Es ist in der gegenwärtigen Umbruchsituation für einen Sozialwissenschaftler unmöglich, das Begriffs- und Problemfeld 'Frieden' zu durchmessen, ohne zumindest die prüfende Frage zu stellen, ob mit der Art und Weise der 'Übergabe der Festung DDR' nicht auch ein zivilisatorischer Fortschritt und damit ein wirklicher Schritt in einen friedlicheren allgemeinen gesellschaftlichen Zustand geschehen ist.
Das historisch Einmalige an diesem Vorgang, nach zwei Weltkriegen und unsäglichen Gewaltverbrechen, die von Deutschland ausgingen, hat Wolfgang Fritz Haug zu umschreiben versucht: "Warum die DDR-Ordnung 'wie ein Kartenhaus zusammengebrochen' sei, wird oft gefragt. Ein wichtiger Faktor war die innere Verfaßtheit der Herrschaftsträgerin SED. Zu großen Teilen wollte sie die Revolution gegen die Herrschaft ihrer Führung. Das entsprechende Psychogramm selbst hoher Funktionäre findet sich etwa im Hinze-Kunze-Roman von Volker Braun. - Das eigentlich Erstaunliche und, bei allem Schmerz, langfristig Produktive, ist der Rückzug aus der Gewalt, dem Bürgerkrieg von oben, in die Zivilität. Repression ist eine harte Droge für einen Staat; sich an sie zu gewöhnen, geht wie von selbst; sich zu entwöhnen ist höllisch schwer und stellt...eine große politische Leistung dar...Es ist von größter Bedeutung, daß die Kommandoposten der Staatsmacht, dort wie hier, zivil abgegeben werden konnten...Die Potentiale der demokratischen Revolution in der DDR werden keineswegs mit dieser verschwinden. Der Runde Tisch hat eine eigentümliche zivilgesellschaftliche Kultur des Politischen hervorgebracht. Aus dieser sinnlichen Anschauung haben viele Menschen Vorstellungen einer anderen Politstruktur gewonnen..."(1)
Das Thema Frieden, die Sehnsucht nach Frieden, 'Friedensschlüsse' nicht zuletzt sind Momente eines Zivilisationsprozesses, der seine konkreten historischen Orte und Zeiten hat, der dort, wo er aufzufinden ist, auch festgehalten werden muß. Das Wissen um Frieden ist genau deshalb auch ein Moment der Zivilisierung jeder Einzelwissenschaft und jeden organisierten Forschungs- und Lehrprozesses: denn überall dort, wo über ein so wichtiges Tun wie die wissenschaftliche Tätigkeit reflektiert wird, darf der Gewaltkontext nicht außer Acht gelassen werden, der sich in der Alternative Krieg oder Frieden längst als die Frage, ob das Projekt Wissenschaft insgesamt fortgesetzt werden kann oder nicht, auf die Fragenden konkret, 'existentiell' zurückbezieht. Jedes 'Fach' muß heute also die Bedingungen reflektieren, unter denen es zum Untergang, zu Übergängen oder gar zu Aufbrüchen in eine bessere Welt beiträgt. Auch die Soziologie kann nur so ein Moment des friedenswissenschaftlichen Paradigmenwechsels werden.
(1) Volkszeitung Nr.13, 23.3.1990