10 DIE MACHBARKEIT DES FRIEDENS

10.3 Aktive Wissenschaftspolitik: Frieden ist machbar...

Staatliche und private Wissenschaftsförderung findet immer eindeutiger nur noch am Maßstab dessen statt, was der Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit 'der Wirtschaft' auf dem Weltmarkt nützt. Dabei werden die Interessen der Gesamtwirtschaft unversehens mit denen der wenigen transnationalen Konzerne des Landes gleichgesetzt. Was, wie und wozu produziert wird, hängt vornehmlich von den Gewinninteressen dieser Konzerne ab; auch die Mittel für Forschung und Entwicklung fließen in diese Richtung.

Fast unmerklich ist auch die Grundlagenforschung von dieser Tendenz erfaßt worden: sie soll einigen wenigen Hochtechnologien wie Nukleartechnologie, Datenverarbeitung, Roboterisieruung, Biotechnologie und Luft- und Raumfahrt zugute kommen, während beispielsweise für ökologische oder soziale Probleme nur geringe Förderungsmittel zur Verfügung stehen. Wenn die Forschung auch an den Universitäten immer stärker ökonomischen (oder sogar 'betriebswirtschaftlichen') Steuerungskriterien unterworfen werden soll, so steht dahinter weniger der Wunsch nach dem vernünftigen Umgang mit knappen Mitteln als vielmehr der Wille zur Umverteilung der wissenschaftlichen Ressourcen zugunsten der mächtigsten Wirtschaftsinteressen.

Vor diesem Hintergrund von Selektion und Konzentration im Interesse 'der Wirtschaft' kommt es auch zu stärker formalisierten Kontakten zwischen Vertretern der Industrie und der Universitäten, so daß manche von der Herausbildung eines akademisch-industriellen Komplexes sprechen.(1)

Immer heftiger wird in diesem Zusammenhang diskutiert, welche Folgen solche Verbindungen zwischen Industrie und Universitäten für die akademische Freiheit haben. So besitzen in den USA schon viele in diesem Forschungszusammenhang tätige Wissenschaftler Aktien der auftraggebenden Firmen. Besonders eklatant ist der Fall des 'Vaters der Wasserstoffbombe' Edward Teller. Er gehörte zu den eifrigsten Beratern Präsident Reagans bei dessen berühmter 'Krieg der Sterne'-Rede vom März 1983; zugleich ist er nomineller Direktor und Besitzer eines Aktienpakets im Werte von rund 800 000 Dollar einer Laser-Firma, die bei diesem Weltaufrüstungsprogramm (SDI) besonders heftig zu profitieren anstand.(2)

Besonders bedrohlich ist, daß diese Art der Ökonomisierung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts zugunsten weniger Hochtechnologien, auf welche einige wenige nationale und transnationale Großkonzerne setzen, in allen westlichen Industrieländern im wesentlichen parallel verläuft und damit schon unter ihnen einen Konkurrenzdruck oder gar Verdrängungswettbewerb erzeugt, der aus der sogenannten 'dritten industriellen Revolution' eine soziale, politische und ökologische Katastrophe machen kann.

Selektive Forschungs-, Technologie- und auch Bildungspolitik dieser Art hat, ob gewollt oder nicht, zur Folge, daß bestimmte Formen der demokratischen, der autonomen, der sozialwissenschaftlich fundierten oder auch nur der traditionell erprobten Wissenschaftsförderung verschwinden und an ihre Stelle die mit Konzernmacht und militärischer Macht verbundenen Regulierungspraktiken einrasten.

Die Militarisierung der Wissenschaften fügt sich also in den Prozeß ihrer Abhängigkeit von 'der' Wirtschaft. Dort, wo Märkte und Rohstoffquellen nicht mehr mit gewaltlosen Mitteln gewonnen oder gehalten werden können, werden internationale Krisenherde angefacht. Der Export von Rüstungsgütern wird nicht nur aus Gründen des Einflusses in solchen Regionen, sondern auch als Profitquelle ein immer wichtigerer Faktor für 'die' Wirtschaft.

Von den allgemeinen Rüstungsanstrengungen - die beispielweise in den USA zu einer gewaltigen Umverteilung des Reichtums geführt haben - geht ein mächtiger Sog auf die Entwicklung der Wissenschaften aus. Schon im Forschungs- und Entwicklungsbudget der US-Regierung für 1984 etwa waren 69% aller Förderungsmittel für die 'Wehrforschung' vorgesehen.

Von den vielen und oft nicht einmal im Ansatz zureichend erfaßten Fragen, die sich im Zusammenhang mit der Militarisierung der Wissenschaft ergeben, ist die aktuell wichtigste wohl die des zunehmenden Zugriffs auf die Grundlagenforschung. Rainer Rilling zitiert einen Unterstaatssekretär des amerikanischen Verteidigungsministeriums, G. Gamota: "Keine einzige wichtige Anstrengung auf dem Gebiet der Grundlagenforschung auf praktisch allen, besonders neuen Gebieten kann von vornherein als potentiell irrelevant für das Verteidigungsministerium angesehen werden...Wir arbeiten sehr hart daran, Ideen aus der Grundlagenforschung auf militärische Bedürfnisse anzuwenden."(3)

Mit den Tendenzen einer ökonomistischen und militaristischen Deformierung der Wissenschaften treten Erscheinungen auf, die jeder, der in unseren Hochschulen arbeitet, beobachten und bestätigen kann, auch wenn ihm die erwähnten Hintergründe als Zusammenhang noch nicht plausibel erscheinen:

Die Universitäten selbst beginnen, sich 'unakademisch', 'protektionistisch' zu verhalten, schreiben amerikanische Beobachter. Da sie Geld brauchen, beginnen sie um Förderungsmittel, gerade auch gegenüber den Konzernen, zu konkurrieren, indem sie die üblichen Wege der akademischen Mitteleinwerbung verlassen und sich über politischen Einfluß möglichst direkt Vorteile zu verschaffen versuchen.

So wird deutlich, daß die von der Friedensbewegung formulierten Fragen an die heutige 'Sicherheitspolitik' auch Bedeutung für das Selbstverständnis der wissenschaftlichen Disziplinen haben. Geschichte und Praxis jeder Wissenschaft sind in einen gesellschaftlichen Bedingungs- und Verwendungszusammenhang eingebettet, über den auch Friedensinteressen und Kriegsinteressen in die fachspezifische Forschung und Lehre transportiert werden.

Zahlreiche Fachvertreter beginnen, nicht nur friedensrelevante Informationen und Analysen aus ihrer eigenen Disziplin einer größeren Öffentlichkeit vorzustellen, sondern zugleich auch die Grundlagen der eigenen Disziplin vor dem Hintergrund der Verantwortung der Wissenschaftler für den Frieden zu reflektieren. Diese durch die Friedensfrage entscheidend vertiefte Reflexion auf den Sinn des eigenen Faches und der eigenen wissenschaftlichen Arbeit scheint der Weg zu sein, auf dem sich langfristig der Beitrag der Wissenschaften zu einer wahrhaften und dauerhaften Friedenssicherung organisieren und zugleich die Verschüttung der aufklärerisch-humanistischen Tradition der Wissenschaften verhindern lassen.

Frank Press, Präsident der amerikanischen 'National Academy of Science' hob seinerzeit schon unter dem Schock der Reaganschen Wissenschaftspolitik, die allein der Festigung bestimmter (militär-) technologischer Spitzenpositionen diente, die Notwendigkeit hervor, daß die Wissenschaftlergemeinschaft sich selbst dezidierter zu der Dynamik äußern müsse, die diese Art von Wissenschaftsförderung bestimmt: "Wissenschaft muß sich über kurzfristige Konkurrenzinteressen erheben und vor allem ihren Charakter als eine verbindende Kraft im globalen Maßstab hervorkehren, die alle Kulturen in einer gemeinsamen Erkenntnisanstrengung um der Verbesserung der conditio humana willen umfaßt. Dieser essentiell friedensschaffende Charakter der Wissenschaft kann nur - jenseits aller Finanzspritzen - durch eine gründliche Überprüfung des institutionellen Milieus der Wissenschaften gewährleistet werden. Vor allem gilt dies für die Sicherung der offenen wissenschaftlichen Kommunikation zwischen allen Nationen."(4)

Schritt um Schritt beginnt tatsächlich, zum Teil noch in den Grenzen der jeweiligen Disziplinen, eine neue Diskussion über den Sinn wissenschaftlicher Tätigkeit und über das Problem wissenschaftlicher Verantwortung. Ein besonders wichtiges und integres Beispiel für diese Entwicklung ist die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse von mehr als 40 Wissenschaftlern aus dem Kern des naturwissenschaftlichen Establishments gewesen, die sich in der Zeitschrift 'Science' zu den globalen atmosphärischen Wirkungen und langfristigen biologischen Konsequenzen eines Atomkriegs geäußert haben. Hier wird nicht erst nach der Katastrophe, wie seinerzeit nach den Bombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki, sondern rechtzeitig und auf eine wissenschaftlich unangreifbare Weise gewarnt.

Die Lage der Wissenschaften, die für den Dienst an den Hochtechnologien und an der Rüstung hochgepäppelt werden, ist in gewisser Weise ebenso prekär wie die derjenigen, die hinaussortiert werden. Längst ist die Möglichkeit einer der Instrumentalisierung durch partikulare Interessen enthobenen wissenschaftlichen Gestaltung der gesellschaftlichen Entwicklung überhaupt in Gefahr. Eine solche Situation hat natürlich Konsequenzen für die möglichen Bündnisse und Kooperationsformen zwischen verschiedenen Wissenschaftler- und Intellektuellengruppen.

Wissenschaftler, die von und in der Friedensbewegung lernen, müssen sich vor allem auch Gelegenheit zu einer gründlichen, systematischen, ruhigen Diskussion und Untersuchung von Problemen verschaffen, welche die Friedensfrage erst konkret und spezifisch werden lassen und zugleich Problemstellungen des Zusammenhangs, der Veränderung, der Zukunftsperspektiven sind.

Dem Sozialwissenschaftler beispielsweise sollten doch folgende Forschungsprobleme auf den Nägeln brennen:

(1) dies gilt vor allem für die USA
(2) International Herald Tribune v. 29.4.1983
(3) Frankfurter Allgemeine Zeitung v.26.1.1984
(4) Science Vol. 220, 566


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