11 SOZIOLOGIE UND DIE GRUNDLAGEN DES 'ZIVILEN FRIEDENS'

11.2 Ende der Systemauseinandersetzung?

Bis vor kurzem wurde die Befindlichkeit des Weltkonfliktsystems mit den politisch und wissenschaftlich gleichermaßen 'geladenenen' Begriffen der 'Systemauseinandersetzung' bzw. 'Systemkonkurrenz' gekennzeichnet.

Ist mit dem Ende des 'Kalten Krieges' auch die Systemauseinandersetzung verschwunden? Leben wir in der Epoche einer fundamentalen Basiskorrektur aller konfliktuellen Weltstrukturen, welche uns plötzlich vor völlig neue und andere Aufgaben stellt?

In der Friedensforschung wird die Auffassung, daß 'nichts mehr ist wie es war', neuerdings zunehmend geäußert. An dieser Auffassung ist manches plausibel. Vieles spricht dafür, daß wir in einer 'Axialzeit' leben, die mindestens so bedeutsam ist wie die Zeit um 1917/18. Vieles spricht dafür, daß viele weltpolitische Grundstrukturen, die vor siebzig Jahren entstanden, heute ausentwickelt und an ihr Ende gekommen sind. Aber Gesellschaft und Geschichte sind ein so gewaltiger, komplexer Zusammenhang, daß die Vorstellung einer 'tabula rasa' vom Standpunkt der Geschichts- und Sozialwissenschaften unhaltbar ist.

So bezieht sich ja auch der Begriff der Systemauseinandersetzung nicht nur auf den historischen Ost-West-Gegensatz, sondern auf einen sehr viel tiefer liegenden strukturellen Konflikt im modernen kapitalistischen Weltsystem insgesamt. Wie immer in der Geschichte, stehen auch in der gegenwärtigen Weltgesellschaft sehr unterschiedliche Ordnungsprinzipien, 'Logiken', Interessenkonstellationen in Wechselwirkung miteinander. 'Alte' und 'neue', 'feudalistische', 'kapitalistische', 'sozialistische' und (möglicherweise) 'postmoderne' Momente sind nach wie vor im Spiel. Die Komplexität der Prozesse und Problemlagen ist nach dem Ende des Kalten Krieges sogar eher gestiegen.

Für die Soziologie, wie für andere Disziplinen, die sich für den wirtschaftlichen und sozialen Strukturwandel - nicht zuletzt im neuen Europa - interessieren, konzentrieren sich die Probleme noch immer in der Frage nach der Art und Weise der Regulierung der wirtschaftlichen und sozialen Prozesse - im Dreieck von Staat, konzentrierter Kapitalmacht (Monopolen) und organisierter Vertretung von Arbeitnehmerinteressen (Gewerkschaften).

Die Debatte um Markt (Deregulierung) und Plan (staatliche Regulierung) im Wirtschaftsprozeß, aber auch in anderen sozialen, ja kulturellen Bereichen der Gesellschaft ist ein Ausdruck dieser Problemlage - die, das zeigt schon die gegenwärtige Diskussion um den deutschen Einigungsprozeß, weiterhin die Quelle für tiefgreifende inner- und zwischengesellschaftliche Konflikte bleiben wird.

Fredric Jameson(1) umschreibt den aktuellen Diskussionsstand wie folgt:

Die Wirtschafts- und auch die Sozialpolitik setzen heute auf die Förderung der privaten Unternehmertätigkeit, auf 'Selbsthilfe' in allen sozialen Bereichen, auf die spontane Energieentwicklung aus der 'freien' (in Wirklichkeit aber durch enorme Konzentrationsprozesse eingeschränkten) Konkurrenz. Zugleich zeigt gerade der deutsche Einigungsprozess - und darin steckt ein erhebliches Krisenpotential -, daß es gar nicht vorangehen kann ohne verstärkte staatliche Regulierungsanstrengungen bezüglich

In der deutschen Soziologie ist ein Bewußtsein für diese Kontexte, für die K.H.Tjaden schon vor Jahren den Begriff des 'transsystemaren Vergesellschaftungsprozesses' geprägt hat(2) , erstaunlicherweise relativ schwach entwickelt.(3) Es gab zum Beispiel in den letzten zwanzig Jahren keinen Soziologentag, der die Zusammenhänge zwischen östlicher und westlicher Entwicklung thematisiert hätte - mit Ausnahme jenes Soziologentags 1968, auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung, der (vielleicht etwas naiv) die Frage stellte: 'Industriegesellschaft oder Spätkapitalismus?'

Andererseits ist der mit der deutschen Einigung zu einem gewissen Abschluß gebrachte Prozeß des friedlichen Wandels durch Annäherung durchaus unter aktiver Beteiligung der westdeutschen Sozialwissenschaften zuwege gebracht worden. In der Zeit der sozialliberalen Koalition nämlich wurde dieses Konzept des 'friedlichen Wandels' - als eine spezifisch 'sozialdemokratische' Strategievariante in der Systemauseinandersetzung - Anlaß für eine bis dahin nicht gekannte Einbeziehung der Soziologie in staatliche Planungsaktivitäten. Soziologen waren vor allem, wie weiter oben schon angedeutet, federführend an folgenden einschlägigen Programmen beteiligt:

Heute, nach dem Beitritt der DDR, wächst den Sozialwissenschaften und gerade auch der Soziologie eine weitere objektive Planungsaufgabe zu, die mit den wirtschaftlichen und sozialen Transformationen auf dem Gebiet der bisherigen DDR und wohl auch in Osteuropa zu tun hat:

Will man dieses Aufgabenbündel auf den theoretischen Punkt bringen, so läßt sich sagen, daß eine umfassende Theoriegrundlage für die kontinuierliche Abstimmung 'privater' und 'öffentlicher' Belange geschaffen werden muß. Oder etwas philosophischer ausgedrückt: es müssen neue gesellschaftliche Formen für die Entfaltung des Individualismus in einer Zeit irreversibler staatlicher Lenkungs- (und Haushalts-) Funktionen, die das Leben jedes einzelnen umfassend beeinflussen, gefunden werden.

Das Problem der 'Versöhnung' von Individualismus bzw. Individualisierungstendenzen einerseits und staatlicher Regulierungsnotwendigkeit andererseits wird gegenwärtig in den entscheidenden Kreisen, etwa in neokonservativen (aber auch in linken) Netzwerken, als das Problem der gesellschaftlichen Rolle der Intellektuellen diskutiert.

Intellektuelle sind typische Individualisten in oftmals wichtigen strategischen und planerischen Funktionen. Als soziale Gruppe müssen sie den angedeuteten Widerspruch in sich austragen - und ob sie sich nun eher für `Freiheit und Menschenrechte' oder eher für 'Recht und Ordnung' entscheiden, hat weitreichende Folgen.

Jürgen Habermas hat die Haupttendenz dieser Diskussion schon vor geraumer Zeit mit dem Begriff des 'Kulturkampfs' um die Schicht der Experten und Intellektuellen belegt.(5) In diesem 'Kampf um die Köpfe', so weit er von neo-konservativer Seite geführt wird, verbindet sich der Angriff auf eine vermeintliche Herrschaft linker Intellektueller in den beeinflussungsrelevanten Bereichen (Medien) mit dem Zusammenzimmern eines 'neuen' Selbstverständnisses der Intellektuellen, Wissenschaftler usw. in den entscheidungsrelevanten Bereichen (Staatsapparat).(6)

Der ideologische Kampf um die innere Einstellung des intellektuellen Personals, das für die Ausübung von Regierungsmacht ebenso unentbehrlich geworden ist wie für die Darstellung von individueller Freiheit, ist allerdings nur ein Aspekt des allgemeinen Problems der Regulierung moderner industrieller und postindustrieller Gesellschaft.

Systemidentität, auch 'westliche' Systemidentität, die durch die gegenwärtigen Umwälzungen, trotz allen Anscheins und aller zur Schau getragenen Arroganz gegenüber dem 'Osten', in einer tiefen Krise steckt, verlangt die Herstellung eines Konsensus zwischen den 'Eliten' und den 'Massen', vermittelt über die Schicht der wissenschaftlich-technischen Experten (weitgehend im öffentlichen Dienst).

Die 'konservative' Strategie dabei ist klar: einerseits soll der 'neuen Klasse' die Reflexion auf ihre gesellschaftliche Stellung mit der Forderung nach 'Ideologiefreiheit' erschwert werden; andererseits wird von ihr verlangt, allgemeine, theoretisch und sozial verbindliche Normen zu formulieren, die auch unter den neuen Bedingungen und in unerwarteten Krisensituationen eine Artikulation öffentlicher Interessen ermöglichen und das Wechselverhältnis von Ökonomie und Politik regulieren.

Der springende Punkt, auf den dabei alles zuläuft (und gerade die gegenwärtige politische Diskussion in Deutschland bietet das beste Anschauungsmaterial), ist die Rolle des Staates bei der Zuteilung der öffentlichen Finanzen. Hier konzentriert sich, und in Zukunft wahrscheinlich noch mehr, die politisch interessante Kopfarbeit.

Es geht um die Lenkung, die Regulierung von Geldströmen, die ohne den Staat, die ohne ein kompliziertes staatliches Steuerungssystem, die ohne 'Steuern' (im doppelten Sinne) gar nicht mehr denkbar ist. Daniel Bell spricht deshalb in diesem Zusammenhang auch davon, daß in der 'postindustriellen' Gesellschaft nichts mehr laufen wird ohne eine 'Philosophie des öffentlichen Haushalts'.(7) Man kann diese Forderung sogar 'friedenspolitisch' zuspitzen: Ein geordneter öffentlicher Haushalt ist die wichtigste Quelle des sozialen Friedens.

Und in der Tat, was ist für den gegenwärtigen Prozeß des Zusammenwachsens der 'alten' und 'neuen' Bundesländer wichtiger als eine tragfähige ideologisch-politische, ja philosophische Aufschlüsselung des Problems der Kosten der deutschen Einheit?

Dieses zentrale Problem staatlicher und wirtschaftlicher Regulierung in dieser neuen Phase der 'Systemauseinandersetzung', die heute als Auseinandersetzung zwischen der Logik des Kapitals/des Weltmarkts und einer Vielfalt alternativer Logiken des Setzens sozial und ökologisch vertretbarer Prioritäten abläuft, wird für das politische 'Schicksal' der Soziologie in zwei Richtungen interessant:

Die Golf-Krise 1990/91 hat diese Alternative auf des Messers Schneide gebracht. Im transsystemaren Vergesellschaftungsprozeß ist eben nicht nur die Möglichkeit friedlicher Koexistenz unterschiedlicher Systemalternativen und Systemlogiken angelegt, sondern auch die von den Militär-Industrie-Komplexen ausgehende Kurzschlußpolitik, die verbleibenden Systemwidersprüche, zumal sie sich jetzt auf die Nord-Süd-Achse verlagern, 'ein für allemal' - nämlich durch den 'war to end all wars' - beseitigen zu wollen.

(1) F.Jameson, Postmodernism or, The Cultural Logic of Late Capitalism, Durham 1991, 277f
(2) K.H.Tjaden, Naturevolution, Gesellschaftsformation, Weltgeschichte, in: Das Argument 101, 19.Jg., Jan./Feb. 1977, 55
(3) davon zeugt z.B. auch das Ende des zunächst von C.F.von Weizsäcker und dann von J.Habermas geleitete Starnberger 'Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt'
(4) vor allem aus den Jahren 1971 und 1972
(5) J.Habermas, Klangfetzen fügen sich zu einer einzigen Melodie. Die Kulturkritik der Neokonservativen in den USA und in der Bundesrepublik, in: Frankfurter Rundschau, 3.12.1982, 10
(6) Vgl. Daniel Bell, The Winding Passage. Essays and Sociological Journeys 1960-1980, New York 1980
(7) vgl. dazu allgemein Daniel Bell, Die Zukunft der westlichen Welt. Kultur und Technologie im Widerstreit, Frankfurt 1979


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