Internationale nicht-staatliche Organisationen (Non-Governmental Organisations = NGO's) repräsentieren Interessengruppen, soziale Kräfte und Bewegungen auf globaler Ebene. Sie üben ihren Einfluß im Rahmen der Weltöffentlichkeit aus. Manchmal schaffen sie sich eigene spezielle Öffentlichkeiten, beispielsweise für Experten. Ihre Adressaten sind Regierungen, soziale Bewegungen und nicht zuletzt die Vereinten Nationen.
Viele dieser NGO's besitzen seit langem formellen Beraterstatus bei den Vereinten Nationen; dieser wird, nach bestimmten Regeln, vom UN-Economic and Social Council (ECOSOC) vergeben. Um diese Rolle gibt es unter den NGO's einen gesunden Wettbewerb. Sie werden auf diese Weise auch gezwungen, sozusagen ihren 'weltöffentlich-rechtlichen' Status durch ihre Aktivitäten nachzuweisen und bauen dadurch das Netz internationaler sozialer Beziehungen ständig aus.
Der Rolle solcher NGO's wird immer mehr Aufmerksamkeit gewidmet.(1) Man erwartet allgemein, daß ihre Zahl - vor allem gemessen an den staatlichen Organisationen - noch erheblich steigen und ihre funktionale Bedeutung sich ausweiten wird. Zu diesen Funktionen gehören
Von den über 4000 bestehenden internationalen NGO's(2) haben bislang gewerkschaftliche, religiöse und wirtschaftliche (entwicklungspolitische), aber auch wissenschaftliche Organisationen am meisten von sich reden gemacht. Doch treten auch Organisationen, die den globalen Prozeß der Entspannung, Abrüstung und Zusammenarbeit beeinflussen, in den Vordergrund.
So wächst die Bedeutung von NGO's, welche die 'Blockbildungen' zwischen Ost und West, Nord und Süd zu überwinden trachten.
Dieser NGO-Typus hat einen frühen, berühmten Vorläufer in der Pugwash-Bewegung(3) , einem Zusammenschluß von Naturwissenschaftlern, welche Einfluß auf das nukleare Wettrüsten genommen haben. In jüngster Zeit haben die 'Internationalen Ärzte für die Verhütung eines Atomkriegs' (IPPNW), mit ihren 140 000 Mitgliedern Aufmerksamkeit erregt, nicht zuletzt durch die Zuerkennung des Friedensnobelpreises.
Wenn man sich mit solchen internationalen Organisationen beschäftigt, tauchen viele interessante Fragen und Aspekte auf, die den künftigen Gang der internationalen Friedens- und Entspannungspolitik bestimmen werden:
In einem 'Dritten System', das neben dem 'Ersten System' traditioneller internationaler (und diplomatischer) Beziehungen und auch neben einem 'Zweiten System' wirtschaftlicher und politischer Zusammenarbeit (z.B. UN-System) entsteht, sind blockübergreifende NGO's 'Laboratorien'. In ihnen können grundlegende Unterschiede, Probleme und Problemlösungen unabhängig von den Zwängen des ersten und zweiten Systems ausgehandelt werden. Entsteht in ihnen eine neue Streitkultur? Können in ihnen die Spannungen zwischen nationalen Interessen und internationalen Hoffnungen ausgetragen werden? Was für Persönlichkeiten bilden sich in solchen Organisationen heraus?
Gerade diejenigen, die heute aktiv in Friedensbewegungen sind, die den Gedanken 'global denken, lokal handeln' praktizieren, werden sich verstärkt mit diesem neuen Organisationstyp auseinandersetzen müssen. Blockübergeifende internationale nicht-staatliche Organisationen beginnen ein neues, innovatives Handlungspotential zu erzeugen, das schon jetzt den Charakter der Austragung internationaler Konflikte beeinflußt; und dieser Einfluß wird wachsen.
Beschäftigen wir uns abschließend mit dem Beispiel einer besonders erfolgreichen neuen 'NGO', den 'Internationalen Ärzten für die Verhütung eines Atomkriegs' (International Physicians for the Prevention of Nuclear War - IPPNW):
Zwischen den militärischen und medizinischen Berufen gibt es eine lange und unheilige Allianz. Kriegsvorbereitungen, Kriegsführung und auch das 'Aufräumen' nach Kriegen haben Ärzte und anderes Krankenpersonal immer auf besonders intensive Weise beansprucht. Gleichzeitig gehört es zum ärztlichen Beruf, immer auch auf die 'krankmachenden' gesellschaftlichen Bedingungen aufmerksam zu werden und sich selbst als eine 'sozialtherapeutische' Tätigkeit zu verstehen.
Nichts zeigte deutlicher, wie 'krank' unsere Gesellschaften sind, als die Bereitschaft, Nuklearkriege vorzubereiten und 'führbar' zu machen und damit bewußt Katastrophen in Kauf zu nehmen, in denen alle ärztliche Hilfe sinnlos wird. So sind es gerade die Ärzte gewesen, die mit Fragen des 'Zivil'- bzw. 'Katastrophenschutzes' konfrontiert wurden, die innerhalb der neuen Friedensbewegung nach eigenen Formen des Widerstands suchten.
Ärzte sind es gewohnt, sich auf internationalen Kongressen weiterzubilden und die spezifischen Interaktions- und auch Demokratieformen internationaler Organisationen zu praktizieren. IPPNW hat sich all dieser modernen Kommunikationstechniken denn auch von Anfang an bedient: keine Frage, daß Englisch zur lingua franca wurde; das Zusammenspiel von nationalen Sektionen und internationalen Gremien klappte sofort; mögliche konfliktträchtige Punkte (Heterogenität der Mitgliedschaft, unterschiedliche Konzepte, Nord/Süd- und Ost/West-Probleme) wurden offen angesprochen; sehr viel Wert wurde auf 'internationale Normen' und 'internationales Taktgefühl' gelegt; die enormen nationalen und regionalen Unterschiede konnten über gemeinsame 'professionelle Standards' ausgeglichen werden.
Vor allem aber: es war dieser Organisation von Anfang an klar, daß politische Veränderungen letztlich nur durch die Beeinflussung von Regierungen - auch durch Druck auf sie - möglich sind; also konzentrierte man sich auf sensitive und subtile Formen des 'Lobbyismus' für Frieden und Abrüstung.
Das alles wurde erleichtert dadurch, daß gerade innerhalb der medizinischen Berufe eine lange Tradition der ethischen Diskussion besteht, daß es kodifizierte Verhaltensnormen, angefangen beim Hippokratischen Eid, gibt. Die Verleihung des Friedensnobelpreises 1986 an die Internationalen Ärzte gegen den Atomkrieg bildete mithin einen Fokus für eine Internationalisierung der ärztlichen Ethiknormen, die weiterwirkt und eine wirkliche internationale normative Kraft hat entstehen lassen.
(1) vgl. z.B. W.M.Evan (ed.), Knowledge and Power in a Global Society, Beverly Hills/London/New Delhi 1981
(2) vgl. Union of International Associations (ed.), The Open Society and its Future, Brussels 1983
(3) Rotblat 1972, Pugwash Newsletter, Bulletin of Atomic Scientists
(4) R.Falk, Normative Initiatives and Demilitarization: A Third System Approach, New York 1982