. So gelang es der Polizei des Kurfürsten Karl Theodor von Bayern 1786, umfangreiche Teile der Ordenskorrespondenz zu beschlagnahmen, die bereits 1787 auf Geheiß der bayerischen Regierung gedruckt wurden. Als Reaktion auf die anti-illuminatischen Veröffentlichungen publizierten Weishaupt und andere Ex-Illuminaten im Gegenzug eine Vielzahl von Verteidigungsschriften.

Ein Großteil der bisherigen Forschung zum Illuminatenorden war und ist vor allem vom Interesse an seinem "radikal aufklärerischen" Charakter am "Vorabend der französischen Revolution" bestimmt. Die Vorstellung von der politischen Radikalität des Illuminatenordens liegt letztlich in einem teleologischen Geschichtsbild begründet, das die Illuminaten a posteriori als Stufe auf dem Weg zur französischen Revolution begreift und sich daher leicht den Blick für die Perspektive der Zeitgenossen verstellt. In Geheimbund und Utopie versuchte Manfred Agethen 1982 "die Grundelemente des Illuminatenbundes [...] mit Strukturen und Erscheinungsformen des Utopischen, Chiliastischen und Sektiererischen in Mittelalter und früher Neuzeit" in Beziehung zu setzen. Im Anschluß an Max Webers Religionssoziologie begreift Agethen die Illuminaten als Sekte. Auch in der Literaturwissenschaft widmete man in den letzten Jahren dem Verhältnis von Aufklärung und Geheimnis verstärktes Interesse; findet sich doch unter den Mitgliedern der Illuminaten eine der Ikonen der deutschen Literatur: der Weimarer Geheimrat J.W.v Goethe. In diesem Zusammenhang sind vor allem die Arbeiten W. D. Wilsons zu nennen, der in den Illuminaten "keineswegs [...] eine bürgerliche Emanzipationsbewegung", sondern den Ausdruck "einer rückwärts gewandten Restauration" sieht. Demgegenüber erscheint jedoch eine andere Perspektive weiterführender zu sein: Statt den Illuminatenbund entweder im Dienst demokratischer Traditionsstiftung zu instrumentalisieren oder als reaktionär abzuwerten, sollte es vielmehr darum gehen, den Blick für das "Fremde in der eigenen Kultur" zu schärfen.

2. Der Kontext: Aufklärung und geheime Gesellschaften

Bereits die Zeitgenossen bezeichneten das 18. Jahrhundert als "Zeitalter der Aufklärung" oder sprachen von einer "aufgeklärten Zeit", dem "philosophischen Jahrhundert" oder dem "Zeitalter der Vernunft". Getragen wurde dieser, nur etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung erfassende Prozeß von der bürgerlich adeligen Elitenkultur. Im Bewußtsein der grundsätzlichen Gestaltbarkeit der menschlichen Verhältnisse bildeten sich mit der Entstehung einer räsonierenden bürgerlichen Öffentlichkeit und eines Assoziationswesens, das die "spezifisch aufklärerische Geselligkeit auch zu einer eigenständigen Lebenspraxis konkretisierte", neue Kommunikationsräume, die letztlich zu einer schrittweisen "Erosion der ständischen Kultur" und deren "Transformation in eine vorrangig bürgerlich geprägte Kultur" führten. Richard van Dülmen unterscheidet drei Entwicklungsphasen der Gesellschaft der Aufklärer: die der Akademien und gelehrten Gesellschaften, die der Freimaurer und patriotischen Gesellschaften und die der Lesegesellschaften und politischen Geheimbünde.

In der historischen Entwicklung der geheimen Gesellschaften in Deutschland lassen sich vier Phasen unterscheiden. (1) Von der Gründung der ersten deutschen Loge in Hamburg 1737 bis in die vierziger Jahre dominierte die Johannismaurerei. (2) Seit Mitte der vierziger Jahre bis zum Wilhelmsbadener Konvent sind vor allem Hochgradsysteme wie die Strikte Observanz bestimmend. (3) Von der Mitte der sechziger Jahre bis Ende der achtziger Jahre überwiegen "rationalistische bzw. mystifizierende Geheimbünde". (4) Von 1765 bis 1795 gab es gleichzeitig eine Anzahl "mehr oder weniger antiaufklärerischer" Gesellschaften sowie von den Hochgradsystemen völlig unbeeinflußte, wie etwa die Berliner Mittwochsgesellschaft.

Dabei drängt sich ein Grundproblem förmlich auf: Welcher Zusammenhang besteht zwischen der Herausbildung einer bürgerlichen Öffentlichkeit und der gleichzeitig auftauchenden Tendenz zur Geheimhaltung? Schon der Philosoph Christian Garve bezweifelte 1785, daß "verständige Menschen Gutes erreichen, wenn sie durch Geheime Gesellschaften Wahrheit und Glückseligkeit verbreiten wollen. Was nutzen soll, muß offenbar geschehen." Mutet es doch zunächst paradox an, das 18. Jahrhundert als das goldene Zeitalter der Geheimgesellschaften zu betrachten. Carl Friedrich Bahrdt schreibt 1789: "Aufklärung und geheime Gesellschaften sind die beiden merkwürdigen Steckenpferde auf welchen sich Torheit und Weisheit unserer Zeitgenossen tummelt."

Ein Jahr zuvor (1788) bemerkte Adolph Frh. v. Knigge: "Man wird heut zu Tage in allen Ständen wenig Menschen antreffen, die nicht, von Wißbegierde, Thätigkeitstrieb, Geselligkeit oder Vorwitz geleitet, wenigstens eine Zeitlang Mitglieder einer solchen geheimen Verbrüderung gewesen wären."

Reinhart Koselleck vertritt in seiner klassischen Studie Kritik und Krise. Ein Beitrag zur Pathogenese der bürgerlichen Welt die These, dass "die Aufspaltung des Menschen in das Private und das Etatistische [...] für die Genese des Geheimnisses" konstitutiv seit. Die Dialektik von Aufklärung und Geheimhaltung sei dabei "bereits an der Wurzel des absolutistischen Staates angelegt." Die Logen schaffen einen "geheimen Innenraum im Staate", in dem die "bürgerliche Freiheit bereits verwirklicht ist. Die Freiheit im Geheimen wird zum Geheimnis der Freiheit."

Die Herausforderung für den Historiker besteht darin, die Verwurzelung in den alten "ständischen" Strukturen mit der Herausbildung neuer "bürgerlicher" Praktiken zusammenzudenken.

Ein anregendes Theorieangebot sowie ein praktikables Instrumentarium zur Bewältigung dieser Aufgabe liefert die von Pierre Bourdieu entwickelte Habitustheorie. Bourdieu definiert Habitusformen als "Systeme dauerhafter Dispositionen, strukturierte Strukturen, die geeignet sind, als strukturierende Strukturen zu wirken, mit anderen Worten: als Erzeugungs- und Strukturierungsprinzip von Praxisformen und Repräsentationen." Der Habitus ist das Resultat der Inkorporierung sozialer Existenzbedingungen ("quasi inkorporierte Klasse"). Eine Struktur (oder auch Klassenlage) führt dazu, daß sich bei Individuen und Gruppen eine bestimmte Disposition ausprägt, ein Habitus. Der Habitus wiederum generiert praktische Handlungen und Strategien, die neue Strukturen herstellen. Die damit skizzierte Lösungsrichtung deutet sich bereits im Aufgreifen des Habitusbegriffs bei Norbert Schindler an, der ihn jedoch noch nicht durchgehend und systematisch verwendet. Aus seiner Perspektive machte demgemäß der freimaurerische Brüderlichkeitskult

"die Aneignung neuer bürgerlicher Verhaltensweisen nicht so sehr als einen kognitiven Lernprozeß möglich, sondern wirkte eher auf eine latente, durch verhaltenspraktische Einübung und Routinisierung jedoch um so alltagswirksamere Art und Weise. Gerade durch den experimentellen Charakter ihres Geheimkults, der die soziale Phantasie entgrenzte und vielfältige Möglichkeiten der allmählichen Übersetzung vorbürgerlicher in bürgerliche Verhaltensmuster bereitstellte, wurde die Freimaurerei zu einer wichtigen Sozialisationsagentur in der Formierungsphase des Bürgertums."

Die Freimaurerei trug mit anderen Worten wesentlich zur Herausbildung eines (proto-) bürgerlichen Habitus bei.

In Abgrenzung von dem in der Forschung häufig betonten "egalitären", die ständischen Grenzziehungen aufhebenden Charakter geheimer Verbindungen muß andererseits auch die Ausgrenzung bestimmter sozialer Gruppen wie Frauen, Juden oder unterbürgerlicher Schichten hervorgehoben werden. "Der gemeine Mann" hieß es, sei "zum Mitglied einer solchen Verbindung nicht tauglich." Die Aufstiegsmöglichkeiten innerhalb des Gradsystems einer geheimen Gesellschaft erzeugten die Illusion einer Chancengleichheit, die in der Realität der ständischen Gesellschaft nicht ausreichend gegeben war. Sie sind Ausdruck eines Strukturwandels sozialer Ungleichheit, von ständischen zu bürgerlichen Ungleicheitsverhältnissen.

3. Zur Geschichte des Illuminatenordens

Um die Genese des Illuminatenbundes zu verstehen, muss man sich zunächst den Kontext der geistigen und soziopolitischen Situation Bayerns gegen Ende des 18. Jahrhunderts vergegenwärtigen. Der Strukturwandel der Aufklärung in Bayern vollzog sich in drei Phasen. In der ersten Phase gewinnt Kurfürst Max III. Joseph entscheidenden Einfluß auf die katholische Kirche Bayerns und setzt kirchliche und klösterliche Reformen durch. Höhepunkt der katholischen Reformbewegung ist die Gründung der "Churbayerischen Akademie der Wissenschaften" 1759 durch Johann Georg Lori (1723-1787) und die Gründung des "geistlichen Rates" 1768. Die zweite Phase ist von Konflikten zwischen Jansenisten, Rationalisten, Jesuiten und Rosenkreuzern bestimmt, in deren Kontext vor allem die Aufhebung des Jesuitenordens 1773 und die Gründung des Illuminatenordens 1776 stehen. Die dritte Phase endet mit der Verfolgung der Illuminaten. Als bestimmend für den Bayerischen Sonderweg nennt van Dülmen "die dominierende Stellung der feudalen Kirche", "die schwache Stellung des Bürgertums", und schließlich "die späte, dann vom Patriotismus übereilig geförderte Rezeption aufklärerischer Ideen durch eine kleine Zahl von Geistlichen und Beamten".

Adam Weishaupt 1748 in Ingolstadt geboren erfährt wie viele Aufklärer (vgl. Diderot, Moliere) seine schulische Sozialisation durch die Jesuiten. Aufgrund der Protektion seines Mentors, des Reformers Johann Adam v. Ickstatt wird Weishaupt im Alter von 25 Jahren auf die Professur für Kirchenrecht und praktische Philosophie an der Universität Ingolstadt berufen. Weishaupts Lehrtätigkeit ist fortan von den fortwährenden Auseinandersetzungen mit den (Ex-) Jesuiten geprägt.

In diesem Klima eines "unaufhörlichen Kämpfens und Ringens nach Macht, von Fallen und Steigen der einen oder anderen Parthey" gründete Weishaupt am 1. Mai 1776 den Bund der Perfectibilisten, der bald darauf in den "Bund der Illuminaten" bzw. den "Illuminatenorden" umbenannt wurde. Trug sich Weishaupt schon länger mit dem Gedanken der Gründung einer geheimen Verbindung, so lieferte den konkreten Anlaß die Absicht, den Anwerbungsversuchen eines Rosenkreuzerzirkels aus Burghausen zuvorzukommen.

Zunächst ein reiner Studentenorden, breitete sich der Orden anfangs nur langsam aus. Weishaupt sucht vor allem junge, noch formbare Mitglieder. "Dermalen kann man keine [anderen Qualitäten) brauchen, als qualitates generales. 1) Geschickt 2) Industrios 3) Biegsam 4) Sociabilis. Sind die Leute noch dazu reich, vom Adel und mächtig, tant mieux." Frauen blieben ausgeschlossen, obwohl man die Gründung separater Frauenlogen immerhin diskutierte.

Ab 1779 begann die Unterwanderung der Münchener Freimaurerlogen. München wurde von da an zur Hauptzentrale der Illuminaten.

Der für die innere wie äußere Organisation des Illuminatenordens entscheidende Wendepunkt war der Eintritt Adolph Freiherr v. Knigges (1752-1796) im Januar 1780. Bis 1781 regierte der General Weishaupt den Orden wie ein Jesuitengeneral, durch Knigges Reform änderte sich jedoch die Machtstruktur. Knigge befürchtete einen Machtmißbrauch des Ordens, "wenn wir Stifter uns nicht einen Zaum dadurch anlegten, daß wir die despotische Macht, die wir im Namen unbekannter Oberer hätten ausüben können, in eine Art von republicanischer Regierung verwandelten." Knigge engagierte sich mit großem Enthusiasmus und warb zahlreiche Mitglieder für den Orden. Seine Werbetätigkeit erwies sich dabei als so erfolgreich, dass der Orden schon bald an die Grenzen seiner Kapazität stieß. Innerhalb kurzer Zeit hatte Knigge eigenen Angaben zu Folge mehr als 500 "edler, vornehmer, gelehrter und wichtiger Männer angeworben". Zusätzlich problematisch wurde die Lage durch die zahlreichen Mitglieder in nicht-katholischen Territorien, die mit der Minervalklasse (quasi des Noviziats des Ordens) unzufrieden waren und danach verlangten, endlich die höheren Klassen kennenzulernen. Weishaupt kam daraufhin in die peinliche Lage, zugeben zu müssen, daß diese höheren Systeme noch gar nicht existierten, "ja der Orden eigentlich noch gar nicht, sondern nur in seinem Kopfe existierte". Er beauftragte daher Knigge, das von ihm gesammelte Material zu weiteren Klassen auszuarbeiten. Knigge plante dabei bewußt durch die Übernahme freimaurerischer Symbolik, "die Sinnbilder passend auf unser System [zu] erklären, und dadurch endlich die ganze Freymaurerey zu unsern erhabenen Zwecken hinleiten und unter unsere Direction bringen" zu können.

Später bemühte man sich mehr und mehr auch um die Aufnahme älterer und einflußreicher Personen. Die Organisationstruktur des Ordens stieß dabei jedoch auch häufig auf Skepsis wie etwa bei Friedrich Nicolai, der sich das "Parfum des Papismus" entgegenwehen fühlte. Auch Friedrich Schiller und J.C.Lavater reagierten mit Ablehnung auf die Anwerbungsversuche der Illuminaten.

Der Wilhelmsbadener Freimaurer-Konvent vom 16. Juli bis 1. September 1782 gab Anlaß für eine weitere Verbreitung des Ordens. Die Auflösung der Strikten Observanz schuf einen Freiraum, den die Illuminaten geschickt zu nutzen wußten. Knigge und F.W. v. Ditfurth fungierten als Gesandte des Illuminatenbundes. So konnten nach dem Kongreß neue Mitglieder gewonnen werden. Unter ihnen vor allem Johann Joachim Christoph Bode (1730-1793), sowie Herzog Ferdinand von Braunschweig und Prinz Karl v. Hessen Kassel. Bode entwickelte sich in der Folgezeit zu einem der wichtigsten Mitglieder des Ordens. Aufgrund des ihm von Bode übermittelten Ordensplanes trat auch Herzog Ernst von Sachsen Gotha dem Orden bei.

Wichtige Zentren außerhalb Bayerns waren vor allem Mainz und Bonn. Ditfurth warb neue Mitglieder in Wetzlar, wo man vor allem das Reichskammergericht unterwanderte. Dieser "Marsch durch die Institutionen" betraf neben dem Reichskammergericht vor allem das bayerische Zensurkollegium und die bayerische Akademie der Wissenschaften.

"Man muß um die Mächtigen der Erde her eine Legion von Männern versammeln, die unermüdet sind, alles zu dem großen Plan, zum Besten der Menschheit zu leiten und das ganze Land umzustimmen; dann bedarf es keiner äußeren Gewalt."

Entsprach dieser Vision auch eine beeindruckende Zahl von kompetenten Personen? Eine Mitgliederzahl von etwa 1400 gilt mittlerweile als gesichert. Zum Vergleich: die Rosenkreuzer hatten (1656/57-1787) etwa 5856 Mitglieder, die 433 deutschen Lesegesellschaften (1750-1800) 12600 Mitglieder, die deutschen Freimaurer (1737-1789) 27000 Mitglieder. Die Illuminaten stellen sich ihrer sozialen Zusammensetzung nach tatsächlich als eine Versammlung der Verwaltungs- und Bildungselite des absolutistischen Staates dar. Die Anzahl der "Gelehrten" im Illuminatenorden betrug 45%, die Kapital- und Grundbesitzer machen nur 8% aus. Die soziale Basis der Illuminaten rekrutierte sich vor allem aus den über geringes ökonomisches Kapital verfügenden protobürgerlichen und adligen Schichten. Die Aufklärungsgesellschaften dienten der Akkumulation sozialen und kulturellen (nicht ökonomischen) Kapitals. Die notwendigen Kontakte, um gesellschaftlich reüssieren zu können, erwarb man in den Gesellschaften und Salons. Gleichzeitig dienten die Gesellschaften der durch das Bildungssystem nicht abgedeckten Akkumulation von Bildung. Das sich im Geheimbund der Illuminaten manifestierende Geselligkeitsbedürfnis der Bildungselite ist Ausdruck sozialer Distinktion, die sich der Geheimhaltung als Verstärkung symbolischer Macht bedient. Der Illuminatenorden "hat seinen Platz daher weit mehr in der Kommunikations- und Bildungsgeschichte als in einer Geschichte staatsgefährdender Umtriebe."

Zum inneren Auflösungsprozeß der Illuminaten trugen wesentlich die zunehmenden Auseinandersetzungen zwischen Weishaupt und Knigge bei. Vor allem Weishaupts autoritärer Führungsstil stieß auf Widerspruch bei Knigge. Im Zuge der wachsenden Kritik (vor allem Knigges) an Weishaupt entstand immer mehr das Bild seines "jesuitischen Charakters". "Sollte selbst Spartacus [so Weishaupts Ordensname] ein verlarvter Jesuit seyn." Weishaupt wiederum verdächtigte Knigge, "daß er hinter uns arbeitet und etwas anderes errichtet". Den eigentlichen Anlaß zur Eskalation des Konfliktes lieferte ein an die führenden Männer des Ordens gerichtetes Rundschreiben Knigges, in dem er vorschlug, sich Ende des Jahres 1783 zu einem Kongreß in Heidelberg zu treffen, um die weitere Organisation des Ordens zu regeln. Knigge plante die Einrichtung eines ständigen Rates der Mitglieder der Regentenklasse und die damit verbundene Offenlegung der personellen Identität der Ordensspitze. Bislang war allerdings nur dem Münchener Aeropag die zentrale Rolle Weishaupts als Gründer und Oberhaupt des Ordens bekannt. Wollte er seine geheime Identität und damit die Bedingung der Möglichkeit seiner Macht bewahren, mußte er Knigges "demokratisierende" Intervention verhindern. Er übertrug die Verwaltung der deutschen Ordensangelegenheiten, die zuvor Knigge oblag, Stollberg-Rossla und bestimmte Bode als Vermittler. Nach einem Treffen in Weimar wurde Knigge in Ehren entlassen.

Die äußere Auflösung des Ordens mit dem endgültigen Verbot des Illuminatenordens durch Kurfürst Karl Theodor 1785 ist vor allem durch einen außenpolitischen Vorgang motiviert. Karl Theodor führte Verhandlungen mit Kaiser Joseph II. über den Tausch von Teilen Bayerns gegen die österreichischen Niederlande. Der Ex-Illuminat Utzschneider unterrichtete die Öffentlichkeit von angeblichen Bestrebungen der Illuminaten, auf eine Übergabe bayerischen Territoriums an Österreich hinzuwirken und noch dazu wichtige geheime Dokumente entwendet zu haben. Ein erstes Edikt gegen die Illuminaten wurde am 22.6.1784 erlassen, es folgten zwei weitere am 2.3.1785 und 16.8.1785. Weishaupt flüchtete zunächst nach Regensburg und im Herbst 1787 nach Gotha, wo er von Herzog Ernst II. eine Stelle als Hofrat erhielt. Der Orden galt in der Öffentlichkeit ab Mitte 1785 als erloschen.

Durch das Verbot des Illuminatenordens sahen sich die konservativen Kräfte darin bestätigt, dass die Aufklärer es auf die Zersetzung von Staat und Religion abgesehen hatten. Sie nutzten die Gelegenheit, alle aufklärerischen Kräfte als "illuminatisch" und damit als staatsfeindlich zu diskreditieren. Im Zuge der Auseinandersetzungen zwischen Weishaupt und Knigge und der pfalz-bayerischen Edikte übernahm eine Gruppe um Bode und Herzog Ernst von Gotha die Führung des Ordens. Weishaupt wurde von allen Ordenstätigkeiten suspendiert. Es folgte eine Umstrukturierung der geographischen Verteilung des Ordens und seine Expansion nach Italien, Rußland und Frankreich. Der Orden nach der Konzeption Weishaupts fand sein endgültiges Ende schließlich mit Bodes Gründung einer Pariser Ordensdependance im Jahr 1787.

4. Organisation und Struktur des Illuminatenordens

Aus dem bisher zu Entstehung des Illuminatenordens Gesagten ergibt sich folgendes Der Illuminatenorden stellt eine Schnittmenge von Freimaurerloge, Lesegesellschaft und Jesuitenorden dar. Klemens von Neumayer (1766-1829), seit 1783 Illuminat, beschreibt in seiner Autobiographie die Strukturelemente, die Weishaupt von den Jesuiten übernahm, wie folgt:

"Der Illuminaten-Orden verlangte blinden Gehorsam der Untergebenen gegen ihre Obern. Jedes Mitglied mußte bei seiner Aufnahme alle seine persönlichen, Familien-, oeconomischen und politischen Verhältnisse in besonders vorgeschriebenen Tabellen zur Anzeige bringen, und sogar eine ausführliche Geschichte seines bisherigen Lebens übergeben: eine Art fortgesetzter Beichte war in den monatlichen Quibus Licet verordnet; jedes Mitglied war zur Beobachtung der übrigen Mitglieder, selbst zu Denunciationen ihrer nächsten Obern in den Soli’s und Uni’s aufgefordert; jedem Mitgliede ward es zur Pflicht gemacht, Männer von Einfluß für den Orden zu gewinnen, und seinen eigenen Einfluß überall zum Besten des Ordens zu verwenden, u.s.w. "

Den neu Aufgenommenen wird zunächst ein sogenannter Gradtext ausgehändigt, der nach einiger Zeit wieder eingesammelt wird. Dieser Gradtext enthält ein bestimmtes Reglement und bestimmte Zeremonien. Zur Verdeutlichung des Systems des Illuminatenordens kann folgende Grafik behilflich sein. Der Orden war in drei Hauptklassen gegliedert, die wiederum zwei Unterabteilungen hatten.

 

Das Gradsystem des Illuminatenordens

I. Pflanzsschule oder Vorbereitungsklasse
1. Novize
2. Minerval
3. Kleiner Illuminat

II. Maurerklasse
1. Lehrling - Geselle - Meister
2. Illuminatus maior (Schottischer Novize)
3. Illuminatus dirigens (Schottischer Ritter)

III. Mysterienklasse
1. Kleine Mysterien: a) Priester, b) Regent
2. Große Mysterien:
a) Magus, b) Rex

 

Im Noviziat wurde zunächst die Eignung des neu Aufzunehmenden geprüft. Bei der Aufnahme leistete er einen Eid, unterschrieb ein sogenanntes Revers und erhielt einen Ordensnamen. Die Minervalversammlungen wurden durch einen Vertreter der nächst höheren Klasse geleitet.

"Die Minervalen sollten Zöglinge, Schüler; die Freymaurer gebildete Weltleute, Geschäftsmänner; die Priester, Gelehrte, Lehrer; die Regenten, Vorsteher, Directoren, und endlich die Mitglieder der höhern Mysterien-Grade speculative Seher seyn, die, nachdem sie lange genug der Welt thätig genützt gehabt, nun sich in eine philosophische Ruhe zurückgezogen hätten."

Die entscheidenden Schnittstellen der Ordenshierarchie bilden der Übergang von der klassischen "blauen" Maurerei zur "schottischen" Hochgradmaurerei mit der Aufnahme zum "Illuminatus maior" und der Übergang von der Hochgradmaurerei zum Mysterienbund mit dem Eintritt in die Mysterienklasse.

Sprachchiffren, eine eigene Zeitrechnung, Ordensnamen und eine besondere Ordenskleidung fungieren so als "symbolische Zeichen der Trennung von den Kommunikationsmustern der alten Gesellschaft." Die Umbenennung und zusätzliche Einführung einer neuen Zeitrechnung symbolisiert hier nicht den Beginn einer neuen Zeit (wie der französische Revolutionskalender), sondern "meldet einen Traditionsanspruch an", indem der Orden in die Kontinuität alter Überlieferungen gestellt wird. Die Zeitrechnung der Illuminaten beginnt um 630 n.Chr, die der Freimaurer um 4000 v.Chr. und die des Evergetenbundes um 399 v.Chr.

Alle Ordensmitglieder erhalten einen Ordensnamen. Weishaupt nennt sich Spartacus, Knigge Philo. Die Tatsache, dass Weishaupt sich den Namen des Anführers eines Sklavenaufstandes zulegte, hat viele Autoren zu der Annahme geführt, er sehe sich als Rebell gegen den Absolutistischen Staat. "Da die Gesellschaft nicht gedenkt, vernünftige Bande, denen man im Staat zugethan, aufzuheben, sondern solche noch vielmehr zu befestigen...", scheint es jedoch naheliegender, dass die Analogie hier auf den Widerstand gegen die kulturelle Hegemonie der Jesuiten gemünzt war. Überhaupt erscheint die Auswahl der Namen als ein Streifzug durch die Geistesgeschichte, der eher auf die Verwurzelung in der Tradition als auf revolutionäres Gedankengut verweist.

Die Instruction für Provincialen kennzeichnet die "folgenden Stücke als den eigentlichen Grund und [das] Fundament des Ordens [...] 1. Gehörige zu den auszuführenden Zwecken proportionierte Verbreitung. 2. Unterricht und Bildung 3. Anhängigkeit der Mitglieder. 4. Strengste Subordination 5. Verborgenheit." "Stillschweigen und Geheimnis" sind laut Weishaupt "die Seele unseres Ordens." Weishaupt ist sich der Anziehungskraft, die das Geheimnis auf seine Zeitgenossen ausübt, durchaus bewußt:

"Der Orden will überhaupt, so viel möglich, verborgen bleiben; denn alles Geheime und Verborgene hat für uns sonderbaren Reitz; bey andern Leuten aber erweckt die Verborgenheit Neugierde, und zugleich wird die Anhänglichkeit bey uns vergrößert. Die Obern haben dabey mehrere Gelegenheit zu beobachten, und also unvermerkt die Leute desto sicherer kennen zu lernen. Der Orden ist dadurch sicher vor dem Eindringen der untauglichen Mächtigen und vor den Muthmaßungen der ausspähenden Vorwitzigen. Die guten edlen Absichten können weniger gehindert, und die Ausbrüche der Herrschsüchtigen und der Partheygänger desto leichter unterdrücket werden." "Der Orden hat ein doppeltes Geheimnis zu beobachten; ein äußeres, wodurch den Profanen nicht nur unser Zweck, Operationen und Personale, sondern auch sogar unser Daseyn unbekannt bleiben soll; ... ein inneres, wodurch einem jeden Mitgliede gerade soviel von Ordenssachen und Personen eröffnet wird, als der Grad seiner Zuverlässigkeit, die Ausdehnung seines Wirkungskreises, die Erhaltung seines Zutrauens und Eifers fordert".

Selbst unter der Perspektive, daß die Illuminaten weniger die Revolution des absolutistischen Staates als vielmehr dessen Perfektion anstrebten, war ihnen jedoch die Verfolgung durch den Staatsapparat, der keinen "Staat im Staat" duldete, sicher. Schindlers, von Habermas geprägte Interpretation des Geheimnisses betont dagegen vor allem die Binnenfunktion der Geheimhaltung, in der

"die geheimen Assoziationen im Unterschied zum proklamatorischen Charakter der räsonnierenden Öffentlichkeit eine kommunikative Handlungspraxis antizipierten, die aufgeklärt-bürgerliche Ansprüche wie Gleichheit, Brüderlichkeit und die Achtung der Persönlichkeit in soziale Erfahrungskontexte umzusetzen und mit lebensweltlicher Plastizität auszustatten erlaubte."

Dies trifft m.E. vor allem auf die Erwartungen der Mitglieder zu; die Handlungspraxis scheint dagegen weniger durch Formen kommunikativen, als vielmehr strategischen Handelns geprägt gewesen zu sein. Das Geheimnis verdankte seine Anziehungskraft zudem der symbolischen Macht einer kryptologischen Wertsteigerung. Je geheimer das Wissen erscheint, desto wertvoller wird es und um so mehr Machtpotential kann es auch nach innen entfalten, denn die Ständeordnung bleibt unsichtbar.

Zusammenfassend lassen sich folgende Funktionen des Geheimnisses bestimmen. Innerhalb der Gesellschaft diente es zur Motivation der Mitglieder, zur Verschleierung der historischen Kontingenz des Gradsystems und zur Sicherung der Kontrolle durch die geheimen Oberen. Nach außen sicherte es den Erhalt der Gesellschaft. Inhaltlich bestand das Geheimnis in der Geschichtsphilosophie Weishaupts. Wie Martin Mulsow vor kurzem gezeigt hat, war diese bereits 1786 kein Geheimnis mehr, denn in diesem Jahr veröffentlichte Weishaupt in seiner Schrift Ueber Materialismus und Idealismus, den bislang so sorgfältig gehüteten Text der höchsten Grade.

5. Ideologie und Ziele der Illuminaten

Im Illuminatismus treffen zwei Grundlinien der deutschen Aufklärung zusammen: "eine durch Philosophie, Wissenschaft geprägte Linie", die von der Prämisse ausging, "wenn die Wahrheit erkannt sei, dann folge mit Notwendigkeit eine Reform der Denkungsart des einzelnen und schließlich der ganzen Gesellschaft" und eine durch die Sozietäten markierte Linie, die "Aufklärung als einen erfahr- und gestaltbaren Kultivierungsprozeß" verstand und deren Schwerpunkt die "vernünftige Praxis" bildete.

Der Weg zu allgemeiner Aufklärung konnte daher nur über die moralische Verbesserung des einzelnen durch das "Sittenregiment" des Ordens geleistet werden, ging Weishaupt doch davon aus daß "die Kirche sowohl als der Staat, sowie sie dermalen sind, die höchste Veredlung der Absichten auf keine Art bewirken."

Die Ziele des Ordens bleiben jedoch abstrakt utopisch, Pläne zu konkreten Reformen sucht man vergeblich. Man konzentrierte sich vielmehr auf Methoden und Strategien zur Veränderung: eine Reform der Pädagogik und die Einflußnahme auf die Herrschenden durch die Besetzung von institutionellen Schlüsselpositionen. Einer der erfolgreichsten Versuche dieses "Marsches durch die Institutionen" war zweifellos die Unterwanderung des Reichskammergerichts durch die Illuminaten.

Ihr Ziel war nicht die Revolution, sondern die Perfektion des bestehenden Systems, d.h. "die Vervollkommnung des aufgeklärten Absolutismus durch konspirative Mittel." Entsprechend ihrer meritokratischen Ideologie kritisierten die Illuminaten die Macht des Adels und traten für die Herrschaft der intellektuellen Elite ein. Gleichzeitig galt es der Dialektik von Freiheit und Despotismus Herr zu werden. "Die Vereinigung der Menschen in Staaten" so Weishaupt "ist die Wiege und das Grab des Despotismus, sie ist auch zugleich das Grab und die Wiege der Freiheit." Weishaupt erscheint hier gleichsam als einer der Wegbereiter einer dialektischen Geschichtsphilosophie, doch darf nicht übersehen werden, dass die Beschleunigung des bürgerliche Emanzipationsprozesses ihm zufolfe nur durch eine geheime Elite herbeigeführt wird und nicht durch die Eigendynamik der gesellschaftlichen Kräfte.

Weishaupt fürchtet die unkontrollierbare Macht des Volks. "Siegt das Volk, so steht ein Zustand bevor, der nun ärger als aller Despotismus, und der Aufklärung noch viel gefährlicher ist: wir laufen Gefahr, in einen anarchischen Zustand zu verfallen."

Eine exakte Rekonstruktion der geistigen Einflüsse der Illuminatenideologie ist schwierig, da die von Weishaupt empfohlenen Schriften nahezu die ganze Bandbreite der zeitgenössischen Philosophie abdecken. Die Illuminaten verwerteten "die damals zugänglichen Aufklärungsschriften, aus denen sie einen populären Extrakt zusammenbrauten". Die philosophischen Einflüsse Weishaupts lassen sich weder einseitig auf materialistisch-sensualistische Strömungen (Helvetius, Condillac, Holbach) noch auf esoterische (Meiner) reduzieren. Die Originalität der illuminatischen Theoriebildung bestand jedoch weniger im (mißglückten) Versuch einer Synthetisierung heterogener Theorieangebote als vielmehr in ihrer konsequenten Indienstnahme für die aufklärerische Praxis.

Die wahre Moral ist für Weishaupt die "so sehr verkannte, vom Eigennutz mißbrauchte, mit so vielen Zusätzen vermehrte, und ihrem wahren Sinn nach blos in Geheim fortgepflanzte, und auf uns überlieferte göttliche Lehre Jesu und seiner Jünger."

Zitat das Volk "das den Druck der Knechtschaft von undenklichen Zeiten am nachdrücklichsten fühlte [...], lehrte er die Lehre der Vernunft, und um sie desto wirksamer zu machen, machte er sie zur Religion, benutzte die Sage, die unter dem Volk ging, und verband solche auf kluge Art mit der dermal herrschenden Volksreligion und Gebräuchen, in welche er das innerliche, und wesentliche seiner Lehre verborgen." Die Anhänger Jesu "verbargen sich und ihre Lehre dahero unter die Hülle der Freymaurerey, und feyerten unter diesen Hierogliphen das Andenken ihres großen Lehrers, und erwarteten sehnlichst die Zeit, wo sie in ihre ersten Rechte, und ursprüngliche Reinheit zurücktreten, und der Welt in vollem Lichte erscheinen möchten." Aber die Freimaurerei verkam zu einer von Aberglauben und Unvernunft geprägten Vereinigung, die lediglich "einer besseren klügeren Einrichtung zur Masque" diente: den Illuminaten. Soweit A.Weishaupt. Symbolik und Rituale der Illuminaten verbinden so gnostisch verstandenes Christentum, Maurerei und Bildungsidee. Der Illuminat steigt von Stufe zu Stufe dem Licht der Vernunft entgegen.

6. Die Pädagogik der Illuminaten und die Illuminaten der Pädagogik – zur Sozialisationsgeschichte des Bürgertums im 18. Jh.

Besonders interessant scheint in diesem Zusammenhang der Einfluß der Illuminaten auf die Pädagogik zu sein, bezeichnet man die Aufklärung insgesamt doch auch als das "pädagogische Jahrhundert". Die Pädagogik der Aufklärung ist dabei von zwei Tendenzen geprägt, die sich zunächst gegenseitig auszuschließen scheinen: Disziplinierung und Humanisierung.

Wie läßt sich totale Unterwerfung unter den Ordensgeneral mit dem Gedanken von moralischer Autonomie und Selbstbestimmung zusammen denken? Die Lösung liegt in Weishaupts soeben schon kurz genannter Geschichtsphilosophie. Sie stellt eine Kombination aus linearer Fortschrittstheorie und einer dialektischen Geschichtstriade dar. Hierbei wird die Geschichtsteleologie der Aufklärung zum Geheimnis der Illuminaten. In Anlehnung an Rousseaus Diskurs über die Ungleichheit wird zunächst die Entsstehung von Unfreiheit und sozialer Ungleichheit als Folge der Entstehung des Eigentums erklärt. Eigentliche Ursache für die Aufgabe des glücklichen Naturzustands ist jedoch die mangelnde Beherrschung der menschlichen Leidenschaften und Bedürfnisse. "Die Geschichte des Menschengeschlechts ist die Geschichte seiner Bedürfnisse [...]; diese Entwicklung der Bedürfnisse ist die Geschichte der Vervollkommnung des ganzen Geschlechts." Die ungehemmte Bedürfnisbefriedigung bedarf der Herrschaft, umgekehrt macht sich die Herrschaft die Bedürfnisstruktur des Menschen zunutze. "Die Freyheit hat den Despotismus zur Welt gebracht, und der Despotismus führt wieder zur Freyheit." So Weishaupt. Bedingung der Möglichkeit von Freiheit sind radikale Triebbeherrschung und Bedürfnisbegrenzung. Sie sind "daher das Ziel von Bildung und damit letztlich auch von Geschichte, deren Movens bislang die Bedürfnissteigerung ist." Die Natur wird als "stufenweise Entwicklung eines unendlichen Plans" begriffen. Im Rahmen seines mechanizistischen Naturbegriffs begreift Weishaupt Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit einer nach strengen Gesetzmäßigkeiten verlaufenden Natur. Die Notwendigkeit und Legitimität einer geheimen Gesellschaft gründet letztlich in der Einsicht in den Plan der Natur. Die geheime Gesellschaft ist so durch Gott und Natur legitimiert, d.h. gleichzeitig: Sie dient dabei als Vermittlungsinstanz.

Ihre hermeneutische Überlegenheit "ist die einzige wahre Quelle der Macht des Menschen über andere Menschen." Hier wird der Zusammenhang von Wissen und Macht deutlich. Die Einsicht in den Lauf der Geschichte wird zur Grundlage legitimer Macht, denn "um tausend Blinde zu führen, braucht nur ein einziger zu sehen." Der Lauf der Geschichte wird dabei in Analogie zum menschlichen Leben gedacht. "So, wie also der einzelne Mensch, eben so hat auch das ganze Geschlecht seine Kindheit, Jugend, männliches und graues Alter." So legitimiert sich auch die Erziehung zur Mündigkeit durch den Geheimbund.

"Alle Unterwerfung, auch der rohesten Menschen, ist also bedingt auf den Fall, daß ich Hilfe nötig habe, daß der, dem ich mich unterwerfe, mir sie zu leisten imstande sei. Mit meiner Schwäche und mit der Überlegenheit des andern hört seine [dessen] Gewalt auf. Könige sind Väter: väterliche Gewalt geht [zusammen] mit der Unvermögenheit der Kinder zu Ende."

Die hier formulierte Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft wird sich später in ähnlicher Form in Hegels berühmter Herr-Knecht Analyse wiederfinden. "Wer andere nicht braucht, ist frei: wer noch dazu andern nutzen kann, ist frei und ihr König." "Wo finden sie nun diese Stärke, die sie gegen andere schützen soll? In ihrer Einigkeit? Aber dieser Fall ist zu selten. - Also in neuen, engern, klügern, geheimen Verbindungen; daher das Verlangen nach solchen in der Natur selbst gegründet." Nach Weishaupt unterwerfen sich die Schwachen einem Stärkeren, damit er ihnen hilft, sie beschützt und sie belehrt. So erlischt die Gewalt des Vaters über das Kind, wenn dieses dem Kindesalter entwachsen ist. Die Verquickung von Freiheit und Despotismus in der Binnenstruktur des Illuminatenordens erscheint dann nur konsequent: die unteren Klassen verhalten sich zu den Ordensobern wie Kinder zu ihrem Vater. Sobald sie jedoch den Schritt in das Erwachsenenalter vollzogen haben, stehen sie gleichberechtigt neben den anderen Mitgliedern des Aeropags. Der despotische Herrschaftsanspruch erlischt, wenn sein Ziel - die moralische Vervollkommnung des Schülers – erreicht ist. Die den einzelnen von Stufe zu Stufe begleitenden Initiationsriten sind demnach vergleichbar mit klassischen Männlichkeitsinitiationen bzw. antiken Emanzipationsritualen. "Unterscheidung und Gleichheit, Despotismus und Freiheit auf das engste zu verbinden [...] ist das Meisterstück der mit der Moral vereinigten Politik."

6.1. Illuminaten als Pädagogen (Pestalozzi, Salzmann)

Viele Illuminaten waren bedeutende Pädagogen, so etwa Rudolf Zacharias Becker (1752-1822), Johann Heinrich Campe (1746-1818), Ernst Christian Trapp (1745-1818), Karl Friedrich Bahrdt (1741-1792), Johann Friedrich Simon (1747-1829), Friedrich August Klemens Werthes (1748-1817) und Jakob Mauvillon (1743-1794). Besonders zwischen Philantropen und Illuminaten zeigen sich demnach zahlreiche personelle Kontinuitäten, was Konspirationstheoretiker wie Grolmann dazu führte, beide in einem Atemzug mit dem Jakobinismus zu nennen. Es läßt sich jedoch kein kausaler Zusammenhang zwischen Philantropinbewegung und Illuminatenorden herstellen. Angemessener scheint es, von einer Art Wahlverwandtschaft auszugehen. So ähnelt die Erziehungspraxis der Philantropine in vielem den Praktiken innerhalb des Illuminatenordens. Die Einflußnahme auf die Bildungseinrichtungen war fester Teil des illuminatischen Marsches durch die Institutionen.

Weishaupt wußte um die prägende Kraft der schulischen Sozialisation und deren Auswirkung auf den Habitus des einzelnen und seiner Bindung an den Orden: "Denn auf diese Art bringt man der Jugend des Ordens Maximen bey, bildet ihre Herzen, bearbeitet die besten Köpfe, für uns zu wirken, gewöhnt sie an Ordnung und Disziplin, erwirbt sich ihre Achtung, sieht einst die ersten Stellen im Staat mit unseren Zöglingen besetzt, und die Anhänglichkeit an den Orden wird, wie alles was man sich in früheren Jahren einprägt, unauslöschlich." Nach Weishaupt sollte das Erziehungssystem der Illuminaten "die Lücke ausfüllen, welche der Staat und die Kirche in der Bildung des Menschen übriglassen, und nie ausfüllen können. Es muß daher diesen beyden in die Hände arbeiten und sich eben dadurch um beyde verdientmachen."

Einer der bekanntesten Illuminaten unter den Pädagogen des 18. Jahrhunderts ist der Schweizer Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827). Pestalozzi hatte 1774-1779 auf dem Gut Neuhof bei Birr im Aargau eine Erziehungsanstalt in Form eines protoindustriellen Landwirtschaftsbetriebes geführt. Nach dem Scheitern des Neuhof-Projekts widmete Pestalozzi der Sozietätsbewegung wieder verstärktes Interesse. Bereits 1762 war der sechzehnjährige Pestalozzi Mitglied einer "Historisch-politischen Gesellschaft" geworden, die jedoch aufgrund einer zunehmenden Radikalisierung in Konflikt mit der Obrigkeit geriet und sich schließlich im Zuge einer allgemeinen Krise der Züricher Sozietätenbewegung auflöste.

Pestalozzis Anwerbung für die Illuminaten erfolgte über den Heidelberger Kirchenrat Johann Friedrich Mieg (1744-1811). Mieg, der im Orden das Amt des Provinzials der Rheinpfalz bekleidete, nahm Pestalozzi 1782 unter dem Namen "Alfred" auf. Pestalozzi erhoffte sich dadurch möglicherweise eine Verbindung zum Wiener Hof, denn Mieg hatte von 1770-1776 als Prediger der niederländischen Gesandtschaft in Wien enge Kontakte zum Kreis der österreichischen Aufklärer geknüpft. Pestalozzi übergab Mieg einen Text, der "einen kleinen Versuch, sowohl öffentliche Kinder als Züchtlinge und Verbrecher für den Staat nützlicher zu erziehen", enthalten sollte. Pestalozzi gehörte auch zu den Gründungsmitgliedern der 1784 auf Initiative des Arztes Johann Heinrich Rahn in Zürich gegründeten "Gesellschaft zur Aufnahme des Guten". "Es sind verschiedene Gesellschaften in Zürich. Die eine ist die sogenannte Moralische. Die andere heisst Zur Ausbreitung des Guten, u. ist aus den Illum[inaten] entstanden." Ab 1785 wurde sie umbenannt in "Allgemeine Gesellschaft zur Aufnahme sittlicher und häuslicher Glückseligkeit". Pestallozi vermied den Namen Illuminaten, da dieser beim schweizerischen Publikum den Geruch des Jesuitismus evozierte. Aufgabe dieser Gesellschaft ist es nach Pestalozzi, "die Menschen lieben, erziehen, bilden, zum Guten stimmen, nicht durch Deklamation, nicht durch jesuitische List, nicht durch despotischen Zwang, sondern durch Aufklärung, Belehrung, Begünstigung, Unterstützung, Belohnung; durch solches Bestreben könnte nach und nach ein ganzes Land umgestimmt und seinem moralischen Untergang entzogen werden." Zu den Aufgaben der Mitglieder gehört "die Leitung und Bildung eines Jünglings, die Aufsicht über dessen moralischen Charakter und Fortgang in seiner Kunst und Wissenschaft zu übernehmen und der Gesellschaft davon Rechenschaft zu geben."

7. Jesuiten und Illuminaten im Kontext der Verschwörungstheorie

7.1. Konstruktion - Rekonstruktion – Dekonstruktion. Zur Epistemologie der Verschwörung

Angesichts des Dickichts der "neuen Unübersichtlichkeit" (Habermas) werden Verschwörungstheorien auch heute noch als willkommene Formen der Weltorientierung begrüßt. Die seit Jahrhunderten ungebrochene Attraktivität jener "Systeme kollektiver Imagination" erklärt sich vor allem durch ihre epistemologische Funktion als "Reduktion von Komplexität" und Ordnung "dissonanter Wahrnehmungen". Die Realität wird in den Konstruktionsrahmen eines dualistischen Weltbildes eingespannt, durch den sich alles in gut/böse, eigen/fremd etc. einteilen läßt. Die als Binnenkonstruktion von den Verschwörern vorgenommene Einteilung setzt sich fast zwanghaft in die Wahrnehmung und Einschätzung der Verschwörung und der Verschwörer hinein fort, wobei sich die Pole umkehren: während verschwörungstheoretisch die Verschwörung nach innen als verständlich konzipiert und nach außen als undurchschaubar behandelt werden muß, ergibt sich gleichzeitig die Notwendigkeit, sie trotzdem von aussen als einschätzbar und durchschaubar einstufen zu müssen, soll die Gefahr gebannt werden. Dieser Widerspruch führt nicht nur bisweilen zu den erstaunlichsten gedanklichen Verrenkungen, sondern erhöht auch ungewollt das Renommee der Verschwörer und macht sie im weitesten Sinn zu interessanten Figuren, deren Widerlegung oder Beseitigung daher als desto größere Leistung hingestellt werden kann. Die Verschwörung ist also ein in jeder Richtung ergiebiges Konstrukt.

Ebenso stark schwankt die handlungstheoretische Einschätzung der Wirksamkeit von Verschwörungen. Die idealtypische Rekonstruktion der verschwörungstheoretischen Konstruktion zeigt, dass Verschwörer meist als "mächtig und schwach zugleich" vorgestellt werden. Auffällig ist, wie stark gerade in der Verschwörungstheorie das Gelingen bewußter Handlungsabsichten und der Erfolg von Planungsvorhaben unterstellt wird, so als ob die Geschichte lückenlos und uneingeschränkt das Produkt freier Entscheidungen sei. Es sei nur daran erinnert, wie gänzlich anders dieselbe Problematik in der Perspektive von Marx im 18. Brumaire des Louis Napoleon erscheint, wo die berühmte Feststellung getroffen wird: "Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken."

Gerade der Aspekt des Gewollten und damit Arbiträren führt aber auch bei den Vertretern des von der Verschwörung (angeblich) bedrohten status quo zu hoher Akzeptanz, enthält dieser Aspekt doch ein starkes Entlastungsmoment. K. Epstein hebt daher hervor: "Wenn die Gefahr der Revolution nur vom subjektiven Willen einiger Verschwörer hervorgerufen wird - und nicht von der unerbittlichen objektiven Entwicklung der gesellschaftlichen Kräfte -, dann kann diese Gefahr einfach durch wirksamen Polizeieinsatz beseitigt werden, und es besteht kein zwingender Grund, mit Hilfe weitreichender Reformen echte Mißstände aus der Welt zu schaffen."

Eine Metatheorie der Verschwörungstheorie steht somit vor vielen Herausforderungen. Gegenwärtig lassen sich besonders zwei Herangehensweisen unterscheiden, auf die hier kurz aufmerksam gemacht werden soll: a) eine idealtypische Rekonstruktion und b) eine bewußte Dekonstruktion.

a) Hinsichtlich der Zeitperspektive werden vergangenheits-, gegenwarts- oder zukunftsorientierte Verschwörungstheorien unterschieden. Räumlich sind universelle und regionale Typen der Verschwörung feststellbar ("internationales Finanzjudentum"). Mentalitätsgeschichtlich lassen sich Verschwörungstheorien als Ausdruck "kollektiver Ängste" interpretieren, die einer eigenen Rationalität folgen. "Irrational sind sie nur insofern, als ihre Logik, ihre Kohärenz und ihr Kausalnexus fast immer der Realität überlegen sind." Die Analyse der handlungstheoretischen und sozialpsychologischen Logik der Verschwörungstheorie bedarf dabei stets der Rekonstruktion ihres historischen Kontexts. Groh faßt die Grundmerkmale der Verschwörungstheorie wie folgt zusammen: "1. Die Unterschätzung der Komplexität und Dynamik historischer Prozesse. 2. Der Glaube, daß man Handlungsfolgen bestimmten Handlungsintentionen mehr oder weniger linear zuschreiben kann, m.a.W., daß die Handelnden ihres Handelns mächtiger wären als sie es sind. 3. Die Verknüpfung von zwei oder mehreren historischen Tatsachen durch einen Kausalnexus, der letztlich nicht beweisbar ist."

b) Eine ganz andere Linie wird verfolgt, wenn nicht nur die binären Konstrukte der Verschwörungstheoretiker wieder dekonstruiert, sondern das "gespenstische" Wesen der Verschwörung in seine "Spektrallinien" zerlegt werden sollen. Jacques Derrida liefert dazu eine Skizze der Mehrdeutigkeit des Begriffs der Konspiration: erstens bedeutet das französische Substantiv "conjuration" soviel wie das englische Wort "conjuration", welches aber "seinerseits gleichzeitig zweierlei bezeichnet. a) Einerseits die Konspiration (conspiracy, auf deutsch Verschwörung) jener, die sich feierlich, manchmal auch heimlich verpflichten, indem sie zusammen schwören, einen Eid leisten (oath, Schwur), um gegen eine überlegene Macht zu kämpfen. [...] b) ‚conjuration‘ bedeutet andererseits die magische Beschwörung, die dazu bestimmt ist, einen Zauber oder einen Geist zu evozieren, ihn mittels der Stimme zum Kommen zu veranlassen, ihn herbeizurufen." Zweitens bedeutet aber das Wort "conjuration" soviel wie Beschwörung ("conjurement"), "das heißt den magischen Exorzismus, der im Gegenteil danach trachtet, den bösen Geist auszutreiben, der angerufen oder herbeizitiert wurde." Derrida ist sich des Unterschieds zwischen der deutschen und der französischen Sprache sehr wohl bewußt, spielt aber absichtlich damit.

Im Deutschen wird zunächst zwischen Verschwörung und Beschwörung unterschieden, wobei Beschwörung die doppelte Bedeutung von a) Herbeirufen eines hilfreichen Zaubergeistes und b) Austreibung eines bösen Geistes annimmt. Allerdings tritt im Deutschen noch eine weitere Variante auf im Sinne des Beschwörens als inständiges Bitten und Anflehen: "Ich beschwöre Dich, im Namen von...dies oder das unbedingt zu tun." Diese zuletzt erwähnte Bedeutung kann dann verstärkend zum Akt der Verschwörung (im Sinne wechselseitiger Bindung durch einen Schwur) hinzutreten, in dem man die Verbindlichkeit des Schwurs durch Anrufung eines Geistes (z. B. des Geistes der Väter oder der Tradition usw.) verstärkt.

Das Heraufrufen der hilfreichen Geister und das Austreiben der Dämonen funktioniert aber nicht einlinig und monokausal, gemäß der Intention des Anrufenden und Beschwörenden. Wer die alten Gespenster loswerden will, läuft Gefahr, dabei neue Gespenster zu schaffen. Diese Dialektik hat Derrida am Beispiel von Marx subtil entfaltet. Sie ist aber genauso gegenwärtig im Kampf der Illuminaten gegen das Verschwörungs-Gespenst der Jesuiten, wobei die Illuminaten sich selber den Verdacht einer gespenstischen Verschwörung einhandelten.

Wer Gespenster jagt, wird oft selber zum Gespenst. Wer nur noch an Veschwörung denkt, verschwört sich am Ende gegen das Denken. Diese Logik gilt es zu dekonstruieren, zu zerlegen, um sie zum Verschwinden zu bringen.

7.2. Weishaupts Gespenster

Das späte 18. Jahrhundert ist von einer Hochkonjunktur der Konspirationstheorie geprägt. Schien doch die Manifestation der Macht in Gestalt des Souveräns die Gefahr politischer Verschwörungen besonders nah zu legen. Verschwörungstheorien avancierten im 18. Jahrhundert zu einem verbreiteten Mittel publizistischer Auseinandersetzung, mit dem viele Aufklärer im Kampf um die öffentliche Meinung die gegnerische Partei zu diskreditieren versuchten. Das Interesse der modernen geschichts- und sozialwissenschaftlichen Forschung richtete sich bislang meist auf den Strang der Verschwörungstheorie, der die Illuminaten zu den Wegbereitern der französischen Revolution zählte. Gleichzeitig existierte eine bisher weniger erforschte "religionskritische" Verschwörungstheorie, die sich ähnlicher Argumentationsmuster bediente, und deren Hauptgegner der Jesuitenorden darstellte. Die Entwicklung der Freimaurerei auf die Machenschaften des Jesuitenordens zurückzuführen, wurde dabei zu einem gegen Ende des 18. Jahrhunderts weit verbreiteten Topos der Verschwörungstheorie, der sich bis hin zu Ludendorff und der Nationalsozialistischen Freimaurerhetze fortsetzte.

Innerhalb der Entwicklung des verschwörungstheoretischen Diskurses des ausgehenden 18. Jahrhunderts lassen sich vier Phasen unterscheiden: die erste Phase ist durch die konfessionelle Verschwörungsthese bestimmt (Jesuiten gegen Protestanten), in der zweiten Phase wird sie zu einer suprakonfessionellen Verschwörungsthese oder "Kryptokatholizismus-These" erweitert (Jesuiten unterwandern Freimaurer gegen Aufklärung), die dritte Phase markiert den Beginn der Illuminatenverschwörungsthese und ist vor allem durch die Auseinandersetzung innerhalb der Zeitschriften bestimmt (Jesuiten und Illuminaten), die vierte Phase ist geprägt von der konservativen Verschwörungsthese, die von einer globalen Verschwörung der Illuminaten gegen den Staat ausgeht (Barruel etc.). Dem Antijesuitismus kommt dabei eine Art Scharnierfunktion im Säkularisierungsprozeß der Verschwörungstheorie zu. Die Agitation gegen die Societas Jesu reicht von der Reformation bis zur Aufklärung und illustriert so den Wandel von metaphysischen zu innerweltlichen Deutungsmustern.

Der Vorwurf, die Freimaurerei sei durch den Jesuitenorden eigentlich erst ins Leben gerufen worden, wurde laut Lennhoff erstmals im Jahr 1780 durch Johann Joachim Christoph Bode in seiner Schrift Pflichtmäßige Bedenken zu dem Zirkulare des M.S.O. a Victoria vom 19. September 1780 erhoben. Bode zufolge ist die Tempelrittermaurerei eine jesuitisch gelenkte Verbindung zur Rekatholisierung Großbritanniens unter der Herrschaft der Stuarts. Diese vor allem im Rahmen des Wilhelmsbadener Konvents aktualisierte Komplott-Theorie greift dabei auf ältere Elemente antijesuitischer Propaganda zurück. In Frankreich zirkulierten bereits in den 1770er Jahren Gerüchte über eine jesuitische Unterwanderung der Freimaurerei. Ein genauer Ursprung dieser These ist jedoch schwer auszumachen. In Deutschland wurde die sogenannte Kryptokatholizismus-These vor allem im Rahmen der Krise der Strikten Observanz vertreten. Viele Strukturelemente der Strikten Observanz gaben Anlaß, eine Verbindung zu den Jesuiten zu unterstellen: die unbekannten Obern, die strenge Subordination, ihre religiösen Rituale und nicht zuletzt ihre ideologische Legitimation, die Tempelritter-Legende, waren die Templer doch ein katholischer Orden. Eine Parallelisierung von Templerorden und Jesuiten findet sich bereits in der 1725 anonym erschienenen antijesuitischen Schrift Schreiben des letzten Heer-Meisters der ausgerotteten Tempel-Herren Jacob von Mulay aus dem Reich der Todten, an den itzigen Hochwuerdigen Pater General der heil. Gesellschaft Jesu, die Gleicheit des Ordens der Tempel-Herren mit dem Jesuiten-Orden und des letztern besorgliche Fata betreffend.

Verstärkt wurde diese Hypothese durch die von Gottlob Franz Freiherr von Gugomos auf dem Konvent in Wiesbaden 1776 verbreitete Legende, dass Ignatius von Loyola einer der früheren Obern der Strikten Observanz gewesen sei. Auf dem Wilhelmsbadener Konvent wurde die Templerlegende verabschiedet und gleichsam durch die Kryptokatholizismus-Theorie ersetzt. Johann Georg Zimmermann (1728-1795) prägte für die Vertreter der Kryptokatholizismus-These den Begriff "Jesuitenriecher". Einer der engagiertesten zeitgenössischen Verfechter dieser These war der Berliner Verleger Friedrich Nicolai (1733-1811). J.G. Fichte spottete über Nicolais Jesuitenphobie und verwies auf ihre Parallelität zur antirevolutionären Verschwörungstheorie: "Die Jacobinerriecherei ist das ächte Gegenstück zur Jesuitenriecherei, und Barruel ist in der ersten ganz dasselbe, was Nicolai in der zweiten war." Eines der prominentesten Opfer der Jesuitenriecher wurde der protestantische Prediger und Publizist Johann August Starck (1741-1816). Starcks Image als Kryptokatholik war wesentlich davon geprägt, daß er 1766 während einer Parisreise zum Katholizismus konvertiert war, obwohl er bald darauf wieder Lutheraner wurde. Auch das Bekanntwerden seiner Autorschaft des Saint-Nicaise, in dem er die "unbekannten Ritter" mit den Jesuiten verglich, galt als sicheres Zeichen seines Kryptokatholizismus. Starck beschrieb Nicolais Agitation 1788 wie folgt: "Nachdem aber Hr. Nicolai auf seiner Reise sich hatte in die Geheimnisse des Illuminatenordens einweihen lassen, ward das Jesuitergespenst von ihm erdichtet, und gegen diesen durch ihn selbst ausstaffierten Kobold Lärm gemacht."

Auch im Illuminatenorden wurde die These vertreten, daß "schon in England, besonders aber in Schottland die Freymaurerey von den Jesuiten zur Gründung einer Parthey gemißbraucht worden." Dabei bündeln die Illuminaten noch einmal die verschiedenen Elemente der These von der jesuitischen Konspiration: die Pläne zur Reinstallierung der Stuart Herrschaft, die Templerordenlegende und die Unterwanderung der Strikten Observanz.

Es lassen sich demnach drei Zentren der Entstehung der Kryptokatholizismus-These benennen: Bodes Warnung vor einer Unterwanderung der Strikten Observanz, Weishaupts und Knigges Agitation gegen die antiaufklärerischen Aktivitäten der Ex-Jesuiten in den katholischen Territorien und schließlich der Kreis der Berliner "Jesuitenriecher" um Friedrich Nicolai.

Die im periodischen Schrifttum der 1780er und 90er geführte Diskussion um die Geheimgesellschaften teilt sich im wesentlichen in zwei Phasen. Die erste Phase ist von der Diskussion innerhalb der Berlinischen Monatsschrift bestimmt, in der sich die Furcht vor einer katholischen Verschwörung gegen die Aufklärung zu einem allgemeinen Mißtrauen gegenüber geheimen Gesellschaften ausweitete, da diese potentiell in den Verdacht gerieten, von den Jesuiten unterwandert und gelenkt zu werden. In der zweiten, durch die Furcht vor dem Übergreifen der französischen Revolution auf das alte Reich bestimmten Phase, erschien die protestantische Verschwörungsthese vom Wirken "eines aggressiven Kryptokatholizismus", als von den Illuminaten lancierter Versuch, "den Katholizismus als religiöses Fundament der Gesellschaft" zu diskreditieren.

Ernst August Anton v. Göchhausen nutzte die Situation, um in seiner satirischen Abhandlung Enthüllungen des Systems der Weltbürgerrepublik die Kryptokatolizismus-Theorie mit der Illuminatenfurcht zu verbinden, um so die offensichtlich übertriebenen Unterstellungen der aufgeklärten Jesuitenverfolger und mit ihnen die Aufklärung selbst zu diskreditieren.

"Lassen sie die Jesuiten, als geistlichen oder Priester-Orden gantz hinter sich liegen. Sie haben diese Livree abgelegt; ...Der Weltbürger-Rock ist das Gewand, das sie itzt tragen, und nie würkten sie sicherer, als eben da, wo man sich noch excucullirte Trabanten und Sklaven eines fanatischen Oberpriesters hält, dem es nur darum zu thun wär, die gantze Christliche und nicht-Christliche Welt unter dem Staab der heiligen catholischen Kirche allein zu führen. Machen sie nicht eine Albernheit! Legen Sie den theologischen Confessionsbegriff von Kirche ab. Dencken Sie sich bey der Kirche allzeit Rom; bey Rom den Sitz der Cäsarn, und der Universalmonarchie, bey Catholizism, Cosmopolitism; bey Jesuiten Cosmopoliten, und bey Freymaurerey Jesuiterey. Das ist der rechte Schlüssel."

Göchhausen zieht aus der Existenz dieses "status in statu" jedoch nicht die Konsequenz des Verbots der Freimaurerei, sondern will sie vielmehr zu einer "Staatsbürgerrealschule" machen. "Ich würde sie [die Freimaurerei] als ein großes Philantropin für Staatsbürger behandeln, und gerade so, wie Rom sie zu Weltbürgern bilden wollte, - weil sie zu einem so viel Perceptibilität haben, als zum anderen – sie umgekehrt nach jener besseren Absicht modeln."

Die Opfer der Kryptokatholizismus-These drehten den Spieß jetzt um und vertraten die These, dass die Illuminaten die Kryptokatholizismus-Chimäre in die Welt gesetzt hätten, um ihren verborgenen Absichten zum Sieg zu verhelfen und drängten so die Berliner Aufklärer in die Defensive. Gleichzeitig führt dies zu einer Art Solidarisierung der späteren Theoretiker der Illuminatenverschwörung: Starck, Grolman, Koester, Hoffmann, Zimmermann und Göchhausen. Nach Luckert ist die These einer Illuminatenverschwörung vor allem als eine Art Racheakt der Opfer der Kryptkatholizismus-These, wie z. B. Starck, zu verstehen, um die illuminatischen Hauptvertreter dieser These, Bode und Nicolai, zu bekämpfen: "In many ways the illuminati complot thesis was a refashioned version of the Crypto-Catholic conspiracy theory." Die These von der illuminatischen Verschwörung war also bereits vor ihrer gegenrevolutionären Ausformung in nuce vorhanden.

Ausgangspunkt der These, dass die Illuminaten für den Ausbruch der französischen Revolution verantwortlich seien, ist Bodes Reise von Weimar nach Paris im Jahr 1787. Bode hatte diese Reise unternommen, um die französischen Freimaurer vor einer jesuitischen Unterwanderung zu warnen. Er hatte zu diesem Zweck einen Essai sur l’origine de la Francmaçonnerie verfasst, in dem er seine Krypthokatholizismus-These dem Kongreß der Philaleten vortragen wollte. Der Antijesuitismus Bodes begründete so unabsichtlich die These von der revolutionären Verschwörung der Illuminaten. Bode ging später noch einen Schritt weiter und behauptete,

"die französische Revolution sey durch Emissäre des aufgehobenen Jesuitenordens bewerkstelligt worden, um durch den Freyheitsschwindel die Fürsten und Aristokraten, die nie die Gegenwart mit der Vergangenheit vergleichen, allmählig an den Gedanken zu gewöhnen, daß nur die Herstellung der Jesuiten die Thronen sicherstellen könne."

Jakobinismus und Illuminatismus wurden fortan zu Synonymen: "Ein Jakobiner ist nichts mehr und weniger als ein praktischer Illuminat nach dem im Baiernlande gebohrenen, und dort und anderwärts großgezogenen Weishaupt-Kniggeschen Illuminaten-Sistem." Hoffmann weitete den Vorwurf sogar auf die ganze Freimaurerei aus: "Die Freymaurerei ist der Grund aller Revolutionen, die bisher vorgegangen sind und noch bevorstehen." Die Augsburger Jesuiten sahen dabei die Gefahr vor allem in der ständeübergreifenden Geselligkeit der Freimaurerei. "Eine Bruderschaft, die unter Personen von verschiedenen Ständen eingegangen wird, hat kein Verhältnis zu der Verschiedenheit der hierarchischen Ordnung, welche Gott zur guten Leitung der Welt eingesetzt hat, daraus folgt unnachläßlich der Umsturz des geistlichen und weltlichen Systems."

Zu den Hauptvertretern der Verschwörungsthese zählt der französische Ex-Jesuit Augustin Barruel mit seiner 1797 erschienenen Schrift Mémoires pour servir à l‘histoire du Jacobinisme. Für Barruel sind die Illuminaten "nicht bloß gegen die Könige, sondern gegen jede Regierungsform, gegen jede bürgerliche Gesellschaft, und selbst gegen jede Art des Eigentums verschworen; [aus dieser] Coalition der Adepten der Anarchie, entstanden die Klubs der Jakobiner". Unter Aufbietung eines gewaltigen christlich-moralischen Pathos‘ wird der "Illuminatenkodex" schließlich in die Nähe Satans gerückt:

"Wenn dieses Gesetz endlich in Erfüllung gegangen sein wird, so kann der letzte Spartacus aus seinem Heiligthum der Finsternis hervortreten und triumphierend am hellen Tag sich zeigen. Kein Reich, kein Gesetz wird mehr vorhanden sein [...] der über die Nationen und ihren Gott, und über die bürgerliche Gesellschaft und über die Gesetze ausgesprochene Fluch wird unsere Altäre, unsere Palläste, unsere Städte, Monumente und Künste, und unsere Bauernhütten sogar in Asche verwandeln [...]. Die Teufel werden aus der Hölle heraufsteigen, um dieses Machwerk des Illuminatenkodex zu betrachten; und der Satan wird sagen können: da sind nun die Menschen wie ich sie haben wollte."

John Robinsons (1739-1805) ebenfalls 1797 erschienene Schrift Proofs of a conspiracy against all the Religions and Governments of Europe, carried on in the secret meetings of Free Masons Illuminati and Reading Societies, vertrat die Verschwörungsthese von einem protestantischen Standpunkt aus und lieferte so eine Art Pendant zum katholischen Barruel. Johann August Starck resümiert 1803 in seinem zweibändigen Werk Der Triumph der Philosophie im Achtzehnten Jahrhundert die Verschwörungsthese wie folgt:

"Durch den aus Deutschland nach Frankreich hinübergetragenen Illuminatismus, der den Jacobinismus gebahr, war die von den Philosophen angelegte Mine zum Ausbruch gebracht, und den amalgamierten Adepten der Philosophen-, und Illuminaten-Conjuration hat Frankreich den Sturz des Thrones und der Altäre, die Vernichtung der Geistlichkeit und des Adels, seine democratische Republik, die Anarchie mit allen ihren Begleitern, die ungeheuren Pläne zur Entchristlichung und Republikanisierung der Welt und alle damit verbundenen Gräuel zu verdanken."

Der Fall, dass tatsächlich ein (Ex)-Jesuit Mitglied der Illuminaten wurde, stellte hingegen eine absolute Ausnahme dar. Nach Agethen war der Illuminatenorden "durch seine jesuitische Binnenstruktur, die v.a. in seinem Erziehungssystem zum Ausdruck kam, in den Sog des zeittypischen Jesuitenhasses geraten, obwohl er selbst extrem antijesuitisch war." Klaus Epstein stellte in diesem Zusammenhang die These auf, daß "die Furcht vor den Illuminaten [...] eher durch ihre Organisation als durch ihr Programm hervorgerufen" wurde. Die These Epsteins läßt sich genauso auf den Jesuitenorden übertragen. Die Verbindung eines spezifischen Habitus (Gehorsam, Disziplin) und der daraus resultierenden symbolischen Macht (geheimes Wissen, Beziehungsnetze) weckt Angst und motiviert Verschwörungstheorien. Hören wir dazu noch einmal den Kreis der Münchener Patrioten:

"Bedenkt man noch die Macht der Verborgenheit, die Macht eines schwärmerischen Heeres, die strenge Subordination, die vollkommenste Harmonie so vieler einzelner Kräfte und setzet einen machiavellischen Despoten an die Spitze dieser unsichtbaren, mächtig ausgebreiteten Monarchie, so kann man ohne das Untere der Karten zu kennen, mit Grunde eine innestehende große Revolution ahnden und befürchten; welches jedem, der noch im Besitz seines Kopfes, Herzens und Feder ist, gewiß einleuchten muß."

Die Aufhebung des Jesuitenordens wie der Beginn der Illuminatenverfolgung lieferten der jeweiligen Partei einen willkommenen Anlaß, den ideologischen Gegner zu diffamieren. So witterten die aufgeklärten "Jesuitenriecher" wie Nicolai überall Jesuitismus und Feinde der Aufklärung; umgekehrt wähnten die "Illuminatenriecher" hinter allen liberalen und fortschrittlichen Kräfte eine illuminatische Verschwörung gegen Staat und Kirche. Insgesamt trugen beide Bewegungen zu einem Politisierungsschub der öffentlichen Diskussion bei. Die Aufhebung der Orden galt als der Beweis ihrer Gefährlichkeit. Der Illuminatenorden wurde zu einem Gespenst: "L‘ombre de l’Ordre défunt devint une sorte de spectre auquel les cerveaux faibles prêtèrent une réalité terrifiante." Im Unterschied zur (katholischen) antifreimaurerischen Propaganda, die die Freimaurerei als von Grund auf schlecht betrachtete, sahen die Gegner der Illuminaten in Deutschland diese als Pervertierung der "wahren" Freimaurerei. Inwieweit in der konservativen Verschwörungstheorie persönliche Rachemotive eine Rolle spielten, bleibt fraglich und müßte im Einzelfall geklärt werden.

Die Entwicklung und Verzweigung des verschwörungstheoretischen Diskurses im 18. Jahrhundert liefert also ein ziemlich eindeutiges Ergebnis: Der von binären Freund/ Feind-, Gut/Böse-Schemata geprägte Diskurs des Ignatius und Weishaupts sowie die Wahrnehmungsschemata und Interpretamente der Verschwörungstheorien enthalten soviele Homologien und auffälige Affinitäten auf unterschiedlichen Ebenen, dass sie, in Verbindung miteinander, ein schier unerschöpfliches System wechselseitiger Verdächtigungen und somit auch gegenseitiger Existenzgarantie erzeugen. Der Diskurs der Verschwörungstheorie wird zu einer Art selbstreferentieller Pseudowissenschaft, innerhalb derer man sich durch gegenseitiges Zitieren zusätzliche Legitimität zu verschaffen sucht, aber auch ohne den Feind nicht überleben kann.

Die Gründung des Illuminatenordens war erfolgt vor dem Hintergrund der Konflikte zwischen Ex-Jesuiten und Reformkräften. Die Idee eines Geheimbundes fiel dabei aufgrund der Konjunktur des Assoziationswesens des "geselligen Jahrhunderts" und des zunehmenden Machtzuwachses bürgerlicher Funktionseliten auf fruchtbaren Boden. Weishaupt war fest von der Macht der gegnerischen "Waffen" überzeugt. Die Fusionierung maurerischer und jesuitischer Assoziationsformen erschien insofern als eine erfolgversprechende Strategie. Die Inkompatibilität von Weishaupts jesuitisch geprägtem Habitus und dem Denken durch maurerische Ideale geprägter anderer Illuminaten (Knigge, Bode) führte letztlich zum Scheitern. Sein Habitus läßt sich als Form des Bourdieu’schen Hysteresis-Effekts beschreiben, d.h. die primäre Konditionierung durch den Sozialisationsprozeß bleibt auch unter veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wirksam.

Die strukturellen Homologien mit dem Jesuitenorden erwiesen sich dabei für die Geschichte des Illuminatenordens in zwei Richtungen als äußerst folgenreich. Einerseits trugen sie zu einem inneren Auflösungsprozeß des Illuminatenordens bei, da dessen Mitglieder mehrheitlich an die "egalitären" Kommunikationsformen der Freimaurerei gewohnt waren oder diese zumindest sich anzueignen hofften. Gerade die mit der sich formierenden "räsonierenden" bürgerlichen Öffentlichkeit gewonnenen Freiheiten kommunikativen Handelns wollte man nicht wieder aufgeben. Sie waren nicht bereit, die Grundbedingungen des jesuitischen Ordenssystems, interessenlose Indifferenz und bedingungslose Subordination, zu akzeptieren. Ohne einen eigenständigen religiösen Überbau auf der einen Seite und eine durch permanente Selbstdisziplinierung und laufend durchgeführte Übungen dauerhaft gesicherte Basis auf der anderen Seite aber mußte Weishaupts Feindimitationstrategie scheitern. Andererseits erschien die an den Jesuiten orientierte und um Imitation bemühte Binnenstruktur des Illuminatenordens in der Außenwahrnehmung der Zeitgenossen, als sein Hauptcharakteristikum und führte so zu einer Mythenbildung, deren Wirkmächtigkeit die des Ordens bei weitem übertraf. "Der Jesuitismus im Zweck, und Regimente des Ordens, zu dem sich Weishaupt selbst bekennt, hat diesen Orden vor der Welt gebrandmarkt." Der Mythos von der geheimen Macht der Jesuiten übersetzte sich in den Mythos von der Macht der Illuminaten. Letztendlich aber waren beide Macht-Mythen nur sehr unterschiedliche Repräsentationen der verführerischen Macht von Verschwörungstheorien, die auch den Absichten aufgeklärter Geister, Gespensterbildungen zu überwinden, eine hartnäckige Geschicklichkeit zu Überleben entgegenzusetzen vermochten.

copyright 2000 Marian Füssel