Geradliniger, traditionsbeladener und wegen der sie tragenden Bündniskonstellation (Teile der Arbeiterbewegung, Gewerkschaften, 'neue Mittelschichten', Teile der Intellektuellen, des Staatsapparats usw.) auch mächtiger als die alternative 'Tiefenstrategie' ist die im wesentlichen mit der Sozialdemokratie verbundene Art des Herangehens an das Krisensyndrom dieser Gesellschaft - dessen Überwindung ja allein die Grundlage für eine zivile europäische Friedensordnung bieten kann.
Die 'sozialdemokratische' Strategie bleibt nach dem Zusammenbruch des staatssozialistisch-kommunistischen Experiments das einzige ernstzunehmende Gegenprogramm zum Neokonservatismus - auch wenn sie die ökonomischen Ursachen der Reproduktionsschwierigkeiten des Kapitalismus nicht prinzipiell und direkt angeht. Mit ihren Konzepten
bewegt sie sich - auch wenn viele Positionen oft verwischt oder gar zurückgenommen werden - auf dem Boden der Widersprüche des Weltmarkts, des Weltkonfliktsystems, der 'transsystemaren Vergesellschaftung'.
Das heißt, diese Strategie enthält zumindest den Versuch, gesamtgesellschaftlich anzusetzen, gesellschaftliche Zusammenhänge bewußt zu steuern, und sie ist damit für Entwicklungsmöglichkeiten auch über die nationalen Interessengrenzen hinaus offen, ja sie verlangt nach internationaler Solidarität.(1)
Eine solche Offenheit gehört, wie wir vor allem in den Kapiteln 6, 7 und 8 dargelegt haben, zum sozialen Umfeld soziologischer Theorie und Forschung, so daß eine 'sozialreformistische' Krisenlösungsstrategie in diesem Sinne zunächst einmal auch als ihr 'normales' intellektuelles Milieu gelten kann.
Von daher läßt sich diese Krisenbewältigungsstrategie problemloser als in den anderen Fällen auch als eine 'soziologische' Programmatik, als das Problem, wie die Soziologie zu einer 'zivilen Friedensordnung' in Europa beitragen kann, diskutieren.
Seit geraumer Zeit steht im Mittelpunkt der soziologischen Diskussion in der Bundesrepublik das Thema 'Krise der Arbeitsgesellschaft'.(2) Es ist nach dem Beitritt der ehemaligen DDR noch wichtiger geworden.
Ohne die Bewältigung der 'Krise der Arbeitsgesellschaft', ohne 'Arbeitsfrieden' wird es in Europa keine Fortschritte in Richtung auf friedlichere Zustände geben.
Bis in die Gegenwart, man denke etwa an die kontroversen Beiträge von Oskar Lafontaine, geht es dabei um das Konzept einer neuen Arbeitszeitpolitik. Es geht letztlich immer wieder um die 'Umverteilung der Arbeit'. Nur durch die Lösung dieses Problems
Zugleich werden in diesen Debatten kontinuierlich die Fragen nach'neuen Mustern für Staatsinterventionen in einer modernen Volkswirtschaft', einer 'Theorie der Sozialpolitik, die auf die heutigen Probleme bezogen ist'(4) , gestellt und zwischen Soziologie und Sozialdemokratie sozusagen hin und her geschoben.
Für Vorstellungen von einer neuen 'Zivilgesellschaftsordnung' sind in diesen Diskussionen vor allem zwei Aspekte oder auch Entwicklungsperspektiven wichtig:
Es geht heute tatsächlich weniger um traditionelle Formen des Klassenkampfes, sondern eher um den umfassenden, verschiedene Bevölkerungsgruppen bis in die Spitzen der Konzerne einbeziehenden - durchaus harten - Diskurs um 'soziale', 'zivile' Prioritäten wie die obigen.
Damit stehen wir auch vor einer grundsätzlichen Neubestimmung dessen, was Sozialpolitik ist. Es wird aber auch deutlich, daß Sozialpolitik ohne eine neue Politik der Arbeitswelt, die Prioritäten hinsichtlich der Humanisierung des Arbeitslebens oder bezüglich der Frage setzt, wer was wofür produziert, zu kurz greift.
Unser Thema ist hier ja, ob und wie ein Fach wie die Soziologie sein Schärflein zu solchen 'Gesellschaftspolitiken' beitragen kann, mit denen die Fundamente für eine zivile Friedensordnung in Europa gelegt werden. Es gehört zum friedenswissenschaftlichen Paradigmawechsel, den wir oben immer wieder angesprochen haben, das ein Fach sich in diesem Prozeß auch Rechenschaft darüber ablegt, wie seine Fachvertreter in der Öffentlichkeit auftreten und wirksam werden, wie sie ihre Erkenntnisse im wahrsten Sinne des Wortes 'zur Anwendung bringen'.
Soziologen sehen immer deutlicher, daß sie sich als Experten in die alltägliche Politik und Planung auf allen Ebenen einmischen müssen, daß sie sich zumindest in die Rolle eines Anwaltes begeben sollten, der sich, "ohne Anspruch auf den Besitz von Wahrheit oder die Anwendung objektiver Kriterien im jeweiligen Fall, für die Verbreitung bestimmter Fakten und Überlegungen einsetzt".(5)
Auch verschwindet immer mehr die Überheblichkeit des Wissenschaftlers gegenüber dem Rest der Welt. Die Erkenntnisumsetzung soll in der 'Achtung vor der Selbstbestimmung, Selbstverwaltung und Selbstverwirklichung' der 'soziologischen Erkenntnisobjekte' (also der untersuchten Menschen) geschehen; man verlangt, als professionelle Strategie, den "Bezug soziologischer Erkenntnis und soziologischer Praxis auf die Lebenswirklichkeit der Betroffenen"(6) .
Und vor allem: die Soziologen müssen einsehen, daß sie selbst 'soziologisch' Teil jener großen Gruppe von vornehmlich im 'postindustriellen Milieu', im Bereich öffentlicher Dienstleistungen tätigen Intellektuellen sind, in der sich, nach allen empirischen Befunden, eine Reihe typischer Grundeinstellungen herausbildet :
(1) vgl. E.Altvater/M.Baethge (Hg.), Arbeit 2000. Über die Zukunft der Arbeitsgesellschaft, Hamburg 1985
(2) z.B. Leitmotiv des Bamberger Soziologentag 1982
(3) Willy Brandt in: 'Die Zeit'v. 9.7.1982, 23f
(4) Peter Glotz in: 'Vorwärts' v.12.8.1982, 6
(5) H. u. M. Hartmann, Vom Elend der Experten: Zwischen Akademisierung und Deprofessionalisierung, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 24 (1982), 223
(6) Friedrich Fürstenberg, Soziologie als 'strategische Wissenschaft'?, in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie, VI (1981), 37
(7) grundlegend: A.Gartner/F.Riessmann, Der aktive Konsument in der Dienstleistungsgesellschaft. Zur politischen Ökonomie des tertiären Sektors, Frankfurt 1978