11 SOZIOLOGIE UND DIE GRUNDLAGEN DES 'ZIVILEN FRIEDENS'

11.3 Die nächste Krise kommt bestimmt

Für die Selbstverständigung des Faches Soziologie in diesen unruhigen Zeiten hat sich seit längerem, wenngleich nicht unwidersprochen, der Begriff der Krise eingebürgert. Krise gilt dabei als Formel sowohl für das Einwirken von allgemeinen geistigen und Wirtschaftskrisen auf das Fach als auch für fachspezifische 'Entwicklungshemmungen'(Lepsius).(1)

Wie andere Sozialwissenschaften auch erfährt die Soziologie nach einem starken Ausbau der Lehrfunktionen im Tertiären Bildungssystem und nach einer erfolgreichen Diffusion sozialwissenschaftlicher Orientierungen in der Zeitkultur und schließlich auch nach dem Einbau in die staatliche Forschungspolitik in den siebziger Jahren jetzt nicht nur Stagnation, sondern fast schon den Absturz.

Diese krisenhafte Entwicklungshemmung wird innerhalb des Faches in erster Linie als eine 'legitimatorische Krise' wahrgenommen, das heißt als die Unfähigkeit sich zu verkaufen, und sehr viel seltener als 'kognitive Krise', also als Unfähigkeit, die eigene Gegenstandsentwicklung in ihrem gesellschaftlichen Vermittlungszusammenhang zu analysieren.

Zugleich hat die Politisierung der Soziologie, wie vieler anderer sozialwissenschaftlicher Disziplinen, fast unmerklich zugenommen.

Die Soziologie ist sozusagen ein fester Bestandteil der gesellschaftlichen Planungspraxis und eben dadurch 'politisch' geworden. Mehr staatliche Finanzmittel als jemals zuvor kommen der Sozialforschung auf den verschiedensten Gebieten in universitären und außeruniversitären Institutionen zugute. Doch wurde das alles stillschweigend 'mitgenommen', nicht bewußt gemacht, nicht zum Anlaß einer Grundlagendiskussion über die gesellschaftlichen Aufgaben des Faches insgesamt.

Die Abhängigkeit von der Entwicklung bestimmter sozialstaatlicher Sektoren und ihrer Finanzkraft - z.B. Arbeit, Gesundheit, Familie, Jugend, 'Soziales' usw. - und die Notwendigkeit, dem technischen Entwicklungsstand moderner angewandter Forschung angemessene 'Apparate' und Infrastrukturen zu erhalten, führte vielmehr zu einer pragmatischen, stückwerkelnden Ausbreitung von Individualstrategien einzelner Forschergruppen und Spezialistenteams und zur thematischen und politischen Parzellierung nutzungsorientierter Forschung.(2)

Einzig und allein in einer heute sichtbar werdenden dezidierten Hinwendung zum Praxiszusammenhang der Sozialpolitik nimmt die faktische Politisierung der Soziologie bewußtere Formen an.(3)

Mit der deutschen Einigung und mit der europäischen Integration wird sich nun aber gerade auf sozialpolitischem Gebiet ein Trend fortsetzen, der schon die letzten Jahrzehnte kennzeichnet und für den es auf absehbare Zeit keine Alternative gibt:

Doch bedeutet dies noch nicht die Festlegung auf eine bestimmte Ausprägung des Sozialstaats bzw. der Sozialpolitik. Die 'Herausforderungen' im Osten, die zu erwartenden Migrationsbewegungen, Unwägbarkeiten auch in der innerdeutschen Entwicklung können zu massiven Einbrüchen des sozialstaatlichen Netzes führen. Angesichts der politisch instabilen Situation in Ost- und Südosteuropa, ganz zu schweigen von anderen Weltregionen, ist auch noch keineswegs ein entscheidender Abbau der Militärapparate in Sicht.

Krisen, auch friedensbedrohende Krisen, wird es also noch genug geben. Insofern muß die Soziologie wie andere Wissenschaften, die sich in einem friedenswissenschaftlichen Paradigmawechsel befinden, noch immer (und wahrscheinlich noch intensiver) das Milieu der Krisenlösungsstrategien reflektieren, innerhalb dessen sie sich bewegen muß und innerhalb dessen sie sich politisiert.

Diese Krisenbewältigungsstrategien stehen historisch in einem Konkurrenzverhältnis und besitzen folglich unterschiedliche Zukunftschancen. Die wichtigsten drei Varianten - innerhalb derer sich auch, so oder so, 'sozialer' oder 'ziviler' Frieden entfalten wird - sollen hier im folgenden als bereits in den Sozialwissenschaften wirksame Zugriffe auf die Wirklichkeit skizzenhaft dargestellt werden.

(1) Zur allgemeinen Krisendebatte in der Soziologie auf ihrem Höhepunkt in den siebziger Jahren vgl. u.a. Thomas Luckmann, Philosophie, Sozialwissenschaft und Alltagsleben, in: Soziale Welt 24 (1973), 137-168; Alvin W. Gouldner, Die westliche Soziologie in der Krise, Reinbek 1974; H.J.Krysmanski/P.Marwedel (Hg.), Die Krise in der Soziologie, Köln 1975; Ulrich Beck, Folgeprobleme der Modernisierung und die Stellung der Soziologie in der Praxis, in: ders. (Hg.), Soziologie und Praxis, Sonderband 1 der Sozialen Welt; Günter Endruweit, Soziologie und Krise. Vorbemerkungen der neuen 'Soziologie'-Redaktion, in: Soziologie, Heft 1/1982
(2) Vgl. Ulrich Beck, Die Vertreibung aus dem Elfenbeinturm, in: Soziale Welt 31, (1980)
(3) Vgl. Soziologie und Sozialpolitik. Sonderheft 19/1977 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, hg. von Chr.v.Ferber und F.X. Kaufmann, Opladen 1977


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