10 DIE MACHBARKEIT DES FRIEDENS

10.1 Die Frage nach den Bedingungen

Frieden läßt sich wollen, durch Friedenswollen können Dinge in Bewegung gesetzt werden. Für den Sozialwissenschaftler aber ist klar, daß auch die Friedensbewegung in ihren verschiedenen Strängen und Abteilungen von dem Geflecht gesellschaftlicher Strukturen, das sie im Sinne der Zivilisierung zu beeinflussen trachtet, selbst 'strukturiert', also gehemmt, aber möglicherweise auch gefördert wird.

'Man muß das Terrain kennen': zumindest diese alte Einsicht der Militärstrategen gilt ohne weiteres auch für alle diejenigen, die Frieden machen, die den Boden für die Verhinderung von Kriegen bereiten wollen. Wer weiß, wie stark seit den Anfängen menschlicher Gesellschaft das gesamte 'Produktionssystem' auch ein Waffenproduktionssystem war, wie sehr der wissenschaftlich-technische Fortschritt durch Destruktionswünsche angetrieben wurde, in welchem Umfang die heutigen Hochtechnologien - man sagt, bis zu 90 Prozent - militärtechnisch 'kontaminiert' sind, der wird sich als Friedensbewegter zunächst einmal mit den industriellen Grundlagen, auf denen unsere Wirtschaft und Gesellschaft ruht, beschäftigen müssen.

Was für das Produktionssystem gilt, betrifft auch das Wissenschaftssystem, nachdem Wissenschaft und Technik im Verlaufe der verschiedenen 'industriellen Revolutionen' (man spricht gegenwärtig von der 'dritten') zur 'Hauptproduktivkraft' geworden ist. Wissenschaft besteht auch im Falle der Waffenentwicklung nicht nur aus geheimen, abgeschirmten Laboratorien, sondern ist auch und vor allem Bildungssystem, findet in Hochschulen und anderen Einrichtungen als ein gesellschaftlich organisierter Erkenntnisprozeß statt. In ihm sind massive wirtschaftliche Interessen und, teils über sie vermittelt, teils direkt, auch Einflüsse aus den 'militärisch-industriellen Komplexen' wirksam. Zu den Bedingungen einer realistischen Friedenspolitik gehört also auch der 'friedenswissenschaftliche' Umbau des gesamten Wissenschaftssystems.

Anders als zu Zeiten des Ersten Weltkriegs und auch weit über das Umfeld des Zweiten Weltkriegs hinaus sind die internationalen Beziehungen heute durch ein Netz internationaler Organisationen, staatlicher wie etwa der NATO oder der Vereinten Nationen, nicht-staatlicher wie etwa kirchlicher, wirtschaftlicher, beruflicher usw. 'Dachorganisationen', strukturiert. Das relativ schnelle Zustandekommen vielfältiger internationaler Zusammenarbeit in der Zeit nach 1945 ist vor allem der Tatsache geschuldet, daß internationale Organisationen auch während des schrecklichen Kriegsgeschehens ihre Kontaktnetze nicht haben reißen lassen. Von daher kommt internationalen Organisationen, in denen 'Weltgesellschaft' ein eigenes Leben führt, eine kaum zu überschätzende Bedeutung beim Friedenmachen zu.

Letztlich aber ist Politik als die Kunst des Machbaren noch immer, und mit vielen Vernunftgründen, vor allem Sache von Regierungen, von Regierungen, durch die im Idealfall der Souverän, die Völker, sich in legitimer Weise artikulieren kann, von Regierungen, bei denen im Idealfall mit voller Legitimation das Gewaltmonopol, das heißt, das Recht des Einsatzes von militärischer Gewalt, ruht. Der Sozialwissenschaftler weiß, daß staatliche Macht, daß Regierungsgewalt nicht in einem luftleeren Raum sittlicher Allgemeinheit schwebt, sondern ihrerseits mit allen ihren Fasern vom Geflecht gesellschaftlicher Kräfte abhängt und im Normalfall vor allem immer noch mit wirtschaftlicher Macht engstens verwoben ist. Auch hier - wenn das alles auch nur angedeutet werden kann - muß das Terrain genau erkundet werden.


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