Um Probleme und Begriffe einer Weltfriedensordnung aus soziologischer Sicht zu erfassen, muß auf die Traditionen dieser Disziplin zurückgegriffen werden, in denen Einblicke in die Krisenhaftigkeit und die Konfliktpotentiale moderner Gesellschaften gelungen sind. Die Soziologie, die sich mit den Tendenzen einer postmodernen Welt auseinandersetzen muß, wird das Bild einer möglichen 'Postmoderne', d.h. der Epoche, in die wir möglicherweise eintreten, deshalb zunächst einmal als ein Weltkonfliktsystem beschreiben müssen, mit im wesentlichen nicht unbedingt erfreulichen Grundelementen.
Die folgenden Punkte sind im voraufgehenden Text an verschiedenen Stellen angesprochen worden und werden hier noch einmal, mit der Absicht einer gewissen Systematisierung, zusammengestellt. In ihnen wirkt auch der Eindruck des so zynisch 'Wüstensturm' betitelten Ereignisses nach, das den Beginn der Entfaltung eines neuartigen globalen Konfliktsystems markiert.
1) Der Ost-West-Konflikt wird nicht durch den Nord-Süd-Konflikt abgelöst. Wir treten vielmehr in ein komplexes Weltkonfliktsystem ein, mit Fronten, die immer weniger territorial bestimmbar sind. In diesem Weltkonfliktsystem bleibt, wenngleich 'hochvermittelt', der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit ein bestimmendes Moment. Soziologisch gesprochen ist das Weltkonfliktsystem damit als Weltklassensystem zu begreifen.
Der Golf-Konflikt nun hat die Rede von einer Ablösung des Ost-West-Konflikts durch einen Nord-Süd-Konflikt verstärkt. Dieses Schema ist jedoch eher verwirrend.
Wir werden künftig mit einem Weltkonfliktsystem konfrontiert sein, das nach wie vor ganz wesentlich vom Basiskonflikt zwischen Kapital und Arbeit gekennzeichnet ist. Doch kann man sich diesen Konflikt nicht komplex und 'vermittelt' genug vorstellen. Er ist vielfältig, beginnt als sozialer Konflikt um Lebenschancen und endet als Kampf um hegemoniale Einflußsphären im Rahmen des Weltmarkts.
2) In diesem Weltkonfliktsystem - das auch die Möglichkeit einer Weltfriedensordnung in sich trägt - hat sich die USA einen (derzeit uneinholbaren) waffentechnologischen, logistischen usw. Vorsprung in der Fähigkeit globaler flexibler Kriegsführung verschafft, der ihr zugleich auch die 'Weltpolizistenrolle' ermöglicht.
Der Ablauf des Golf-Konflikts wäre nicht verständlich ohne die amerikanische Wissenschafts-, Technologie- und darauf aufbauende Industriepolitik seit 1980. Eine auf Hochtechnologien und insbesondere deren militärische Seite setzende Wirtschafts- und Sicherheitspolitik kann, vor dem Hintergrund enormer Haushaltsdefizite, durchaus versucht sein, auf abenteuerliche Krisenlösungsstrategien setzen.
3) Die bestimmende Struktur des Weltkonfliktsystems ist der kapitalistische Weltmarkt, der heute im wesentlichen durch die Hochtechnologie-Konkurrenz zwischen den entwickelten Industrienationen geprägt wird, die sich alle um die künftigen Märkte der wissenschaftlich-technischen Entwicklung des 'Restes der Welt' bemühen und dabei ökologische und soziale Weltkrisen riesigen Ausmaßes in Kauf nehmen.(1)
4) Nach dem 'Sieg' des entwickelten Kapitalismus über den Staatssozialismus stellt sich für unsere Zeit verschärft die Frage, ob von den ökonomischen Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus her eine Friedenswirtschaft möglich ist: ob also letztlich Krieg, Rüstungsexporte usw. zum Profitsystem gehören oder ob auch der Frieden Gewinne abwirft.
5) Das Weltkonfliktsystem wird weiterhin durch die Existenz riesiger Militärapparate, durch Militarismus in verschiedensten Ausprägungen bestimmt. Als Einstieg in die Beschreibung - wenn nicht in die Analyse - bietet sich hier nach wie vor der Begriff des Militär-Industrie-Komplexes an.(3)
6) Das Weltkonfliktsystem - als globaler Gegensatz von Kapital und Arbeit, als Weltklassensystem, als Weltmarkt, als Spielfeld von Militär-Industrie-Komplexen - wird außerdem immer deutlicher von weltweiten Informations- und Kommunikationssystemen zusammengehalten und bestimmt. Hier entsteht als Spiegelbild des Weltmarkts ein gewaltiger Medien-Markt, der die Wahrnehmung der Wirklichkeit zu usurpieren droht.
Der Golf-Krieg des Jahres 1991 ist noch mehr ein Medienkrieg geworden als der Vietnamkrieg, weil seine Wahrnehmung vollständig nicht etwa von (mutigen) Journalisten, sondern von Marktgesetzen beherrscht wurde: von Gesetzen des Strategiespiels, von den Gesetzen der Vermarktung von Informationen und Desinformationen - und natürlich von den Mechanismen der Rohstoff- und Energiebörsen mit ihrer spezifischen computerisierten Medienwelt.
Bezüglich dieser kulturellen Logik des Welt-Medien-Marktes, die mit dem 'Golf-Krieg in den Medien' auch zur Logik des Krieges wurde, fragt Fredric Jameson(4) danach, wie die Trostlosigkeit von Geschäfts- und Privateigentum, die Staubigkeit des Unternehmertums, der an Dickens-Figuren erinnernde Geschmack von Titelehrgeiz und Ausbeutung, Coupon-Schneiderei, das Aufkaufen von Firmen, Investment Banking und ähnliche Transaktionen in unserer Zeit so 'sexy' werden konnten. Es scheint, schreibt er, die Erregung stammt aus einer illegitimen metaphorischen Verbindung des Marktgeschehens mit einer ganz anderen Art von Erscheinung: den Medien in ihrem umfassendsten zeitgenössischen und globalen Sinn (einschließlich der Infrastruktur aller neuesten technischen Medien-Spielereien und Hochtechnologie).
Auch im Krieg - als der Fortsetzung des Marktes mit anderen Mitteln - kommen diese zwei Code Systeme zusammen, werden miteinander auf eine Weise identifiziert, daß die libidinösen Energien des einen Systems das andere System durchströmen...
Die kommerziellen Produkte des Marktes werden zu 'Images'; die unterhaltenden und narrativen Prozesse des kommerziellen Fernsehens werden zu Waren. Schließlich werden die kriegerischen Ereignisse zu Bildern, und die unterhaltenden Elemente des Fernsehens werden zum Krieg.
Wo aber, wenn nicht in der Welt der Märkte und Medien, verbergen sich dann die Probleme und Begriffe des Friedens? Diese Welt ist durch Forschung zu hinterfragen.
(1) Vgl. 11.4 (2) K.P.Tudyka, Nicht über den, sondern über die Disziplinen, in: Moltmann (Hg.), Perspektiven der Friedensforschung, Baden-Baden 1988, 145 (3) Vgl. 6.5 (4) Postmodernism or, The Cultural Logic of Late Capitalism, Durham 1991, 277f