Nun ist eine solche neokonservative Auslegung und Umsetzung deutscher Traditionen heute beileibe nicht die einzige Variante des Umgehens mit Krisenerscheinungen und des Entwerfens von Zukunftsperspektiven.
In der Bundesrepublik sind, u.a. durch eine vergleichsweise gründliche und vor allem differenzierte Auswertung der Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus, auch unabhängig-demokratische, geistvolle Entwicklungskonzepte lebendig, auch und gerade übrigens in den Sozialwissenschaften.
Als alternative Krisenbewältigungsstrategien würden wir deshalb vor allem solche bezeichnen, die auf 'Zwischentöne' setzen, ja daraus ein Programm zwischen Moderne und Postmoderne formuliert haben, dessen Lebensfähigkeit und Zukunftsträchtigkeit - gerade nach dem Hinzufluß bestimmter kultureller Traditionen aus der ehemaligen DDR - relativ hoch eingeschätzt werden kann.
Man denke dabei zum Beispiel an die von Oskar Negt und Alexander Kluge eingebrachte Forderung, der Geschichte mehr 'Eigensinn' entgegenzubringen, oder an Sloterdijks 'Kritik der zynischen Vernunft'(1) . Das sind Versuche, auch in der Wissenschaftsentwicklung den harten Dichotomien, dem Schwarz-Weiß- und Freund-Feind-Denken zu entgehen und Wege 'zu den Wurzeln' und 'an die Basis', ja eigentlich in eine mühevolle, langwierige, aber lohnende 'Beziehungsarbeit' zu nehmen.Oft herrscht dann in solchen Gruppen ein Gefühl optimistischer Resignation(2) .
Viele Vertreter einer politischen Innerlichkeit und individuellen Emanzipation haben Vermittlungs- und theoretische Führungspositionen in den neuen sozialen Bewegungen erreicht und alternative gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Konzepte formuliert. Man erinnere sich zum Beispiel
an linke Varianten des Subsidiaritätsprinzips: Strategien der Selbstregulierung und Selbstverwirklichung unter Verzicht auf eine Weiterentwicklung des Sozialstaats (dem man ohnehin nur eine Perfektionierung der Gängelung und Kontrolle zutraute); usw.
Es sind Experimentier- und Explorationsprogramme im 'Laboratorium der menschlichen Eigenschaften', interessante Problemstellungen unter Einbeziehung neuester Informationen und neuester Stimmungen gewesen, die erst heute wieder, nun aber unter den Bedingungen eines gewaltigen sozialen, politischen und ökonomischen Umbruchs, auf ihre Relevanz festgenagelt werden können.
Die Politik der Ambivalenz, der Zwischentöne, der Alternativen zu scheinbar klar geschnittenen dichotomischen Optionen auf der Grundlage eines emanzipatorischen Selbstverwirklichungs- und Selbstbestimmungsinteresses ist in der Bundesrepublik an die Entwicklung der außerparlamentarischen Opposition gebunden.
Aus heutiger Sicht war ihr wesentlicher 'strategischer' Beitrag das 'Anti-Autoritäre', das Möglichkeiten geschaffen hat, auf eine neue Weise mit 'den Autoritäten', und zwar linken wie rechten, umzugehen - und/aber auch die Möglichkeiten der Autoritäten, auf subtilere Weise Einfluß zu gewinnen und zu stabilisieren, erhöht hat. In dieser Intellektuellenbewegung sind die Qualitäten des Politischen, sind die Bedingungen für einen Diskurs über den Zivilcharakter künftiger Entwicklung verändert, ja verbessert worden.
Man kann es sich gegenwärtig kaum vorstellen, wie sehr gerade in den Seminaren der Geistes- und Sozialwissenschaften das Kopf-an-Kopf-Rennen um Liebe und Anerkennung 'raste', der Kampf um privateste Formen der Selbstbestätigung 'tobte'. Der Hegelsche 'Kampf um Anerkennung bis zum Tod' unter Intellektuellen, vorangetrieben bis zur subjektiven Möglichkeit des 'Ganz-Anders-Seins': das war die APO. Sie hat des Messers Schneide - 'zwischen Anpassung und Widerstand' - für unsere Zeit geschliffen.
In der westdeutschen Nachkriegsentwicklung waren Mitte der 60er Jahre die wichtigsten, nämlich die ökonomischen Probleme gesellschaftlicher Re-Stabilisierung gelöst. Kleinere konjunkturelle Einbrüche deuteten auf verbleibende Aufgaben. Hier versprachen die sozioökonomischen Konzepte des Godesberger Programms, einschließlich eines realistischeren Blicks gen Osten, Abhilfe. Es war eine Zeit, in welcher der Konsens, daß man sich auf dem richtigen Weg befand, in den subtileren Verästelungen der Gesellschaft abgesichert werden mußte. Zumal sich im fernen Vietnam ein großer Fehler des Westens abzeichnete.
So stand für den kollektiven Kopf, für die kollektive Selbstbestätigung schon noch einmal die Reflexion auf den 'gesamten Geschichtsprozeß', stand Gesellschaftstheorie in praktischer Absicht an. Was die Marxologen in den 50er Jahren, unterstützt von der Institutionenlehre Gehlens und Schelskys, noch mit links geschafft hatten - die Erzeugung gesunder System-Unterstützung in skeptischem Gewande -, mußte nunmehr noch einmal tiefer, umfassender geleistet werden - mithilfe des kritischen Marxismus. Also machte sich in vielen Seminar-Zirkeln Kritik auf den Weg: Kritik, welche den Entfremdungserscheinungen in den klügsten Köpfen nachspürte und diesen, und zunächst nur diesen, das schlüssige Instrumentarium zum Verständnis der Zeitkultur und des Unbehagens an ihr zuspielte.
Die blauen Bände der Marx-Engels-Werke, vor allem Band 23 bis 25 ('Das Kapital'), praktischerweise gerade zuvor in gut lesbarer und billiger Form in der DDR ediert, und nicht zuletzt Sigmund Freud (nebst Wilhelm Reich) durften tatsächlich erstmals selbst gelesen und gegen die Interpretatoren interpretiert werden. Eine riskante Übung, aber notwendig, um wirklich sattelfeste antikapitalistische Antikommunisten, bei denen alle Alternativen, alle alternativen Logiken gut aufgehoben sind, zu bekommen. Heute haben wir endlich das antizipierbare Endergebnis: man lese die TAZ.
Trotz aller Vielfalt der Zirkel und trotz zahlloser Entdeckungsreisen in das Land der Ordinarien-Borniertheit (wobei die Ordinarien-Herrschaft für das Herrschafts-System stand) ist die Auseinandersetzung zwischen den 'Marx Brothers' (den Philosophen und Soziologen Adorno, v. Friedeburg, Habermas und Horkheimer) mit ihren eigenen Studenten das zentrale Gründungsereignis der APO geblieben: eine höchst intime, familiäre, mit großer (für Außenstehende komischer) Bitterkeit geführte Auseinandersetzung, die bei Polizeischutz und Straßenschlachten enden mußte, weil dies in der Logik dieses Bildungserlebnisses für die Klugen und Kritischen lag.
Der berühmte Brief des Doktoranden G. Stamer an J.Habermas nach einer Seminarauseinandersetzung im Oktober 1968 legt die Struktur unnachahmlich bloß: "Herr Habermas, ich wähle die Form des Briefes, weil ich nicht in der Lage bin, gegen Sie in der Seminar-Öffentlichkeit Widerstand zu leisten. Ich möchte Ihnen konzedieren, daß mein Papier (eine Seminarkritik, HJK) auf Sie provokativ wirken mußte. Aber die Art, wie ich es abfaßte, war keineswegs provokativ auf Sie zugeschnitten, sondern folgte den Intentionen, die uns in der Umstrukturierung des Seminars leiteten. Die saloppe Darstellung sollte vormachen, daß schriftlich fixierte Beiträge, die sowohl in der Durchführung insgesamt als auch in der terminologischen Präzision unvollkommen sind, durchaus den Zweck erfüllen, erstarrte Kommunikationsformen zu durchbrechen, und eine lebendige, angstfreie Kommunikation herzustellen. - Meinen provokativ klingenden Formulierungen (Habermas sieht nicht, Habermas unterschlägt) lag zugrunde, einen Umgangston zu initiieren, der es zuwege bringt, Sie wie einen von uns anzusprechen. Ich wollte exemplarisch vormachen, daß es möglich ist, Sie ohne Scheu etwas lässig anzupacken, ohne daß es Strafe setzt..."(4)
Der spezifische Weg auf die Straße war in dieser Haltung insofern vorprogrammiert, als wirkliche Macht- und Herrschaftsgefälle auf diese Weise nicht zu überwinden und deshalb nur, auf immer provozierendere Weise, umspielt werden konnten. So war es Erlebnishunger, der auf die Straße trieb, nicht die Not.
Die Außerparlamentarische Opposition ist also, bei aller Heterogenität, in einem Punkte einheitlich: sie ist der 'subjektive Faktor' in der Errichtung der spätkapitalistischen Herrschaft gewesen bzw. geworden. Sie hat das Intimste, sie hat die Beziehungsarbeit, die Trauerarbeit, die Gedankenarbeit, die Gefühlsarbeit in den politischen Prozeß hineingearbeitet und ihm damit einen unwiderstehlichen Grad an Zivilisiertheit verschafft. Davon profitiert heute - obgleich es nichts dafür getan hat - 'das Kapital', nachdem die DDR, in der nichts Vergleichbares erlaubt wurde, nicht zuletzt deshalb übergeben werden mußte.
'Objektivieren' wir die Entwicklung der APO, diesen Inbegriff politischer Subjektivität, so läßt sich aus heutiger Sicht resümieren:
2) Vor allem aber war die APO ein Selbst-Test der Autoritäten, und obwohl wie jedes Selbstexperiment mit einem gewissen Grad der Selbstgefährdung verbunden, war es letztlich ein grandios kontrolliertes Experiment, das viele der APO-Führer in die Parlamente geführt und unter dem Strich nicht eine/einen einzigen Angehörige/n der Funktionseliten unserer Gesellschaft weniger differenziert (und damit weniger funktionabel) als vorher entlassen hat.
3) Die APO war ein Aufspürgerät für Probleme und Konfliktpotentiale und hat zugleich zur Qualifizierung motiviert - bei 'Gegen-Eliten', 'Gegen-Experten' - deren Vorhandensein sich jetzt auszahlt. Kaum ein anderes Land verfügt über so viele gute Experten für Unvorhergesehenes: Es ist schon dramatisch und fast unglaublich, wie hervorragend diese Kader im Augenblick für die Integration der DDR in die BRD eingesetzt werden können.
4) Die APO sorgt, man sollte das nicht gering schätzen, für eine großes Potential 'junger Alter' so ab 2001 ... Wir werden vermutlich das Phänomen haben, daß Anfang des nächsten Jahrtausends innerhalb der intellektuellen Schichten das mentale Alter der Älteren jünger sein wird als das der Jüngeren, die, sagen wir einmal, nach dem deutschen Herbst 1977 geboren wurden, in welchem die APO endgültig heimgeholt worden ist.
5) Und doch: die APO hat in einer wichtigen Entwicklungsphase das utopische Bewußtsein gestärkt und das Wissen darum gefestigt, daß Gesellschaft ohne reale Alternativen in ihrer Mitte nicht lebenswert ist. Die Mehrwertproduktion mußte sich, vermittelt über ihre Subjekte, eine Welt der Mehr-Wertigkeit erzeugen, in welcher die Verneinung der Verhältnisse als Weg gesichert erscheint - auch wenn der Kurs gegenwärtig eher durch die Bergpredigt als durch das Kommunistische Manifest bestimmt wird.
(1) Frankfurt 1983
(2) typisch für solche Positionen ist beispielsweise eine Aussage auf einem Kongreß 'Zukunft der Arbeit' vom Herbst 1982: Da die Mächtigen heute so mächtig seien, daß man an sie nicht herankomme, seien nicht gegen sie gerichtete Strategien, sondern ausschließlich Solidarisierungsstrategien unter den Abhängigen auf die Tagesordnung zu setzen.
(3) vgl. H.J.Krysmanski, Von der Hochschule auf die Straße. Zur Entstehung der Außerparlamentarischen Opposition, in: Unsere Medien, Unsere Republik 4/1990, Adolf-Grimme-Institut
(4) Zoller (Hg.), Aktiver Streik. Dokumentation zu einem Jahr Hochschulpolitik am Beispiel der Universität Frankfurt/Main, Melzer Verlag 1969, 29