09 FRIEDENSSTRATEGIEN UND SZENARIEN: ZUR SOZIOLOGIE DER FRIEDENSBEWEGUNG

09.7 Moderne Friedensbewegung: Von der Utopie zum Mitregieren

Die Friedensbewegung seit den 80er Jahren ist durch ihre soziale Unspezifizität gekennzeichnet. Neben den bereits genannten Gruppen sind praktisch alle sozialen Schichten in ihr vertreten(1) . Ihre Forderungen und Ziele entstammen einerseits der pazifistischen Tradition, sie sind andererseits, wegen der Aktionsorientierung dieser Bewegung, auf politische Umsetzbarkeit gerichtet und deshalb letztlich auf die Möglichkeiten des 'Regierungshandelns' zugeschnitten. Diese Verbindung von Friedensutopien und politischem Pragmatismus ist das eigentlich Neue.

Die moderne Friedensbewegung ist eine soziale Bewegung. Soziale Bewegungen sind der wichtigste Aspekt eines seit geraumer Zeit um sich greifenden außerparlamentarischen Demokratisierungsprozesses, der neben und z.T. quer durch die existierende Parteienstruktur neuartige, zentrale, 'alle' Bürger (jenseits spezifischer Interessenlagen) gleichermaßen betreffende Probleme thematisiert und Lösungen exploriert.

Mit anderen Worten: diese Bewegungen reagieren auf von vielen Menschen verspürte 'Problemdrücke' in wichtigen Lebensbereichen; sie treffen auf eine auf die Behandlung dieser Probleme nicht vorbereitete Parteien- und Verbändelandschaft; sie schaffen sich deshalb eigene Organisationsstrukturen beziehungsweise greifen auf Organisationsstrukturen (wie etwa die Kirchen) zurück, die ansonsten nicht am politischen Prozeß beteiligt sind.

Janning nennt folgende Faktoren für die Entwicklung der 'neuen Friedensbewegung', nachdem der Doppelbeschluß der NATO vom 12.12.1979 - über die Einführung von neuen treffgenauen Nuklearraketen in und für Europa ab 1983 bei gleichzeitigem Rüstungssteuerungsangebot an die Sowjetunion - zum 'katalytischen Auslöser' geworden war:

Zur Verhältnis von Friedensbewegung und Friedensforschung ergänzt Janning: "Die Ergebnisse der Friedensforschung in den siebziger Jahren sind zu einer wichtigen Ressource der Friedensbewegung geworden. Wenn sich auch das Verhältnis von Forschung und Bewegung spannungsreich gestaltete, so hat sie doch direkt oder über den Umweg der Friedensbewegung dazu beigetragen, den Informationsstand und das Problembewußtsein der Aktiven zu aktualisieren sowie perspektivische Zielformulierungen in Ansätzen theoretisch zu untermauern".(3)

Die Friedensbewegung, aber auch die Umweltbewegung und die Frauenbewegung haben Wege und Formen gefunden, in das etablierte politische System hineinzuwirken. Der Beginn der Raketenstationierung im 'Raketenherbst' 1983 konnte nicht verhindert werden. Und doch sind die Anliegen der Friedensbewegung teils - aus naheliegenden Gründen - von den Parteien aufgegriffen worden, teils haben sie sich - etwa mit der Partei der Grünen - eine eigene parlamentarische Plattform geschaffen. Vielleicht noch wichtiger: viele Aussagen und Forderungen der letzten Jahre aus den sozialen Bewegungen kommen heute aus dem Munde von Vertreterinnen und Vertretern der Regierung. Das zeugt von 'kommunizierenden Röhren' im politischen System unserer Gesellschaft.

Doch haben soziale Bewegungen und insbesondere die Friedensbewegung noch eine weitere Dimension, die sich nicht ohne weiteres in nationale Demokratisierungsprozesse einfügen läßt: sie machen auf Probleme aufmerksam, die globalen Charakter haben und deren Lösungen auf jeden Fall die Reichweite nationaler und regionaler Anstrengungen übersteigen. Sie sind, um es zuzuspitzen, ein realer Vorgriff auf die Utopie der Weltregierung. Dieser weltgesellschaftliche Bezug der Friedensbewegung soll im folgenden noch etwas beleuchtet werden.

Vor kurzem veröffentlichte der kanadische Friedensforscher Dimitrios I. Roussopoulos ein Buch mit dem Titel 'The Coming of World War Three'(4) , das sich mit Entwicklung und Herausforderungen der modernen Friedensbewegung - vom 'Protest' zum 'Widerstand' - beschäftigt. Für Roussopoulos ist der Gegner der Friedensbewegung

Um gegen diese Macht eine Chance zu haben, müsse die Friedensbewegung letztendlich aber von einer Widerstandsbewegung zu einer Bewegung der grundlegenden sozialen Veränderung werden. Die Friedensbewegung habe also noch längst nicht genug getan.

Für diesen Autor, und er steht für die Grundauffassung vieler auch international aktiver 'Friedenskämpfer', ist die Friedensbewegung ein moralisches, intellektuelles Unterfangen, das unabhängig von den existierenden Herrschaftsapparaten, ja gegen sie, zur materiellen Gewalt werden muß. Seine Hoffnungen auf soziale Veränderungen bindet er an

Für ihn ist 'Militarismus' eine böse Macht, der eher mit Exorzismus als mit politisch-ökonomischer Kritik des 'Militär-Industrie-Komplexes' beizukommen ist.

Manches an dieser Position ist plausibel, wenn man von den 'Stimmungen' in der Friedensbewegung ausgeht:

Die 'Weltfriedensbewegung' wendet sich also nicht an einzelne Gruppen, Schichten und Klassen, sondern an die Massen moralisch, emotional und intellektuell engagierter Individuen 'dort draußen', die einfach genug vom Rüstungswahnsinn haben - ganz gleich, ob sie außerdem noch ein spezifischeres politisches oder soziales Bewußtsein entwickeln oder nicht.

Schließlich muß man zugestehen, daß mit der Beschwörung des Militär-Industrie-Komplexes (vgl. 10.5.1) nicht das Gesamtphänomen des Militarismus und seine Überlebensfähigkeit erfaßt wird. Die kritischen Analysen, welche das Ausmaß des Einflusses des Rüstungsindustrie auf Politik und Ökonomie belegen, beginnen zwar die politischen Eliten zu beeindrucken; aber sie haben nicht viel zur Steigerung der Intensität der Friedensbewegung beigetragen. Die meisten Menschen lassen sich wahrscheinlich eher von der Vorstellung bewegen, der Militarismus sei schlichtweg eine 'böse Macht'. Das 'Böse' an ihm läßt sich allemal auch wissenschaftlich nachweisen. Aber erst das mythische Konzept ermöglicht einen schnellen globalen Konsens darüber, wer der 'Feind' des Friedens ist.

Roussopoulos verdeutlicht außerdem, daß die Friedensbewegung tatsächlich eine weltweite, in praktisch alle Länder 'übergesprungene' Bewegung ist, die überall ähnliche Merkmale vor allem auf der Ebene der politischen Emotionalität aufweist.

Es lohnt sich, die Situation in verschiedenen Ländern und Regionen der Welt zu vergleichen. Erst durch eine genaue Analyse der Friedensbewegungen in den USA, Kanada, Großbritannien, in der Bundesrepublik, aber auch in Neuseeland, Australien, Japan, in Afrika, Lateinamerika, ja auf Grönland, läßt sich ein vollständiges und korrektes Bild der Kräfte und Kräfteverhältnisse gewinnen. Ein Bild des Aktionspotentials in allen wesentlichen Ländern und Regionen, gemeinsam und öffentlich entwickelt - und die Ansätze dazu mehren sich in der gegenwärtigen, vergleichsweise ruhigen und reflexiven Phase -, ist selbstverständlich die Grundlage für den Anspruch auf 'globales Gegen-Regieren'.

Zum Mitregieren und Gegen-Regieren der 'Massen von Individuen', die sich in allen Weltregionen moralisch, emotional und intellektuell für den Frieden engagiert haben, gehören letztlich aber doch internationale Organisationskerne. Man sollte in diesem Horizont weder die Rolle des Zusammenschlusses der blockfreien Nationen noch die Thematisierung einer neuen Weltwirtschafts- und Weltinformationsordnung innerhalb des 'Systems der Vereinten Nationen' unterschätzen. Mit der Friedens- aber auch mit der Umweltbewegung rückt die Frage nach den Akteuren einer neuartigen 'Weltinnenpolitik' in den Mittelpunkt.

(1) Wasmuth 1987; Janning/Legrand/Zander 1987
(2) "Akzeptanz- und Pflichtwerte (wie Fleiß, Gehorsam, Unterordnung, Pflichtbewußtsein und Ordnung) verlieren an Bedeutung, während die Bedeutung von Werten wie Selbstverwirklichung, Autonomie, Teilhabe, Kreativität und menschliche Zuwendung wächst. Die innere Bindung an Großorganisationen und die Identifikation mit Institutionen und Autoritäten nimmt ab. Überschaubares wird bevorzugt." Aus einem internen Papier des Zentrums für Innere Führung der Bundeswehr, zit. in: Frankfurter Rundschau v. 17.7.1989
(3) Janning in: Janning/Legrand/Zander 1987, 38
(4) (Der Dritte Weltkrieg kommt), Montreal/Buffalo 1986


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